Josef Gredler

16  Mystifikation eines erloschenen Vulkans

 

    Unser erster Aufenthalt in der Toskana hatte mehr sachliche Gründe und war vorerst frei von jener Leidenschaft, die uns später mit ihr verbinden sollte. Ich wollte  mich auf einem Weingut im Chianti Classico umsehen und  erleben, wie guter Wein gemacht wird. Dass daraus eine so tiefe Beziehung zu dieser Region hinter dem nördlichen Apennin werden sollte, war damals noch nicht vorherzusehen. Aber weil ich nicht dauernd zwischen den Rebzeilen der Weinberge auf- und nieder- und zwischen den Holzfässern und Stahltanks im Weinkeller hin- und hergehen konnte, haben wir begonnen, zur Abwechslung die Umgebung zu erkunden. Dabei wurde die Neugier in uns immer mehr geweckt und der Radius unserer Wanderungen und Erkundungsfahrten wurde zunehmend größer. Und eines Tages standen wir zwanzig Kilometer nordöstlich von Siena im Hof des Castello di Brolio und schauten erstmals nicht nur mit den Augen, sondern mit Leib und Seele nach Süden über die Hügel vor uns in das Land hinein, nicht genau wissend, wohin wir tatsächlich blickten. Immer weiter tasteten sich unsere Augen vor, bis sie schließlich jene Linie erreichten, wo der Himmel das Land zu berühren schien, denn so deutlich war diese Begrenzung nicht auszumachen. Ist das noch ein Hügel, die Silhouette einer Stadt oder in der heißen Luft des Hochsommers ein Gemisch aus Wolkenfetzen und Dunstschwaden? Aber da hinten, ganz im äußersten Süden ragte so ein Kegel wie ein Dreieck in den Himmel, der mich ob seiner Höhe doch etwas neugierig machte. Das war kein Hügel mehr, sondern schon ein Berg, so einer, wie ich ihn als Kind immer mit meinen Farbstiften gemalt hatte, wie ein Dreieck, das in den Himmel ragt und von der Sonne überstrahlt wird.

    Aber was für ein Berg sollte das sein? Da musste mir die Landkarte weiterhelfen, die ich jetzt aus meinem Rucksack nahm und mit meiner ganzen Erfahrung im Kartenlesen bemühte. Das musste der Monte Amiata sein, an die sechzig Kilometer von uns entfernt, von dem ich zwar schon einmal gehört hatte, ohne jedoch mehr von ihm zu wissen, als dass er die höchste Erhebung der südlichen Toskana ist. Ab jetzt hörte ich viel aufmerksamer auf jedes Wort und nahm jede geschriebene Zeile über den Monte Amiata viel bewusster auf und versuchte, Gehörtes und Gelesenes  mir entweder zu merken oder mit ein paar Notizen festzuhalten. Der Entschluss stand fest, den Monte Amiata einmal ganz aus der Nähe zu erleben und von seinem höchsten Punkt in die toskanische Weite und darüber hinaus zu schauen, so weit das Auge reicht. Bis es so weit war, sollten allerdings noch ein paar Jahre vergehen. Denn zwischen dem Monte Amiata und unserem Urlaubsdomizil lagen noch so viele andere Ziele, die wir erreichen und entdecken wollten. Aber schließlich war die Zeit gekommen, den Monte Amiata, der  in meiner Seele seit dem ersten Anblick vom Castello di Brolio aus sich schon so festgemacht hatte, unmittelbar zu erleben. Dazu hatten wir in seiner Nähe ein Domizil inmitten eines ausgedehnten Olivenhains ausgewählt, vom dem aus wir nach Süden blickend ihn, den Monte Amiata, direkt vor uns hatten, sogar ein mächtiges Kreuz ganz oben ausmachen konnten.

