Josef Gredler

37 Treffpunkt zwischen alten Gemäuern

 

   Immer wieder suchen wir in der Toskana auch das Unscheinbare, das man kaum kennt, wenn man bloß als eiliger Tourist hierherkommt. Auch in Florenz, das ja von großen und größten „Sehenswürdigkeiten“ schier überquillt, lieben wir es, solche Plätze aufzusuchen und deren Stimmung gleichsam einzuatmen. Aber jetzt sind wir, von der Piazza Beccaria kommend, unterwegs nach Santa Croce, einem der kostbarsten Juwele dieser Stadt. Wir sind zeitig in der Früh unterwegs, weil wir sicher den ganzen Vormittag benötigen werden, um uns auch nur einigermaßen ein Bild, einen Eindruck von Santa Croce machen zu können. Wir gehen durch die schmale Via dell’Agnolo und sehen zur Linken eine breite Maueröffnung, ohne Tor und ohne Schranken, man könnte sie für eine Einfahrt halten, wenn da nicht stünde „area pedonale“. Eine Fußgängerzone also – wir lieben es, wenn wir uns den Verkehr vom Leib halten können und schauen neugierig einfach einmal hinein. Da stehen in einem großen Innenhof, der viele ganz ungewöhnliche Züge an sich hat und sich sonderbarerweise „Piazza delle Murate“ nennt. Was es mit diesem Innenhof oder dieser Piazza auf sich hat, wollen wir jetzt doch näher ergründen. Immer wieder lesen wir auf Plakaten und Transparenten „Le Murate“, was wir mit Gemäuer übersetzen. Die Bezeichnung entspricht ganz den Tatsachen vor unseren Augen, denn auf allen vier Seiten ragen hoch alte, sorgfältig restaurierte Wände auf, sodass innerhalb dieser ein geräumiger Innenhof entsteht. Es ist allerdings kein ganz gewöhnlicher, wie wir bald einmal erfahren, sondern eine ehemalige Strafanstalt, aus der man eine Wohnanlage mit großem Charme gemacht hat, eigentlich sind es große Häuserblocks, die man renoviert und adaptiert hat. Ich stelle mir bildhaft vor, wie die Insassen der Strafanstalt einstmals in Zweierreihe hier ihre Runden gedreht haben. Und wenn man die Wände nach oben schaut, dann sieht man noch die Gitter bei den Fenstern und große würfelförmige Erker, die in die Fassade eingelassen sind. Aus der Strafanstalt sind ganz komfortable Wohnungen geworden. Zuerst kommen mir doch ein wenig Zweifel, ob aus einem ehemaligen Gefängnis wirklich eine Wohnanlage geworden ist. Da höre ich aus einem offenen Fenster im ersten Stock laute Radiomusik und dazwischen immer wieder Stimmen, untrügliche Zeichen, dass dahinter jemand wohnt. In großen Buchstaben steht gegenüber auf der ganz rot getünchten Mauer, die sich fast über die halbe Länge des Platzes erstreckt, „CAFFÈ LETTERARIO“. Davor sind ohne jede erkennbare Ordnung Tische und Stühle aufgestellt, die fast den halben Platz einnehmen. Offensichtlich tut sich hier immer wieder einiges, mit vielen Leuten. Kein Tisch und kaum ein Stuhl gleichen dem anderen, wie frisch aus dem Malkasten stehen sie da, rund und viereckig, mal aus Holz, dann aus Metall und auch Kunststoff, die Sessel eckig und rund, mit und ohne Lehne, manchmal nur aus geformten Metallrohren – als hätte man alle Trödlerläden von Florenz geleert. Einige Tische haben sogar alte Fenster samt Glasscheiben als Tischplatte.

   Spätestens jetzt merkt jeder Besucher, die Fiorentiner wissen es ja sowieso, dass dieses Caffè Letterario kein alltägliches, gewöhnliches Caffè ist. Es ist ein etwas ausgeflippter Kulturtreff mit durchaus schrägen Zügen. Wie ich später von der Dame hinter der Bar erfahre, treffen sich hier zu bestimmten und auch ganz unbestimmten Anlässen Schriftsteller, Musiker, Maler und natürlich Publikum, allerdings erst am Abend. Drinnen schaut dieses Caffè so gar nicht nach Caffè aus. Alte Kisten hängen an der Wand, zu Bücherregalen verbunden. An Schulbänken  stehen Drehsessel. Nicht mehr ganz neue, aber bequeme Polstermöbel laden zu Gespräch und Diskussion ein. Überall Plakate, die auf „eventi“, Veranstaltungen, aufmerksam machen, die immer auch ein wenig gegen den Strom gerichtet sind. „Le voci del dissenso“, die Stimmen mit anderer Meinung, sollen Gehör finden, hier zumindest.  Zu den Toiletten führt eine Flügeltür aus Alteisen, auch diese mit Plakaten beklebt. Verbindungstüren sind durch Vorhänge ersetzt. In diesem Caffè ticken die Uhren eben anders.

