Josef Gredler

41  Atemholen der Seele im Parco Naturale della Maremma

 

   Man verfluchte ihn einst, diesen Küstenstreifen der südlichen Toskana, zwischen dem Golf von Follonica im Norden und der Halbinsel des Monte Argentario im Süden, unterbrochen nur von der Hügelkette der Monti dell‘Uccellina. Weil die Flussläufe der Bruna, des Ombrone und der Albegna mehr Wasser aus dem höher gelegenen Hinterland in diese flache Küstenlandschaft führten, als ins Meer abfließen konnte, versumpfte diese und wurde ein unwirtlicher und lebensfeindlicher Flecken Erde. Schon die Etrusker versuchten diese Sümpfe trocken zu legen, aber dann bekam die Gewalt der Natur wieder die Oberhand und blühende Siedlungen und Städte gingen wieder zugrunde. Die Malaria raffte Menschen dahin, die hierbleiben wollten oder mussten. Zwanzig Jahre war die durchschnittliche Lebenserwartung dieser Maremmaner, der Bewohner dieser Sumpflandschaft. Mit vierzig war man schon ein Greis. Selbst Dante weiß in seiner Divina Commedia von diesem Fluch, der über diesem Küstenstreifen lag. Es war tatsächlich ein verfluchtes Land, eine „terra maledetta“. Erst im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert gelang es, die Sümpfe der Maremma trockenzulegen und die Malaria auszurotten.

   Heute strömen die Menschen hierher, um Erholung zu suchen, den Wein und die Küche der Maremma zu genießen, sich an der Schönheit ihrer Landschaft zu erfreuen… auch wir, wenn wir den „Parco Naturale della Maremma“ aufsuchen, jenen geschützten, bewaldeten, von der Hügelkette der Monti dell’Uccellina durchzogenen, fast hundert Quadratkilometer großen Küstenstreifen zwischen Alberese und Talamone. Dieser bleibt vielen, vor allem jenen Toskanaurlaubern unbekannt, die an irgendeiner Küste bloß zwischen Sonnenschirm und den sanften Wellen des Meeres sich hin- und herbewegen. Die Bekanntschaft mit diesem „parco naturale“ ist nur jenen gegönnt, die etwas geduldig und bewegungsfreudig zugleich sind. Man kann nicht hineinspringen wie ins kühle Nass der anbrausenden Wellen. Wie gerne würden meine Frau und ich jene, in deren Kopf ruhelose Gedanken einander jagen, sodass sie nicht mehr zur Ruhe kommen und nicht mehr frei werden, zu einer Wanderung für Körper und Seele in dieses geschützte Gebiet entführen. Wir würden uns mit ihnen vor dem „centro visite“ in Alberese treffen, um für zehn Euro pro Person die „biglietti“ zu kaufen, die wir für den Bus und den Einlass in den „parco“ benötigen. Die Kleidung muss natürlich bequem, dem Wetter angepasst und die Schuhe sollten leicht, aber gut besohlt sein. Dann beginnt schon eine kleine erholsame Vorübung. Wir lassen alle unsere Autos auf dem Parkplatz in Alberese zurück und warten vor der Kirche auf den blauen Bus, der – weder neu noch geputzt – uns zum Ausgangspunkt unserer heilsamen Wanderung bringen soll. Wir müssen uns also alle erst einmal etwas gedulden und an der Haltestelle warten, was viele von uns ja völlig und längst verlernt haben. Die Ruhe des Busfahrers könnte uns Vorbild sein, wir sollten uns anstecken lassen von seiner Gelassenheit. Nach wenigen Minuten Fahrzeit bleibt er stehen und bedeutet uns auszusteigen. Unseren fragenden Blick beantwortet er mit einer Handbewegung, die uns den Eingang bzw. Beginn unserer heutigen Rundwanderung zeigt.

