Josef Gredler

21  Über den Monte Albano

 

   Ich sitze in einer Bank im hohen romanischen Langschiff des Domes von Pistoia, bewundere die ungewöhnlich bunt bemalte, freie Holzdecke, überlasse mich der sakralen Stille und hülle mich auch ein wenig in die sanfte Dunkelheit. Vorne, in der Sakramentskapelle, links vom Hochaltar leuchtet rot das „Ewige Licht“, das diesen Raum über das Irdische erhebt. Draußen blendet mich dann das Licht der Sonne, in das die Piazza del Duomo inzwischen getaucht ist. Wir überqueren dieses mächtige Viereck und steuern der Piazza della Sala zu, deren prallgefüllte Obst- und Gemüsestände einem Wettstreit der Farben gleichen. Noch ein Espresso in einer Bar und dann verlassen wir die Stadt durch das Straßengewirr und enteilen den vielen Kreuzungen, Ampeln und hupenden Autos Richtung Süden.

   Die Randerscheinungen der Stadt, die unvermeidlichen Gewerbe- und Industrieareale abgeschüttelt, erhebt sich vor uns die sanfte Hügelkette des Monte Albano, nur etwas mehr als fünfhundert Meter das Tal des Arno überragend, und lässt sich von der Sonne streicheln, friedlich sich ausbreitend, obwohl sie einst grausamer Schauplatz der um ihre Vorherrschaft ringenden Städte Florenz und Lucca war. Wie kann man so unberührt von seiner Schönheit sein, dass man ein Schlachtfeld daraus macht? Die Medici, der Gewalt sonst ebenfalls nicht abgeneigt, suchten hier Entspannung. Das tun wir jetzt ja auch auf irgendeine Weise. Großherzögen hat der Monte Albano als Jagdrevier gedient, Jagdschein brauchen wir keinen. Wir haben heute wie des Öfteren kein bestimmtes Ziel, sondern lassen diesen Flecken der Toskana einfach auf uns zukommen. Die Straße steigt allmählich an, in unzähligen Windungen ihren Weg durch das üppige Grün der Abhänge suchend. Aber grün ist nicht gleich grün. Zwischen dem silberfarbenen Grün der Oliven und dem dunklen, fast schwarzen Grün der Zypressen gibt es unzählige Nuancen, in denen diese Hügelkette voll Lebenskraft erscheint. Dazwischen einzelne kleine bunte Punkte von gelb bis rot, wie vom Maler mit dem Pinsel ins Bild gesetzt. Es sind verstreute, einzelne Häuser, kleine Villen, die sich da zwischen den Bäumen und Sträuchern fast verstecken.

   In einer Rechtskurve wird der Blick noch einmal nach unten frei bis nach Pistoia. Der Schwerverkehr ist gottlob unten geblieben. Er hat wohl keinen Grund, hier herauf zu fahren, oder er wählt sich eine andere Route, die schneller zum Ziel führt. Laster würden mit ihrem Lärm und Gestank den Zauber dieser Landschaft unerträglich stören. Aber ich bin mir bewusst, dass auch unser Pkw nicht Lebenselixier versprüht, sondern hinten schädliche Abgase zurücklässt. Ich würde es nicht wagen, zum bloßen Vergnügen jeden Tag hier herauf zu fahren. Das heute ist doch ein wenig eine Ausnahme, die ein schlechtes Gewissen verhindern und die innere Freude nicht trüben soll. Zur Entschuldigung fallen mir die vielen Kilometer und langen Wegstrecken ein, die wir zu Fuß zurücklegen und so den Boden der Toskana unter unseren Füßen spüren. Gott sei Dank hält sich der Verkehr überhaupt zurück, und die Autos, die sich über diese Hügellandschaft nach Süden bewegen, müssen sich schon Zeit lassen, mehr als fünfzig Stundenkilometer sind selten erlaubt und oftmals nicht einmal diese möglich. Jede Kurve, jede sanfte Windung eröffnet einen neuen Ausblick. Bei jedem Richtungswechsel erscheint ein neues Bild, als hätte sich ein Fotograf bemüht, den Betrachter mit den schönsten Bildmontagen zu beeindrucken. Was uns betrifft, ist ihm das mehr als gelungen. Wir müssen immer wieder anhalten, um den Augen mehr Zeit für das paradiesische Szenario der Natur zu geben. Wir haben den Kamm des Hügels schon überschritten, da wird der Blick nach Süden frei, der keine Grenze findet, sondern sich in der Ferne im Dunst der sommerlichen Hitze verliert.

   Wie die Straße sanft sich windend ihren Weg  auf der einen Seite herauf genommen hat, ebenso so sanft abfallend schlängelt sie sich jetzt kaum merklich auf der anderen dem Arno zugewandten Seite wieder abwärts. Sie ist behutsam mit uns, mahnt jedoch ständig zu rücksichtsvoller Geschwindigkeit. Ich bin folgsam, wir haben viel Zeit, genug Zeit mitgenommen. Es wäre ein Sakrileg, hier unnötig das Gaspedal zu treten und pietätlos dahinzurasen. Kilometerweit begleiten uns zu beiden Seiten silbernglänzend Olivenbäume. Hier ganz in der Nähe wird auch das Olio di Oliva extra Vergine gepresst, dessen Früchte aus einem ganz abgelegenen Olivenhain weiter nördlich stammen und das seit vielen Jahren unverzichtbar zu unserem Speiseplan zu Hause gehört. Es schmeckt nicht nur köstlich, sondern lässt immer wieder toskanische Erinnerungen aufkommen. Schließlich taucht ein blauer Richtungsweiser „Vinci" auf. Wer von Norden kommend über den Monte Albano fährt, bei Gott kein Passübergang, der findet sich in Vinci wieder oder muss zumindest daran vorbei. Bei allem Respekt vor Leonardo da Vinci, diesem großen Genie aus der Toskana, er ist heute nicht der Grund für diese Fahrt durch diese anmutige, gleichermaßen bezaubernde wie verzaubernde Hügellandschaft, für mich die schönste Panoramastraße der nördlichen Toskana.

   Aber meine Bewunderung für Leonardo da Vinci, meine Ehrfurcht vor einem der ganz Großen der Menschheitsgeschichte führt mich jetzt doch in das Museum im Castello. Sieben Euro pro Person, wenig für so viel Möglichkeit zum Staunen, wenn ich jetzt seine Genieblitze aufleuchten sehe und in den Vitrinen seine Erfindungen bewundere und mir vorstelle, dass... Aber heute hat es das Genie aus Vinci schwer, mich mehr zu beeindrucken, als es der ihn umgebenden Natur so unwiderstehlich gelingt. So steige ich die schmalen, steilen Stiegen zur Aussichtsterrasse des Castello hinauf. Entgegenkommende müssen in einer Ecke oder Nische warten, auch hier ist Eile unangebracht. Schließlich habe ich den Höhepunkt – im doppelten Sinn –  dieses Tages erreicht: ein Panoramablick, 360 Grad Toskana.

 

© Josef Gredler