Josef Gredler

19  Kilometerweit am leeren Sandstrand entlang

 

   Wenn wir jemandem sagen würden, dass wir heute – wir schreiben genau den 21. März – ans Meer fahren, nach Marina di Grosseto in der Maremma, der würde uns wohl etwas verwundert anschauen, ohne uns zu sagen, was er sich denkt. Aber wir meinen es ernst, von Grosseto noch zwölf Kilometer Richtung Küste. Marina di Grosseto, eine weite Bucht am Tyrrhenischen Meer, ein breiter, flacher sandiger Küstenstreifen  zwischen der Mündung des Ombrone im Süden und dem Fischerdorf Castiglione della Pescaia im Norden. An die zehn Kilometer ist dieser breite Sandstreifen lang, im Sommer ein Eldorado für Zigtausende von Badegästen, die sich nicht nur bester Wasserqualität erfreuen, sondern auch die fast zu großzügige Infrastruktur genießen. Für uns und noch ein Dutzend um diese Zeit, laut Kalender Ende des Winters und Frühlingsbeginn, ein Paradies zum stundenlangen Wandern am Meer, dessen Oberfläche im leichten Wind nur sanfte Wellen aufkommen lässt, die sich kaum hörbar dem Ufer zu bewegen und dort am flachen Strand lautlos ihr Ende nehmen und im feuchten Sand ihre dunklen Spuren hinterlassen.

   In einigen Monaten würden wir vergeblich zwischen Tausenden von Sonnenschirmen und Liegen, die in Reih und Glied angeordnet sind, unseren Weg bahnen. Ganz zu schweigen davon, dass uns bei mehr als dreißig Grad im Schatten, den es hier übrigens gar nicht gibt, unser Wandern mehr eine Bußübung denn ein erholsames Vergnügen wäre. Jetzt ist die Lufttemperatur ideal, um die sechzehn Grad, während es gestern in Montalcino noch frostige null Grad hatte. Vor der Sonne brauchen wir uns jetzt nicht zu schützen, ihre vorsichtig wärmenden Strahlen streicheln sanft das Gesicht. Die frische Meeresluft, der weiche, aber doch trittfeste feine Sand unter den Füßen sind ideale Voraussetzungen zu einer solch ausgedehnten Strandwanderung. Fast zehn Kilometer in eine Richtung. Der Blick zu den perlenartig wie an einer Schnur entlang der Uferstraße aufgefädelten Bars, Eisdielen und Cafes, die jetzt natürlich geschlossen sind, bietet nicht wirklich Sehenswertes. Dahinter stehen die großen Hotelanlagen wie kommerzbestimmte Kolosse in der Landschaft, ohne Stil und Flair. Aber der Blick nach vorne, dem sich schier endlos dahin ziehenden Sandstrand, zum Meer auf der einen Seite und zum Piniengürtel auf der anderen, ist wie Balsam für unsere Seele. Die Tourismuspfade sind jetzt noch menschenleer, außer einigen Bauarbeitern, die für den Sommer rüsten. Aber wir gehen, wandern, laufen ungehindert nach Herzenslust dort, wo dies in ein paar Monaten völlig undenkbar wäre, am Strand der Pineta del Tombolo. Nicht nur den Beinen gewähren wir Auslauf, auch Geist und Sinne haben freien Lauf. Ganz da hinten, zum Meer hin abfallend, in unserer Blickrichtung, das muss Castiglione della Pescaia sein, aber dazwischen fast zehn Kilometer reines Strandvergnügen im zügigen Schritt, der unseren Kreislauf belebt. Nach einer Stunde, der aus dem Boden gestampfte Badeort liegt längst hinter uns, wandern wir nur noch zwischen Meer und Pinien, die nun näher zusammengerückt sind, keine Menschenseele sonst zu sehen. Wie herrlich das Meer doch ist um diese Zeit. Wer nur um dessen Badefreuden weiß, der kennt das Meer nicht wirklich. Das recht steil zum Meer abfallende Fischerdorf Castiglione rückt immer näher, einzelne Häuser werden schon sichtbar,  ebenso die Maste angelegter Segelyachten. Wir kehren nicht sofort um, sondern bleiben Ausschau haltend stehen, nur unsere Augen bewegen sich. Das Herz saugt alle Eindrücke auf, trunken von Meer, Luft, Himmel, Sonne, Stille, Sand und Pinien.

