Josef Gredler

22  In zwei Minuten zurück ins 14. Jahrhundert

 

   Wenn ich auf der Landkarte der Toskana, über der ich schon unzählige Stunden gesessen bin, Ausschau halte nach den vielen Orten, die wir noch aufsuchen möchten oder schon aufgesucht haben, und von Florenz eine Luftlinie in das Hügelland im Südwesten ziehe, dann befindet sich dort in vierzig Kilometer Entfernung, wo das kleine Rinnsal Agliena in die Elsa mündet, auf einem Hügel, umgeben von Weizenfeldern und Olivenhainen, das Städtchen Certaldo, genauer Certaldo Alto, das Certaldo oben. Wie so oft in der Toskana liegt oben auf einem Hügel oder Abhang die historische Siedlung und unten die sogenannte Neustadt. Dieser Hügel soll schon vor den Etruskern besiedelt worden sein, gut vorstellbar, wenn man ihn schon einmal gesehen hat. Wer unten ankommt und auf der zentralen Piazza einen freien Platz für sein Auto sucht, wird sich verwundert fragen, was denn da wert sei, hierherzukommen. Verkehrslärm erfüllt die Piazza, die wenig Einladendes an sich hat. In ihrer Mitte erhebt sich über den ganzen Platz sichtbar auf einem hohen Sockel ein überlebensgroßes Standbild, unter dem beim Nähertreten „Giovanni Boccaccio“ zu lesen ist.

   Aber dieses Certaldo, das sich hier unten ausbreitet, ist nicht unser Ziel, unser Certaldo ist oben auf dem Hügel Certaldo Alto. Die Bewohner unten nennen es meist nur „Castello" – oben konnten seinerzeit Menschen nur im Schutz einer befestigten Burg in Sicherheit leben. Natürlich könnten wir von der Via Roma auch zu Fuß hinaufgehen mit aussichtsreichen Ausblicken auf die Umgebung, aber wir entscheiden uns nicht aus Bequemlichkeit für die „funicolare“, die Standseilbahn, in der wir unten am Rande der Piazza im 21. Jahrhundert wie in eine Kabine einsteigen, den Lärm, die Hektik und die Abgase zurücklassend, um uns auf eine Zeitreise von mehr als sechshundert Jahren in die Vergangenheit zu begeben. Schon werden die Türen geschlossen und die Kabine setzt sich in Bewegung, das Rad der Zeit beginnt sich zurückzudrehen. Certaldo Basso unter uns wird zunehmend kleiner, der Lärm der Baumaschinen leiser, das Gesichtsfeld weiter. Kaum losgefahren bleibt die Kabine wieder stehen, ihre Türen öffnen sich und wir sind im Jahr 1375 angekommen – Giovanni Boccaccio verstirbt in Certaldo. Es gilt als ziemlich sicher, dass der berühmteste Sohn dieser Stadt das Licht der Welt  1313 aber nicht hier oben, sondern in Florenz erblickt hat.

   Wir steigen aus und scheinen uns tatsächlich im 14. Jahrhundert zu befinden. Wir haben auf unseren Streifzügen durch die Toskana keinen Ort entdeckt, in dem das Mittelalter so wirklichkeitsnah erhalten geblieben oder wiederhergestellt worden ist. Es scheint, als befänden wir uns in einem Freilichtmuseum: Stadtmauer, Castello, Palazzi, Türme, Zinnen, Tore, Brunnen… alles, was zu einer mittelalterlichen Stadt gehört. Nur eine Bar, die einmal zum Castello gehört hat und aus der jetzt laut Saxophonmusik zu hören ist, erinnert uns, dass wir das Jahr zweitausendund… schreiben. Auch der Kellner, der eilig hin und her rennt, verrät sich an seiner Kleidung.  Nach wenigen Schritten stehen wir am Anfang einer langen schnurgeraden Straße, die Certaldo Alto messerscharf in zwei Hälften zu teilen scheint und direkt zu einem mit Zinnen gekrönten Palazzo führt. Auch wenn man so wie wir erstmals hier oben ist, spürt man, dass man hier den Lebensnerv dieses „borgo medioevale“, dieser befestigten mittelalterlichen Ansiedlung getroffen hat. Zu beiden Seiten säumen Backsteinfassaden die Straße, die den Eindruck erweckt, als hätte man eine Piazza mit außerirdischen Kräften so weit in die Länge gezogen, dass sie wie eine Symmetrieachse den ganzen Borgo durchzieht, mit Terrakottaziegeln belegt. Man hat dieser Straße lange nach dem Tod des Meisters den berühmtesten Namen verliehen, den diese Stadt zu vergeben hatte: Via Boccaccio. 

