Josef Gredler

15  Balkon mit Blick in das Jahr 217 v. Chr.

 

    Auf einem Hügel zwischen dem Val di Chiana und dem Val d’Orcia breitet sich sechshundert Meter über dem Meeresspiegel pittoresk Montepulciano aus oder drängt sich zusammen, das bleibt dem Betrachter überlassen. Montepulciano, eine der strahlendsten Städte der südlicheren Toskana. Würden wir ihr aus entsprechender Entfernung einen leeren Bilderahmen entgegenhalten und Montepulciano in dessen Mitte rücken, wir hätten ein nahezu vollendetes toskanisches Motiv für unser Wohnzimmer zu Hause. Man könnte Montepulciano viele Beinamen verleihen, Stadt des Weines, des Vino Nobile, Stadt der Oliven, Stadt des Pecorino, des Safrans, des Honigs. Alle treffen zu. Aber wir sind heute aus einem anderen Grund dorthin unterwegs, unser Ziel ist ein Cafe bzw. der Balkon eines Cafes mit seinem ungewöhnlichen Ausblick. Wie viele andere Städte der Toskana ist auch Montepulciano von einer mittelalterlichen Mauer umgeben, die heute natürlich keine militärische Aufgabe mehr zu erfüllen hat, sondern mehr das Auge erfreut oder dem Gemüt zu Gefallen ist.

    Wo eine Stadtmauer ist, da muss es auch Tore geben, die Einlass gewähren. Durch eines dieser Tore, der schmalen Porta al Prato neben der Fortezza, bestehend aus zwei unmittelbar aufeinander folgenden Bögen, zuerst einem Rundbogen und dann einem Spitzbogen, treten wir jetzt ein in die historische Altstadt, die im Zweiten Weltkrieg nur um eine schicksalhafte Haaresbreite der völligen Zerstörung entgangen ist.  Was wäre wohl in unserem Bilderrahmen zu sehen, wäre das Schreckliche damals wirklich so geschehen, wie es schon beschlossen war? Wir gehen die enge, ansteigende Via di Gracciano nel Corso entlang, die nach wenigen Metern ihre Richtung nach halbrechts einschlägt, vorbei an Vinotheken, noch leeren Tischen auf der Straße, vorbei an kleinen Geschäften zu beiden Seiten. Für mich ist Montepulciano vor allem die Stadt des Vino Nobile, der allgegenwärtig ist auf dem „corso“ bis ganz hinauf zur Piazza Grande. Nach der Piazza Michelozzo wird die Straße, die mit Steinplatten belegt ist, noch etwas enger und auch steiler. Nach einem weiteren Torbogen heißt die Straße nur ein kurzes Stück lang klangvoll Via Roma. Wir biegen links in die Via di Voltaia nel Corso ab. Auf dem „corso“ befindet man sich auf der Hauptstraße, die sich von der „porta“ bis zum höchsten Punkt hinaufzieht. Wie in fast allen toskanischen Städten geht es entweder hinauf oder hinunter. Es ist noch früh, die Straßen sind fast leer. Die Touristen kommen später, aber genau diesen Vorteil möchten wir nützen. Da taucht  in der Via di Voltaia nel Corso bald einmal auf der linken Seite über einem Schaufenster und der Eingangstür ein schmales, langes Schild auf. Ein Schildermaler hat darauf mit Schriftzügen wie vor hundert Jahren groß „Caffè Poliziano“ geschrieben. Weil die Römer diesen Ort einst „Mons Politanus“ nannten, waren seine Bewohner eben die „poliziani“. Angelo Ambrogini, Dichter und Humanist aus dieser Stadt, nannte sich mit seinem Künstlernamen schlicht „Poliziano“, also „Montepulcianer“.