Sanfte Stille empfängt uns und, als hätte die Natur uns einen Teppich ausgerollt, wandern wir zügigen Schrittes, aber ohne Eile auf dem sanften Waldboden im Schatten von Pinien. Als wollte er unsere Knie schonen, dämpft der Boden jeden Schritt. Heute geht es nicht um Fitness oder ein Herzkreislauftraining, heute geht es nur um ein Atemholen unserer geplagten Seele. Es ist Mitte April, die beste Zeit für unsere Wanderung durch diesen geschützten Naturpark. Die Luft ist frisch und angenehm kühl, die Sonne scheint, ohne zu brennen, kein störender Wind, kräftiges, sattes Grün bedeckt die Waldlichtungen. Wer auf die Natur zu hören beginnt, wird von selber schweigsam, das unnütze Geschwätz verstummt. Die Augen sind hellwach und aufmerksam für das Schöne zu beiden Seiten – Bäume, Sträucher, Gräser, Blüten, Blumen. Schon die ersten Schritte tun gut. Wir sind muttergottseelenallein, nichts und niemand stört uns, vollkommene Stille, in der die Seele leicht wird. Nur ab und zu durchbricht der Schrei eines Vogels die völlige Ruhe. Es ist nicht der Aufschrei in äußerster Bedrängnis, der Schrei gilt den Artgenossen. Nicht botanisches oder zoologisches Interesse hat uns hierhergeführt, obwohl auch dieses ganz auf seine Rechnung käme – Geduld, viel Geduld vorausgesetzt. Wir haben keine Liste bei uns mit den Namen der Tiere und Pflanzen, die wir sehen möchten. Soll es kommen, wie es kommt. Wir wollen hier die innere Unruhe loswerden, versuchen sie abzustreifen. Wäre dieses geschützte Gebiet nicht abgesperrt und verschlossen für Eindringlinge, geschützt vor missbräuchlichem Zugriff, könnte er nicht diese Ruhe ausstrahlen, die wir jetzt spüren. Es tut so gut, einfach zu schweigen, nichts zu denken, sondern nur die Stille, die befreiende Ruhe und Schönheit des Augenblicks anzunehmen. Wir fragen gar nicht mehr, wohin der Weg uns führt. Der Weg ist selbst schon das Ziel geworden. Immer wieder spenden die ausladenden Kronen der Pinien wohltuend Schatten, manchmal schließen sie sich über uns, dann geben sie den Blick nach oben wieder frei und lassen die Strahlen der Sonne direkt auf den Waldboden fallen. In diesem Wechselspiel von Sonne und Schatten erreichen wir nach einer Stunde – wir mussten ja immer wieder staunend innehalten – Ponte Tartarughe, in dessen Lichtung uns Wegweiser zwei Möglichkeiten anzeigen, das Meer zu erreichen.

