Josef Gredler

30  Kleine Piazza mit großem Namen

 

   Piazza della Libertà steht in Großbuchstaben auf dem Schild an der Hausmauer. Bestimmt gibt es mehr als hundert Plätze in der Toskana, die so heißen. Eine Piazza mit einem so großen Namen würde man aber eher in einer der führenden Städte der Toskana vermuten als hier dreißig, vierzig Kilometer südöstlich von Siena im kleinen San Quirico im Val d’Orcia. Aber die Italiener lieben es, Kleines groß zu benennen. Sie folgen dabei ihrem patriotisch-emotionalen Empfinden und dieses gibt diesem Platz, den wenige Autos mühelos voll parken könnten, den stolzen Namen  „Piazza della Libertà“, in würdigendem Gedenken der großen Einigungsbestrebungen im 19. Jahrhundert, die dann zur nationalen Einigung der einzelnen Fürstentümer und Ländereien der Apenninen-Halbinsel geführt haben. Die öffentliche Größe und Bedeutung von San Quirico d’Orcia mit seiner Piazza della Libertà wurde mir vor ein paar Jahren bewusst, als vor den Mauern dieses Städtchens mit seinen weniger als dreitausend Bewohnern mein Auto plötzlich den Geist aufgegeben hatte. Es war mir fast nicht möglich, der Dame am anderen Ende der Leitung zu erklären, wo ich mich mit meinem Auto befinde, damit mich der Abschleppdienst findet und abholen kann. Aber San Quirico d’Orcia hat es ja auch nicht leicht, sich die gebührende Bekanntheit zu verschaffen und die verdiente Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Fünfzehn Kilometer Luftlinie östlich befindet sich das mehr als fünfmal so große malerische und auf Touristen fokussierte Montepulciano. Im Westen, kaum zehn Kilometer entfernt, lockt Montalcino die Menschen, in der ganzen Welt ob seines berühmten Rotweines, dem Brunello di Montalcino, bekannt. Und in unmittelbarer Nachbarschaft zieht Pienza, die „città ideale“, als Musterstadt der Rennaissance Touristen aus aller Welt wie ein Magnet an. Da bleibt für San Quirico d’Orcia nicht mehr viel übrig, wenn man keine außergewöhnliche Attraktion oder gar Sensation anzubieten hat, „nur“ die bezaubernde Atmosphäre und Ausstrahlung eines lieblichen südtoskanischnen Städtchens. Es darf in seinem Namen darauf hinweisen, mitten im Val d’Orcia, einer Landschaft von betörender Schönheit zu liegen, die deshalb seit 2004 zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt.

   Jetzt sitze ich auf dieser Piazza, die vom Licht des neuen Tages zwar schon erhellt ist, aber die Nacht noch nicht ganz loslassen kann. Für die Menschen hinter den noch verschlossenen Fensterläden kommt der Tag wohl etwas zu früh, sie zögern die Nacht noch ein wenig hinaus. Aber genau deshalb sitze ich hier. Ich habe mich nicht in der Uhrzeit geirrt, sondern möchte heute mit Absicht den Bewohnern zuvorkommen und habe an einem der Tische vor einer Bar Platz genommen, die sich ihres zentralen Standortes ganz bewusst stolz  „Centrale“ nennt. Obwohl es schon taghell ist, erreichen die Strahlen der aufgegangenen Sonne die Piazza noch nicht. Sie gehört noch ganz mir. Die Menschen, die um sie herum wohnen und leben, haben noch nicht Besitz ergriffen von ihrer Piazza. Sobald sie jedoch den ersten Schritt vor die Tür setzen, geht alles sehr schnell: schnell in die Bar, schnell noch die Zeitung, schnell… Aber noch hat sich kein „portone“, keine Haustür geöffnet. Dass ich noch ganz allein hier bin, stimmt aber doch nicht ganz. Schwalben jagen im aufgeregten Flug über die Piazza hinter ihrem Frühstück her. Von der Dächern und der angrenzenden Stadtmauer gurren die Tauben. Sie suchen ihr Frühstück eher auf dem Boden. Unter den Tischen vor der Bar könnten noch einige kleine Gebäcksreste von gestern liegen. Wenn ich aufstehe, wird der Platz vor der Bar für sie zum Landeplatz und Ort des ersten Frühstücks werden. Auch die Chiesa di San Francesco hat ihre Türen noch verschlossen. Allerdings hat außer mir heute auch noch niemand versucht, das Eingangsportal zu öffnen. Die Uhr des Campanile, die sich ganz der Piazza zuwendet, richtet ihre Zeiger gerade auf sechs Uhr dreißig. Dass die Glocken zur halben oder vollen Stunde nicht schlagen, vermisse ich. Vielleicht schweigen sie so früh am Tag absichtlich oder sind dazu verpflichtet worden. Die überdimensionierte Porta Nuova, eine Öffnung in der alten Stadtmauer nach Westen, bleibt Fußgängern vorbehalten. Früher sind hier sicher Pferdefuhrwerke aus- und eingefahren. Auch das schmiedeeiserne Gitter der Horti Leonini, einer stimmungsvollen und sehr gepflegten Gartenanlage, ist noch fest verschlossen. Nur ein Blick durch das Gitter ist mir möglich.

