Josef Gredler

40  Jenseits des Arnos, ist das noch Florenz?

 

   Über achtzehn Millionen Besucher strömen jährlich vom Dom Santa Maria del Fiore mit seiner weltberühmten Kuppel von Brunelleschi über die Via dei Calzaioli zur Piazza della Signoria, an den Uffizien vorbei oder durch diese hindurch über den Ponte Vecchio und glauben, Florenz gesehen zu haben, mit unzähligen Fotos im Speicher ihrer vollautomatischen Kamera. Aber diese Stadt am Arno, voll von Werken höchster Kunst, bewegter Geschichte und großer Vergangenheit, lässt sich nicht so billig und oberflächlich konsumieren. Wer Florenz wirklich kennenlernen möchte, muss der Stadt tiefer in die Augen schauen und darf nicht am Ponte Vecchio stehen bleiben. Florenz ist mehr als der Dom mit seiner Kuppel, mehr als Brunelleschi, Medici, Michelangelo, David, Uffizien und Ponte Vecchio. Der Arno teilt die Stadt in zwei ungleiche Hälften. Aller Ruhm und Reichtum scheinen auf die nördliche Hälfte gefallen zu sein.

   Wer Florenz sagt, meint in den allermeisten Fällen nur die nördliche Hälfte der Stadt, diesseits des Arno. Die südliche hat seit jeher mehr ein Aschenputteldasein gefristet und wurde nicht Florenz, sondern weniger wertschätzend, fast abfällig einfach „Oltrarno“ genannt, das was jenseits auf der anderen Seite des Arnos liegt. Aber das war aus der Sicht diesseits des Arno nie wirklich Florenz, nicht die Schwester der nördlichen Stadthälfte, sondern höchstens deren Stiefschwester – mit allen Attributen, die einem Stiefkind eben anhaften, das von der Geschichte, seiner Stiefmutter, nie wirklich anerkannt und geliebt worden ist. Wenn man heute durch den Oltrarno streunt, kann man dieses Los noch erkennen und auch spüren, zum Teil zwar verdeckt von der jüngeren Geschichte, aber immerhin. Genau dieses jenseitige Florenz hat mich aber immer mehr in seinen Bann gezogen. Meine Passion für das große Florenz nördlich des Arno hat dadurch keine Einbußen erlitten, aber die Stiefschwester auf der anderen Seite hat mich mit ihrem Charme umgarnt. Ich weiß noch, wie ich von Brunelleschis Kuppel kommend am Ponte Vecchio kehrtgemacht habe, nichts Besonderes mehr erwartend. Erst beim dritten Mal habe ich noch die gut hundert Meter zum Palazzo Pitti angehängt, den ja die Medici selbst 1565 durch einen langen Gang mit den damaligen Amtsräumen in den heutigen Uffizien verbunden und damit dem nördlichen Florenz hinzugefügt haben. So stand und steht der Palazzo Pitti sozusagen auf der falschen Seite des Arno. Wir haben uns Schritt für Schritt, „poco a poco“ immer ein bisschen weiter in die südliche Stadthälfte hineingetastet, bis daraus eine große Leidenschaft geworden ist, die uns mit ebenso großer Neugier durch die Straßen und Gassen des Oltrarnos hat streunen lassen. Ich habe der nördlichen Schwester nie abgeschworen, wie könnte ich auch, aber ich habe den Charme und Liebreiz der südlichen immer mehr entdeckt und finde mich mit meiner Frau jedes Jahr in den Gassen von Santo Spirito, San Nicolo und San Frediano wieder.