   Giovanni Boccaccio, Dichter und Humanist, Freund Petrarcas, ist hier oben immer und überall  gegenwärtig. Auch eine Enoteca in dieser Straße trägt seinen Namen. Zur Rechten öffnet sich alsbald die Piazza Santissima Annunziata, die aber seltsamerweise zu keinem einzigen bedeutsamen Gebäude Zutritt gewährt, wie das eine Piazza sonst zu tun pflegt. Nur der Palazzo Gianozzi wendet eine schmale, eingangslose Seite dieser Piazza zu, die nie zu einer solchen bestimmt war, sondern früher ein Garten war. Solche kleine Gärten innerhalb der Stadtmauern waren im Fall einer Belagerung lebenswichtig und sollten die Leute vor dem Verhungern bewahren. Dieser Palazzo zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich, weil er als einziges Gebäude in dieser Straße eine verputzte Fassade hat. In seinem Erdgeschoss befinden sich kunsthandwerkliche Geschäfte für Keramik, Gravierungen und alten Buchdruck, auch ein Museum mit Werken eines verstorbenen Künstlers dieser Stadt. Zur Linken erreichen wir bald das Haus Nummer 18, die Casa del Boccaccio, in der dieser seinen letzten Lebensabschnitt verbrachte und die heute als Museum und Ort für Ausstellungen und andere kulturelle Veranstaltungen voll Ehrerbietung an den großen Adoptivsohn dieser Stadt erinnert.  Man wäre gar nicht sonderlich überrascht, würde Boccaccio jetzt höchstpersönlich aus dem Haus kommen und zielstrebig die nach ihm benannte Straße entlang eilen mit einem seiner Werke unter dem Arm, an dem er gerade arbeitet. Ihn und sein literarisches Schaffen ehrt die Stadt alljährlich mit der Vergabe des  „Premio letterario Boccaccio“, des Boccaccio-Literaturpreises.

   Wir sind noch nicht am Ende dieser Straße angelangt, da öffnet sich zur Linken eine „piazetta“, eine kleine Piazza, von der wir durch eine schmucklose, ganz gewöhnlich überdachte Tür, Portal darf man sie nicht nennen, in das Innere der Kirche „Santi Jacopo e Filippo“ gelangen, das bis zur Decke ganz aus Backsteinen besteht. Hier befinden sich die sterblichen Überreste des Dichters. Im Mittelgang ist eine große Platte aus weißem Marmor in den Boden eingelassen mit einem überlebensgroßen Relief des Dichters und jenen vier Versen darunter, die dieser für sein Grab schon zu Lebzeiten selber geschrieben hat. Seine Büste an der Wand scheint sein eigenes Grab – Oder ist nur ein Kenotaph? – zu bewachen. In dieser Kirche befinden sich in einem Schrein auch die sterblichen Überreste einer Frau, die zur selben Zeit hier in der Stadt gelebt hat, die aber gleichsam der Kontrapunkt zu Boccaccio ist. Anstatt wie der Dichter sich ganz dieser Welt hinzugeben, entsagte sie dieser und verbrachte ihr Leben in einer engen Zelle nebst ihrer Kirche in heiliger Gottergebenheit. Während Boccaccio zu großer weltweiter Berühmtheit gelangte, kennt und verehrt man die Beata Giulia, die Selige Julia außerhalb Certaldos kaum. Den beiden wunderschönen Tabernakeln links und rechts vom Hauptaltar, Werke eines Sprosses der berühmten fiorentinischen Bildhauerfamilie Della Robbia, wäre sie sicher mehr zugetan als Boccaccio. Eine Bar seines Namens bietet im Freien auf der westlichen, Gott sei Dank schattigen Straßenseite neben einem malerischen, mit Blumen geschmückten runden Brunnen eine gute Gelegenheit, unseren historischen Spaziergang zu unterbrechen.

   So wie dieses Certaldo Alto hat man damals Städte gebaut. Hier in dieser zu einer Straße gedehnten Piazza spielte sich das Leben ab. Auch wenn die Stadt auf diesem Hügel nach über sechshundert Jahren verklärende Züge einer Poesie angenommen hat, kann man dahinter die Wahrheit erkennen, dass das Leben hier oben auch hart, entbehrungsreich und bedroht und dass Certaldo Alto nie ganz frei und unabhängig war. Aber nirgendwo war man mehr bestrebt, das mittelalterliche Stadtbild zu erhalten oder wieder herzustellen, als hier. Es ist natürlich nicht unversehrt geblieben. Der Schein trügt doch ein wenig. Nicht jede Restaurierung hat den ursprünglichen Zustand wieder hergestellt. Das bestätigt uns auch ein in die Jahre gekommener, an der Geschichte seiner Stadt sehr interessierter und darin kundiger Bewohner des „Castello“, der am Nebentisch als Stammgast Platz genommen hat und mit dem wir uns auf ein kleines Gespräch über unseren Besuch heute hier in seiner Stadt einlassen. Von ihm erfahren wir, dass das Certaldo hier oben im Gegensatz zum Certaldo unten, das im Zweiten Weltkrieg vom Bombardement der Alliierten fast vollständig zerstört worden ist, etwas glimpflicher davongekommen ist. Er kommt täglich hierher, um ein wenig plaudern zu können oder einfach nur zu schauen, was sich alles tut in dieser Straße.