    Ich will mich nicht gleich auf den Berg stürzen, hinauf fahren oder gehen, ich will ihn nicht bloß anschauen, bestaunen, begehen, ich möchte ihn spüren und dazu muss ich mich ihm langsam nähern, am besten den Berg zuerst einmal auf der Panoramastraße, der „strada provinciale“ 160 umfahren, die sich wie eine Schnur in lockeren Windungen um den Berg legt und dabei die an seinem Fuße hingebetteten Städtchen oder Dörfer gleichsam auffädelt und miteinander verbindet. Dazu fahren wir ausgehend von Seggiano südwärts nach Castel del Piano, weiter nach Arcidosso und Santa Fiora und schließlich nach Abbaddia San Salvatore, die alle dem Monte Amiata zu Füßen liegen und wie einen Gürtel umschließen. Jeder Ort lädt uns zu einem kurzen Verweilen auf der zentralen mittelalterlich anmutenden, meist etwas langgestreckten Piazza ein. Immer wieder begegnen wir einem Straßenschild, das auf eine mögliche Auffahrt zum Monte Amiata hinweist. Es ist, als ob jede Stadt, jedes Dorf hier sich bewusst wäre, Teil dieses Monte Amiata zu sein, und deshalb schon amiatinische Stimmung verströmt. Es besteht kein Zweifel, der Berg beginnt schon hier unten und tatsächlich bezeichnet Monte Amiata nicht nur den Berg, sondern auch die ganze Region zu seinen Füßen, die zusammen eine Fläche von fast tausend Quadratkilometern bedeckt. Die großen touristischen Massen sind hier nicht mehr anzutreffen, wir begegnen fast nur denen, die hier zu Hause sind und den Monte Amiata ihren Berg nennen. Besiedlung und üppige Vegetation sind so ineinander verschlungen, dass einzelne Häuser schwer auszumachen sind. Den Monte Amiata bekommen wir bei unserer Umrundung aber nur ganz selten zu Gesicht, Bäume verstellen uns den Blick. So einladend die Sonne ist, so abweisend ist heute der kühle Wind, als wollte er uns auf die Probe stellen, ob wir es tatsächlich ernst meinen mit unserem Wunsch, dem Monte Amiata so nahe zu kommen. Wir umrunden ihn nicht in einer tief gelegenen Talsohle, sondern befinden uns schon zu Beginn unserer Rundfahrt auf einer für hiesige Verhältnisse stattlichen Höhe von über fünfhundert Metern, gewinnen und verlieren immer wieder an Höhe, obwohl diese Panoramastraße insgesamt schon ansteigt und sogar die achthundert Meter überschreitet, hoch für toskanische Verhältnisse und dafür, dass wir nur wenig mehr als fünfzig Kilometer vom Meer entfernt sind. Endlich haben wir  nach mehr als dreißig Kilometern Abbadia San Salvatore, die größte Siedlung am Monte Amiata erreicht, in der das Leben entlang der Durchfahrtsstraße pulsiert wie der Lebenssaft in der Aorta. Wir zwängen unser Auto in eine der seltenen freien Parklücken dieser Durchfahrtsstraße, vertreten uns ein wenig die Füße und versuchen dabei, das Flair dieser Stadt einzuatmen. Sobald wir die Hauptstraße verlassen und in eine Seitengasse eintauchen, wird es auf einmal still, kein Verkehr, kein Lärm, das Leben senkt plötzlich seinen Puls. Wieder zurück im Auto folgen wir nun der Hinweistafel „Monte Amiata“.