   Da höre ist erstmals ein Geräusch, das dem Tag wie ein Vorbote vorauseilt. In der Bar hinter mir, ist die Kaffeemaschine eingeschaltet worden, ein mir vertrautes und liebes Geräusch. Es kann nicht mehr lange dauern. Jetzt höre ich die laute Stimme einer Signora, die unüberhörbar das Sagen hat in der Bar und bestimmt, was zu geschehen hat, damit diese Bar wieder ihr Tagewerk beginnt. Als der Schlüssel der Tür – man kann es gut hören – im Schloss öffnend umgedreht wird, bin ich heute der erste Besucher. Die Signora wendet mir noch den Rücken zu, ihre Aufmerksamkeit gilt vorerst ganz allein der großen Kaffeemaschine, denn die wird in den nächsten Stunden nicht zur Ruhe kommen. Schließlich nimmt sie mich doch wahr, ein wenig überrascht zwar, aber mit einem freundlichen und bestimmten „mi dica“ will sie von mir wissen, was ich gerne hätte. Wie die meisten „cittadini“ von San Quirico d’Orcia, hätte ich gerne einen Cappuccino mit einem Gepäck aus der gut sortierten Vitrine, beides stehend an der Bar, „al banco“ sozusagen. Mit dem anschließenden Espresso, für die Leute hier nur „un caffè“, setze ich mich wieder an den Tisch draußen vor der Bar. Den duftenden Espresso genießend überlasse ich mich wieder der Stille, die noch den Platz einnimmt, aber dann vom Lärm einer Straßenkehrmaschine für ein paar Augenblicke jäh durchbrochen wird, bis diese die Piazza überquert hat und in der anschließenden Straße verschwindet. Die Ruhe ist wieder zurückgekehrt. Im Haus gegenüber geht die Tür auf, ein Herr so um die Fünfzig kommt heraus und überquert zielgerichtet die Piazza, auf die Bar zusteuernd. Ein paar Minuten später kommt er schon wieder heraus mit einem gefüllten Papiersack in der Hand, in dem ich „cornetti“ oder Ähnliches vermute, für das gemeinsame Frühstück mit seiner Frau. Seine Kleidung lässt erkennen, dass er heute nicht nur Arbeit muss, denn „oggi è Sabato“. Eine Frau, die dann von der anderen Seite kommt, ist sicher um etliche Jahre älter als der Herr von eben. Sie kommt aber nicht allein, sondern führt ihren schon recht betagten Hund an der Leine. Auch sie muss in die Bar – ihren vierbeinigen Mischling nimmt sie natürlich mit – und kommt nach wenigen Minuten wieder heraus. Die Zeit könnte für einen schnellen Espresso gereicht haben. Die Zurechtweisungen, die sie ihrem Hund erteilt, bleiben ohne Wirkung, was sie weder überrascht noch zu stören scheint. Sie unterhält sich aufgeregt mit ihrem Tino, wenn ich den Namen richtig verstanden habe, der immer einige Meter voraus ganz selbstverständlich nur das tut, was er will, und die Leine, an der er nach Belieben zerrt, scheint nur dem Zweck zu dienen, dass sein Frauchen auch wirklich verlässlich ihm folgt.

   Ich sitze sicher schon seit fast eine Stunde hier. Inzwischen hat sich die Bar hinter mir schon mit einigen Leuten gefüllt. Die Piazza della Libertà erwacht immer mehr zum Leben und für mich wird es Zeit zu gehen. Ich nehme stadtauswärts die Via Dante Alighieri, die Hauptstraße, die San Quirico zusammenhält. Da sehe ich die Straßenkehrmaschine wieder, still vor einer Bar geparkt. Ihr „Herr“ macht wohl seine Frühstückspause. Durch die offene Tür sehe und höre ich ihn in aufgeregter Unterhaltung mit dem „barista“, der vermutlich  auch der Besitzer dieser Bar ist. Dann biege ich in die Via Poliziano ein und werde etwas ungewohnt für die toskanischen Gepflogenheiten durch ein recht deutliches und lautes „buongirono“ überrascht, das ich jedoch gerne erwidere. Schließlich verlasse ich San Quirico d’Orcia durch die Porta Cappuccini Richtung Norden. Vermutlich befinde ich mich genau auf der Via Francigena, der alten Frankenstraße, die einst das Frankenreich mit Rom verband und als Heeres- und Handelsstraße diente und später zur Pilgerstraße wurde.

 

© Josef Gredler