    Wir sind am Ziel und treten ein. Eine der beiden charmanten Damen hinter der Theke steht an der übergroßen Kaffeemaschine, wie man sie in vielen italienischen Bars sieht. Der Espresso oder „caffè ist wohl für die beiden Herren bestimmt, die an der Theke warten und an deren Kleidung man erkennt, sie sind auf dem Weg zur Arbeit. Das Cafe hat   eben erst geöffnet. Wir werfen einen Blick in die Vitrine mit den vielen köstlich aussehenden „dolci“, erwidern das „buongiorno“, bestellen zwei „cappucci“ oder „cappuccini“ und einige Teigtaschen zum Frühstück und streben vorbei an den kleinen runden Tischen mit den gebogenen Stühlen einer bogenförmigen Glastür zu, die auf den besagten Balkon führt. Ein paar Quadratmeter nur, vielleicht drei Meter lang und einen guten Meter breit, gerade Platz für einen länglichen ovalen Tisch mit einer marmorähnlichen Steinplatte und vier Stühlen aus weiß lackiertem Metall, ganz am schmiedeeisernen Geländer, an dem blühende rote Geranien hängen. Grüne Holzjalousien verstärken noch den fast märchenhaften Anblick dieses Balkons.  Angenehmerweise schützt eine Überdachung aus Stoff diesen nach Süden ausgerichteten Balkon vor den zu intensiven Sonnenstrahlen im Sommer. Um diese Zeit hat noch niemand besonderes Verlangen nach diesem Balkon, außer uns. Wir nehmen Platz und schauen einfach schweigend, staunend in die Landschaft vor uns oder sagen wir besser unter uns, wir befinden uns immerhin auf sechshundert Meter Höhe. Wir brauchen einige Minuten, damit sich unsere Augen einigermaßen satt sehen können. Inzwischen kommt die Bedienung und bringt uns Cappuccino und Gebäck. Wir sind noch immer wortlos in staunendem Schauen versunken. Da unten, unser  Blick geht nach Osten, das muss der Lago di Montepulciano sein und daneben der Lago di Chiusi. Und was glänzt dahinter in der frühen Sonne wie ein grell leuchtender Spiegel?

    Der Trasimenersee, gut zwanzig Kilometer von uns entfernt, ist an klaren Tagen von diesem Balkon aus gut sichtbar. Ein tiefer Friede liegt über der stillen Ebene, die einstmals eine trostlose, menschenfeindliche Sumpflandschaft war. Die Strahlen der Sonne berühren uns behutsam, nicht mit der erbarmungslosen Hitze, mit der sie in den Sommermonaten zur Mittagzeit alles Betrachten beschwerlich macht und Träume gar nicht erst aufkommen lässt. Beim Blick in diesen Spiegel fällt mir aus meiner Schulzeit die furchtbare Schlacht am Trasimenersee ein, in der 217 v. Chr. der karthagische Feldherr Hannibal die aufstrebende Macht Roms völlig überrascht, überrumpelt und vernichtend besiegt hat. Auf einmal ist der Friede dieser Stunde dahin, denn ich versinke in diesen Gedanken wie im Sumpf, der diese Ebene einst bedeckt hat. Was muss das für ein entsetzliches Geschrei gewesen sein, als Hannibals Streitmacht sich zigtausendfach unter lautem Gebrüll von den Hügeln am See herunter auf die römischen Legionen gestürzt und ihnen zu beiden Seiten des Seeufers den Ausgang versperrt hat, um die völlig überraschten, entsetzten römischen Söldner dahinzumetzeln bis zur völligen Niederlage und Auflösung. Der Gegensatz zwischen der Stille dieser Stunde und den Bildern meiner Phantasie könnte größer nicht sein. Es braucht eine Weile, bis ich beides wieder zu verbinden vermag, den See da unten mit seiner Erinnerung und die Annehmlichkeit auf diesem Balkon. Die Tasse ist leer, das Gebäck verzehrt, ich weiß nicht wie. Ein Glas Sekt soll dieser besonderen Stunde noch zusätzlichen Glanz verleihen. Es war kein gewöhnliches Cafe, die „dolci“ und der „spumante“ waren köstlich, der „cappuccino“ auch.  Wir erheben uns, gehen wieder vorbei an der stilvollen, antik anmutenden Einrichtung zur Theke –  die Bilder an den Wänden  verraten, dass auch  berühmte Persönlichkeiten hier zu Gast waren wie der große, von mir so  verehrte Federico Fellini – , bezahlen gerne etwas mehr als anderswo  und befinden uns wieder auf der Straße, auf der sich inzwischen schon unzählige Touristen von überall tummeln.

