Josef Gredler

 02 Die Anziehungskraft der Toskana

 

    Was ist es denn, dass Menschen von dieser Toskana so angezogen werden, dass sie nicht mehr von ihr loskommen, sie nicht mehr lassen können, als wären sie von einem Virus befallen, gegen den nichts hilft, als immer wieder in die Toskana zu fahren? Seit meinem ersten Aufenthalt dort vor mehr als zehn Jahren verbringe ich jedes Jahr ein paar Wochen in der Toskana, möchte und kann nicht anders, es zieht mich einfach dorthin. Wenn Bekannte und Freunde mich fragen, warum ausgerechnet die Toskana mich so in ihren Bann gezogen hat, kann ich das gar nicht genau sagen, nicht mit ein paar Worten erklären. Ich kann eigentlich nur beschreiben, wie ich diese Toskana erlebe, was sie mir bedeutet. Sie zieht mich jedes Mal aufs Neue in ihren Bann, wenn ich dort bin. Sie macht sich in meiner Seele fest, lässt mich ihre verwandelnde Kraft spüren, schenkt mir Erholung und Neu-Werden. Und wenn ich dann ergründen möchte, warum das so ist, dann ist es nicht dies oder jenes, sondern einfach alles zusammen, was diese Toskana ausmacht. Sie fordert mich auf, mir die Zeit zu nehmen, mich auf sie einzulassen. Und tatsächlich, wenn ich dort bin, verändert sie meine Zeit, streift alle Hektik und Eile von mir ab. Es ist, als würden die Zeiger meiner Uhr langsamer gehen.

    Wer die Toskana über den Apennin kommend nur schnell durchqueren möchte, ob auf der Autobahn, Schnellstraße oder einer Provinzstraße, dem verschließt sie sich. Man mag zwar oberflächlich ihre landschaftliche Schönheit wahrnehmen, aber Einblicke in ihr Inwendiges gewährt sie dem Eiligen und Flüchtigen nicht. Mit Durchreisenden oder jenen, die sie nur schnell besichtigen möchten, bleibt sie auf Distanz. Die Toskana verlangt von jenen, die sie wirklich kennen lernen möchten, dass man sich Zeit nimmt für sie. So habe ich damals vor mehr als zehn Jahren begonnen, mir diese Zeit zu nehmen für ihre landschaftliche Schönheit, für ihre vielen sehenswerten und bewunderungswürdigen Werke der Natur und des Menschen, auch für das Unscheinbare und wenig Beachtete, Unbekannte und Unentdeckte. Abseits der großen Touristenströme hat sie mir Stilles und Geheimnisvolles gezeigt. So habe ich begonnen, ihr in die Augen zu schauen und zuzuhören. Ich habe dabei so viel zu sehen und zu hören bekommen, was dem Eilenden unzugänglich bleibt. Und ich konnte nicht anders, als mich ganz auf sie einzulassen, sie nach und nach näher kennen zu lernen, für mich zu entdecken, sie aufzuspüren, sie zu erleben, sie gleichsam einzuatmen. Ich habe ihre großen Städte, wie Florenz, Siena, Pisa, Lucca…und auch viele ihrer kleineren und kleinen besucht und mich von deren Schätzen und Sehenswürdigkeiten beeindrucken lassen, unzählige Borghi aufgesucht - in manchen scheint die Zeit stehen geblieben zu sein - und mich von ihren Geheimnissen und ihrem Charme erfüllen lassen. Ich habe in den historischen Stadtzentren, in denen man längst vergangene Jahrhunderte noch spüren kann, die großen, eindrucksvollen Dome, Kirchen, Türme, Paläste und die weiten und kleinen, prächtigen und unscheinbaren Plätze betreten, betrachtet, bewundert, erlebt, verweilend und still. Ich habe ihre viel besuchten Straßen durchstreift, habe aber auch  viele schmale, fast unbekannte Gassen aufmerksam begangen, hinauf und hinunter, bin viele Treppen hinauf und hinab gestiegen. Ich habe das morgendliche Erwachen dieser Städte miterlebt, das bunte Treiben in ihren Zentren, aber auch die Verlassenheit abseits in Winkeln und Gassen, wo die Besuchermassen nicht hinfinden, meistens ohne Fotoapparat, der das beschauliche Vergnügen nur gestört hätte, weil er immer zwischen uns gewesen wäre. Ich habe stattdessen viele innere Bilder auf- und mitgenommen und versuche, sie dort zu bewahren. Und wenn sie zu verblassen drohen, dann fahre ich wieder hin. Auf meiner Fahrt über die sanften Hügel, durch weite und enge Täler, durch Weinberge mit ihren fast wie mit dem Lineal gezeichneten Rebzeilen, mitten durch Gärten, Felder und Haine mit unzähligen Olivenbäumen, deren Blätter die Landschaften mit einem silbernen Glanz überziehen, vorbei an goldgelben Getreidefeldern, durch Wälder aus Eichen, Kastanien, Buchen und Pinien, deren Kronen sich manchmal über der Straße schließen und diese in verdunkelte Hohlwege verwandeln, ist meine Leidenschaft für die Toskana entbrannt. Stimmungsvolle, alte, ursprüngliche Landhäuser aus Natursteinen sind über das offene Land verstreut. Lanzenförmig stehen Zypressen vereinzelt auf freiem Feld oder säumen Wege und Straßen. Da sind Mauern aus längst vergangenen Zeiten, die   Altstädte einschließen, um sie vor unserer heutigen urbanen, oft kalten ökonomischen Architektur zu schützen. Wenn eine solche Mauer mir dann sogar erlaubt, sie zu besteigen und auf ihr die Stadt zu umwandern und Blicke in die Stadt, die sie einhüllt, zu werfen, dann ist das eine Begegnung mit allen Sinnen. Auf einmal taucht aus dem Dunkel des dichten und hohen Waldes ein Kloster auf, andere Abteien stehen wieder einsam in der offenen Landschaft, wieder andere abgelegen auf einem Hügel oder gar einem Felsen. Immer wieder führt mich mein innerer Reiseführer über kurvenreiche Straßen an Orte, deren tiefe Ausblicke mich nur noch staunen lassen und anhalten zum Verweilen, Gehen, Schauen, Fühlen, Atmen. Ich genieße die kulinarischen Köstlichkeiten der Toskana und dazu den Wein, der aus der Rebsorte gekeltert wird, die wie keine andere die Toskana ihre Heimat nennen darf: Sangiovese bringt in verschiedenen Klonen große und größte Rotweine hervor, die mir nicht einfach gemacht, sondern komponiert scheinen und deren Noten und Töne ich mit meinen Augen, mit meiner Nase und meinem Gaumen wie eine Partitur zu „lesen“ versuche. 

