Josef Gredler

43  Hinauf nach Fiesole

 

   Der Blick vom Campanile des Domes Santa Maria del Fiore in Florenz, auf den ich schon in aller Früh, noch ehe sich vor dem Dom lange Menschenschlangen bilden konnten, über 414 Stufen hinaufgestiegen bin, bleibt mir einer der nachhaltigsten toskanischen Eindrücke. Wenn man von dort ganz oben an einem schönen, klaren Tag nach Norden schaut, sieht man in der Ferne unscheinbar das Städtchen Fiesole – hingebettet zwischen zwei Hügeln am Fuße des abfallenden Apennins. Man sieht oder man kann sehen, wenn auch das innere Auge aufmerksam genug danach sucht. Den Eiligen bleibt eine solche Ausschau verborgen.

   Florentiner haben sich gerne in das nahe Fiesole über der Stadt zurückgezogen, einstmals um dem ungesunden Klima des versumpften Arnotales zu entfliehen, später um der drückenden Hitze und dem Lärm ihrer Stadt zu entkommen. Fiesole war schon besiedelt, als unten im Tal das heutige Florenz noch eine unwirtliche Sumpflandschaft war. Wegen der romfeindlichen Einstellung seiner Bewohner machten römische Truppen „Faesolae“ 90 v. Chr. dem Erdboden gleich. Danach wurde diese widerspenstige Siedlung zwischen zwei Hügeln über dem Arno dem römischen Reich einverleibt und wieder aufgebaut, um es in imperialem Glanz neu und heller erstrahlen zu lassen. Dreihundert Jahre später, als die Allmacht Roms schon zum Sinkflug angesetzt hatte, wurde Fiesole von den vordringenden Galliern eingenommen. Als Anfang des zwölften Jahrhunderts Florenz zu großer Macht aufgestiegen war, musste sich Fiesole dessen Machtstreben ergeben.

   Später wurde Fiesole vielen Florentinern wohltuende Sommerfrische, denn hier oben über dem Arnotal war und ist das Klima doch angenehmer. Betuchte Bürger der Stadt unten haben sich dort oben ihre beschauliche Sommerresidenz errichtet. Heute noch fahren Bewohner der Arnostadt an Wochenenden gerne die zypressengesäumten Serpentinen herauf nach Fiesole, das einen ganz besonderen Liebreiz und unwiderstehlichen Charme hat. Auch große Dichter und Maler kamen hierher, um den Zauber von Fiesole zu erleben. Hermann Hesse konnte nicht loslassen von dieser Etruskergründung und besuchte während seines Aufenthaltes in Florenz die Höhe über der Stadt an die zwölf Mal, an schönen Tagen zu Fuß und an Regentagen mit der Trambahn. In seinem Büchlein „Bilder aus der Toskana“, erschienen 2010 im Insel Verlag, beschreibt er, inwendig spürbar bewegt, seine Eindrücke von Fiesole.

   Dieses Büchlein habe ich in der Tasche, wenn ich heute an einem schönen Septembertag mit meiner Frau nach Fiesole hinaufwandere. Bestimmt gibt es auf dem Weg hinauf immer wieder schattige Gelegenheiten, Hesses Impressionen nachzulesen und vielleicht auch nachzuerleben. Hesse ist damals die steile Via Fiesolana Vecchia hinaufgegangen. Wir wählen hundert Jahre später den Weg von Maiano hinauf durch die Wälder. Lärm und Trubel von Florenz hinter uns, ist die romanische Chiesa di San Martino, einst Benediktinermönchen heiliger Ort für Gottesdienst und Chorgebet, unser Ausgangspunkt… Über einen Schotterweg vorbei an zwei Steinbrüchen biegen wir in einen steilen Waldweg ein. Immer wieder wird der Blick frei hinunter ins Tal des Arno.

   Nach einer Stunde erreichen wir die Piazzale Leonardo am Monte Ceceri, wo Leonardo da Vinci seinen ersten Flugversuch wagte, eigentlich war es das Wagnis seines Gehilfen, der dabei Kopf und Kragen riskierte und nach fast tausend Metern in ein Feld stürzte und sich dabei mehrere Knochenbrüche zuzog. Da nehmen meine Frau und ich weniger Risiko und setzen uns auf eine Bank, um uns vom doch einigermaßen anstrengenden Aufstieg zu erholen. Wir sind muttergottseelenallein, alles ist ruhig, lautlos auch unsere Phantasie. Eine ganz besondere halbe Stunde, ehe wir unseren Weg fortsetzen, jetzt bequem und immer wieder abfallend, und bei einer kleinen Kirche auf der kleinen Piazza Alvaro Ferri schließlich Fiesole erreichen. Fiesole ist nicht Fiesole, zu Fuß erreicht, scheinen die Eindrücke noch tiefer zu sein.

