Josef Gredler

08  Blut des Jupiters

 

    Diese Überschrift ist nicht die Ankündigung blutrünstiger Zeilen, sondern der Name einer Rebsorte, die wie keine andere in der Toskana zu Hause ist: Sangiovese, italienisch „sangue di Giove”, auf Deutsch „Blut des Jupiters”. Als Wildrebe ist sie vermutlich schon zu Zeiten der Etrusker an Baumstämmen des antiken Tuszien emporgewachsen. Die Heimat des Sangiovese waren und sind der Boden und die Sonne der Toskana. Umgekehrt ist für die Toskana der Sangiovese „ihre” Rebsorte, ihr „eigen Fleisch und Blut”. Sangiovese gehört zur Toskana wie die sanften Hügel, die stimmungsvollen Altstädte, die verstreuten Gehöfte, die Kirchen und Dome, die Castelli und die vielen Kunstschätze und historischen Stätten. Die Toskana ist das Reich des Sangiovese. Aber es gibt nicht nur den einen Sangiovese, sondern an die hundert verschiedene Klone davon, die unterschiedliche Weine ergeben. Die Weinbauern haben dem Sangiovese, der unzählige Hügel und Hänge der Toskana bedeckt, deshalb auch viele verschiedene Namen gegeben. Zwar wird Sangiovese auch außerhalb der Toskana angebaut, aber nirgendwo entstehen aus den Trauben dieser Rebe Weine von solcher Qualität.

    Auf meiner Fahrt mit dem Fahrrad auf einer kurvenreichen Straße durch die hügeligen Weinberge zwischen Greve und Radda sind links und rechts von mir Zigtausende Sangiovesereben in Reih und Glied angeordnet, schon ihr Anblick ist mir ein Erlebnis. Wenn ich die Arme weit genug ausstrecke, können meine Hände die Blätter der Reben berühren. Mit Erlaubnis des Weinbauern, der sich gerade an seinen Rebstöcken zu schaffen macht, bleibe ich stehen, um zwischen zwei langen Rebzeilen hindurch zu spazieren, die Weinstöcke aus nächster Nähe anzuschauen, die festen, zerfurchten Stämme, die sorgsam aufgebundenen Fruchtruten mit den  großen, bereits ausgedünnten Blättern und die noch harten, kleinen Trauben, die noch grün an den Reben hängen. Am Boden liegen die vertrockneten abgeschnittenen Blätter und noch grüne Trauben, die der Winzer mit Absicht herausgeschnitten hat. In zwei Monaten wird die Zeit der Lese sein. Bis dahin werden noch weitere Trauben herausgeschnitten, um die Qualität der verbleibenden noch zu erhöhen.

