Josef Gredler

34  Bei den Sieben Zwergen am Ufer des Arno

 

   Wir überqueren die letzte Brücke, die den Arno vor seiner Mündung überspannt, und biegen in den Lungarno d’Annunzio Richtung Marina di Pisa ein. Zwischen den Bäumen, die das Ufer säumen, wird immer wieder ein kurzer Blick auf den Fluss frei, der nur noch wenige Kilometer vor sich hat. Immer wieder suche ich nach einem offenen Schlupfloch zum Ufer, aber immer verhindert ein verschlossenes Tor oder eine andere Absperrung die Möglichkeit, ans Ufer zu gelangen. So fahren wir mehrere Kilometer neben dem Fluss her, oft trennen uns nur wenige Meter, aber es gibt keinen Zugang für uns. Vielleicht ergibt sich beim Mittagessen in einem der Restaurants auf dem schmalen Uferstreifen zwischen Straße und Arno die Möglichkeit, ganz ans Ufer zu gelangen, dem Arno entgegen zu blicken oder hinterher zu schauen und vielleicht sogar die Füße darin baumeln zu lassen. Ein fast kindlicher Wunsch, die Toskana weckt immer wieder auch das Kind in mir. Aber auch dieser Wunsch erfüllt sich nicht, schade. Da lesen wir direkt neben der Straße über dem Eingang eines „ristorante“ in großen Schriftzügen „I 7 Nani“, die Sieben Zwerge. Vielleicht wird hier das unmöglich Scheinende doch noch möglich, den Arno unmittelbar an uns vorbeifließen zu lassen, vielleicht sogar mit einem Bein darin einzutauchen. Ob diese Sieben Zwerge etwas mit dem gleichnamigen Märchen der Gebrüder Grimm zu tun haben, muss sich erst herausstellen. Über dem Eingang sitzen die Zwerge, ich kann aber nur sechs zählen. Wo ist der siebte?

   Durch ein breites Tor aus Glas gelangen wir in eine stil- und stimmungsvolle Eingangshalle mit einem kleinen Garten darin. Hätten wir uns nicht den Arno so in den Kopf gesetzt, würden wir uns auch gerne in einen der drei Liegestühle legen und den kleinen Garten mit dem Orangenbaum bewundern… Da kommt uns ein groß gewachsener junger Herr entgegen und ich frage ihn, ob wir hier essen können, so nahe am Fluss wie möglich. Freundlich weist er uns mit beiden Händen den Weg „a fuori“, nach draußen. Durch eine breite Glasfront gelangen wir auf eine mit Segeltuch und Strohmatten überdachte Terrasse, die alle Erwartungen unserer Phantasie übersteigt. Wir dürfen an einem der äußersten Tische im Schatten der hohen Bäume, die den Arno säumen, Platz nehmen, vom Arno nur durch ein Geländer getrennt. Manchmal gibt es Momente, da übertrifft die Wirklichkeit alle Vorstellung. Wir wissen um die vielen großen Kunstschätze der Toskana, betrachten und bestaunen sie, aber immer wieder stellen wir fest, die Natur übertrifft noch die Kunst. Obwohl es ein heißer Junitag ist, weht uns sanft ein kühlender Wind entgegen, den der Arno vor sich herschiebt. Die ganze Terrasse steht auf starken runden Holzpfählen im Fluss. Für ein paar Minuten vergessen wir ganz auf den jungen Mann, der immer noch neben uns steht, aber schon verstanden hat, dass wir jetzt einfach einmal nur schauen, den Anblick genießen müssen. Wir haben es ebenso wenig eilig wie der Arno, der da so langsam an uns vorbeifließt, als wollte er sich absichtlich Zeit lassen, um noch einmal zu überlegen, ob er wirklich dem Meer zuströmen oder nicht doch lieber umkehren sollte. Aber er kann sich dem Gesetz der Schwerkraft nicht entziehen. Der halbe Meter „Höhenunterschied“, der ihn noch vom Meer trennt, reicht aus, um seine Bestimmung, seine Richtung unwiderruflich festzulegen.

