Josef Gredler

07  Auf Augenhöhe mit der Kuppel von Brunelleschi

 

    Es ist noch früh am frühen Morgen und ich sitze vor einem der teuren Straßencafes auf der Piazza di San Giovanni der innersten Stadt oder des „centro storico“, wie es die Wegweiser betiteln, genieße das, was die Italiener einfach „un caffè“ nennen, esse dazu, ebenfalls nach italienischer Gepflogenheit, ein „cornetto con la marmellata“ und beobachte mit neugieriger Aufmerksamkeit das beginnende Treiben der erwachenden Stadt. Das Baptisterium steht wie ein übermächtiger Oktaeder vor mir und verdeckt mir völlig die Sicht zum Dom,  nur die Krone des Campanile, des Glockenturms überragt die Taufkapelle. Beim Überqueren der Straße kann ich mir eine fast träumerische Unachtsamkeit erlauben, weil das Zentrum für den Straßenverkehr ja gesperrt ist, nur die Zulieferer haben in den frühen Morgenstunden Zufahrt hierher.

    Bei allem Respekt vor den vielen großen architektonischen Schöpfungen in dieser Stadt, hier muss der Ort sein, den man als Herz, das Inwendigste von Florenz bezeichnen darf.  Man spürt es. Bei allem Staunen, das dieser Ort entlockt, fühle ich mich fast ein wenig eingeengt zwischen dem mächtigen Dom und dem achteckigen Baptisterium, dem ältesten noch erhaltenen Gebäude der Stadt, mit seinen berühmten Portalen. Der Dom Santa Maria del Fiore sollte eine Kathedrale werden, an Größe und Schönheit nicht mehr zu überbieten. Aus Geldmangel ist daraus „nur“ die drittgrößte Kirche Italiens oder die viertgrößte Europas geworden. Aus einiger Entfernung bleibe ich auf der Piazza del Duomo für ein paar Minuten – oder sind es mehr? –  stehen und nehme mein heutiges Ziel ins Visier – den Campanile oder Glockenturm an der Südwestecke des Domes. Über achtzig Meter hoch, schlank, freistehend, im Grundriss ein Quadrat, mit weißem, grünem und rosafarbenem/rötlichem Marmor kunstvoll verkleidet, im Stil italienischer Gotik nach oben strebend, ohne abschließende Fiale fast unvollendet wirkend. Nach diesem staunenden Innehalten nähere ich mich die Piazza del Duomo querend dem Campanile, vorbei an den Warteschlangen vor dem Dom, die sich bereits zu bilden beginnen und Einlass begehren. Aber ich möchte die Gelegenheit nützen, den Campanile zuallererst und noch vor den vielen Besuchern zu besteigen, die sich zuerst vor dem Dom oder dem Baptisterium anstellen.

    Tatsächlich, es ist noch niemand da, ich kann, ohne warten zu müssen, durch die Eingangstür an der Ostseite des Glockenturms eintreten und am Schalter für zehn Euro eine Besucherkarte, ein „biglietto“, lösen. Viel oder nicht viel? Das ist ganz relativ. Ich würde auch mehr dafür geben, weil ich mir den Anblick und den Ausblick von da oben nicht entgehen lassen will. Ich schiebe die Eintrittskarte  in den Zählautomat und das Drehkreuz öffnet sich für meinen Aufstieg. Die ersten Stufen, noch in der „bigletteria“,  sind mit rotem Teppich belegt. Wer jedoch meint, dass mit Teppich ausgelegte Treppen bis ganz nach oben führen, wird bald eines besseren belehrt.  Nach der ersten Wende habe ich nur noch die bloßen steinernen Stufen unter meinen Füßen und die Mauern des Turmes zu beiden Seiten. Der steil nach oben führende Treppengang lässt alles Überflüssige hinter sich. Die Stufen und die Wände links und rechts werden zu dem, was sie unbedingt tun müssen: die Besucher sicher nach oben führen. Bald habe ich aufgehört, die Stufen zu zählen, zu sehr werde ich durch neugierige Blicke aus den engen Maueröffnungen abgelenkt. Aber ich weiß es und es ist auch am Eingangsschild zu lesen, es sind genau 414 Stufen bis ganz oben. Inzwischen habe ich die erste Plattform erreicht. Steinerne Bänke ringsum laden zur Rast ein. Noch mehr verlocken die hohen Biforen, nach allen vier Himmelrichtungen über Florenz zu schauen. Ich habe die Höhe des Baptisteriums schon knapp überschritten. Die in vierseitiger Wendel nach oben führenden Treppengänge werden jetzt etwas enger und die Öffnungen nach außen gleichen nur mehr schmalen Schlitzen. Durch diese sehe ich, wie Florenz unter mir immer kleiner wird.