   Natürlich zeigt sich Fiesole heute nicht mehr in der Beschaulichkeit, die es damals hatte, als Hermann Hesse es an die Dutzendmal aufsuchte, als könnte er nicht genug bekommen vom verführerischen Zauber dieses kleinen Fleckens Erde über dem Arnotal. Heute herrscht reges Treiben auf der Piazza Mino da Fiesole. Man kommt besser mit dem Bus der Linie 7, der heute statt der Tram die Leute nach oben bringt, von San Marco über die Via Giuseppe Mantellini bzw. die Via Fra Giovanni Angelico hier herauf, statt mit dem Auto heroben lange und an manchen Sommertagen auch vergeblich nach einem Parkplatz zu suchen. Wenn aber Zeit und Füße es erlauben, dann wandert man am besten durch den Wald hier herauf. Man kann auf dieser Straße mit ein wenig Mühe auch gut mit dem Rad herauffahren. Und wenn man dann von oben immer wieder hinunterschaut auf die Wiege der Renaissance, dann muss man auch um Geschichte und Vergangenheit dieser Stadt und seiner Menschen wissen, sonst schaut man nicht wirklich und tief genug. Wem aber dieser Blick gegeben ist, der wird immer wieder in ein seltsames Staunen versetzt, das sich nicht erklären lässt, sondern nur teilen. An der zentralen Piazza Mino angekommen, wie auch immer, kann man sich an schönen Tagen an einem der Tische vor den Straßencafés niederlassen und…

   Nach einer kurzen Regeneration der etwas müden Glieder kehren wir in den Duomo di San Remolo ein, um in der heilsamen Stille die Ruhe zu finden, die „von oben“ kommt. Der Dom von Fiesole zählt trotz oder vielleicht wegen seiner schlichten Bauweise zu den schönsten romanischen Kirchen der Toskana. Der dazugehörige Glockenturm ist ungewöhnlich schlank, fast elegant. Über die steile, mit großen rechteckigen Steinplatten ausgelegte Via San Francesco gelangen wir zum gleichnamigen Konvent. Vom Platz davor genießen wir einen der eindrucksvollsten Blicke auf Florenz. Solches Schauen lässt mich immer ganz still werden. Im ganzen Klosterareal kann man den Geist dieses so liebenswerten und großen Heiligen aus Assisi spüren. Mehr von ihm, wir hätten allergrößten Bedarf, würden die Welt verändern. In der zum Kloster gehörenden Bottega Solidale kaufen wir Honig, den Bienen aus Kastanien-, Orangen, Akazien- und Eukalyptusblüten gesammelt haben und der dann in schmucke kleine Gläser gefüllt worden ist.

   Durch den schattigen, bewaldeten Garten gelangen wir wieder hinunter zur zentralen Piazza, die am gegenüberliegenden südöstlichen Ende vom Palazzo Pretorio mit seinem anmutigen Portikus und der darüber liegenden Loggia und von der kleinen Chiesa Santa Maria Primerana begrenzt wird. Man könnte sie leicht übersehen, weil sie sich so gar nicht ins Blickfeld drängt. Die Ursprünge dieser Kirche gehen zurück auf ein sehr frühes Oratorium. Die Loggia des Rathauspalastes ist frei zugänglich, sodass wir von dort einen herrlichen Überblick über den Hauptplatz haben, in dessen Mitte zu Pferd und in Bronze gegossen Vittorio Emanuele II, der erste König des geeinten Italiens, und Giuseppe Garibaldi, der kämpferische Anführer der Einigungsbewegung, stehen. Nach Garibaldi und Vittorio Emanuele II benannte Straßen, Plätze und Monumente sind unzählig über ganz Italien verstreut.

   Wir gehen dann nochmals die steile Via San Francesco hinauf, um auf der aussichtsreichen kleinen Terrasse im Ristorante La Reggia etwas verspätet zu Mittag zu essen. Einen „pranzo“ nennt es der Kellner, der in seiner Heiterkeit mit der Sonne um die Wette strahlt. Wir genießen köstliche „antpasti“ und eine ganz feine „pasta“, dazu ein ebenso gutes Glas Chianti Classico. Neben uns nehmen zwei Damen aus Hamburg Platz. Der Kellner entlockt ihnen mit seinem bruchstückhaften, ganz italienischen klingenden Englisch in humorvoller Freundlichkeit und mit gestikulierenden Händen erfolgreich ihre Wünsche. Auf der anderen Seite setzt sich ein sehr sportlicher Herr mit seiner vollschlanken Gattin zu Tisch. Er spricht Englisch und Italienisch, beides ganz fließend. Im Laufe des Gespräches erfahren wir, dass er ein ausgewanderter Calabrese und um die halbe Welt geflogen ist, um seiner Frau aus Neuseeland die Toskana zu zeigen. Beim Hinausgehen gibt der Kellner mit einem freundlich-herzlichen Lächeln jedem von uns die Hand.

