Josef Gredler

35  Ein Amphitheater – nicht von Menschenhand

                                                                                  

   Ein unscheinbares kleines Haus aus Natursteinen in Alta Valle della Greve, mit einer kleinen Terrasse, kaum größer als vier mal vier Meter und von einer Steinmauer eingefasst. Zwei alte Klappstühle und ein einfacher Tisch aus Holz. Genug, um den Abend zu genießen, umgeben von Reben, Olivenbäumen, Gemüsebeeten, Büschen und Sträuchern, Buchen und Steineichen, dazwischen einigen Zypressen – vereinzelt und in Gruppen –, Hecken und Beerensträuchern, aufgeschichtetem Holz und verwelktem Gras, die alle sich ansteigend im Rund zu einem weiten Amphitheater formieren. Wie die Zähne eines Sägeblattes bilden die Bäume der letzten Reihe oben eine Horizontlinie, die sich mit ihren Baumwipfeln 360 Grad noch deutlich vom dämmernden Himmel abhebt. Von den Bäumen und Sträuchern rund um unsere Terrasse meine ich fast jeden einzelnen zu kennen, so oft sind meine Blicke diese Hänge hinauf- und wieder heruntergewandert. An lauen und schönen Sommerabenden sitzen wir fast täglich hier draußen.

   Kleine Gräben durchziehen wie Furchen diese Arena von oben nach unten, um zu gegebener Stunde die Wassermassen zu lenken, derer sich die Wolken gelegentlich entleeren und sich manchmal sogar in kurzen hemmungslosen Regenfällen auf diesen Talkessel stürzen. Dann passiert es, dass auch diese gezogenen Gräben die Wassermassen nicht mehr bändigen können, die sich dann an keinen vorgegebenen Verlauf mehr halten, sondern sich darüber hinaus nach Belieben über die Abhänge ergießen. Mit Schotter bedeckte schmale Wege schaffen Zugänge zu einzelnen Reihen und Plätzen. Nur auf der Westseite durchzieht eine asphaltierte Straße das abfallende Gelände, nur mäßig befahren und zu weit weg, als dass ihr Lärm uns störend erreichen könnte.

   In diesem Amphitheater haben wir ganz unten wie auf der Bühne Platz genommen, auf den beiden Klappstühlen am Holztisch. Ganz ungewöhnlich die Rollenverteilung in diesem Theater, weil nicht wir unten auf der Bühne die Darsteller sind, sondern wir schauen und hören hinauf in dieses Rund. Unser Hören ist ein hingebendes, fast andächtiges Lauschen. Tausende von Akteuren oben auf den Rängen und zwei Zuschauer, meine Frau und ich, da unten auf der Bühne. Die Natur geht sehr verschwenderisch um mit ihren Ressourcen. Das Schauspiel, das geboten wird, heißt Dämmerung. Die Sonne ist schon vor fast zwei Stunden hinter den Baumwipfeln versunken, Dunkelheit erfüllt zunehmend diese weit geöffnete, riesige Arena, über die sich allmählich der nachtschwarze Himmel spannt, auf dem immer mehr Sterne aufleuchten, die heute so klar sich zeigen, als säßen wir in einem Freilichtplanetarium. Aber es sind keine künstlichen Spots, die sich da über uns wölben. Der Mond wird in wenigen Tagen voll sein, seine Leuchtkraft hat noch nicht ganz den Höhepunkt erreicht, dennoch werfen die Zypressen ihre schmalen spitzen Schatten auf das vertrocknete Gras zwischen den Ölbäumen. Alle spielen ihr Rolle sehr überzeugend und mit großer Hingebung, wir sind nur Zuschauer. Wir schalten auf unserer Terrasse kein Licht ein, es würde die Aufführung stören und uns hindern, selber Teil dieser Stille in der Dämmerung zu sein. Es ist eine wundersame, heilsame, fast vollkommende Ruhe, die mit zunehmender Dunkelheit dieses ganze Amphitheater erfüllt.