   Mittlerweile kommen wir aber nicht mehr vom Ponte Vecchio oder einer der vielen anderen Brücken in den Oltrarno, sondern nähern uns von Süden über die fast märchenhafte Hügellandschaft des Chianti Classico, die nach Norden hin immer mehr abfällt, bis sie sich wie ein Teppich vor dem „jenseitigen“ Florenz ausbreitet. Diese betörend malerische Hügellandschaft südlich der Stadt bündelt die ganze Schönheit und Vielfalt der zentralen Toskana auf jedem Flecken, auf jedem Hügel und wird jedes Mal zur einstimmenden Ouvertüre auf Florenz „jenseits des Arno“.  Zwischen Oliven und Weinreben, Zypressen und Pinien scheint die Straße wie ein Band in kunstvollen Schlingen in die Landschaft gelegt. Immer wieder fahren wir rechts zur Seite, um ungeduldigen Autofahrern Platz zu machen, die es eilig haben, weil sie zur Arbeit müssen. Wenn uns das Navi über die vielen Schleichwege hin und her, auf und ab nach Florenz weist, ist es, als würde jemand während der Fahrt in einem Bilderbuch blättern. Nach jeder Kurve taucht ein neues Bild auf. Auch wenn uns diese Bilder mittlerweile schon ganz vertraut sind, sie haben nichts von ihrem Zauber verloren. Schließlich fahren wir die breite, leicht abfallende Allee der Viale del Poggio Imperiale auf die monumentale Porta Romana zu. Sie ist unser Einlasstor in den Oltrarno geworden. Am längsten und schmalsten Parkplatz der Toskana lassen wir dann unser Auto zurück. So zeitig in der Früh sind noch genug Plätze frei auf der über siebenhundert Meter langen Parkzeile im Schatten der alten Stadtmauer. Als würde man jetzt einen Hund von der Leine lassen, beginnen wir, durch die Gassen und Straßen der Stadt zu streunen.

   Durch die Via Romana steuern wir auf Santo Spirito zu, nicht ohne immer wieder stehen zu bleiben, den einen oder anderen Umweg zu wählen, zu schauen, zu suchen und auch immer wieder zu fragen, wer, wo und was... Schließlich erreichen wir die Piazza Santo Spirito. Wir stolpern fast über einige leere Flaschen, die da wohl als Überbleibsel einer feuchtfröhlichen Nacht auf dem Gehsteig liegen. Manchmal wird es hier in den späten Abendstunden lauter, als den Anwohnern lieb ist. Aber die Piazza Santo Spirito, Herzstück des gleichnamigen Viertels, hat trotzdem nichts von ihrer großen Anziehungskraft auf junge Leute verloren. Die überaus schlichte, glatte Fassade der Kirche Santo Spirito – in den Achtzigerjahren sogar als Projektionsfläche für Lichtspiele eines toskanischen Künstlers benutzt – begrenzt die Piazza im Norden. Die vorgelagerten breiten Steinstufen laden vor allem Jugendliche ein, sich ungezwungen und formlos niederzusetzen. Jetzt sitzt –  noch immer oder schon so früh – ein obdachloser junger Mann müde auf einer der Stufen vor dem Eingang, eine Bierflasche vor sich und eine Zigarette im Mund. Der Lärm der „venditori“, die gerade unter lautem Geklapper ihre Marktstände aufstellen, durchbricht immer wieder die morgendliche Stille der Piazza.

   Eine Bar ist schon geöffnet und wir nehmen auf einem ihrer Tische im Freien Platz  für unsere „colazione“, das Frühstück. Anwohner, die zur Arbeit müssen, trinken noch rasch im Stehen einen Cappuccino oder Espresso, dazu meist ein ebenso schnelles Gebäck aus der Vitrine, mit einer Papierserviette umwickelt. Langsam erwacht die Piazza Santo Spirito zum Leben. Noch plätschert der oktogonale Brunnen alleine vor sich hin. Aber bald werden sich Leute auf seinen Beckenrand setzen, nachdem sie an den Marktständen gefunden haben, was sie brauchen. Zwei ältere Herren überqueren mit ihrem Hund an der Leine die Piazza und verschwinden in einer der Gassen. Wir vermissen die alte Bäuerin, die ihr Gemüse herrichten sollte, das auf einem der Hügel draußen vor der Stadt angebaut worden ist. Wir kennen sie noch vom vergangenen Jahr – gestern war sie doch noch da – und wollten Tomaten bei ihr kaufen, die unvergleichlich besser schmecken als die vom „supermercato“. Nachdem wir unsere Tomaten an einem anderen Stand besorgt und im Rucksack verstaut haben, können wir ab neun Uhr zuerst die Kirche und dann das angebaute Kloster, heute ein Museum, besichtigen und verschwinden für gut zwei Stunden von der Bildfläche der Piazza. Kein Geringerer als der große Brunelleschi hatte diese Kirche bis ins Detail geplant und ihren Bau in Angriff genommen. Die Fertigstellung konnte er nicht mehr erleben. Sein Name bleibt untrennbar mit der Kuppel des Domes Santa Maria del Fiore verbunden, dem Wahrzeichen der Stadt. Dass er auch im Oltrarno, wo es weniger Ruhm zu erwerben gab, Hand anlegte, wissen die wenigsten. Aber hier wäre er nicht so berühmt und auch nicht so vermögend geworden.

