Josef Gredler

27  Eine Insel, festgehalten von der Toskana

 

   Wenn man an der breiten Hafenpromenade von Porto Santo Stefano vorbei an den meist unzähligen Yachten und Motorbooten entlang spaziert und seinen Blick meerwärts richtet, besteht kein Zweifel, dass man sich auf einer Insel befindet. Zur Rechten zieht sich die Festlandküste der Maremma hin, bis sie sich im Dunst der noch heißen spätsommerlichen Luft verliert, und im Westen sieht man unweit die kleinere Insel Giglio, die man von hier aus leicht und gut mit der Fähre erreicht. Diese Insel, auf der wir gerade unsere ersten Schritte setzen und die wir in diesen ersten Septembertagen erkunden wollen, nennt sich nicht „Isola“, sondern „Monte“, also nicht Insel, sondern Berg, „Monte Argentario“ – ihr richtiger und vollständiger Name. „Argentario“ verdankt sie wahrscheinlich einer alten römischen Familie, der sie als Entschädigung für ein Darlehen an den römischen Staat zum Zwecke des zweiten punischen Krieges gegen die aufstrebende Macht Karthagos überlassen worden war. Das Darlehen, das Geld mögen wohl Silbermünzen gewesen sein, weshalb man Geldverleiher damals als „Argentarii“ bezeichnete. Den Namen Monte, Berg rechtfertigt die Insel dadurch, dass sie nur im Nordosten einen schmalen Küstenstreifen für die Straße lässt, ansonsten oft steil, sogar senkrecht über Felsen zum Meer hin abfällt und an der höchsten Stelle über sechshundert Meter aus dem Meer ragt, was sie angesichts ihrer Größe von kaum sechzig Quadratkilometern tatsächlich wie einen Berg aussehen lässt. Wer den Weg dort hinauf zu Fuß oder mit dem Mountainbike nimmt, wird oben am Namen Monte keine Zweifel mehr haben.

   Wenn man auf der „strada provinciale del convento“ durch den Wald und weitgehend im Schatten den wirklichen Berg dort hinauffährt, auf halbem Weg beim „Convento dei Frati Passionisti“, dem Kloster der Passionistenpatres, oder nach einem Dreiviertel der Wegstrecke, aber dann schon mehr in der Sonne, beim Hinweisschild „Croce Monumentale“ anhält und auf der Schotterstraße zwischen Sträuchern hindurch zur hoch aufragenden und weithin sichtbaren kreuzförmigen Metallkonstruktion gelangt und seinen Blick nach Osten, dem Festland zu richtet, wird man entdecken, dass diese Insel ja gar keine Insel ist. Drei fast zehn Kilometer lange Nehrungen oder Dämme scheinen diese Insel wie riesige Taue am Festland anzubinden, als wollten sie diese festhalten, damit sie der Toskana nicht enteilen kann. Der Fluss Albegna hat über viele Jahrhunderte so viel Sand angeschwemmt, dass sich diese Landzungen gebildet haben, die das Festland schließlich mit der Insel verbunden haben, sodass diese jetzt nur mehr eine „penisola“, eine Halbinsel ist. Einstmals, in der Antike, war sie aber tatsächlich eine Insel, allseits vom Tyrenischen Meer umspült und wahrscheinlich von Etruskern besiedelt. Und wenn man einen Blick auf die Landkarte wirft, dabei die Augen etwas zukneift, damit der Küstenverlauf sich abrundet, dann hat der Monte Argentario tatsächlich die Form eines Eilandes, besser gesagt, hätte er, wenn da nicht diese drei Verbindungen mit dem Festland wären.

   Wenn man auf der nördlichen Landzunge, dem „Tombolo della Giannella“ vom Festland zum Monte Argentario fährt, merkt man gar nicht, dass man sich nur auf einem Damm befindet. Man bekommt das Meer, wenn man nicht anhält und durch den Pinienwald den Strand aufsucht, gar nicht zu Gesicht. Der Eindruck der Straße, die schnurgerade über den Damm verläuft und damit den Anschein erweckt, als wollte sie die Leute nur auf dem kürzesten und schnellsten Weg hinüberbringen, täuscht. Der ganze Tombolo della Giannella ist nordseitig, zum Meer hin, eine beliebte und belebte Sandküste, lagunenseitig jedoch fast durchgehend, nur mit Unterbrechungen von einem schützenden Schilfgürtel gesäumt. Während Touristen eher die Strandbäder mit ihren bereitgestellten Liegestühlen und Sonnenschirmen bevorzugen, stellen Einheimische ihre Autos lieber an den Parkplätzen unter den Pinien neben der Straße ab und nehmen einen der ausgetretenen Pfade zwischen den Bäumen, um dahinter an den freien Stränden ihr Meeresvergnügen zu finden, manchmal mit der ganzen Familie und dem Hund noch dazu. Hier fehlen natürlich die Sonnenschirme und Liegestühle und der Strand wird nicht jeden Tag, wenn überhaupt, gereinigt, sodass viel Holz und gelegentlich auch Plastikflaschen oder sonstiger Unrat angeschwemmt werden. Dafür bezahlt man keinen Eintritt, muss allerdings auch auf Toiletteanlagen verzichten. In Ermangelung solcher  verschwindet man für derlei Bedürfnisse zwischen den Bäumen und Sträuchern. Bars oder Bagnos  tragen das Ihre zum leiblichen Wohl derer bei, die sich da am Strand vergnügen. Wer länger hier Erholung sucht, den nehmen auch ein „campeggio“, Champingplatz oder eines der Hotels oder ein ganzes Feriendorf gerne auf. Hierher kommt man nicht nur, um möglichst schnell auf der anderen Seite zu sein. Von diesem Tombolo gilt auch, der Weg ist das Ziel.