   Die Schwalben sind längst schon von ihrer Nahrungssuche zurückgekehrt in ihre Nester, ihr hungriges Gezwitscher ist mit der untergehenden Sonne verstummt. Eine kühle Brise weht jetzt sanft von oben herab, verfängt sich im Laub der Reben und erreicht schließlich uns. Wir ziehen uns eine Jacke über und genießen die belebende Frische, die alle Plagegeister von Mücken vertreibt. Vor wenigen Stunden zeigte das Thermometer in diesem Rund noch fast dreißig Grad und das Mitte September. Die ersten Zikaden stimmen ihr Zirpen an, das sich wie ein Lauffeuer verbreitet und innerhalb weniger Minuten zum großen Abendkonzert in dieser Arena wird. Einmal begonnen, gönnen sie sich keine Minute Pause. Wie von einem unsichtbaren Taktstock geleitet, verwandeln sie mit ihrem hellen Zirpen wie ein vieltausendfaches staccatoähnliches Streichen der Seiten ihrer „Violinen“ – es ist Teil dieser Stille, die uns umfängt – diesen Talkessel in eine Konzertarena, bis sie nach mehr als einer Stunde mit einem Schlag ohne jede vorankündigende Coda alle gleichzeitig abrupt verstummen, als hätte dieser unsichtbare Taktstock das Zeichen dazu gegeben. Zoologisch unkundig, kennen wir das Geheimnis dieses gleichzeitigen plötzlichen Verstummens nicht.

   Wir sind nicht die einzigen unserer Spezies hier in dieser Arena. Aber die Menschen sind hier die absolute Minderheit, ganz gleich, mit welch Lebendigen sie sich vergleichen. Ein paar vereinzelte Häuser verteilen sich über die Abhänge, sie sind aber zu weit voneinander entfernt, als dass ihre Bewohner einander zurufen könnten. Nur am Licht, das jetzt aus ihren Fenstern dringt, weiß man, dass sie da sind. Ob sie wie wir diese Aufführung genießen? Eher nicht. Gelegentlich schiebt ein Auto das Licht seiner Scheinwerfer vor sich her durch den Wald, als wollte es den Abhang in zwei Teile zerschneiden, die hinterher aber sofort wieder ein Ganzes sind. Von einem heimkehrenden Auto, das zu uns her lenkt, hört man die Reifen, die sich in den Waldboden drücken.

   Ehe die Sonne hinter dem Horizont versank, haben sich Grün, Gelb, Braun und Rot in tausendfach unterschiedlichen Tönen über die Hänge verteilt, mit zunehmender Dämmerung verlieren sich diese Unterschiede immer mehr im Dunkel der anbrechenden Nacht. Diese hat mittlerweile das ganze Amphitheater für sich eingenommen, sodass die Himmel sich mit der Erde verbinden, die Reben mit den Bäumen und Sträuchern, die Zikaden mit der gesamten Natur. Auch der sanfte Wind, der noch immer sachte über die Hänge streicht, ist kein Solist. Alles greift ineinander.  Von einem fernen Gehöft hört man einen Hund bellen. Unten an der Hausmauer klagt eine Katze. Und alles zusammen ergibt dann doch wieder diese wundersame Stille. Was gibt es in solchen Augenblicken zu tun? Im wahrsten Sinn des Wortes nichts. Jedes Geschäftig-Sein würde diese Stunde alles Wundersamen berauben. Sie ist nur dazu da, dass man sich schweigend ganz dem staunenden Schauen, Hören und Erleben hingibt. Obwohl wir an vielen dieser spätsommerlichen Abende da draußen sitzen und dieses Schauspiel ja eigentlich längst kennen müssten, ist es uns nie einfach Wiederholung, sondern immer wieder neu im Programm, das die Natur uns bietet, manchmal an die zwei Stunden, bis auch wir uns zur Nachtruhe begeben.

 

© Josef Gredler