   Noch ist der ganze Innenhof verschlafen. Der lange Arm eines Baukrans überspannt den Platz. Vor den Arkaden an der Westseite ist eine Bühne errichtet, sicher erst für den Abend, heute oder die nächsten Tage. Wir setzen uns an einen der Tische, blicken die Runde und warten geduldig, aber vergeblich, dass jemand zur Bedienung kommt. Cappuccino und was man noch dazu will, muss man sich selber holen. Kein Problem, aber die Tür ist noch zu, obwohl das Caffè Letterario schon seit fast einer Viertelstunde geöffnet sein sollte – laut den an allen sechs, nein sieben Eingangstüren ausgeschriebenen Öffnungszeiten. Bis zwei Uhr in der Nacht ist es geöffnet, ein Caffè nicht nur für den Tag. Drinnen brennt Licht und eine Dame macht sich schon an der Kaffeemaschine zu schaffen, ohne sich besonderer Pünktlichkeit verpflichtet zu wissen. Schließlich sperrt sie eine der sieben Türen auf, es scheint für sie ganz normal zu sein, dass man es mit den Öffnungszeiten hier nicht ganz so genau nimmt. Mit einem kleinen Frühstück nehmen wir wieder draußen Platz. Der lange Arm des Krans setzt sich über uns in Bewegung, Bauarbeiter beginnen hinter dem verdeckten Gerüst zu hämmern. Jeder Schlag hallt wider in diesen „vier Wänden“ von Le Murate. Jetzt kommen zwei ältere Damen mit einem Einkaufswagen – bestimmt aus einer der vielen Wohnungen hier oder in dieser Straße – und verschwinden im Caffè. Ebenso ein Herr, sicher schon in Pension. Eine junge Mutti schiebt ihren Kinderwagen über den Platz, mit Kind und Einkaufstasche voll beladen. Eine beleibte Dame quert schweren Schrittes den Innenhof, setzt sich an einen der Tische und macht sich an ihrem Taschenkalender zu schaffen, macht Notizen, schaut dazwischen immer wieder auf und schreibt dann wieder. Zwei Herren, schon im reifen Pensionsalter, haben sich zwei Sessel geholt und an der Hausmauer in der Sonne vor dem Caffè Platz genommen und tun das, was ältere Männer in der ganzen Toskana liebend gerne tun: sitzen und schauen. Langsam erwacht diese Piazza zum Leben. Man kennt einander, wie den Gesprächen und dem Tonfall zu entnehmen ist. Man kommt nicht nur her, um seinen Cappuccino oder Espresso zu trinken, man trifft sich, man redet miteinander, man weiß Neues und erfährt Neues… Caffè Letterario am Vormittag.

   Wir haben uns zum Bleiben entschlossen und verschieben Santa Croce auf morgen. Wir können uns der besonderen Anziehungskraft dieser ehemaligen Strafanstalt nicht entziehen, die jedoch nichts von dem Florenz an sich hat, das Touristen suchen und sehen wollen. Auch der Reiseführer, den ich untern Arm geklemmt habe, weiß nichts von Le Murate. Viele Besucher der Stadt werden diesen Ort nie sehen und können sich diesen auch nur schwer vorstellen. Wir sind gerade deshalb hiergeblieben. Niemand, der hier erstmals sitzt und diese Wände hinaufschaut, würde glauben, in Florenz zu sein. Das Florenz der großen Meister und der großen Vergangenheit, der Reise-, Kunst- und Kulturführer muss weit weg sein. Tatsächlich ist es nur eine Viertelstunde bis zur großen Piazza Santa Croce. Dort wimmelt es sicher schon von Touristen, die ihre Fotoapparate und Selfiestangen vor sich hertragen, und noch einmal eine Viertelstunde weiter, vor den Uffizien, haben sich sicher schon lange Warteschlangen gebildet. Warteschlangen kennt man hier nicht. „Progetti arte contemporanea“ lesen wir auf dem Plakat, das an das Glasfenster der Eingangstür ins Caffè geklebt ist. Zeitgenössische Kunst ist hier in der Wiege der Renaissance angesagt, die Touristenströme verirren sich nicht hierher. Le Murate würde ich eher auf der anderen Seite des Arno, in Oltrarno vermuten, im Schatten des großen Florenz.

   Ein Durchgang an der Ostseite führt uns in einen zweiten, großzügigen Innenhof, der „Piazza Madonna della Neve“, auch zum ehemaligen Stadtgefängnis gehörend, jetzt ebenfalls in Wohnungen umfunktioniert. Auch dieser Innenhof hat Flair. Hohe, schräg errichtete Eisensäulen sind der Fassade vorgelagert und stützen die kleinen Balkone, die jeder Wohnung wie eine Nase aufgesetzt sind. Architektonisch stimmungsvoll angelegte Zwischenräume bis ganz nach oben zum Dach, Abstände zwischen den Wohnblocks, werden als Gänge, Treppenhäuser und Verbindungen zwischen den Etagen und für Innenbalkone genützt und mit Tageslicht von oben ausgeleuchtet. „Le Carceri“, das Restaurant auf dieser Piazza mit auch ein wenig alternativem Ambiente, erinnert mit seinem Namen die Besucher noch an die Vergangenheit als Gefängnis. Als zu Mittag immer mehr Leute – Fiorentiner, die hier in unmittelbarer Nähe arbeiten – unter der weiten Markise vor Le Carceri Platz nehmen, setzen auch wir uns noch auf einen der freien Tische und haben gut gewählt, den Einheimischen zu folgen, denn sie wissen am besten, wo man gut isst.

 

© Josef Gredler