    Vor fast achthundert Jahren, im Trecento, genau im Jahre 1334, hat Giotto di Bondone, der große Maler und Baumeister, diesen Glockenturm entworfen und alsbald mit  dem Bau begonnen. Der Tod, der ihn wenige Jahre später, 1337 ereilte, hinderte ihn daran, dieses große Werk fertig zu stellen. Erst zweiundzwanzig Jahre nach seinem Tod, 1359 wurde dieser Campanile vollendet. Inzwischen habe ich die zweite Ebene erreicht und koste den weiten Ausblick durch die hohen dreibögigen Fenster über die Stadt aus. Florenz wird immer kleiner und der Horizont weiter.  Auf der dritten Ebene erinnern die Glocken, eine am Boden stehend und die andere an einem Gerüst hängend und noch bereit zum Läuten, dass man ja den Turm einer Kirche besteigt. Noch ein paar enge Stiegen, dann bin ich mit immer schneller werdendem Atem ganz oben angekommen und kann durch eine Öffnung im Osten oder Westen die Aussichtsterrasse, die „terrazza panoramica“  betreten, ein Rundgang um alle vier Seiten des Turmes. Ich bin vom Ausblick hier heroben zuerst einfach nur überwältigt und schaue voll Staunen, ohne wirklich etwas zu sehen. Achtzig Meter über der Stadt.

    Mein staunender Blick richtet sich gleich gebannt nach Osten, unwiderstehlich angezogen von der imposanten Kuppel von Brunelleschi. Zum Angreifen nahe stehe ich ihr jetzt auf Augenhöhe gegenüber, Giottos Campanile noch um sechs Meter überragend,  und fünfundvierzig Meter im Durchmesser, die größte Kuppel ihrer Zeit, die architektonischen Möglichkeiten der damaligen Zeit übersteigend. Das Schauen wird zum tiefen Erleben. Giotto und Brunelleschi, die beiden großen Meister stehen einander hoch über den Dächern von Florenz gleichsam von Angesicht zu Angesicht gegenüber, Jahrhunderte überbrückend. Größer noch als die räumliche Dimension dieser Kuppel ist ihre architektonische Seele und ihre Bedeutung für die Geschichte der Baukunst. Viele Baumeister scheiterten, resignierten damals vor der schier unlösbaren Aufgabe, wagten sich nicht an die Konstruktion des unmöglich Scheinenden. Filippo Brunelleschi, ein Baumeister und Bildhauer, glaubte schließlich einen Weg gefunden zu haben, diese mächtige Kuppel in einer selbst tragenden Konstruktion zu errichten. Eine ausgeklügelte, raffinierte und geniale Bauweise ermöglichte dieses Wunderwerk mittelalterlicher Baukunst. Unmögliches war gelungen im Laufe von sechzehn Jahren des Quattrocento, 1420 – 1436. Von Giottos Campanile geht also der Blick gleichsam zu Brunelleschis Kuppel, dem Wahrzeichen der Stadt, rot weithin sichtbar und von weither der erste Anblick dieser Stadt, deren Insignum sie geworden ist, alles überragend und das Stadtbild beherrschend.  