   Wir entscheiden uns für den Pfad am Bewässerungsgraben entlang, um die Spiaggia Collelungo zu erreichen. Hier haben nicht menschliche Künstler Hand angelegt, um Großes zu schaffen, sondern das Große hier wurde von der Natur geschaffen, weil der Mensch sie nicht daran gehindert und nicht dabei gestört hat. Meine Frau und ich erkennen darin Spuren eines Schöpfergottes. Wir Menschen sind es, die seine Abdrücke immer wieder verwischen oder zerstören. Die Sonne steigt höher, ihre wärmende Kraft nimmt zu, aber sie breitet noch nicht ihre drückende Hitze über den Wald, wie sie es in zwei Monaten tun wird. Dieses Paradies, in das wir eintreten durften, braucht schützende Hände. Der Weg verwöhnt uns noch immer, bleibt frei von allen Unbilden und mühsamen Hindernissen, er muss nur immer wieder um diesen und jenen Baum ausweichen, führt uns immer wieder ganz nahe an das Wasser heran, das ruhig im grünen Schweigen uns begleitet. Immer wieder ragen zu unserem Erstaunen drüben, auf der anderen Seite des Kanals, mächtige Gesteinsformationen, richtige Felswände auf, stumm und geheimnisvoll. Der Wassergraben durchzieht den Park wie eine lange Aorta, ohne ihn würde das Leben zu seinen beiden Seiten absterben. Wir haben es nicht eilig, es ist ein Unterwegssein voll Poesie und Innerlichkeit, Eile würde sie zerstören. Wir wollen uns hier verlieren dürfen, alles Eilige, Unruhe Stiftende abstreifen. Als wäre der Kanal eine lange Notenzeile, deren Töne uns begleiten und mit den verschiedenen Düften der Sträucher und Büsche, die unseren Weg säumen, zu einer Melodie verschmelzen, die jetzt nur wir hören. Immer wieder lasse ich Rosmarinzweige durch meine Finger gleiten, um ihren unverwechselbaren Duft einzuatmen. Wir können nur einen Bruchteil der Schönheit wahrnehmen, aber der genügt. Immer wieder werden die Windungen des Pfades durch Abschnitte unterbrochen, die uns erlauben ganz gleichmäßig im Rhythmus zu gehen, Herz und Schritte im Einklang, verträumt und hellwach zugleich. Und immer wieder versagen die Worte, um zu beschreiben, was uns auf diesem Weg geschenkt ist. Aus dem Buschwerk ragt plötzlich mächtig eine einzelne Pinie in den Himmel, erlaubt nicht einmal der Sonne, die jetzt genau über ihr steht, ihre ausladende Krone zu durchbrechen. Hinter der Uferböschung der anderen Seite öffnen sich immer wieder Wiesenebenen. Jetzt wird der Kanal breiter, gleicht einem Fluss, der keine Richtung mehr sucht. Ich erschrecke in der Stille fast, als plötzlich ein Reiher aus dem Wasser zum Flug ansetzt und mit weitem Flügelschlag meinem Blickfeld entschwindet.

   Auf der gegenüberliegenden Anhöhe erhebt sich noch in der Ferne die Ruine der Torre Castel Marino. Ich suche immer wieder nach Worten für das, was ich sehe, höre, spüre –  wie ein Pinsel im Malkasten die passenden Farben sucht. Die einstmals verfluchte Maremma zeigt sich hier in paradiesischer Schönheit. Ich muss die Linse meiner Augen etwas mehr krümmen, um auch all das Kleine, Unscheinbare, fast Unsichtbare zu sehen, das vor mein Auge tritt wie diese Eidechse, die plötzlich vor mir steht und nicht damit gerechnet hat, einer Menschenseele zu begegnen, und nun ganz erschrocken sich in tarnende Starre versetzt, bis sie dann doch im Schutz des Reisigs verschwindet. Man muss mit der Seele schauen lernen da herinnen. Der Turm rückt näher und mit ihm das Meer, das wir aber noch nicht sehen. Hohe Schilfgräser mit einem weißen, weichen Haarwedel am Ende lassen mich anhalten. Dann lassen wir den Wald hinter uns und haben auf einmal weißen Sand unter unseren Füßen. Ein Wegweiser verrät uns, dass hinter dem kleinen Hügel vor uns das Meer sein muss, die Spiaggia Collelungo. Und er hat recht. Ein paar steil ansteigende Meter und wir stehen auf einem sandbedeckten Hügel und schauen auf das Meer hinaus. Vielleicht hundert Schritte noch zwischen Büschen und Sträuchern, über Sand und angeschwemmtes Holz, dann haben wir das Meer erreicht, nicht um darin zu baden. Der frische Wind treibt die Wellen brausend ans Ufer, wo sie sich im flachen Sand verlieren. Wir müssen lauter miteinander reden, um das stete Branden der Wellen zu übertönen. Eine mystische Stimmung, über uns die Sonne, der kühle Wind vom Meer herein, das brausende Zerbrechen der Wellen, das Treibholz, das wie herumliegende Skelettteile den Strand bedeckt, und keine Menschenseele, kein Auto, kein Boot führen hierher, nur unsere Füße.