    Es gibt viele Gründe, hierher zu kommen,  der Corso ist voller Leben. Mit den Gedanken noch teilweise auf dem Balkon machen wir uns auf den Weg zum historischen und gegenwärtigen Zentrum der Stadt, wo alle Wege, Gassen und Straßen ihre Nabe finden, der Piazza Grande. Unser Weg führt vorbei an der Chiesa del Gesù, die Tür ist offen, der heimelige quadratische Innenraum ist von drei Apsiden geprägt.  Die Stille hier herinnen wird zum wohltuenden Kontrapunkt zum inzwischen schon lauten Leben draußen vor der Tür. Nach dieser geistlichen Unterbrechung setzen wir unseren Weg zu unserem Ziel fort. Der Weg dorthin ergibt sich fast von selbst, solange man immer aufwärts geht, bis man am höchsten Punkt, der Piazza Grande, angekommen ist. Die Via del Oppio, so heißt der Corso jetzt, mündet in einem spitzen Winkel nach rechts in die Via del Theatro, die uns steil hinauf endlich zur Piazza Grande führt. Angelehnt an das geflügelte Wort, dass alle Wege nach Rom führen, kann man in Montepulciano behaupten „alle Wege führen zur Piazza Grande", so sie nach oben führen. Und wenn man sich auskennt, kann man auch die vielen Abkürzungen durch Gässchen und über Stiegen und Treppen benutzen. Ehe uns die Piazza ganz hat, besorgen wir uns auf den letzten Metern im Palazzo Contucci, dem gleichnamigen Weingut, drei Flaschen Vino Nobile di Montepulciano Riserva Jahrgang 2009. Zu Hause sollen sie uns an diese Stunden heute erinnern.

    Ich kenne keinen anderen Platz, der treffender eine Piazza zu nennen ist, als diesen. Alle Baulichkeiten mit Rang und Namen haben sich hier „eingefunden“, um in ihrer Mitte dieser einmaligen Piazza Raum zu geben, der „duomo“ mit seinen weiten, freien Stufen aus Stein und die „palazzi“ Communale, Tarugi, Contucci… mit ihren schmucken Fassaden. Übrigens, man kann auch mit dem kleinen orangefarbenen Linienbus den Corso hinauffahren bis zur Piazza Grande. Ein kleiner Schönheitsfehler wird zum besonderen unverwechselbaren Merkmal dieser Piazza, die ganz mit großen Steinplatten ausgelegt ist: Sie ist schief, sie fällt ganz leicht vom Dom Richtung Osten und gleichzeitig vom Palazzo Communale nach Süden. Der Dom ist in seiner sympathischen äußeren Kargheit – die fehlende Marmorverkleidung lässt ihn unvollendet erscheinen – den kunstvollen Fassaden der „palazzi“ nicht ebenbürtig. Wir gehen die paar Stufen hinauf, durch das einfache Portal und sind überrascht von seiner eleganten fiorentinisch beeinflussten Architektur im Inneren und einer Reihe von bedeutsamen Kunstwerken. Obwohl man in vielen Bauten – der Dom und der Palazzo Communale gehören nicht dazu – in dieser Stadt immer wieder der Renaissance begegnet, „Stadt der  Renaissance“ würde auf Montepulciano dennoch nicht zutreffen, dieses Prädikat bleibt dem benachbarten Pienza vorbehalten. Wir gehen absichtlich denselben Weg zurück, alle auf dem Weg hierher gewonnenen Eindrücke noch einmal an uns vorbeiziehen lassend, und werfen dann durch die offene Tür noch einmal einen Blick in jenes Cafe, das mittlerweile sich in eine bis auf den letzten Platz gefüllte antike „trattoria“ verwandelt hat, deren Balkon uns heute früh mit weiten Ausblicken tief in das Land hat schauen lassen und auch weit zurück in die Vergangenheit.

 

© Josef Gredler