Josef Gredler

20  Malerisches Fischerstädtchen oder verlockendes Badeparadies?

 

    In den ersten Jahren unserer erwachten Leidenschaft für die Toskana sind wir nie ans Meer gefahren, haben nie die Küste gesucht, die immerhin über dreihundert Kilometer lang ist. Berufsbedingt konnten wir immer nur im Hochsommer auf Urlaub fahren, und da waren die Strände meist zum Bersten voll. Man musste sich um seinen Platz, ein paar Quadratmeter nur, schon bemühen, ihn auch immer wieder behaupten, fast verteidigen und für jedes Badevergnügen sich jedes Mal neu den Weg zum Meer zwischen die menschlichen Körper hindurch bahnen, die da zu Tausenden mit ihren Badeutensilien die Strände bedeckten und sich wie Robben dicht aneinander drängten. Für die Kinder waren das Meer und die flachen Sandstrände ein vergnüglicher Spielplatz und wir haben mit kindlicher Freude mitgespielt, eine Sandburg gebaut, Wasser in die gezogenen Gräben und Kanäle fließen lassen, mit der Luftmatratze den Wellen getrotzt oder uns gegenseitig in ritterlicher Manier abzuwerfen versucht, aber immer in sicherer Ufernähe. Als dann die inzwischen fast erwachsenen Kinder sich selber ihre Urlaubsziele auswählten und uns Eltern nicht mehr als ihre Begleiter benötigten und auch nicht mehr wollten, blieben wir dem Meer fern und entfernten  uns auch innerlich von Strand und Wellen. Erst später haben wir die toskanische Küste als faszinierende Naturlandschaft erleben und lieben gelernt, als wir begonnen haben, sie außerhalb der Badesaison aufzusuchen, wie zum Beispiel heute. Die Scharen der meerhungrigen Badegäste werden erst in einigen Wochen kommen, um den Strand zu bevölkern.

    Wir sitzen auf der Terrasse einer kleinen, stimmungsvollen Osteria in Castiglione della Pescaia, nahe am Meer, sodass wir den leichten Wellengang beobachten können, den der erste Frühlingswind aufkommen lässt. Das Blau des Himmels wechselt sich mit den weißen Wolkenfeldern ab und je nach dem wirft die Sonne ihre Strahlen auf den Strand und die Wellen, die sich im Rhythmus des Windes auf das Ufer zu bewegen, oder sie verbirgt sich vorübergehend hinter ein paar Wolken.  Für eine halbe Stunde ziehen sich die Wolken dann über uns zusammen und entladen sich in einem zwischenzeitlichen, recht ergiebigen Regen, vor dem uns die Überdachung der Terrasse schützt, die ansonsten die intensiven Sonnenstrahlen abhalten soll.  Der Strand ist noch leer, aber gerade deshalb zieht er unsere Blicke auf sich. Das Meer lädt noch nicht zum Schwimmen ein, weder mit noch ohne Luftmatratze. Sechzehn Grad hat das Wasser, den Leuten verständlicherweise doch zu wenig. Der Kellner bringt gerade die Dorade, die wir bestellt haben. Ein Fischgericht soll nicht nur dem Namen des Ortes die Ehre erweisen, sondern hier in diesem Fischerstädtchen am Meer ist uns tatsächlich nach einem Fischgericht, zumal es nicht nur für den Gaumen zubereitet ist. Nach einer „bistecca“ haben wir jetzt und hier am Meer und in Anbetracht des Schauspiels von Wind und Wellen kein Verlangen. Zwei Gläser trockener Vermentino, dessen Reben an dieser Küste kultiviert werden, ein paar Kilometer weiter nördlich bei Bolgheri, stehen schon auf dem Tisch. Nur die Musik, die aus einem Lautsprecher aus dem Inneren der Osteria ertönt, passt so gar nicht zur Stimmung dieser Stunde und dieses Ortes, ansonsten ist alles „perfetto“. Nachdem wir vorzüglich gegessen und nicht wenig dafür bezahlt haben, machen wir uns auf den Weg, dieses Fischerdorf oder malerische Städtchen – da sind wir uns noch ganz sicher – zu erkunden. Wie heißt es doch? Nach dem Essen sollst du ruh’n oder tausend Schritte tun! Tausend Schritte werden bei weitem nicht reichen, es werden schon mehrere tausend werden, bis wir unseren Entdeckungshunger gestillt haben.

    Wir gehen den Fischerhafen entlang, die meisten Kutter liegen vor Anker, der Hafen gehört noch ganz den Möwen, wir überqueren die Brücke über die Bruna und gelangen auf einer schmalen Straße über den Damm zu einem noch kleinen, erhaltenen Rest des ehemaligen Sumpfgebietes. Ein kurzer, schmaler Schilfgürtelstreifen erinnert noch an das ehemalige Sumpfgebiete. Im Museum der Casa Rossa Ximenes werden uns auf Monitoren  Flora und Fauna der Umgebung vorgestellt und die Arbeiten demonstriert,  wie die Sümpfe trockengelegt wurden. Von hier aus sind auch Exkursionen mit dem Boot möglich. Die gepflegten Standpromenaden erlauben in beide Richtungen ausgedehnte, erholsame Spaziergänge zwischen den noch leeren Sandstränden und dem langen, schmalen Piniengürtel. Der Wind hat inzwischen völlig aufgehört, das Meer ist ganz zur Ruhe gekommen. Nur unsere Schritte sind zu hören, sonst nur Stille. Im Sommer ist hier sicher die Hölle los, doch menschenleer ist Castiglione auch jetzt nicht. Aber ein wenig verträumt wirkt es schon um diese Jahreszeit. Immer wieder begegnen uns ein paar Leute, die möglicherweise aus demselben Grund hier sind wie wir. Auch sie scheinen beeindruckt, entspannt, ganz dem Schauen und Erleben hingegeben. Vielleicht hat man da oder dort den touristischen Erwartungen ein klein wenig zu viel Tribut gezollt, aber man hat sich nicht verkauft.