   Als wir nach dem ersten Staunen endlich am Tisch sitzen, bringt uns der Herr, der immer noch mit einem herzlichen und verständnisvollen Lächeln im Gesicht geduldig wartet, „il menu“ und „i vini“, die Speisekarte und auch die Weinkarte. Wir wollten ja zu Mittag essen, hätten aber, ganz der Bewunderung hingegeben, beinahe darauf vergessen. Aus der reichhaltigen und vielversprechenden Speisekarte entscheiden wir uns natürlich für ein Fischgericht – etwas anderes schiene uns ja fast als Sakrileg hier so nahe am Arno, der unser Mittagessen begleitet –, „spaghetti al cartoccio“, in Papier oder Folie eingewickelt und natürlich mit Fisch aus dem Arno oder Früchten des Meeres zubereitet, das ja nur wenige Kilometer entfernt ist. So erklärt es uns der Herr, den wir wieder zu Hilfe rufen, um sicher zu sein, ob wir die Speisekarte auch richtig verstehen. Es ist ihm spürbar ein Anliegen, dass wir nicht nur diesen besonderen Ort genießen, sondern auch das, was wir an diesem Ort zu essen bekommen. Vor den Spaghettis als „antipasto“ hätten wir an einem so schönen Sommertag wie heute gerne etwas Leichtes, Erfrischendes, „due insalate miste“. Die Tische sind alle liebevoll gedeckt, auch Lampen für den späten Abend stehen darauf, Geranien verteilen sich leuchtend rot über die Terrasse. Am Abend wird es hier voll, vor allem an Wochenenden, da muss man einen dieser Tische schon vorbestellt haben. In seinen Ausführungen schwingt die feste Überzeugung mit, dass hier hervorragend gekocht und mit Genuss gegessen wird. Er sollte recht behalten. Dazu möchten wir ein Glas „vino bianco della casa“. Dann wenden wir uns wieder dem Arno zu.

   Am Oberlauf im Casentino kommt uns der Arno noch als Kind, als kleiner Bach entgegen. Bei Bibbiena nimmt er dann schon pubertäre Züge an. In Florenz durchquert er die Stadt dann im reifen Mannesalter und in Pisa hat er seinen Lebensabend erreicht und ist nicht mehr weit von seinem Ziel, dem ligurischen Meer, entfernt. Unzählige Male haben wir den Arno auf einer seiner vielen Brücken zwischen Stia und der letzten hier, gleich nach Pisa, überquert. Er ist kein Fluss für das Buch der Rekorde. Viele sind länger, breiter, tiefer, spektakulärer, aber von ihm geht eine besondere Faszination aus, die dem bloß flüchtigen Blick verschlossen bleibt. Man muss ihm tiefer „in die Augen“ schauen, wenn man ihn kennenlernen will, man muss sich auf die Menschen zu beiden Seiten, auch auf sein Territorium und dessen lange und reiche Geschichte einlassen.  Er ist nicht irgendein Fluss, nicht einfach ein fließendes Gewässer. Wir sind an seinem Ursprung gewesen, an den Quellen am Monte Falterona. Wir sind auch an seinem Ziel gestanden, im „porto“ von Marina di Pisa. Dazwischen haben wir ihn heranwachsen sehen und jetzt ist etwas Majestätisches an ihm, wenn er mit hohem Wasserstand das Flussbett ganz ausfüllend bedächtig an uns vorbeifließt. Er prägt Land und Leute zu beiden Seiten, schenkt Arbeit und Erholung, wird an seinem Unterlauf zur Wasserstraße und seine Ufer suchen Verliebte für romantische Spaziergänge auf... Gelegentlich bedeckt er sich im Spätherbst oder Winter auf seinem langen Weg mit dichten Nebelschwaden, die fast gespenstisch erscheinen. Der Arno ist voller Geheimnisse. Man hat sich von Geistern erzählt, die aus seiner Tiefe aufsteigen, von geheimnisvollen Wesen, die auf seinem Grund schlummern. Die Menschen haben auch seine zerstörerische Kraft erleben müssen, wenn er tobsüchtig seine Ufer überschritten, ihre Siedlungen bedroht, Städte und Fluren überschwemmt, Angst und Schrecken verbreitet hat. So wie er aber jetzt dahinfließt, so friedlich und ruhig und ganz zu Diensten, kann man sich das gar nicht vorstellen. Eine junge Dame, die gerade unsere „spaghetti al cartoccio“ bringt, die in Papier eingehüllt und darin gegart worden sind, holt mich aus meinen Gedanken zurück an den Tisch. Alles schmeckt köstlich und wunderbar, der Wein ganz erfrischend und genau richtig zu diesen Spaghetti – eine besondere Stunde an einem besonderen Ort, auch voller Poesie.