    Sangiovese ist eine anspruchsvolle Rebsorte, lässt sich beim Reifen mehr Zeit als viele andere Reben. Nur wenn das Wetter und der Standort, wo sie wächst, ihren Erwartungen entsprechen, ist sie bereit, dem Wein ein intensives Rot in Rubin, Kirsch oder Granat, eine angenehme Säure und ausgeprägte Tannine zu verleihen, die dann durch geduldige und richtige Lagerung in großen oder kleinen Holzfässern noch gezähmt werden müssen. Sie mag es nicht, wenn zu viele Trauben am Stock verbleiben, und ist dann sehr zurückhaltend mit den Aromen aus Brombeeren, Blaubeeren, Preiselbeeren und Johannisbeeren, Rosmarin und Wacholder, Veilchen und Iris. Wenn ihre Erwartungen erfüllt werden, dann kann der Wein aus ihren Trauben sein vielfältiges Bouquet entfalten. Wenn es ihr lange Zeit zu  kühl ist, dann ist ihre Verstimmung größer als die vieler anderer Rebsorten. Aber wenn Boden, Sonne, Lage und Pflege sie zufrieden stellen, dann dankt sie das mit Trauben, die im Holzfass zu großen Weinen heranreifen können. Bei aller Heimatverbundenheit ist sie auch bereit, sich mit anderen Rebsorten, zum Beispiel den aus Bordeaux stammenden Merlot und Cabernet Sauvignon oder der aus dem Rhonetal stammenden Syrah zu ganz außergewöhnlichen Cuvées zu vereinen oder solchen „fremden” Rebsorten zu gestatten, ihren Duft und Geschmack noch zu unterstützen. Sie kennt keinen Chauvinismus, begehrt keine Sortenreinheit, zeigt kosmopolitischen Charakter. Nach ausreichender Reifezeit in Holzfässern und einer der Ruhe und weiteren Verfeinerung dienenden Lagerung im Weinkeller werden diese Weine in die ganze Welt verkauft. Für viele ist der Wein ein Grund, dass sie schließlich selber hierher kommen, um das Land kennenzulernen, wo dieser Wein wächst und vinifiziert wird. Wohin immer dieser Wein auch exportiert wird und welche fernsten Winkel er erreicht,  nirgendwo schmeckt ein Glas Sangiovese besser als dort, woher er kommt. Er begleitet gerne und vorzüglich die Gerichte der toskanischen Küche, aber er kann auch ohne diese, so ganz allein, seine Genießer beeindrucken. Er verrät dabei gerne etwas von der Seele der Toskana und ihren Menschen, sei als Chianti Classico, als Brunello di Montalcino, als Vino Nobile die Montepulciano oder vereint mit einer internationalen Rebsorte als „Supertoskaner“. Ein gutes Glas Sangiovese ist wie Poesie, wie eine berührende Melodie oder in machen Fällen sogar wie eine Sinfonie, deren vielfältige Noten aus Farbe, Duft und Geschmack Menschen in bewundernde Freude versetzen. Die Bereitung der besten Weine hat tatsächlich etwas mit Kunst zu tun, sie werden nicht einfach gemacht, sie werden komponiert. Der Önologe oder Kellermeister schreibt in das Notenblatt, das ihm die Natur überlässt, die Partitur des Weines. Aber auch in einfacheren Qualitäten, ja sogar als ganz unkomplizierter, ehrlicher “vino della casa” kann Sangiovese Trinkvergnügen und Freude bereiten.

    Am Abend an einem stimmungsvollen toskanischen Plätzchen eine Flasche gereiften Sangiovese entkorken, den Dekanter befüllen und damit dann später die Gläser gegen das Licht halten und die Farbnoten aus verschiedenen Granat-, Kirsch-  und Rubintönen bewundern, die Nase über das Glas halten, daran schnuppern, das Glas dann schwenken, um die verschiedenen Duftnoten zu intensivieren, schließlich das Glas zum Mund führen, um mit einem ersten  Mund füllenden Schluck fast andächtig Zunge und Gaumen zu umspülen, die verschiedenen Geschmacksnoten festzustellen, den Wein dann endlich sich im wahrsten Sinn des Wortes einverleiben, den Geschmack noch im leeren Mund nachwirken lassen, ist einfach schön und tut der Seele gut. Eine Flasche Sangiovese, am besten gemeinsam, so zu zelebrieren, mit den Bildern und Erinnerungen des Tages verbinden, ist ein besonderes toskanisches Erlebnis.

    Kein anderes von Menschen im Zusammenwirken mit der Natur erzeugte Getränk ist so tief mit der Kultur der Menschen verbunden, Teil ihrer Kultur geworden, in Kult und Religion eingedrungen wie der Wein. Seit Jahrtausenden wird, wenn große Feste gefeiert werden, Wein getrunken. Das lässt sich nicht bloß aus der Vergärung des Traubensaftes und dem daraus entstehenden Alkohol erklären. Da muss noch etwas anderes sein, das den Wein so mit Fest, Feier, Kult und Ritual in Verbindung gebracht hat. Wein ist nicht bloß ein alkoholisches Vergärungsprodukt. Am Ende des Urlaubs werde ich auch einige Kartone dieses Sangiovese, in Flaschen gefüllte Toskana, in das Auto laden, um während des Jahres immer wieder ein wenig Toskana in unsere vier Wände zu holen und bei toskanischen Erinnerungen eine gute Stunde zu einer noch besseren zu machen.

 

© Josef Gredler