Josef Gredler

29  Gezänk mit einer frechen Elster

                                                                                                                          

   Ich sitze auf der kleinen Terrasse unseres Domizils in der Toskana und tippe meine „Toskanische Notizen“ in den Laptop. Ganz in Gedanken versunken bin ich eigentlich gar nicht ganz hier, sondern sitze mit meiner Frau noch immer auf der Piazzale Michelangelo und genieße den Blick hinunter auf Florenz. Da holt mich eine Elster, die sich kaum zweit Meter neben mir auf das Mauersims gesetzt hat, aus meiner inneren Abwesenheit. Überrascht und auch ein wenig erfreut über ihre Zutraulichkeit, unterbreche ich meine Notizen, um die Elster zu beobachten. Das kommt mir „Die diebische Elster“, die Oper von Rossini in den Sinn. Und weil wir in der Toskana sind, wo man Italienisch redet, wenn auch mit stark eingefärbtem Akzent, möchte ich „die diebische Elster“ entsprechend dem italienischen Libretto „La gazza ladra“ nennen.  Aber zu stehlen gibt es für die Elster da ja nichts, es liegen weder silberne Löffel noch irgendwelche anderen glitzernden Gegenstände umher. So nah ist mir eine Elster noch nie gekommen und ich nütze die Gelegenheit, um sie mir einmal genau anzuschauen. Sie ist deutlich größer als eine Amsel, aber kleiner als ein Rabe, obwohl sie aus derselben Familie stammt, außerdem ist ihr Federkleid nicht ganz schwarz, sondern schwarzweiß und der Schwanz ist ungewöhnlich lang. Der dunkelgraue Schnabel ist ganz kräftig und scheint mir durchaus geeignet, einen kleinen silbernen Löffel zu fassen und damit davon zu fliegen. Aber wie schon gesagt, da ist kein silberner Löffel und daher auch keine Gefahr, dass diese Elster von ihrem diebischen Verlangen versucht werden könnte. So kann ich also getrost weiter schreiben. Da kommt die Elster noch ein Stück näher, indem sie auf den Griff meines Fahrrades hüpft, das da an der Wand lehnt. Der Kot, den sie dabei verliert, fällt nur auf den Boden aus Backstein. Kein großes Malheur.

   Nach einer kurzen Unterbrechung schreibe ich wieder weiter, aber nur so lange, bis die Elster mir noch näher rückt und jetzt auf meinem Tisch aufsetzt. Ich verscheuche sie nicht, sondern schenke ihr von neuem meine Aufmerksamkeit, fast berührt von ihrer Zutraulichkeit. Dann schreibe ich wieder weiter. Auf einmal sitzt die Elster auf der Bildschirmkante des Laptops, nur mehr einen halben Meter von mir entfernt. Auch das kann sie noch mit mir machen, ohne dass ich „handgreiflich“ werde. Als aber diese Elster mir nochmals näher rückt und dann sogar über die Tastatur meines Laptops spaziert, sehe ich mich erstmals veranlasst, sie durch eine eindeutige Handbewegung zu verscheuchen. Sie springt flatternd ein wenig in die Höhe, um dann neuerlich auf dem Laptop aufzusetzen. Schließlich, ich brauche gerade eine kleine Nachdenkpause, wie ich diesen Ausblick hinunter auf den Arno am besten beschreibe, setzt sie sich auf die Maus des Laptops und beginnt mit ihrem Schnabel, diese zuerst leicht abzuklopfen, dann etwas fester und schließlich so heftig, dass ich meine Maus in Sicherheit bringen muss. Diesmal weicht die Elster nur mehr bis zur Tischkante aus und ich schreibe weiter. Da die Maus jetzt besetzt ist, nähert sich die Elster der Kaffeetasse neben dem Laptop und taucht ihren Schnabel kurz in meinen Cappuccino, der aber nicht nach ihrem Geschmack ist. Was ich bis jetzt noch als lustig empfunden habe, beginne ich langsam, als dreist und frech zu empfinden. Mit einer ebenso schwungvollen Handbewegung wie lauten Empörung möchte ich jetzt dem Ganzen doch ein Ende bereiten. Jetzt ist es genug. Die Elster hat ihren Spaß gehabt und ich mache mir einen neuen Cappuccino, um dann wieder ungestört weiterzuschreiben.

   Aber es gelingt mir nicht, die Elster ganz zu vertreiben, sondern nur bis zum Mauersims zurückzudrängen, kaum zwei Meter von mir. Wo war ich eben noch in meinen toskanischen Notizen stehen geblieben? Ach ja, ich war beim Blick auf den Dom Santa Maria del Fiore mit seinen beiden Türmen, der Kuppel von Bruneleschi und dem Campanile von Giotto, wie sie das Stadtbild beherrschen. Ich bin gerade dabei, meine Gedanken in die passenden Worte zu fassen und niederzuschreiben, da sitzt dieses Vieh schon wieder auf meiner Bildschirmkante. Jetzt hat sich für mich der Spaß aber aufgehört. Entweder es gelingt mir, der dreisten Zudringlichkeit der Elster endgültig ein Ende zu bereiten, oder ich räume das Feld. Da kann ich mich nicht konzentrieren. Die Elster scheint intuitiv zu spüren, dass von mir keine wirkliche Gefahr für sie ausgeht, dass sie also letztlich nichts zu befürchten hat. Und da hat sie ja nicht unrecht, sie hat mich sozusagen durchschaut. Bei allem Ärger, der inzwischen schon in mir hochgestiegen ist, käme ich natürlich nie ernsthaft auf die Idee, der Elster wirklich etwas anzutun. Und so artet unsere Meinungsverschiedenheit richtiggehend in ein Gezänk aus, in dem ich zu unterliegen drohe. Die Elster fürchtet weder meine Hand, die zwar gestikuliert, aber nicht bereit ist, ihr wirklich etwas anzutun, noch schreckt sie sich vor meiner Stimme, wenn ich auch noch so energisch Gebrauch davon mache. Sie flattert zwar immer wieder auf, lässt sich dann in etwas größerem Abstand auf der Lehne des Sessels auf der anderen Tischseite nieder oder auf der Brüstung der Terrasse, aber nur, um von dort einen neuen Versuch der Zudringlichkeit zu wagen.

   Könnte es sein, dass aus der Sicht der Elster, die Dinge sich genau umgekehrt verhalten? Dass ich der Eindringling bin, der für ein paar Wochen dreist und frech  sich hier breit macht, genau jenes Revier beansprucht, das sie als das ihre betrachtet, ist sie doch schon vor mir da gewesen und das ganze Jahr über hier? Wir werden diese Meinungsverschiedenheit nicht endgültig klären. Als meine Frau und ich uns wenig später ins Auto setzen, um nach Figline zu fahren, trauen wir unseren Augen nicht, da sitzt die Elster doch tatsächlich auf dem Außenspiegel unseres Autos. Ich würdige sie keines Blickes mehr, sondern setze mich ins Auto, die Elster rührt sich nicht von der Stelle, ich schlage die Autotür zu, die Elster bleibt sitzen und ich fahre rückwärts aus. Als sich dann das Auto wirklich in Bewegung setzt, hebt die Elster ab und…

 

© Josef Gredler