   Die „chiesa“ Santo Spirito steht auch im Ruf der „wichtigsten Kirche“ von Florenz, allerdings nicht bei den Touristen, die sie eher vernachlässigen. Eindrucksvoll die drei Längsschiffe, durch mächtige Säulen aus grauem Sandstein getrennt. Man würde hinter der schlichten Fassade nicht ein so großartiges Kircheninneres in vollendeter Renaissance erwarten. Weil ein paar Arbeiten im Gang sind, ist die Apsis heute abgesperrt, sodass wir die Sakristei von Giuliano da Sangallo leider nicht besichtigen können. Aber die achtunddreißig Seitenaltäre werden uns zu einer meditierenden Stunde. Auch der große Medicifürst Lorenzo Magnifico soll sich hierher zur inneren Einkehr zurückgezogen haben. Große Meister wie Domenico Ghirlandaio und Filippino Lippi haben sich hier verewigt. Aber ihren Ruhm verdanken sie mehr ihren Werken, die sie im Florenz nördlich des Arno geschaffen haben. Im Refektorium verweilen wir lange vor dem hölzernen Kruzifix mit dem gänzlich nackten Corpus des Gekreuzigten, geschaffen vom jungen Michelangelo Buonarotti. Auch sein Ruhm verdankt sich weniger seinem Schaffen hier im Oltrarno. Wenn ich die junge Dame, die mit wachsamem Auge die Besucher beobachtet, richtig verstanden habe, dann musste dieses Kruzifix zeitweilig einen Lendenschurz tragen. Die völlige Blöße des Herrn war vielen doch zu anstößig. Als wir wieder draußen auf der Piazza sind, ist es schon Mittag.

   In den Trattorien hier am Platz lässt sich gut und erschwinglich speisen, preisgünstiger jedenfalls als im Florenz der jährlich achtzehn Millionen Besucher. Aber die Neugier treibt uns weiter und so steuern wir durch die Via della Chiesa auf die Piazza Torquato Tasso zu, für eine mittägliche Stärkung in einer Trattoria dort. Heute verlangt niemand mehr, dass man ein mehrgängiges Menü mit „antipasto, primo e secondo piatto“ bestellt, hier im Oltrarno schon gar nicht. Allzu üppiges Essen wird auch in der kulinarischen Toskana nicht mehr erwartet, hier „jenseits des Arno“ ist es nie erwartet worden. Die Bewohner konnten und können es sich gar nicht leisten und die Besucher, die es sich leisten können, kommen meist nur bis zum Ende des Ponte Vecchio.

   Gestern beim Mittagessen auf der Piazza San Lorenzo unweit von Santa Maria del Fiore war noch Englisch die vorherrschende Sprache. Wir unterhielten uns mit zwei älteren Damen aus Christchurch in Neuseeland. Vis-a-vis nahm ein junges Paar aus New York Platz. Auch die sechsköpfige Gruppe am Ende der Tischreihe bestellte in englischer Sprache. Mit verbundenen Augen hätte ich nicht erraten können, in einer italienischen bzw. toskanischen Stadt zu sein. Hier am Torquato Tasso hört und spricht man nur italienisch. Die meisten Tische sind von sogenannten „Einheimischen“ besetzt, was unter anderem auch darauf schließen lässt, dass man hier gut essen kann. Unsere „rigatoni“ mit einer frisch zubereiteten „insalata mista“ schmecken vorzüglich und wir bezahlen dafür weniger als in einer überfüllten Trattoria nördlich des Arno.