    Wir fahren bei Sonnenschein und kühlen acht Grad auf der  „strada provinciale“ 81a den Monte Amiata hinauf. Kurz wird der Blick frei auf den Gipfel, dann tauchen wir wieder ein in den Wald, dessen Bäume immer nur wenige Meter von einander entfernt sind, und fahren die vielen Serpentinen zwischen dichten, hohen Kastanien hinauf zur "vetta", so nennen die Leute zu seinen Füßen den Gipfel des Monte Amiata. Ausgedehnte Kastanienhaine bedecken großflächig seine Abhänge, sie werden bewirtschaftet und deshalb auch gepflegt, man sieht es ihnen an. Ganz unten findet man noch zahlreiche Steineichen. Weiter oben mischen sich immer mehr Buchen zu den Kastanien, bis sie diese fast ganz verdrängen. Und ganz oben tauchen zunehmend Nadelbäume auf, Fichten und Tannen. Der Monte Amiata ist ein riesiger Naturpark, ein ausgedehntes Naturschutzgebiet. Zahlreiche Wanderwege führen durch die Einsamkeit und Ruhe dieser Wälder in Erholung und Frieden. Im der Hitze des Sommers schenkt der dichte Baumbestand kühlenden Schatten. Der Berg ist mit seinen bewaldeten Abhängen ein willkommenes Naherholungsgebiet für die Menschen, die zu seinen Füßen leben. Immer wieder bieten kleine Tische und Bänke im Wald die Möglichkeit zu angenehmer Rast. Wir lassen das Refugio Amiatina, das wir inzwischen auf eintausendzweihundert Meter Höhe erreicht haben, rechts liegen, und fahren weiter Richtung Vetta, passieren nach acht Kilometern das Refugio Cantore, nehmen später eine scharfe Rechtskurve und erreichen schließlich auf einer Höhe von rund eintausendsiebenhundert Metern drei „alberghi“, Sella, La Croce und La Campania mit Namen. Hier liegt zu unserem großen Erstaunen noch Schnee, dessen Decke noch gefroren ist. Und da drüben befindet sich sogar die Talstation eines Sesselliftes, die zwar etwas vernachlässigt und veraltet aussieht und um diese Jahreszeit natürlich nicht mehr in Betrieb ist, aber dennoch für unsere Verwunderung sorgt. Dass hier Schi gefahren werden kann und wird, haben wir bis jetzt nicht geglaubt. Insgesamt sollen sich elf Liftanlagen hier oben befinden, wir zählen sie nicht. Wir lassen das Auto auf einem kleinen leeren Parkplatz stehen und folgen dem Wegweiser "paessagio pedonale per la vetta“, „Fussweg zum Gipfel", um über gefrorenen Schnee im Wald neben der ausapernden Schipiste auf den Gipfel oder sagen wir besser auf den höchsten Punkt zu gelangen. Eine Schneekanone steht verlassen mitten in der Piste, als gehörte sie gar nicht hierher oder wüsste selber nicht, was sie hier in der Toskana zu suchen hat. Alles etwas exotisch anmutend, nicht zu vergleichen mit alpenländischen Schigebieten. Ein „ristoro“ und eine Bar, zwei etwas ungepflegt erscheinende Holzbuden mit einigen vergessenen Stühlen davor zeugen an der Bergstation des Sesselliftes von den Schifahrern, die noch vor wenigen Wochen hier eingekehrt sind. Aber jetzt ist keine Menschenseele mehr hier oben anzutreffen. Der Winter ist vorbei und der Frühling noch nicht angekommen. Von den Senderanlagen lasse ich mich nicht stören, zu einleuchtend ist mir ihre Berechtigung, ja Notwendigkeit hier oben für die Menschen der südlichen Toskana. Die Laubbäume sind noch kahl um diese Jahreszeit und gewähren deshalb einen besseren Ausblick in die Umgebung als in einigen Wochen, wenn sie schon saftiges Laub ausgetrieben haben. Über und zwischen große Felsbrocken hindurch erreiche ich ein Kreuz, eine mächtige, über zwanzige Meter hohe Stahlkonstruktion, die weithin sichtbar ist. Von dessen Plattform bietet sich mir in alle Richtungen ein beeindruckender Ausblick in die weite Hügellandlandschaft der Toskana, der allein schon Grund genug ist für mich, hierher gekommen zu sein. Richtung Osten schaue ich über die Grenze der Toskana hinaus hinunter auf den Trasimenersee in Umbrien, der wie ein großer Spiegel das einstrahlende Licht der Sonne reflektiert. Die Ausstiegsplattform einer Liftanlage erlaubt mir nach Westen einen Blick über fünfzig Kilometer in die Maremma. Die Landschaft der Toskana ist mir nach so vielen Jahren zwar einigermaßen vertraut, aber dieser Blickwinkel ist auch für mich neu und lässt mich beeindruckt nach unten in die Weite schauen, sozusagen die Toskana von oben. Es ist Mitte April, die Sonne scheint und nähert sich ihrem Höchststand und es hat null Grad. In der Nacht muss Frost gewesen sein. Immer wieder muss ich vorsichtig die gefrorene Schneedecke überqueren, deren letzte Reste erst Mitte Mai verschwunden sein werden, wie mir Bewohner der Siedlungen da unten berichtet haben. Noch einmal muss ich mächtige Steinkolosse überwinden, um – wie von Wegweisern verheißen – zur „Madonna degli Scouts" zu gelangen, einem Marienstandbild aus hellem Stein, das vor über fünfzig Jahren als Wallfahrtsziel hier aufgestellt wurde, nachdem es zuvor in vielen Dörfern christgläubige Menschen zum Gebet eingeladen hatte. Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier oben stehe, aber dieser Ort lässt mich seine Einsamkeit, seine Stille, seinen Frieden, auch seine Erhabenheit spüren und hält mich fest.

