Josef Gredler

45  Ein Castello mit magischer Anziehungskraft

 

Die Toskana ist übersät mit unzähligen „castelli“, die in exponierter Lage eindrucksvoll die Landschaft überragen. Jedes von ihnen hat seine ganz eigene Geschichte, auch wenn diese vielen verschlossen bleibt. Manche dieser „castelli“ – „Schlösser“ oder „Burgen“ ist nicht ganz dasselbe – scheinen vergessen, man weiß oder erinnert sich nicht mehr, was einmal war. Viele haben jedoch eine große Anziehungskraft, obwohl oder gerade weil sie ihrer ursprünglichen Bestimmung längst entledigt sind. Südlich von Gaiole, einem der sechs Hauptorte des Chianti Classico an der „Strada dei Castelli“, erhebt sich auf einem Hügel zu Füßen der Chiantiberge majestätisch das Castello di Brolio, seinen Blick ganz nach Süden gerichtet, Siena nicht aus den Augen lassend. Das war ja jahrhundertelang seine Aufgabe, im Auftrag der Stadtrepublik Florenz das feindliche Siena zu bewachen. Beide von ihnen begehrten nichts mehr, als die andere Stadt zu besiegen und zu beherrschen. Fressen oder gefressen werden, diese animalische Überlebensformel, war das Prinzip ihrer Politik. So zeigt sich Castello di Brolio heute nicht in seiner ursprünglichen Form, denn wiederholt zerstört oder abgebrannt, wurde es immer wieder neu aufgebaut. Obwohl das längst vergangene Geschichte ist, Castello di Brolio blickt noch immer unverwandt nach Süden und lässt das fünfzehn Kilometer im Südwesten entfernte Siena nicht aus den Augen, als wähnten sich seine Gemäuer immer noch in der seit Jahrhunderten erloschenen Bestimmung.

Wir sind nicht das erste Mal hier. Aber immer wieder, wenn wir unser Urlaubsdomizil nahe Greve aufgeschlagen haben, zieht es uns hierher. So wandern wir – zum wievielten Mal schon? – in den Morgenstunden die weiten gleichmäßigen Serpentinen durch den Wald hinauf, dessen überaus betagte Zypressen, Pinien und Steineichen ankündigen, dass wir geschichtsschweren Boden betreten. Es ist ein strahlend schöner Tag in den ersten Septemberwochen, die Sonne steht wolkenlos am Himmel und die kühle Nacht hat die Luft so gereinigt, dass das Castello in herbstlicher Frische wie dem Bad entstiegen scheint, eingehüllt in die satten Farben der Landschaft und überdacht vom tiefen Blau des Himmels. Die Luft ist so klar, dass die Horizontlinien der Chiantiberge im Hintergrund wie mit feinem Strich gezeichnet scheinen und sogar die Torre del Mangia in der Ferne gestochen scharf aus den Hügeln von Siena in den Himmel ragt.

Oben auf dem Hügel angekommen streben wir an den mächtigen Mauern vorbei dem großen Tor zu. Hier und nur hier gab und gibt es Einlass, allerdings war man damals vom Tor durch einen unüberwindbaren Wassergraben getrennt. Jetzt muss man zuvor in dem kleinen Häuschen vor dem großen Tor eine Eintrittskarte lösen, ein „biglietto“. Dann schiebt sich das schwere Eisengitter von selbst zur Seite und gewährt uns Einlass in die Welt dieses Castellos. Auch wenn das für viele nur eine „visita“ ist, eine Besichtigung, wir tauchen ein in eine Welt, in der wir uns für ein paar Stunden zwischen hohen Mauern, Türmen und Zinnen, Sträuchern und Bäumen verlieren. Wir umrunden das Castello, betrachten und erleben es von allen Seiten und schauen über die Mauern hinaus in die Umgebung. Das leuchtende Rot der Terrakottaziegel, aus denen das ganze Castello besteht, wird unten und zu beiden Seiten von den verschiedenen Grüntönen der Sträucher und Bäume eingerahmt und darüber vom kräftigen Blau des Himmels umrahmt. Eigentlich unvorstellbar, dass sich hier einmal solche Schreckensszenen abgespielt haben, wie sie von der Chronik und den Geschichtsbüchern berichtet werden.

Wenn das Castello früher zu den Waffen gegriffen und kein Gemetzel gescheut hat, so greifen heute die Mauern gemeinsam mit den lanzenförmigen Zypressen und ausladenden Pinien in die Saiten, damit sich ihre Noten für all jene zu einer Sinfonie vereinen, die auch inwendig hören können. So sitzen wir auf dem Festungswall der Südseite und lauschen schweigend und hingegeben der Partitur des Castellos. Zu seinen Füßen breiten sich südseitig wohlgeordnet endlose Rebzeilen aus, die sich bis zum Tal der Arbia erstrecken und am Horizont den Himmel zu berühren scheinen. Ab und zu bewegt eine sanfte Brise die Zweige, die sich dann wie im Takt wiegen. Würde jetzt die Zeit zur Eile oder zum Aufbruch rufen, würden die Saiten sofort verstummen. Aber die Zeit ruft uns nicht, im Gegenteil. Wir haben mehr als genug davon mitgebracht, sodass der Blick auf die Uhr nicht vonnöten ist.

Wir umrunden das Castello mehrere Male, betrachten es von allen vier Seiten. Unsere Augen klettern die Mauern hoch, bis sie die Zinnen erreichen und schweifen dann über den Schlosshof nach außen bis nach Siena und noch weiter bis zum Monte Amiata ganz in der Ferne im Süden. Die in der Nacht abgekühlte Luft beginnt sich langsam zu erwärmen, aber nur so weit, dass man sich gerne noch direkt von der Sonne bescheinen lässt, ihre Strahlen noch ganz angenehm die Haut berühren. Wir setzen uns auf den langen südseitigen Schutzwall, auf dem auch immer wieder kleine Eidechsen entlanglaufen oder, wenn sie ganz ungestört sind, dort ganz regungslos verharren und die Sonnenstrahlen aufnehmen und das sich erwärmende Gestein genießen. Wenn ich mir das Kampfgeschrei vorstelle, das hier einstmals das Schlossgelände erfüllt hat, dann sind die Stille und der Friede, die sich jetzt über den Schlosshof breiten, eine wundersame Metamorphose, die auch uns erfasst hat.

 

© Josef Gredler