   Es sind nur noch wenige Schritte, da stehen wir schließlich am Ende der Straße vor dem Palazzo Pretorio mit dem Turm an seiner linken Seite. Fast jeder toskanische „centro storico“ nennt einen solchen Palazzo sein eigen. Ohne einen solchen Palazzo Pretorio, oder wie er sonst noch ähnlich betitelt wird, ist man keine „città“. Er ist der Ort, wo das Leben einer Stadt bestimmt wurde. Von der Loggia dieses Palazzo, zwölf Steinstufen führen hinauf, wurden die Gesetze des Fiorentiner Statthalters oder Landvogtes verkündet und nach Verstößen wurde hier auch Recht gesprochen. Für die Delinquenten befanden sich nach dem Urteilsspruch in diesem Amtsgebäude auch gleich die notwendigen Gefängniszellen. Das waren eben mittelalterliche Zeiten. Die Uhr auf dem auffallend weißen Ziffernblatt oben am Turm unter der Glocke zeigt auf halb eins.

   Nach rechts findet die Via Boccaccio jetzt in der Via del Revellino ihre Fortsetzung. In der Rangordnung der Straßen muss die Via del Rivellino, die älteste Straße hier heroben, der jüngeren Via Boccaccio den Vortritt lassen und tatsächlich werden die Gebäude jetzt kleiner, aber mit ihren kleinen Gärten erscheint die Straße sehr malerisch. Aus dem Kloster und dem Kreuzgang neben der Kirche ist ein Restaurant geworden.  Durch den ehemaligen Innenhof des Klosters gelangen wir über ein paar Stufen zu einer Loggia ähnlichen antiken Veranda, sie könnte Teil des einstigen Kreuzganges gewesen sein, und nehmen an einem der äußersten freien Tische Platz, den uns der Kellner zuweist, und erfreuen uns an dem Ausblick nach Norden ins Aglienaflusstal. Wir genießen, was wir essen, trinken, sehen und erleben. Certaldo Alto hat für die Toskana und diese Region zahlreiche typische kulinarische Köstlichkeiten zu bieten, allerdings dem Geschmack und Auge des 21. Jahrhunderts angepasst. Es gibt hier oben eine Reihe empfehlenswerter gastronomischer Adressen. Kein Zweifel, wir sitzen an einem besonderen Ort und erleben eine besondere Stunde. Wir gehen danach Richtung Porta al Rivellino weiter, durch die wir im Süden die hohen Geschlechtertürme von San Gimignano im Dunst der Sommerhitze in den Himmel ragen sehen. Wir setzen unsere Rundwanderung innerhalb der Stadtmauer fort und gelangen in die Via Valdracca, wo Certaldo Alto das Mittelalter am besten bewahrt zu haben scheint. Durch die „Porta al Sole“, das Tor zur Sonne  erreichen wir außerhalb der Stadtmauer das andere Ende der Piazza Annunziata, überqueren diese und biegen in die Via della Rena ein, die sich mit einer Reihe edler Häuser schmückt. Am Ende der Straße wartet die Kabine des Schrägaufzuges, die uns wieder zurückbringt in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts.

   Da sind wir wieder, auf der zentralen Piazza von Certaldo Basso. Boccaccio steht noch immer da, wo er am Morgen gestanden ist. Er hat sich nicht von der Stelle gerührt und zeigt sich völlig unbeeindruckt vom Lärm des Presslufthammers, der sich seit den Morgenstunden in seiner Nähe zu schaffen macht. Ihm zu Ehren und zur Freude vieler Schaulustigen kleiden sich Bewohner dieser Stadt einmal im Jahr in historische Kostüme und spielen bei einem Umzug durch die Stadt, vom Palazzo Pretorio bis hierher, Szenen aus seinem damals ob seiner frivolen Inhalte umstrittenen und auch angefeindeten Decamerone, von dem er sich später dann wieder distanziert haben soll, ob freiwillig oder unter Druck, lässt sich heute nicht mehr mit Gewissheit klären. Hier in dieser Stadt im Val d’Elsa dreht sich vieles, fast alles um Boccaccio und würde diese Stadt nicht schon Certaldo heißen, könnte ihr Name nur „Città del Boccaccio“ sein.

 

© Josef Gredler