Josef Gredler

25  Jerusalem in der Toskana

 

   Der März neigt sich dem Ende zu. Der Kamm des nördlichen Apennin ist noch mit Schnee bedeckt. Meine Frau und ich sitzen fünfzig Kilometer weiter im Süden auf einer Bank zwischen zwei ausgewachsenen, hohen Föhren und genießen die wärmende Frühlingssonne, die von keiner einzigen noch so kleinen Wolke dabei behindert wird. Nur der kühle Wind, der immer wieder in die Bäume fährt und auch unsere Bank nicht  verschont, hindert uns daran, die Sonne ganz zu genießen. Wir sitzen nicht zufällig hier, sondern haben unserem „Navi“ – in der Toskana für uns unverzichtbar – das Ziel „San Vivaldo Firenze“ vorgegeben. Besondere Orte haben meistens auch ihre ganz besondere Geschichte.  An diesem Ort sind nun über achthundert Jahre nach seinem „Gründer“ wir angekommen.

   Kurz vor oder bald nach dem Jahr 1300 hat sich hier der franziskanische Mönch Vivaldo Stricchi, ein „fratello“, ein Ordensbruder aus San Gimignano in die Einsamkeit und Stille des dichten Waldes auf dieser Anhöhe zurückgezogen, der damals nicht so einladend und heimelig sich dargeboten hat wie heute. Er war wild, fast undurchdringlich, sogar etwas unheimlich. Aber genau das mag wohl der Grund gewesen sein, dass Vivaldo sich gerade für diesen Ort entschieden hat. Er wollte in einem Leben der Entsagung und des Gebetes sich mehr von dieser Welt lösen und Gott näher kommen. Dazu soll er sogar den dicken Stamm einer riesigen Kastanie ausgehöhlt haben, dass er darin einen Ort des Gebetes und der geistlichen Betrachtung finden konnte, so lange, bis man ihn eines Tages tot darin aufgefunden hat. Dieser Baum soll nur einen Steinwurf von unserer Bank entfernt gestanden sein. Heute sind an der Stelle dieses Baumes in einem kleinen Holzschrein sterbliche Überreste, Reliquien des Heiligen aufbewahrt – in der „chiesa del convento“, der Klosterkirche, aus der wir gerade gekommen sind.

   Tiefer Friede und heilige Stille liegen über diesem Areal. Man hört nichts, nur der Gesang der Vögel in den verschiedensten Tonlagen, Lautstärken und Melodien erfüllt den Wald. Es gibt Laute, die der Stille ganz nah, mit ihr verwandt sind. Deutlich hört man von irgendwoher einen Vogel, dem die Gabe des Gesanges nicht geschenkt ist. Es ist eher ein Krächzen, das sich aber ebenfalls in die Stille dieses Ortes und dieser Stunde einfügt.intergrund einen Vogel, dem die Gabe des Gesangs nicht gegeben istHintergrundHintergrnd ein Auf einmal, es ist punkt Zwölf, Zeit zum Angelus, beginnen die Glocken des Kirchturms zu schlagen, aber nicht in gewohnter Weise, sondern sie vereinen sich zur Melodie eines ganz vertrauten italienischen Kirchenliedes, das Gottesdienstbesucher auch in der Toskana mit frommer Inbrunst so gerne hinausschmettern. Wie ein Ohrenwurm hat es sich auch in unseren Gehörgängen eingenistet, sodass wir es gelegentlich vor uns hinsummen.

   Ein „fratello francescano“, ein Franziskanerbruder überquert gerade die „piazzale“, den kleinen Platz vor der Kirche, den Oleandersträucher vom angrenzenden Wald trennen. Auf den von der Sonne erwärmten Backsteinen, die den Boden  bedecken, haben sich Katzen genüsslich zur Mittagsruhe gelegt. Sie sind wohl klösterliche Mitbewohner, jedenfalls scheinen sie den Fratello in seiner braunen Kutte gut zu kennen. Die herzlichen Worte, die sie abbekommen,  scheinen ihrem Schlummer gut zu tun. Auch wir wählen den Weg in das „ristorante“, das sich im Klostertrakt befindet.  Dort haben sich insgesamt drei Mönche zum Mittagstisch eingefunden. Weil eine eigene Klosterküche für diese wirklich zu viel Aufwand wäre, werden sie im Ristorante mitversorgt. Sie sind bescheiden, eine typisch italienische Pasta ist ihr Mittagessen, das sie nach einem gemeinsamen Tischgebet schweigend einnehmen. Eine Flasche Chianti steht noch auf dem Tisch, aus der sie sich aber nur ein Glas einschenken. Wir haben uns für das Menü entschieden, das uns die „signora cameriera“, die freundliche Kellnerin empfohlen hat, und dazu ein Glas „vino della casa“, erst vom weißen, dann vom roten. Alles schmeckt hervorragend unter diesem stimmungsvollen Gewölbe. Die drei Mönche und wir sind heute leider die einzigen Gäste. Die wirklich ausgezeichnete Küche hätte sich mehr Gäste verdient.