   Die südliche Nehrung, der „Tombolo di Feniglia“, darf gottlob nicht mit Kraftahrzeugen befahren werden, sie ist weitgehend wild bzw. naturbelassen, eine „riserva naturale“, ein Naturschutzgebiet, das man nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad durchqueren darf. Auch wenn man kein Wildschwein oder Damwild zu Gesicht bekommt, taucht man in eine tiefe, schattige, erholsame Ruhe ein. Die vielen Autos, die trotzdem in das Naturschutzgebiet einzufahren scheinen, müssen schon eingangs auf einem der vielen Abstellplätze im Wald parken. Aber ihre Insassen suchen ja nicht die naturgeschützte Zone auf, sondern das Strandbad, dessen feiner Sand sich bis nach Porto Ercole hinzieht. Zwischen diesen beiden Verbindungen der Insel mit dem Festland befindet sich noch der „spiedo“, der „Spieß“ von Orbetello, der mit seiner Spitze das andere Ufer allerdings nicht ganz erreicht hat, sodass man ihn mit einem schmalen aufgeschütteten Damm verlängern musste, damit die Straße auch hier an das andere Ufer gelangt. Diese mittlere Landzunge ist der Stadt Orbetello vorbehalten, die sich sehr in die Länge ziehen darf, dafür aber schmal machen muss. Dieser „spiedo“ teilt die  naturgeschützte Lagune zwischen den beiden Dämmen im Norden und Süden. Hier findet man keine Badestrände, denn die Lagune, deren seichtes Wasser halb salzig, halb süß ist, ist nicht für das menschliche Vergnügen oder der unmittelbaren menschlichen Nutzung bestimmt, sondern ist geschützter Lebensraum für alles, was dort „kreucht und fleucht“ und schwimmend sich im Wasser tummelt, der Mensch ausgenommen, der muss auf Distanz bleiben, und das ist gut so. Der Mensch ist, wie wir leider wissen, nur in Ausnahmefällen wirklich ein Naturschützer.

   Mir scheint der Monte Argentario wie Janus zwei Gesichter zu haben. Das eine, das zum Festland schaut, scheint sehr einladend, wirkt anziehend und lockt die Menschen. Und tatsächlich spielt sich auf dieser Nordostseite zwischen Porto Santo Stefano und Porto Ercole das Leben der Insel, pardon, der Halbinsel ab. Die Menschen sind dem einladenden Blick gefolgt und hierher gekommen und füllen die Straßen, Plätze, Promenaden, Bars, Hotels und Strände. Die Verbindung dieser beiden Hafenstädte gleicht einer Ameisenstraße, die nur in der Nacht zur Ruhe kommt, wenn sich die „Ameisen“ in ihren Bau zurückziehen. Aber sowohl in Porto Santo Stefano als auch in Porto Ercole ist dann auf einmal Schluss mit der Straße, fast so ein bisschen wie das Ende der Welt scheint gekommen. Jenes Gesicht, das ins offene Meer hinaus schaut, wirkt abweisend, nahezu schroff, als wollte es die Menschen fernhalten –  und das nicht ohne Erfolg. So scheint der Süden und Westen der Insel menschenleer und unzugänglich, aber dieser Schein trügt, zumindest ein wenig. Eine Umrundung mit dem Auto ist auf der unwegsamen Straße ein kleines Abenteuer und nicht ratsam, mit dem Fahrrad ist sie zwar anstrengend, aber die Mühe wird mit vielen außergewöhnlichen Eindrücken belohnt. Nach und nach kann ich auch diese bewohnten, versteckten oder zumindest gut getarnten idyllischen Flecken entdecken. Hier ließen sich vortrefflich Ferien vom Ich machen. Der Monte Argentario hat wirklich zwei Gesichter, wir lernen sie beide kennen. Dass sein abweisendes Gesicht so viel Charme hat, kann man denen schwer erklären, die es nicht gesehen haben. Denen, die es kennen, braucht man es nicht mehr erklären. Für einige Kilometer ist die kurvenreiche, ansteigende und dann wieder jäh abfallende asphaltierte Straße unterbrochen und nur durch einen steinigen, felsigen, löchrigen Weg ersetzt. Und man möchte es kaum glauben und traut seinen Augen nicht: Es begegnet einem doch immer wieder ein Auto, wenn auch nur im Schritttempo. Schließlich haben wir die Erklärung dafür gefunden. Auch wenn die Insel im Süden und Westen immer wieder auf steilen, manchmal senkrechten Felsen abfällt, haben sich dazwischen Buchten gebildet, die mit Sand angeschwemmt worden sind. Dort haben sich vermögende Privatiers ein Domizil oder Geschäftsleute ihre Residenz oder gar ein Hotel geschaffen. Den Betuchten ist auch der unwegsame Westen nicht verschlossen geblieben, sie haben sich vom abweisenden Gesicht nicht abschrecken lassen und die paradiesgleichen kleinen Winkel und Oasen entdeckt.