   Die Area Archeologica betreten wir anderntags schon um neun, als die „biglietteria“ gerade erst öffnet. Die Eidechsen auf dem historischen Gelände haben nicht so zeitig am Vormittag mit Besuchern gerechnet und verschwinden, von uns überrascht, eilig in den Ritzen der steinernen Stufen. Ein schöner Tag im beginnenden September macht uns den neugierigen Rundgang noch angenehmer. Man kann sich dem verzaubernden Charme von Fiesole nicht wirklich öffnen, wenn man nicht auch zurück in dessen Geschichte schaut. Das römische Amphitheater aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert darf über zweitausend Jahre später wieder seine ursprüngliche Bestimmung erfüllen, wenn es für die Estate Fiesolana über zweitausend Menschen Platz bietet. Ich nehme auf einer steinernen Sitzreihe im Halbrund Platz, schließe für ein paar Minuten die Augen und lasse Szenen einer griechischen Tragödie an mir vorbeiziehen. Die Zuschauer auf den Rängen lassen ihrer Begeisterung oder Enttäuschung freien Lauf, jubelnd und grölend, wie es damals in einem Amphitheater selbstverständlich war. Dann fällt mir auf, dass niemand da ist außer meiner Frau und mir.

   Der Trubel in Fiesole beschränkt sich mehr auf die große Piazza, verliert sich aber zusehends, je mehr man an seine Peripherie gelangt. So ist es gar nicht verwunderlich, dass wir allein sind auf unserm Rundgang über die Aussichtsstraße, die sogenannte Via Panoramica, um uns immer wieder staunend dem eindrucksvollen freien Blick zwischen Bäumen und über Mauern hinunter auf die Dächer von Florenz hinzugeben. Bei solchen Rundgängen vergessen wir leicht die Zeit, aber davon haben wir wie immer bei derlei Zeitreisen genügend mitgenommen. Es ist schon später Nachmittag, als wir unseren Rundgang beenden und Wolken ihre feuchte Last in einem leichten Nieselregen über Fiesole entladen.

   Wenn Touristen eine Stadt besuchen, machen sie sich oft eilig über ein paar zentrale Sehenswürdigkeiten her, um nachher mit gefüllter Kamera wieder von dannen zu ziehen zur nächsten Stadt, ohne zu wissen, wo sie wirklich waren. Es ist hier kaum anders. Immer wieder fährt der Sightseerbus hinauf nach Fiesole, das offene Deck vollbeladen mit eiligen Touristen und nach einer oder zwei Stunden wieder hinunter. Sie haben Fiesole gesehen, glauben sie. Noch einmal zieht es uns fast magisch hinauf nach Fiesole, aber diesmal besuchen wir vorher am Fuß der Anhöhe die Kirche des Dominikanerklosters San Domenico. Der breite Portikus, der ganz an die Straße heranreicht, bestimmt die Ansicht dieser Klosterkirche. Die Anzahl der Besucher wird wohl sehr bescheiden sein, weil alle vorbeirasen, viele nicht einmal sehen, dass da überhaupt eine Kirche steht, die es wert wäre anzuhalten. Es gibt auch kaum eine Möglichkeit, das Auto hier irgendwo abzustellen. Man muss zu Fuß unterwegs sein, um in diese Kirche einkehren zu können. Dabei hat hier Fra Angelico, ein malender Mönch, ein überaus interessantes und sehenswertes Tafelbild geschaffen, das Maria mit dem Jesuskind zeigt, flankiert von vier großen Heiligen des Dominikanerordens. Vom Friedhof wird zwischen zwei mächtigen Zypressen der Blick frei auf die villenbesetzten Abhänge von Fiesole.

   Unweit von hier erreichen wir abwärts über die schmale Via dei Roccettini die mittelalterliche Badia Fiesolana. Kein Geringerer als der große Filippo Brunelleschi hat diese Kirche und das Kloster geplant. Die romanische Fassade erinnert mich an die Chiesa San Miniato al Monte, drüben jenseits des Arno über der Piazzale Michelangelo. Die Sonnenstrahlen des frühen Vormittags tauchen den Kreuzgang in eine transzendente Atmosphäre. Heute ist der größte Teil des Baukomplexes an das Istituto Universitario Europeo vermietet. Wo keine oder zu wenig Patres und Fratres sind, muss die Kirche immer öfter sakrale Stätten an profane, weltliche Institutionen verkaufen oder vermieten. Wenn man dann wie Hermann Hesse vor über hundert Jahren von hier über die steile Via Vecchia hinaufgeht nach Fiesole, wird man oben zuerst einmal eine ausgiebige Verschnaufpause nötig haben. So sitzen wir im schattigen Garten des Restaurants Aurora und genießen nochmals den Blick auf die Stadt, die Kuppel von Brunelleschi genau in der Bildmitte.

 

© Josef Gredler