Josef Gredler

33 Ohne Vergangenheit und ohne Geschichte

 

    Städte und Dörfer der Toskana oder auch nur kleine Siedlungen haben in der Regel eine lange Geschichte, mit der sie sichtbar verbunden bleiben. Im historischen Kern, dem centro storico, lassen sie ihre Vergangenheit durchscheinen. Neue Bauten und Ortsteile müssen außerhalb der alten Stadtmauern errichtet werden, die oftmals den historischen Kern umschließen, und dürfen die Zeugen der Vergangenheit nicht zerstören. Da sind die vielen vicoli stretti, diese engen Gassen mittelalterlicher città, paesi oder borghi, aber auch die eindrucksvollen Paläste, Kathedralen, Castelli, Plätze und Brücken der Städte. Die Toskana ist wie kaum eine andere Region ein Bilderbuch ihrer Geschichte. Eine aufmerksame Reise durch die Toskana ist wie das Aufschlagen eines solchen Bilderbuches. Wer hier verweilt, kann darin blättern.

    Jetzt aber fahren wir auf der gut vier Kilometer langen, schnurgeraden Viale del Tirreno, immer wieder von Pinien und anderen Bäumen gesäumt, und suchen den Punkt, an dem wir wissen, in Tirrenia angekommen zu sein, um anzuhalten. Wir möchten dieses Bilderbuch aufschlagen, finden aber die Seiten nicht. Wir sind die ganze Viale abgefahren, aber wo ist Tirrenia? Wo beginnt es? Wo hört es auf? Endlich begreifen wir, wir haben Tirrenia gerade eben auf der langen, geraden und breit angelegten Viale durchquert, rechts und links die Parkstreifen und daneben ein doppelt so breiter Gehsteig wie üblich, von der Straße oft durch eine Hecke getrennt, und ein großzügiger Fahrradstreifen hat auch noch Platz. Wir haben aber den Punkt nicht gefunden, der uns die Gewissheit gibt, „da“ zu sein, angekommen zu sein. Jetzt gehen wir die ganze, lange Viale zu Fuß zurück. Eine Stunde reicht dafür nicht. Je nachdem, in welche Richtung man geht oder fährt, stehen links Hotels, Apartments, aber auch gastronomische Lokale und kleine Geschäfte und zur Rechten befindet sich ein stabilimento balneare – oder kurz bagno – nach dem anderen.  Das sind diese Strandbäder oder „Badeanstalten“ mit den langen Liegestuhlreihen und Sonnenschirmen in verschiedenen Farben an den Sandstränden. Dazwischen die breit angelegte Viale, an der diese Strandbäder wie Perlen aufgefädelt scheinen. Wir wollen schon umkehren, denn hier haben wir nichts verloren. Alles, was wir bisher in der Toskana gesucht und entdeckt haben, das gibt es hier nicht. Aber dann setzen wir unseren Weg doch fort, zumal das Wetter schön, aber doch nicht so heiß ist, wie man es in der zweiten Junihälfte erwarten würde. Das ist jetzt kein Bummeln und Promenieren, sondern neugieriges Streunen, wie es Hunde manchmal tun, wenn sie sich selbst überlassen sind.

    Auf halbem Weg erreichen wir die Piazza Belvedere, die so etwas wie eine zentrale Funktion hat. Mit einer historischen Piazza hat sie allerdings nichts gemein, das verrät allein schon ihr Allerweltsname. Da liest man auf dem Straßenschild nichts von Garibaldi, Matteotti, Cavour, Michelangelo, da Vinci, Verdi… Aber wie soll man auch einen geschichtlichen Zusammenhang herstellen, wenn es diesen eben nicht gibt? Bars und andere Lokale, Läden und Verkaufsstände und ein erhöhtes Verkehrsaufkommen prägen das Bild. Das riesige Hotel dort finden wir nur scheußlich. Wie konnte man nur? Die Namen der Straßen lassen erkennen, dass man dafür nicht aus dem Fundus der Geschichte schöpfen kann, sondern nach bloß gefälligen Namen gesucht hat, damit ein Hotel, ein Restaurant, ein Lokal, ein Geschäft eine Adresse hat, mit der man es findet. Wir nehmen die Via dei Fiori, weg vom Strand, um noch ein paar Eindrücke aufzuschnappen. Tirrenia ist seit den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts sukzessive aus dem Boden gestampft worden. Für das Straßennetz ist man wohl folgender Bauanleitung gefolgt: Man nehme eine Gerade, dann eine Kreuzung, von der wieder mehrere Gerade abzweigen. Eine Biegung bzw. Kurve nimmt man nur dann, wenn unbedingt notwendig. So besteht Tirrenia von der Viale landeinwärts mehr oder weniger aus bebauten Planquadraten. Aber man darf nicht ungerecht sein. Tirrenia erfüllt seine Aufgabe darin, dass es mit seinem langen Sandsstrand zum nahen Erholungsgebiet für die Pisaner geworden ist. Wer schöne, vielleicht sogar einsame und idyllische Buchten mit glasklarem Wasser sucht, dass man bis zum Grund sieht, der ist hier falsch und nimmt dafür wohl am besten eine Fähre nach Sardinien. Die links und rechts der Viale geparkten Autos haben großteils Pisaner Nummerntafeln. Die Menschen aus Pisa, die dem Trubel der Stadt trotz all ihrer geschichtsträchtigen Schönheit entkommen wollen, sind in weniger als einer halben Stunde hier, um sich am Meer im dolce far niente, im süßen Nichtstun zu erholen. Wenn man so großartige Bauwerke wie die auf der Piazza dei Miracoli  täglich vor Augen hat, dann ist es verständlich, dass man auf die Pisaner Gotik auch durchaus einmal verzichtet und gerne hierherkommt und in einem Bagno im Liegestuhl unter einem Sonnenschirm einfach die Seele baumeln lässt, die kühlende Luftströmung vom Meer genießt und bei Bedarf darin Abkühlung sucht. Wirklich schwimmen sehe ich hier kaum jemand. Der unablässige Wellengang eignet sich mehr zu Erfrischung. Tatsächlich kommen immer mehr Autos mit Pisaner Nummerntafel, deren Insassen in einem der unzähligen Bagnos verschwinden. Wir wissen nicht, wie das in den Monaten Juli und August sein wird, aber jetzt sind es hauptsächlich Pisaner und andere Italiener, die hierherkommen. Wohlhabende Pisaner, aber auch Nichtitaliener haben manchmal ein paar Autominuten vom Strand entfernt ein Anwesen mit Swimmingpool. Aber die „normalsterblichen“ Leute der Stadt, müssen sich mit einem Bagno hier begnügen, das aber durchaus viele Annehmlichkeiten bietet. Im Hochsommer wird sicher mehr internationales Publikum hier sein. Die Eingänge der Bagnos versuchen, mit blumigen Namen Touristen wie Bienen anzulocken. Wie die Blumen ihre leuchtenden Farben in die Sonne halten, um Bienen auf sich aufmerksam zu machen, so haben diese stabilimenti balneari – so nennt sie allerdings niemand – nichtssagende, aber „leuchtende“ Namen in großen Schriftzügen über ihre Eingänge geschrieben: Primavera, Paradiso, Oasi, Azzurro, Miramare, Vittoria, Nettuno, Ballena, Fiorella, Rossalba, Elisa… „Lockstoffe“ für die „Bienen“.