   Nach dem Mittagessen sind unsere Beine schon etwas schwer, als wir von der Via dei Serragli in die Via d’Ardiglione, eine schmale L-förmige Seitengasse einbiegen. Wer neugierig durch die Straßen und Gassen des Oltrarno streunt, dem können die vielen Handwerksbetriebe nicht entgehen, die „botteghe artigiani“, die meist nur durch eine einzige Tür von der Straße getrennt sind. Wenn man diese öffnet, steht man schon in der Werkstätte. „Due donne“, zwei Damen, sollen in der Via d’Ardiglione 43r Kunstwerke restaurieren, haben wir erfahren. Wir stehen etwas verwundert vor dem Haus mit der Nummer 43r, weil die Glastür und das Schaufenster von innen verhängt sind, vielleicht um ungebetene Blicke abzuwehren. Mangels einer Klingel klopfen wir vorsichtig gegen die Tür, die aber schon einen Spaltbreit offen ist. Eine zierliche Dame im weißen Arbeitsmantel und einem Pinsel in der Hand öffnet fragenden Blicks. Ich versuche, unsere neugierige Absicht zu erklären, und wir dürfen mitansehen, wie Nicoletta Marcolongo und Angela Tascioni ganz versunken vor einem Bild sitzen bzw. einer Skulptur stehen, um ihnen den ursprünglichen „Glanz“ zurückzugeben. Es ist, als würde ihr inneres Auge das Kunstwerk schon in diesem Glanz vor sich sehen und als müsste ihre Hand nur noch diesem folgen. Arbeit ist dafür nicht das zutreffende Wort, es ist ein kunsthandwerkliches Schaffen voll Leidenschaft und Emotion. „Le due donne“ geben den ihnen anvertrauten Kunstwerken wieder das zurück, was ihnen die Zeit genommen hat. Keine Frage, das hier ist mehr als eine Werkstätte, eine gewisse Ehrfurcht scheint mir angebracht. Als wir später dann nochmals kommen, ich muss die beiden Damen unbedingt noch etwas fragen, stehen drei Damen in der Werkstätte. Silvia Serenesi ist eine nicht minder leidenschaftliche Mitarbeiterin, eine „collaboratrice“ der beiden. Ob ich ein paar Zeilen darüber publizieren und dabei ihren Namen verwenden darf? Ich würde ihnen meine Gedanken natürlich vorher zusenden. Im „Studio Ardiglione, restauro e conservazione di opere d’arte“, hat uns der Oltrarno für ein paar Augenblicke in einen Winkel seiner Seele schauen lassen.

   Monumentale „palazzi“ verdankt der Oltrarno den Medici, die einst ihren Hof hierher in den Palazzo Pitti verlegt hatten und in deren Gefolge Edelleute, Adelige und auch Architekten und Baumeister hierherzogen. Ihnen folgten dann auch Handwerker und Kunsthandwerker. Ihre Werkstätten und Ateliers gehören heute noch zum Stadtbild dieses „Firenze diversa“, dieses anderen Florenz. Unsere Liebe zu diesem Florenz hat uns gelehrt, auch auf das Unscheinbare zu achten, es mit aufmerksamen Augen zu suchen. Manchmal bleibe ich einfach vor einem Haustor stehen, um es zu betrachten und – sollte ein Flügel offen sein – auch einen Blick hineinzuwerfen, nie die Schwelle übertretend, einen Gruß auszutauschen mit jemandem, der gerade das Haus verlässt oder zurückkommt. Immer wieder sehe ich, wie Leute vor der Haustür stehen bleiben, um noch ein wenig miteinander zu plaudern. Sie lassen sich dabei auch gerne stören und geben bereitwillig Auskunft, wenn man etwas von ihnen wissen möchte und sie so Gelegenheit bekommen, mit einem Besucher ihres etwas anderen Florenz zu plaudern, allerdings in italienischer Sprache, der sie einen ganz ausgeprägten toskanischen Akzent geben. An manchen Häusern sind über der Augenhöhe sogenannte „tabernacoli“, fromme Nischen, oder „piloni votive“ bzw. Bildstöcke, in die Mauer eingelassen. Man könnte sie leicht übersehen.

   Das Leben strömt durch die Straßen des Oltrarno anders als durch das große Florenz der Medici. Der Pulsschlag hier ist ein anderer. Während sich die Touristenströme auf der „Mediciseite“ des Arno träge durch die Straßen wälzen – am Ponte Vecchio kommt der Menschenstrom manchmal fast zum Stillstand –, haben es die Leute in den Straßen des Oltrarno eiliger. Es sind ja großteils Fiorentiner und Fiorentinerinnen, die da unterwegs sind – zur Arbeit oder für irgendwelche Besorgungen. Auch wenn sie ihr „quartiere“, ihr Viertel, lieben, sie sind nicht zum Vergnügen oder „in vacanza“ hier, sie haben zu tun und haben es daher eiliger als wir, die wir hier nur einem leidenschaftlichen Suchen folgen. Dass diese Eile noch mehr den Autofahrern eigen ist als den Fußgängern, hat mit der Mentalität der fiorentinischen „automobilista“ zu tun. In den Straßen, Bars und Cafés von Santo Spirito und auch der anderen Viertel des Oltrarno begegnet man hauptsächlich den Leuten, die hier wohnen oder arbeiten. Auf der anderen Seite des Arno, der nördlichen, wundert man sich, wo sie denn sind die Fiorentinerinnen und Fiorentiner. Es mag fast den Anschein erwecken, sie hätten – vom Touristenstrom flüchtend – das Weite gesucht oder sind lieber zu Hause geblieben in ihren vier Wänden. Ob der Besuchermassen stöhnen muss man südlich des Arno nicht, aber natürlich bleibt auch das Geld mehr auf der anderen Seite. Dieser Umstand hat auch dazu geführt, dass sich das Florenz jenseits des Arno in eine andere Richtung entwickelt hat, nicht in den Glamour einer Kunstmetropole. Wenn man versucht, diesem jenseitigen Florenz wie einem Brunnen auf den Grund zu schauen, dann kann man auch die Bemühungen einzelner Bürger aufspüren, die gegen den Verlust der Identität ihres Oltrarno ankämpfen. Als Tourist könnte man das leicht mit romantisierenden Bemühungen verwechseln, es ist in Wirklichkeit aber ein kräfteraubendes Aufbäumen der Seele gegen den Verlust dessen, was auf dem langen Weg der Geschichte dem Florenz jenseits des Arno zu seiner Seele geworden ist, ihm sein ganz unverwechselbares Gesicht gegeben hat.