    Wieder beim Auto angekommen, fahren wir noch einmal um den Gipfel herum, der eigentlich eine Kuppe ist, und alle Eindrücke sind noch ganz frisch. Es sind nicht die elf vernachlässigten Liftanliegen hier oben, die mich angezogen haben, auch nicht die paar Hotels und Gaststätten, die man hier gar nicht erwarten würde und die schon etwas veraltet und jetzt auch verlassen wirken. Es ist vor allem das, was ich mit meinen inneren Augen schauen konnte und dessen Eindrücke ich nun mitnehme. Vor einer unscheinbaren „osteria“ eines „refugio“, einer Berghütte, bleiben wir stehen und fragen den Wirt, einen freundlichen alten Mann, ob es noch etwas zu essen gebe. Wir sind die einzigen Gäste heute und auch unser Erscheinen zeichnet dem Wirt eine gewisse Überraschung in sein Gesicht. Wir wollen keine Speisekarte, er hätte auch gar keine. So zählt er mit großer Herzlichkeit auf, was er heute anzubieten hat, selbstverständlich alles frisch und hausgemacht, „alla nonna“ sozusagen. Man muss ihm glauben. Schließlich rät er uns, näher am Feuer des offenen Kamins Platz zu nehmen, denn es ist kalt draußen. Wir tun das gerne und wärmen unsere kalten Hände auf. Wenig später serviert er voll Stolz und Freude, was seine Frau inzwischen für uns zubereitet hat. Und er hat wirklich nicht zu viel versprochen, er hat wirklich Grund, stolz zu sein. Immer wieder kommt er an unseren Tisch, will wissen, woher wir sind und was uns um diese Zeit da herauf führt, und erzählt in großer herzlicher Redseligkeit von sich, vom Monte Amiata und der Jagd…  Nachdem wir bezahlt haben, verabschieden wir uns, als kennten wir einander schon lange, nicht erst seit eineinhalb Stunden. Wir versprechen, nächstes Jahr wiederzukommen und meinen es ernst.

    Auf dem Weg zurück zu unserem Domizil lassen wir die Eindrücke und Erlebnisse des Tages noch einmal an uns vorbeiziehen. Was ist es, was uns da herauf geführt hat? Es sind nicht die 1738 Meter, die diesem Berg seine Vorrangstellung einräumen. Es sind weder die Etrusker, noch die Römer und auch nicht die nachfolgenden Völker und Herrscher, die tief in diesen Berg eingedrungen sind, um seine Bodenschätze zu gewinnen. Es ist auch nicht seine vulkanische Vergangenheit; vor zweihunderttausend Jahren hat er zum letzten Mal glühendflüssiges Gestein aus dem Erdinneren ausgestoßen. Es sind nicht die Wölfe, die es hier geben soll, obwohl wir keinen zu Gesicht bekommen haben. Was erhebt den Monte Amiata in eine Mystifikation, die auch umwoben mit Fabeln und Legenden ist wie jene der Fee von Santa Fiora? Ist es die Dunkelheit des dichten Waldes, die den Menschen unheimlich gewesen ist oder sind es die Schwefelgase, die da oder dort heute noch aus dem Erdinneren  austreten und die in der Phantasie der Menschen Gestalt angenommen haben in einem Drachen, von dem man sich erzählt? Wir wissen es nicht und fahren mit diesem Geheimnis nach Hause und sind uns sicher, wir kommen wieder hierher.

 

© Josef Gredler