    Was wir bisher noch nie getan haben, obwohl wir seit mehr als zehn Jahren die Toskana bereisen und erkunden, das tun wir erstmals am nächsten Tag. Zeitig in der Früh kommen wir wieder im Auto hierher und nehmen die Einfahrt in ein Bagno, das uns von außen einladend und passend erscheint, und wollen den heutigen Tag, wie viele Pisaner auch in einem solchen Bagno verbringen, mit unseren bisherigen Gepflogenheiten völlig brechend. Wir bezahlen für dieses pisanische Strandvergnügen um die dreißig Euro inklusive Parkplatz und eigener, versperrbarer Kabine und belegen unsere beiden Liegestühle unter dem obligaten Sonnenschirm, alles ganz nahe am Meer. Die zwei Liegestühle und der Sonnenschirm sind im Preis inbegriffen. Der Sandstrand ist sehr gepflegt, da liegt nichts am Boden, was dort nicht hingehört. Es ist nicht der Ausblick, warum man hierher kommt. Im Süden sieht man den Hafen von Livorno, im Westen reicht das Meer bis zum Horizont, nach Norden blickend erstrecken sich unzählige bunte Sonnenschirmreihen. Jedes Strandbad hat seine eigene Farbe. Ob wir es den ganzen Tag hier aushalten? Mal probieren, ein Experiment sozusagen. Die befürchtete Hitze bleibt aus, weil immer eine kühlende Meeresbrise unseren posto, unseren Platz erreicht. Wir haben ein Buch mitgenommen und alle Zeit der Welt. Und tatsächlich, wir beginnen dieses Nichtstun, falls man Lesen so bezeichnen kann, im Liegestuhl unter dem Sonnenschirm immer mehr zu genießen – die kühlende Brise vom Meer auf der Haut und das Verebben der Wellen im Ohr. Zusammen ein ganz angenehmer Mix. Zwischendurch suchen wir Abkühlung im Meer, spülen uns mit der Dusche das Salzwasser vom Körper und den Sand von den Füßen und gehen auch einmal in die Bar auf einen Prosecco oder Espresso. Hier in Tirrenia gibt es nicht nur auf und beidseits der Viale viel Platz, auch im Bagno ist alles weitläufig. Wenn jeder solche Badeabschnitt in Viareggio an der Viale Regina Margherita nur über einen schmalen, teppichförmigen Sandstreifen verfügt, hier ist Platz genug, hier darf sich alles auch in die Breite ziehen. Mittags gehen wir wie viele andere ins Restaurant, deren beschattete Terrasse immer noch in der kühlen Luftströmung des Meeres liegt.

    So vergeht Stunde um Stunde, bis wir am späten Nachmittag unser Buch schließen, uns vom Liegestuhl erheben und nach einer ausgiebigen Dusche das Bagno verlassen. Es hat gut getan. Jetzt können wir Tirreno mit seiner langen, „phantasielosen“ Viale und mit dem simplen Aneinanderreihen von Hotels, Apartments, Bars, Läden und Strandbädern besser verstehen. Es braucht Orte wie diesen, damit die Menschen aus Pisa und Umgebung in kurzer Zeit das Meer und seinen langen Sandstrand erreichen, um nichts anderes zu tun, als einfach auszuspannen und Erholung zu finden von der Arbeit und vom Lärm und Trubel der Stadt. Rilassarsi al mare, am Meer sich entspannen. So schenkt Tirrenia, das übrigens nicht am tyrrhenischen, sondern am ligurischen Meer liegt – selbst ganz ohne Geschichte – all denen Erholung und Entspannung, die aus Pisa, mit seiner langen und großen Geschichte kommen, mit eindrucksvollen Bauten und Kunstdenkmälern.

 

© Josef Gredler