   Aber weder das Ristorante noch die Kirche mit den Reliquen des Heiligen, auch nicht die gemütliche Bank in der Sonne sind der eigentliche Grund, warum wir heute hierhergekommen sind. Nahe dem Kloster befinden sich im Wald verstreut, aber ganz nah beieinander viele kleine einzelne Kapellen. Und hinter jeder Tür dieser Kapellen sollen sich herrliche Terrakottafiguren aus dem 16. Jahrhundert befinden, die meisten von der berühmten florentinischen Bildhauerfamilie Della Robbia. Sie stellen eindrucksvoll vor allem das Leiden und Sterben Jesu dar. Endlich kommt einer der drei Mönche – der, der keine Kutte trägt – und öffnet die „bigletteria“. Niemand muss Schlange stehen – das muss man nur noch an der Kasse des „supermercato“ oder vor den Uffizien oder vor dem Eingang eines der großen Dome in Florenz, Siena oder Pisa. Zu abgelegen und zu wenig bekannt ist dieser Ort. Um dreieinhalb Euro pro Person führt der Mönch uns und noch eine Besucherin aus Süditalien bereitwillig von Kapelle zu Kapelle, sperrt jede Tür auf, sodass wir die wirklich einzigartigen Kunstwerke dahinter nachdenklich betrachten können. Zusammen bilden sie einen Zyklus aus dem Leben Jesu, vor allem stellen sie seinen Leidensweg dar, seine letzten Tage in Jerusalem. In den Bewegungen des Fratello ist so etwas wie ein heiliger Eifer. Die Darstellung in jeder Kapelle erklärt er auf eine Weise, als wäre er selber in dieses Geschehen involviert. Und er freut sich über jede Frage, die ihm die Möglichkeit gibt, noch tiefer in die dargestellten Szenen einzudringen. Aber wie ist es überhaupt zu dieser einzigartigen Ansammlung von ursprünglich über dreißig Kapellen, heute sind es noch siebzehn, gekommen?

   Pilgerreisen ins Heilige Land waren zur damaligen Zeit nur ganz wenigen möglich, eine Reise dorthin erforderte viel Zeit und war mit vielen Beschwerlichkeiten und mitunter auch mit hohen Kosten verbunden. Die meisten, die sich das wünschten, mussten sich Zeit ihres Lebens mit dem bloßen Wunsch begnügen. Damals, im 16. Jahrhundert, kam noch hinzu, dass Pilgerreisen zu den Heiligen Stätten in Palästina und insbesondere in die Heilige Stadt Jerusalem auch ob ihrer Gefahr – Palästina befand sich unter türkischer Herrschaft – kaum mehr möglich waren. So sollte der fromme Pilgerwunsch hier auf dem Heiligen Berg erfüllt werden können. Bruder Tommaso von Florenz ließ dazu die Heiligen Stätten Palästinas im verkleinerten Maßstab rekonstruieren, er holte sozusagen Jerusalem hierher. Und tatsächlich nennt man diesen Heiligen Berg auch das „Jerusalem der Toskana“. So konnten fromme Leute zu den „Heiligen Stätten“  nach San Vivaldo pilgern, statt nach Jerusalem reisen zu müssen.  Eine „via crucis“, ein Kreuzweg mit vierzehn Stationen sollte den Pilgern die Möglichkeit geben, den Leidensweg Jesu wie auf der Via Dolorosa in Jerusalem in frommer Betrachtung zu begehen.

   Nachdenklich fahren wir den Heiligen Berg hinunter Richtung Montaione und jetzt sitze ich in unserem kleinen Appartement irgendwo im Valdinievole unweit vom Arno und versuche niederzuschreiben, was ich erlebt habe und immer noch in mir spüre.

 

© Josef Gredler