   Auf dem Weg zurück, Richtung Ombronemündung, erleben wir das dasselbe Uferpanorama seitenverkehrt, nur der Hintergrund ist ein anderer, der verliert sich gegen Süden ganz in der flachen Mündungslandschaft. Wir sind schon mehr als drei Stunden unterwegs und verspüren den Hunger des Mittags, der durch die frische Luft und die Bewegung noch zusätzlich angeregt worden ist. Wir machen uns auf die Suche, die sich zu dieser Jahreszeit einigermaßen schwierig gestaltet. Der Badeort ist noch wie ausgestorben. Wir gehen die Uferstraße entlang, aber wir suchen vergeblich, alles geschlossen. Immer wieder bedeckt Sand fast kniehoch die  Straße. Da muss ein ganz außergewöhnlicher Sturm für eine richtige Überschwemmung gesorgt haben. Da oder dort sehen wir hinter den Fensterscheiben Arbeiter, um notwendige Reparaturen oder bauliche Adaptierungen vorzunehmen. Der angeschwemmte Sand kommt später dran. Wir probieren unser Glück in der Parallelstraße dahinter, der Misserfolg ist der nämliche. Da wird uns bewusst, hier wohnt ja niemand, hierher kommen die einen, um einen Badeurlaub zu verbringen, und die anderen, um mit diesen Urlaubern ihr Geld zu verdienen. Wenn für beide die Rechnung in Zufriedenheit aufgeht, dann ist es ja gut. Wir werden auch in dieser Straße nicht fündig und begeben uns in der landeinwärts nächsten Parallelstraße auf die Suche. Parallel ist schon das richtige Wort, denn die Häuser hier, Hotelanlagen und Appartements mit Bars und Trattorien zu ebener Erde, sind alle in einer phantasielosen Reihe angeordnet, fast mit dem Lineal gezeichnet. Grosseto di Marina ist ein aus dem Boden gestampfter Badeort, ausschließlich zum Urlauben bzw. um die Wünsche und Bedürfnisse der Urlauber zu erfüllen. Aber wohnen, das tut hier niemand. Wie eine Geisterstadt, wenn die Dreharbeiten für den Film vorbei sind. Vor mehr als hundert Jahren war diese Gegend weder zum Wohnen, noch zum Baden, auch nicht zum Wandern geeignet. Die Sümpfe hätten alles verhindert, das Klima war in höchstem Maße gesundheitsschädlich, Malaria…  Aber nach der Trockenlegung der Sümpfe haben Fischer begonnen, sich hier anzusiedeln. Inzwischen sind die Sümpfe weg, aber die Fischer auch, an ihrer Stelle liegen Touristen zu Tausenden am Strand, mit Sonnenschirm und Liege.  Da, wir trauen unseren Augen nicht, ist eine Bar tatsächlich geöffnet. Wir haben keine Wahl, wir gehen hinein, nehmen Platz und sind zu unserer Überraschung nicht die einzigen. Hinter der Theke steht ein überaus freundliches Fräulein, das mit natürlicher Herzlichkeit unsere  Bestellung entgegennimmt. Wir sind ganz überrascht. Gut, freundlich, gemütlich und nicht zu teuer.

   Für uns ist klar, wir sind lieber Ende März hier als in den Sommermonaten. Aber damit gehören wir zu der Minderheit von vielleicht jener Handvoll Menschen, denen wir heute insgesamt am Stand begegnet sind. Die Umweltschützer haben sich mächtig zur Wehr gesetzt, um diese massive Verbauung der Naturlandschaft in der Maremma zu verhindern. Sie haben, hier zumindest, diesen Kampf verloren. Wenn alle so wären wie wir, gäbe es diese Hotels, Ferienwohnungen, Bars und Restaurants in dieser Form und Zahl nicht. Marina di Grosseto, 21. März, 16 Grad, nur ganz leichter Wind, viel Sonne, nur ein paar Wolken, herrlicher Strand, war die lange Anfahrt wert.

 

© Josef Gredler