Josef Gredler

04  Es muss nicht immer ein Hügel sein

 

    Wenn man an die Toskana denkt, ihre anziehende Schönheit vor Augen, stellt man sich meist eine Landschaft vor mit vielen Hügeln. Die Ansichtskarten sind voll von diesen Bildern. Meist steht auf dem Hügel noch einsam ein typisch toskanisches Landhaus aus Natursteinen, zu dem ein von Zypressen gesäumter Weg führt, die wie dunkelgrüne Lanzen in den blauen Himmel stechen. Aber wo Hügel sind, muss es auch Senken und Mulden geben, sonst wäre alles wieder eine langweilige Ebene. In einer solchen sanften Mulde verbringe ich mit meiner Frau jedes Jahr ein paar Wochen, die sich tief in meine Seele eingraben und mir immer wieder Erholung und Verwandlung schenken. In einer solchen Mulde sitze ich gerade, während ich diese Zeilen schreibe. Wenn ich in den Swimmingpool steige, damit sein Wasser mir erfrischende Abkühlung in der toskanischen Hitze schenkt, und mich beschaulich übermütig in alle Himmelsrichtungen drehe, dann sehe ich nur Wald, nichts als Wald. Ich bin ganz von Wald umgeben, eingeschlossen, aber dennoch ganz frei. Der Horizont ist eine ununterbrochene grüne Linie aus Wipfeln von Eichen und Kastanienbäumen, zwischen die sich immer wieder auch ein paar Pinien drängen. Das üppig satte Grün des Waldes und das ungetrübte Blau des Himmels über mir, aus dem auch die wenigen weißen Wolken von gestern verschwunden sind, werden nur von einigen bunten Farbklecksen der Sonnenschirme am Pool ergänzt, die dastehen, um die Sonne daran zu hindern, die Haut verbrennend zu röten.

    Vor einigen Tagen hätten noch die Blüten der Rosen wie kleine gelbe, lilafarbene und rote Punkte dem beherrschenden Grün getrotzt. Eine ist noch übrig geblieben und kann das Verwelken hinauszögern. Am Ende eines dornigen Strauches, der sich über die Terrassenmauer zu mir herauf rankt, zeigt sie mir ihre Schönheit, um an ihre Artgenossinnen zu erinnern, die vor ein paar Tagen, dem Lauf der Natur folgend, verblüht sind. Die Stille dieses Waldes umschließt mich wie ein großer Überwurf der Natur und schenkt mir tiefe inwendige Ruhe. Die alte Kirche, die sich am Hügel knapp unter dem Horizont zwischen den Bäumen versteckt hält, ihr Turm ist aus der Ferne kaum von den Baumwipfeln zu unterscheiden, verrät im Stundentakt ihr Versteck, wenn ihr Glockenschlag aufmerksamen Ohren ihre Anwesenheit kundtut, die sich erst später den suchenden Augen zeigt. Lautlos überholt mich eine smaragdfarbene Eidechse, die ich erschreckt habe, als ich über die steinerne Treppe zu meinen vier Wänden emporsteige Das rastlose Zirpen der Grillen und Zikaden, das am Morgen beginnt, wenn die nächtens abgekühlte Luft sich zu erwärmen anfängt, und die sich bis zur einbrechenden Dunkelheit durch nichts und niemand dabei stören lassen, tut dieser Stille keinen Abbruch, schon gar nicht das aufgeregt heitere Zwitschern der Schwalben, die Nahrung suchend in übermütigem Fluge den Himmel über mir zerpflügen. Einige von diesen Schwalbenpaaren haben ihr Nest unter dem schmalen, aber doch schützenden Vordach unserer Wohnung gebaut. Ein ständiges Hin- und Herfliegen, vom Nest in die blauen Lüfte und von diesen wieder zurück zum Nest, gehört zu dieser Ruhe, die ich so liebe, die aber keine sterile Lautlosigkeit ist. Manchmal, wenn ich den Eindruck habe, dass ich zu viel unvermeidbaren Lärm erzeuge, der durch das offene Fenster den beschaulichen Frieden der Schwalben in ihren Nestern vor dem Fenster stören könnte, schließe ich dieses.

    Der durchdringende Aufschrei eines Vogels aus dem nahen Wald unterbricht nur kurz diese Stille. Die Wildschweine, die sich irgendwo im Wald versteckt halten, geben tagsüber keinen Ton von sich. Am frühen Morgen, wenn der Tag heraufdämmert, kann man manchmal ihr unheimliches, kreischendes Grunzen durch das offene Fenster hören – wilde Laute, es sind eben Wildschweine. Sie suchen einen Weg in die mit Reben bestockten Hänge, die zwischen unserem Appartement und den bewaldeten Hängen Sangiovesetrauben heranreifen lassen. Die Rebstöcke stehen ganz im Gegensatz zur Wildnis des üppig wuchernden Waldes in Reih und Glied geordnet da, bilden wie mit dem Lineal vorgezeichnete Rebzeilen. Kein noch so heftiger Windsturm kann diese Ordnung zerstören, zu tief hat jeder Rebstock seine Wurzeln in die Erde gegraben, um auch bei Trockenheit und Hitze die Weintrauben am Leben zu erhalten und reifen zu lassen und die Menschen mit dem vergorenen Saft ihrer Früchte zu erfreuen. Wein, das älteste von Menschenhand im Zusammenwirken mit der Natur erzeugte Getränk, ist nicht bloß durch Vergärung von Zucker entstandener Alkohol, sondern ein durch Erde und menschliche Arbeit geadeltes Getränk. Wenn wir am Abend auf der Terrasse ein Glas von dem Wein trinken, der von diesen Reben stammt, die uns da umgeben, dann schmecke und spüre ich auch die Erde und das Werk der Hände, und der Wein bekommt einen den Tag vollendenden Geschmack.

    Wenn dann dieser Tag der einbrechenden Dunkelheit weichen muss, kann man die Lichter der Häuser sehen, die spärlich über die nach oben strebenden Hänge außerhalb menschlicher Rufweite verstreut sind. Wir würden den Liebreiz dieser Mulde gegen keinen Hügel der Welt tauschen, und wäre die Aussicht von da oben noch so beeindruckend weit und tief. Eine Mulde zwischen Florenz und Siena. Der ewige Streit zwischen diesen beiden ist heute noch wie ein feiner Windhauch spürbar, wenn man die Stille dieses Ortes für einige Stunden verlässt, um den Menschen in Florenz und Siena zu begegnen. Florenz, Wiege der Renaissance und schöpferische Heimat großer Meister der Malerei, der Baukunst und der Dichtung, und Siena, das durch den Palio zweimal im Jahr die Glorie seiner Vergangenheit auferstehen lässt, strahlen mit ihrer großen Geschichte hinein in diesen gesegneten Talkessel im klassischen Chianti. Santa Maria del Fiore, die mit Bruneleschis Kuppel ganz Florenz überragt, ist fast genau zwanzig Kilometer entfernt. Der muschelförmige Campo von Siena mit der alles überragenden Torre del Mangia ist kaum eine halbe Autostunde weiter weg. Man spürt hier die Anziehungskraft beider Städte. Toskana, es muss nicht immer ein Hügel sein.

 

© Josef Gredler