   Wir lieben es, unseren Bummel durch das Viertel mit einer Einkehr in einer Bar oder einer Cafeteria zu unterbrechen, von denen es hier unzählige gibt, an allen Ecken und Enden eine. Sie riechen so ganz nach dem Leben. Aber was wäre eine solches Café ohne das vertraute Surren der großen Kaffeemaschine, das nur mit kurzen Unterbrechungen den ganzen Raum erfüllt. Die Herren, die da an der Theke stehen und „al banco“ ihren Espresso trinken, kennen einander und meist auch den oder die „barista“ hinter der Theke. Hierher kommt man auch, um einander zu treffen, und sei es nur einen Espresso lang. Aufgeregte Unterhaltung herrscht da bei den Leuten an der Theke. Das Leben klebt an ihren Lippen. Neben uns sitzt ein schon sehr betagter Herr an seinem offensichtlich angestammten Tisch und ist – in Hoffnung auf ein spätes Glück – ganz in seine Rubbellose vertieft, die er zuvor an der Theke gekauft hat. Auch das gibt es in einem Café. Ein Herr mit Krawatte steht am einzigen noch freien Tisch, auf dem er seine Zeitung aufgeschlagen hat, in der einen Hand die Tasse und mit der anderen blättert er durch sein „giornale“, den er auf dem Weg hierher an einem Kiosk gekauft hat. Am Tisch daneben unterhalten sich drei hübsche junge Damen ganz aufgeregt, in einer Welt für sich. Nicht zu vergessen der wohlerzogene Straßenmischling des alten Herrn, der in aller Ruhe unter dem kleinen Tisch Platz genommen hat und dort geduldig ausharrt, während sein Herrchen rubbelnd sein Glück versucht. Er kennt das schon, jeden Tag um diese Zeit in diesem Café unter diesem Tisch. Er ist aber nicht der einzige „cane“ da herinnen. An der Theke sitzen oder liegen gleich drei. Ich kann sie schwer einer Rasse zuordnen, wahrscheinlich von mehreren etwas. Auch diese drei verhalten sich sehr gesittet, kein Bellen, kein Ziehen und Zerren an der Leine, absolut cafétauglich. Hunde gehören hier südlich der Arno zum selbstverständlichen Straßenbild. Nicht selten führt eine Dame oder ein Herr zwei, manchmal sogar drei gleichzeitig an der Leine. Aber als wir gestern von der Piazza del Duomo zur Piazza Signoria schlenderten, konnten wir keinen einzigen vierbeinigen Begleiter sehen. Allerdings haben wir auch nur wenige Fiorentiner gesehen. Vielleicht haben auch die Vierbeiner die überfüllte Stadt verlassen oder müssen notgedrungen bei ihrem Herrchen oder Frauchen zu Hause bleiben. Zwischen der Via Tournabuoni, der Piazza del Duomo und dem Arno kann man die Hunde zählen, hier südlich des Arno kann man sie nicht mehr zählen. Hier sind sie im ganz wörtlichen Sinn vielen Menschen zum ständigen Begleiter geworden. In den verstreuten Gehöften der Hügellandschaft außerhalb der Stadt haben sie allerdings eine ganz andere Aufgabe, dort sollen sie das Anwesen bewachen und im Bedarfsfall durch lautes Gebell vor Eindringlingen schützen. Und dorthin kehren wir jetzt – es ist schon recht spät und abendlich frisch geworden – wieder zurück.

 

© Josef Gredler