    Unter den unzähligen Badeorten an der toskanischen Küste ist Castiglione della Pescaia – Castiglione gibt es mehrere in der Toskana – weder der größte, noch der bedeutendste, aber gewiss der schönste, mit seinem Charme alle anderen übertreffend. Ein Juwel an der Küste der nördlichen Maremma, wo die Bruna, zu beiden Seiten von Pinienwäldern eingefasst, zur Lagune wird, ehe sie im Meer verschwindet. Zur Hochsaison werden die siebentausend Castiglionesi zur Minderheit in ihrer malerischen Stadt. Ist diese nun ein Fischerstädtchen oder ein Badeparadies? Wenn man die Frage allein an der Zahl der Gäste misst, die hierher kommen und die Strände bevölkern werden, ist die Frage schon entschieden. Wenn wir aber am Fischerhafen stehen und sehen, wie täglich die Fischerboote und Fischkutter anlegen und die Stadt und ihre Gäste mit frischen Meeresfrüchten versorgen, dann sehen, hören und riechen wir, wie sehr der Fischfang diese Stadt noch prägt und wie wichtig er immer noch ist. Dabei hat der Fischfang hier gar keine so lange Tradition. Im neunzehnten Jahrhundert erst hatten sich die ersten Fischer hier angesiedelt und fuhren hinaus. Vorher war die Landschaft wie die ganze Küste der Maremma eine unbewohnbare, ganz unwirtliche Sumpflandschaft und konnte erst spät, um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, trockengelegt und damit nutzbar, bewohnbar gemacht werden. Zur Zeit der Etrusker war das Gebiet südöstlich der Flussmündung von einem Salzsee bedeckt. Das Badevergnügen hat hier in Castiglione della Pescaia die Fischerei nicht verdrängt. Der Fischfang verhindert umgekehrt das Badevergnügen nicht. Hier ist so etwas wie eine Symbiose von beidem gelungen oder zumindest eine friedliche Koexistenz. Wenn man am Strand nach Norden und Süden blickt, sieht man weit und breit keine Industrieanlagen. Im Jahre 2005 wurden diese weiten Sandstrände von der italienischen Umweltschutzorganisation als die saubersten Italiens ausgezeichnet. Sauberes Wasser wollen die Badenden ebenso wie die Fische, die darin leben sollen.

    Wir verlassen den Badeort und den Fischerhafen und gehen über steile Gassen und Treppen nach oben in die mittelalterliche Altstadt. Kein Auto stört hier den Eindruck der Vergangenheit. Kein Mensch begegnet uns. Entweder sind die Leute nicht zu Hause oder sie ziehen es vor, in ihren Häusern zu bleiben. Wenn wir uns nicht umdrehen würden, um immer wieder den Ausblick nach unten zu suchen, nichts würde uns in der romantischen, mittelalterlichen Oberstadt verraten, in einem Badeort oder einem Fischerstädtchen zu sein. Hier oben haben beide keine Spuren hinterlassen. Kaum von der Küste entfernt, erinnert nichts mehr an sie. Aus den Augen, aus dem Sinn.

    Jetzt haben wir die mittelalterliche Rocca Aragonese erreicht, eine mittelalterliche Festung, die auf dem Poggio Petriccio thront. Im 12. Jahrhundert von der Seefahrerrepublik Pisa errichtet, herrschte sie durch drei Jahrhunderte über den Hafen unten. Heute ist sie ein unverzichtbarer Teil der Ansicht, sei es von Norden oder Süden oder draußen vom Meer. Die Postkarten vor jeder „edicola“, jedem Zeitungskiosk bestätigen das in zahllosen Ansichten. Leider kann man die Rocca nicht besichtigen, sie ist vollständig in privatem Besitz. So sind uns nur neugierige Blicke auf das Äußere möglich und der Versuch zu erahnen, was sich hinter den Mauern verbergen könnte. Auch uns, obwohl in derlei Überlegungen wenig geübt, leuchtet ein, dass hier der strategisch beste Platz gewesen sein muss, um drohende Gefahren früh genüg zu erkennen und abzuwehren. Von der Aussichtsterrasse unterhalb des bewohnten Turmes sehen wir bis zum Monte Argentario. Hier verabschieden wir uns für heute von einer der lieblichsten Städte der toskanischen Küste und nehmen eine Fülle innerer Bilder und Eindrücke mit, die wir in unserer Erinnerung immer wieder gerne zum Leben erwecken werden.

 

© Josef Gredler