   Als wir kilometerlang, den unzähligen Schlaglöchern ausweichend endlich am Monte Telegrafo – genau 564 Meter zeigt der Höhenmesser – mit seinen hohen Sendeanlagen, nomen est omen, angekommen sind, erwartet uns auf dem schottrigen Parkplatz vorerst nicht die erwartete Aussicht, weil uns dichter Baum- und Buschbestand daran hindern. Das ist in der Toskana allerdings nichts Ungewöhnliches, dass man auf der höchsten Erhebung eben nichts als Bäume sieht. Als wir zwischen diesen eine Lücke und einen kleinen Felsvorsprung nach Südwesten mit Meeresblick finden und auf eine naturbelassene Landschaft zu unseren Füßen hinunterschauen, erscheint dieser Teil der Insel wirklich wild und unbewohnt. Keine sichtbaren Spuren von Besiedlung und Tourismus. Zwischen den weichen Landschaftsformationen, die mit Bäumen und Macchie bedeckt sind, haben sich tiefe Klüfte eingegraben. Der Dunst der spätsommerlichen Hitze erschwert den weiten Blick über das Meer, aber wir können noch die kleine Insel Giannutri sehen.

   Als Porto Ercole endlich in Sichtweite ist, wird der beschwerliche Weg wieder von der asphaltierten Straße abgelöst. In einer der zahlreichen Bars am Hafen suchen wir etwas Rast und Erfrischung. Porto Ercole ist kleiner und heimeliger als Porto Santo Stefano am anderen Ende, teilt aber mit diesem das Schicksal, unten am Meer nicht ausreichend Platz zu haben, sodass die Häuser auf die steilen Hänge hinauf ausweichen müssen. Majestätisch schaut die Rocca im Süden herunter auf den Hafen. Dort oben muss sich ein herrlicher Ausblick bieten. Der Weg über die vielen Stufen der Altstadt scheint dann aber umsonst gewesen zu sein. Wir stehen vor verschlossenen Gittertoren. Über einen Umweg erreichen wir die Rückseite dieses Landvorsprunges und gelangen auf einer bequemen asphaltierten ansteigenden Straße an einer ausgedehnten Befestigungsanlage vorbei zum äußersten und höchsten Punkt. Auch diese Anlage ist durch ein breites Gitter verschlossen. Ob sie ein Teil der mächtigen und weitläufigen Rocca Spagnola oder eine eigenständige Befestigungsanlage ist, lässt sich für uns nicht ausmachen. Sie ist jedenfalls, dieser Teil zumindest, in Privatbesitz und wir können nicht hinein. Wir begnügen uns mit dem Ausblick über das Meer, aber dieser macht fast drei Viertel einer vollständigen Drehung aus und bringt die Augen zu großem Staunen. Schließlich hat uns der Hafen wieder, wo viele Boote zum Verleih bereit stehen, mit und ohne Steuermann. Es müsste ein besonderes Erlebnis sein, den Monte Argentario auf dem Meer zu umrunden und zu bestaunen. Umrunden ist zu viel verlangt, denn in Porto Ercole und Porto Santo Stefano ist Schluss, am Tombolo di Giannella und am Tombolo die Feniglia ist Endstation.

   Anderntags sind wir am Abend wieder in Porto Santo Stefano und suchen ein ganz bestimmtes, uns von einem Argentario und Barbesitzer empfohlenes Fischrestaurant. Auch Pizza wird auf der Hafenpromenade immer wieder angeboten, aber die gibt es auf der ganzen Welt. Uns ist nach einem Fischgericht. Endlich haben wir unser Fischrestaurant gefunden, nahe am Meer, sodass wir die sanften Wellen ans Ufer schwappen hören und gleichzeitig dem Kellner zuschauen, wie er kunstvoll den Fisch filetiert, der dann einfach „delizioso“, köstlich und „squisito“, erlesen schmeckt. Auf dem Weg zum Auto, es ist jetzt schon dunkel, begleiten uns die vielen Lichter aus den Häusern am Abhang der Stadt.

 

© Josef Gredler