Josef Gredler

05  Hannibal in der Toskana

 

    Sein Namensvetter war einst ein großer karthagischer Feldherr, der die Römer das Fürchten lehrte. Nicht all zu weit von hier, am Trasimenersee, kam es zur großen Schlacht zwischen ihm und Rom. Hannibal, der zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrtausends in der Toskana lebt, hundert Kilometer nördlich vom Trasimenersee auf einem herrlichen Flecken Erde zwischen Florenz und Siena  residiert, ist für die Nachfahren der Römer keine Gefahr, obwohl er nicht zwei, sondern sogar vier Beine hat. Er befehligt kein großes Heer, sondern nur meine Frau und mich, wenn wir wie jedes Jahr für ein paar Wochen dort, wo Hannibal das Sagen hat, Erholung für Körper und Seele suchen. Wahrscheinlich hat schon sein Namensvetter, der große Feldherr der Karthager, von den Alpen kommend, mit seinen Soldaten und Elefanten diesen Flecken durchquert, um dann nicht weit von hier sich der römischen Heeresmacht entgegenzustellen, fest entschlossen, dieses stiefelförmige Land zu erobern und zu beherrschen. Dieser Hannibal ist in seinen Eroberungsplänen viel bescheidener und menschlicher, er, der ja schon ein tolles Reich hat, südlich von Florenz, begnügt sich, uns zu erobern. Seinen Hofstaat hat er ja schon längst für sich gewonnen. Dieser vierbeinige Hannibal hat ein kohlrabenschwarzes Fell, seine Hinterbeine stecken in „weißen Stiefeln“, auf seinen Vorderpfoten trägt er „weiße Handschuhe“. Er ist von schlanker Statur und schönem Wuchs, eine wirklich stattliche Erscheinung und von unersättlichem Appetit. Wer jetzt an eine große schwarze Dogge oder einen mächtigen schwarzen Schäferhund denkt, der irrt. Hannibal, dieser Hannibal, ist – ein Kater.

    Spätestens zwei, drei Stunden, nachdem wir in seinem toskanischen Ansitz Quartier bezogen haben, kommt er, nein, er erscheint, tut seine Anwesenheit kund und seine Großzügigkeit, unser geräumiges Appartement mit ihm teilen zu dürfen, denn für die Zeit unseres Aufenthaltes betrachtet er unser Appartement auch als das seine. Zum Einstand vertilgt er gleich eine große Portion „prosciutto cotto“, gekochten Schinken, den wir vor unserer Ankunft in einem nahen Supermarkt für ihn besorgt haben, denn wir wollen seine Erwartungen ja nicht enttäuschen. Diesem Antrittsbesuch folgt nun für die Dauer unseres Aufenthaltes sein regelmäßiges Erscheinen, damit wir willkommene Abwechslung in seinen toskanischen Alltag bringen, der aber in Anbetracht seines behüteten Zuhauses, auch ohne unser Zutun nur rosig zu nennen ist. Sollte das Futter in den eigens für ihn bereit gestellten Schüsselchen einmal nicht seinen gustiösen Erwartungen gerecht werden, kann man seine Körpersprache auch ohne besondere Kenntnisse aus tierischer Verhaltensforschung als Zurückweisung des Angebotenen erkennen. Der Ton, den er dann folgen lässt, drückt zuerst die Enttäuschung aus, ihr folgt aber gleich ein doppeltes oder dreifaches Miau, das in seiner Intonation seine unmissverständliche Erwartung ausdrückt, dass irgendwo doch etwas anderes für ihn bereit sein muss. Er weiß selbstverständlich, dass hinter dieser geheimnisvollen Tür des Kühlschrankes Köstlichkeiten aufbewahrt sind, die zwar nicht für ihn bestimmt sind, die er aber keinesfalls verschmähen würde. Er ist ja nicht irgendein Kater, nein, er ist Hannibal. Wie auch immer, schlussendlich bekommt er dann doch, weshalb er gekommen ist.

    Wenn er dann nach wiederholtem Nachschlag wirklich satt ist, geht er entweder „wortlos“ seines Weges oder er sucht sich ein ihm passendes Plätzchen, um das reichlich zu sich Genommene auch gut und ungestört zu verdauen. Eine komfortable Couch ist ihm dafür durchaus gut genug, am liebsten, wenn ein paar Kleidungsstücke oder trockene Badetücher dort abgelegt sind und der Vorhang zugezogen ist, damit es sich besser schläft. Ein paar Schmeicheleinheiten sind ihm jetzt, eingerollt oder lang ausgestreckt, höchst willkommen. Das macht er durch ein Schnurren von unmissverständlicher Zustimmung deutlich, man könnte es – so wie wir – als Ausdruck seiner besonderen tierischen Zuneigung verstehen. Und er ist wirklich ein liebevoller Kater, der seine Zuwendung ganz offen zeigt. Wenn wir dann das Appartement verlassen, um die Toskana zu erkunden, ist das kein Problem für ihn. Er braucht uns jetzt – nach Sättigung und Schmeicheleinheiten – nicht mehr, nur seine Ruhe. Wir dürfen allerdings nicht vergessen, das Fenster offen zu lassen, denn den Zeitpunkt des Kommens und Gehens bestimmt er natürlich selber, er ganz allein, auch in der Nacht. Damit er unsere Nachtruhe nicht stören muss – er würde es ohne Skrupel tun, daran besteht kein Zweifel – haben wir vorsorglich, aber auch zu unserem Selbstschutz, die für ihn bereit gestellten Schüsselchen gefüllt. Und wenn es einmal anders ist und seine Weckversuche nicht zum Ziel führen, dann legt er sich auf die Couch neben unserem Bett und wartet, bis jemand auf die Toilette geht oder aus einem anderen Grund seine Nachtruhe unterbricht. Wir sind uns sicher, Hannibal ist mit uns ganz und gar zufrieden. Er ist sich absolut sicher, ob nächtens oder tags, ein willkommener Mitbewohner zu sein. Wir haben wohl alle recht, er und wir. Ist doch schön, wenn alle einer Meinung sind und sich so gut verstehen.

    Irgendwann kommt aber doch auch für uns der Tag, an dem unser toskanisches Intermezzo zu Ende geht. Wir lassen ihm die übrig gebliebenen Leckerbissen in den sorgfältig verschlossenen Briefchen gerne zurück und fragen uns auf der Heimfahrt, wie er wohl reagiert, wenn er in ein paar Stunden merkt, dass andere Gäste ins Appartement eingezogen sind. Ob wir die einzigen Gäste sind, die ihn so Feldherr sein lassen, wie schon sein Name sagt? Wir fahren wieder über den Apennin Richtung Alpen, wo Hannibal, der Feldherr Karthagos, einst hergekommen ist, um das römische Imperium zu überlisten.

 

© Josef Gredler