    Oft schon ist mir die Wahl schwergefallen, wovon ich mehr beeindruckt sein darf, von der Gaumenfreude auf dem Teller, dem Wein in meinem Glas oder dem stimmungsvollen Platz auf einer Terrasse im Schatten hoher Bäume mit einem herrlichen Blick in die Weite der toskanischen Landschaft. Verstreut über die gesamte Toskana sind da noch ganz besondere Plätze, die für mich über alle Leidenschaft an dieser Region hinweg noch einmal eine ganz außergewöhnliche Bedeutung bekommen haben, sodass ich diese Orte immer wieder aufsuche und nicht müde daran werde, zu schauen und zu erleben, was mir schon vertraut ist, aber jedes Mal noch tiefere Eindrücke hinterlässt. Als ginge eine besondere Kraft von diesen Orten aus, die oft abseits oder ganz außerhalb der frequentierten Besucherrouten liegen können, unbeachtet, bedeutungslos für Reiseführer und daher in keinem zu finden. Die Toskana, ein Land voller Gegensätze, Touristenströme wie eine Ameisenstraße über den Ponte Vecchio, verlassene, vergessene, unentdeckte Orte der Stille weit weg von den Massen. Kein Land lässt mich so die Geschichte der Vergangenheit spüren und erzählt mir so bereitwillig von dem, was einmal war. Kein Land lässt mich in eine solche Fülle von unterschiedlichen, oft gegensätzlichen Stimmungsbildern eintauchen, hervorgebracht von den Launen der Natur, dem Schaffen menschlicher Hände, dem Spiel von Sonne und Schatten, Regen und Schnee, Wind und Wellen, wie es die Toskana tut, die an manchen Plätzen der Nabel der Welt zu sein oder gewesen zu sein scheint, aber auch gesegnet ist mit solchen, die als verlassenes Ende der Welt erscheinen.

 

© Josef Gredler