   Da kommt der stattliche junge Herr wieder auf die Terrasse, diesmal allerdings so gekleidet, dass man weiß, jetzt hat er Handfestes zu tun. Er hebt mit einer Winde das trichterförmige Fischernetz aus dem Wasser, holt mit einem Kescher einen großen Fisch heraus und verschwindet damit in der Küche. Hier kommen die Fische garantiert, wie man sieht, fangfrisch auf den Teller. In der Ecke lehnt eine Angelrute. Zwei junge Männer waschen mit einem Eimer, den sie abwechselnd mit einer Schnur aus dem Fluss ziehen, den Bootssteg. Da kommt noch einmal die junge Dame, aber diesmal nicht zum Servieren, sondern auch sie macht sich drüben beim Netz und dem Steg zu schaffen. Hier wechseln alle offensichtlich schnell die Rollen. Und dann kommt noch ein zweiter „ragazzo“ und legt Hand an und eine Frau, eine Generation älter als die anderen, einen prüfenden und zugleich umarmenden Blick auf alles werfend. Jeder packt überall an, wo er oder sie gerade gebraucht wird. Nur so kann dieser ungewöhnliche Ort seinen Zauber lebendig halten. Und alle tun das in einer heiteren Selbstverständlichkeit, als würde ihnen die Arbeit Freude machen, als wären sie persönlich mit diesem Ort verbunden. Allmählich werde ich neugierig, was diese sieben Leute, die hier am Werk sind, miteinander zu tun haben. Da durchbricht eine Möwe mit ihrem Schrei für einen Augenblick die Stille über dem Arno. Aus Richtung Pisa kommen zwei Segelboote, werden aber die Segel erst hissen, wenn sie das Meer erreicht haben. Ein Fischerboot fährt langsam flussaufwärts. Eine kleine Motoryacht steuert, aus der Werft kommend, leise und moderat wieder Richtung „mare“. In meiner erwachten Neugierde frage ich den jungen Mann, den ich als Chef des Ganzen vermute, ob er ein paar Minuten Zeit hätte für mich. Auf meine Fragen beginnt er dann, mir bereitwillig die Geschichte dieses ungewöhnlichen ristorante zu erzählen, das mittlerweile das Seine ist. Er muss wohl gespürt haben, dass meine Neugierde einem aufrichtigen Interesse für diesen Ort entspringt.

   Sein „nonno“ Goffredo Tamberi und seine „nonna“ Elsa Bucchioni haben dieses Restaurant vor über fünfzig Jahren eröffnet. Sie, beide schon verstorben, waren sozusagen die Gründer der „I Sette Nani“. Allerdings war es damals noch ein ganz kleines, bescheidenes Lokal, nicht zu vergleichen mit dem, was wir heute hier vorfinden und das er, Nicola Venturi, jetzt in der dritten Generation führt. Die „nani“, die Zwerge aus dem bekannten Märchen, haben damals die Dimension des ristorante ganz treffend bezeichnet. Das junge Fräulein, das uns Spaghetti und Wein gebracht hat, stammt aus Pisa, ebenso einer der beiden „ragazzi“. Der andere kommt aus Sardinien. Und wer kocht da so vorzüglich? Das ist die „mama“ des jungen Chefs, Miriam Tamberi. Sie steht den ganzen Tag in der Küche und ist verantwortlich dafür, dass alles so „squisitamente“ schmeckt. Und wenn in der Küche mal nichts zu tun ist, dann findet sie sofort draußen etwas, was erledigt werden muss. Alle sind mit Leib und Seele dabei und halten den Zauber von „I Sette Nani“ am Leben.  Als ich „signor“ Nicola frage, ob ich von seiner „Belegschaft“ ein Foto machen dürfte, verschwindet er kurz und kommt nach einer Weile mit „mama“ wieder, die sich offensichtlich ganz schnell besonders fotogen gemacht hat. Sie setzt stolz ihre Kochhaube auf und hängt sich eine große Medaille an einer roten Schärpe um den Hals. Beides ist eine mehrfache Auszeichnung für ihre Kochkünste, die sich sogar bis Mailand herumgesprochen haben. Wenn es nach mir ginge, würde ich ihr zusätzlich gerne noch einige Sterne auf die Kochhaube heften, denn sie verzaubert mit ihrer Kochkunst dieses kleine Paradies. Deshalb mache ich zuerst ein Foto ganz von ihr allein. Nächstes Jahr – wir kommen ganz bestimmt wieder hierher – möchte ich sie mit diesen Fotos überraschen. Jetzt sollen sich alle für ein „Familienfoto“ zusammenstellen, Nicola, der Chef und Besitzer, seine „mama“, die charmante „ragazza“ aus Pisa und die beiden immer lächelnden „ragazzi“. Dann machen sich alle wieder an ihre Arbeit und wir lassen uns von der jungen Dame aus Pisa noch zwei „dolci“ empfehlen. Wir hören fast andächtig ihrer Empfehlung, die uns ahnen lässt, etwas Besonderes serviert zu bekommen. Wir werden nicht enttäuscht. „Alla fine“, zum Schluss, noch „due caffè“.

   Würde mich jemand auf der Suche nach einer besonderen Stunde nach einem außergewöhnlichen Ort fragen, wo man auch außergewöhnlich gut essen und trinken kann und mehr als das, ich könnte nicht anders, als ihm „I Sette Nani“ empfehlen, dieses Juwel am Ufer des Arno.

 

© Josef Gredler