    Schließlich lassen meine Augen doch los von der Kuppel und schauen hinunter auf die klein gewordene Stadt. Überwältigend dieser Blick in die Tiefe unter mir, auf die unzähligen ganz unterschiedlichen kleinen und großen roten Dächer mit ihren Ziegeln, Dachfenstern, Terrassen, Sonnenschirmen, Blumen und Sträuchern, die sich zu einer Dächerlandschaft vereinen, die von den Straßen wiederum in einzelne Kommunen zerteilt wird, für die man eine eigene Kartographie anfertigen müsste. Darunter reichen berühmte Baudenkmäler, sakrale und profane, einander die Hand. Florenz, erhaben und stolz, liegt den Besuchern hier oben fast unterwürfig zu Füßen. Der Lärm des Verkehrs dringt nicht bis hier oben. Das Treiben auf den Straßen und Plätzen ist zum Stummfilm geworden. Im Zeitalter der Rekorde, höher weiter, schneller, sind die achtzig Meter über der Stadt nicht viel. Aber man darf nicht das Maßband nehmen, um das Erlebnis und den Eindruck von hier oben zu bewerten. Das große Florenz unter mir, groß nicht in seiner Ausdehnung, groß in seiner Geschichte, seiner Bedeutung, seiner Ausstrahlung. Die Grenzen der Stadt sind von hier oben durchaus auszumachen. Man kann sie gut zu Fuß besichtigen, in alle vier Himmelsrichtungen erkunden. 380.000 Menschen sind nicht viel im Vergleich zu den Megametropolen dieser Welt.  Und dennoch ist Florenz eine Weltstadt. Auch nicht wegen der acht Millionen Besucher, die jedes Jahr in diese Stadt strömen und gleichzeitig fast zur Gefahr für sie werden, weil sie diese Massen kaum mehr aufzunehmen vermag. Im Licht der Vormittagssonne verbindet der Arno wie ein silbernes Band Fiorentina, die „Blühende“, und trennt sie gleichzeitig in Nord und Süd. Man würde ihm die schreckliche Überschwemmung des Jahres 1966 nicht zutrauen, als er mit zerstörerischer Kraft sich über die Stadt ergoss. So friedlich, als könnte er keiner Fliege was zuleide tun, durchquert er fast träge die Stadt, in der die Kunst der Antike wieder geboren wurde. Keine Stadt außer ihr darf sich Wiege der Renaissance nennen. Auf ihrem Höhepunkt war sie der Nabel der Kunst schaffenden Welt, bedeutendste Kulturmetropole. Große und größte Namen verbindet man mit ihr. Giotto, Michelangelo, Brunelleschi, Ghiberti, Botticelli, Vasari, Pisano, Donatello, Masaccio, Ghirlandaio, Talenti, Dante, Petrarca, Machiavelli… haben hier gelebt und gewirkt. Da unten ist ihre Welt, da unten haben sie ihre Spuren unvergesslich in der Geschichte der Stadt hinterlassen. Ein paar Mal umrunde ich die Aussichtsterrasse, die mit Gittern rundum und überkopf abgesichert ist, und kann mich kaum satt sehen. In der herbstlichen Luftströmung sind auch die Grenzen meines Ausblicks, der Rand dieser Bilder, die tief in mich eindringen, deutlich zu erkennen: im Norden der bewaldete Rücken des Apennin, im Uhrzeigersinn schließen sich der Mugello und die Alpe di San Benedetto an, im Süden die Hügel und die sehr zahmen Berge des Chianti, der langgestreckte Monte Albano begrenzt mein Gesichtsfeld im Westen.

    Ganz erfüllt mit vielen Eindrücken komme ich nach mehr als zwei Stunden wieder unten an. Sogleich nimmt mich die Piazza del Duomo wieder auf und ich gehöre wieder zu den Unzähligen in den Straßen dieser Stadt. Irgendwo finde ich einen Platz, dass ich mich niedersetze und mich nochmals dem Eindruck des Erlebten überlasse. Dankbar wird mir bewusst, Stunden wie die da oben sind ein Geschenk. Noch einmal muss ich hinaufschauen, nach oben, dann tauche ich wieder ein in die Zahl der Vielen, die sich durch die Straßen von Florenz bewegen.

 

© Josef Gredler