   Wo, wenn nicht hier, sollten wir Rast machen und einfach nur schauen, spüren, hören, erleben. Ein Baumstamm, von Wasser und Sonne gebleicht, als wäre er mit Kalk getüncht, ist unsere Strandbank. Keine Fußspuren, nur die unseren. Auch das ist Toskana, aber nur wenige kennen sie so. Wir haben keinen Zeitplan, nichts und niemand drängt uns. Es mag wohl mehr als eine Stunde vergangen sein, als wir uns wieder auf den Weg machen. Wir wollen nicht denselben Weg zurückgehen, man kann ein solches Erlebnis, solche Eindrücke nicht einfach wiederholen. Wir wollen Marina di Alberese erreichen und schauen prüfend nach Norden, ob da wohl ein Durchkommen ist, hier führt kein markierter „itinerario“ den Sandstrand entlang. Wir können der Verlockung nicht widerstehen und wandern einfach neben den verebbenden Wellen am hellen Strand entlang. Wenn es bis hierher ein fast müheloses Wandern war, jetzt sinken unsere Füße bei jedem Schritt tiefer ein, machen das Vorankommen mühsamer und hinterlassen richtige Spuren. Das Meer zur Linken, den Wind um die Ohren, die Sonne über uns, den Sand unter unseren Füßen, zur Rechten kilometerlang bizarres Treibholz und dahinter der Wald der Monti dell’Uccellina. Ein knorriger Stock, von irgendwoher angeschwemmt, soll meinen Schritten mehr Sicherheit geben. Mit dem bequemen Weg ist es vorbei, aber die Schönheit setzt sich fort, sie hat nur ein anderes Gesicht angenommen. Fast eineinhalb Stunden stapfen wir so schweigend, immer wieder innehaltend, nach allen Seiten ausschauend, Marina di Alberese entgegen und hoffen, dass wir nicht umkehren müssen, weil steile Küstenabbrüche ganz ans Meer heranreichen und kein Weiterkommen mehr ermöglichen. Nur wenn man die Mühe nicht scheut und genügend Zeit im Rucksack hat, kann man durch diese unberührte Kulisse gehen. Schließlich sind wir froh, dem Ziel nahe zu sein. Da vorne muss Marina di Alberese sein, das man von der anderen Seite gegen eine Gebühr an einem Sperrschranken und für das Parken zwischen mächtigen Baumstämmen auch mit dem Auto erreichen kann, bis zu einer bestimmten limitierten Anzahl. Im Pinienwald unweit vom Strand, aber schon außerhalb des eigentlichen Naturschutzparkes befindet sich ein „centro integrato servici“, zwei Imbissbuden mit gemütlichen Tischen und ordentlichen Toiletten und Waschgelegenheiten. Dort können wir unsere Wasserflaschen auffüllen und uns ein wenig frisch machen. Ordentlich müde und mit vielen tiefen Eindrücken lassen wir uns da zu einer ausgedehnten Siesta nieder bei einem kleinen Bier und einem herzhaften „panino“. Der Lärm einer süditalienischen Schulklasse, die eine geführte Wanderung vor sich hat, gibt uns Gewissheit, dass wir wieder in der Zivilisation angekommen sind.

   Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals irgendwo so versinken konnte wie in den vergangenen Stunden auf unserem Weg durch den Parco Naturale della Maremma. Und ich muss gestehen, dass die Werke der größten Meister, wie die einzigartige Kuppel des Domes Santa Maria del Fiore in Florenz, die paradiesische Bronzetür im Ostportal des Baptisteriums, der herrliche Fresken-Zyklus in der Brancacci-Kapelle der Kirche Santa Maria del Carmine… mich nicht so tief in meiner Seele berühren konnten wie die Eindrücke auf dieser Wanderung.

 

© Josef Gredler