Josef Gredler

13  Etruskischer Weitblick als atemberaubender Ausblick

 

    Hoch über der weiten Ebene des Chianatales am Fuße des  Monte San Egidio liegt auf halbem Weg zwischen Arezzo und dem Trasimenersee auf dem östlichen Abhang jener Bergkette, die das Chianatal  im Westen vom Tibertal im Osten trennt, die alte Etruskerstadt Cortona. Die Landschaft hat hier das uns bisher vertraute toskanische Aussehen abgelegt, die Rebflächen sind selten geworden, Wiesen und Äcker mit einzelnen Bäumen oder Baumgruppen dazwischen prägen die Landschaft. Das weiße Chianinarind, eine sehr alte Rinderrasse, deren Fleisch ob seiner außerordentlichen Qualität sehr begehrt ist und unter anderem für die „bistecca fiorentina“ verwendet wird, benötigt viel Grünland. Cortona ist eine der ältesten und bedeutendsten Etruskerstädte und eine der ältesten Städte der Toskana überhaupt. Schon vor der Gründung Roms gab es hier eine etruskische Siedlung, die weithin sichtbar sein und seinen Bewohnern aus Sicherheitsgründen weithin Ausblick gewähren sollte. Beide Aufgaben erfüllt das historische Cortona oben auf der Anhöhe, nicht der moderne Ortsteil unten im Tal. Sehen und gesehen werden hat aber heute ihre strategische Notwendigkeit verloren, sondern dient nur noch dem Lebensgefühl der Bewohner und dem Erleben der Besucher und Gäste, von wo auch immer sie hierher kommen.

    Die geschichtlichen Wurzeln  verlieren sich in der Tiefe der Vergangenheit der Tatsachen und Legenden. Wenn wir heute fast drei Jahrtausende später Cortona besuchen, dann sind die Etrusker immer noch spürbar in diesem großartigen Ausblick, den wir heute ihrem damaligen strategischen Weitblick verdanken, der heute bis zum Monte Amiata oder weit hinein nach Umbrien reicht. Fast ein halbes Jahrtausend hat sich diese berechnende Absicht der Etrusker bewährt. Dann mussten sie dem aufstrebenden römischen Imperium ihre Souveränität abtreten. Zum bescheiden Lohn dafür ist Cortona in die Schriften antiker römischer Geschichtsschreiber und Dichter eingegangen. Es vergingen wiederum fast tausend Jahre, dann fielen die Goten ein. Lange nach ihnen wollten Arezzo, Florenz und Siena im Wettstreit sich der Stadt bemächtigen. Wo drei sich streiten, freut sich ein Vierter. Das war, wenn auch nur für zwei Jahre, das Königreich Neapel. Dann geriet Cortona unter die Hoheit von Florenz und wurde schließlich dem Herzogtum Toskana einverleibt und ist mit diesem vor mehr als hundertfünfzig Jahren in  das vereinte neue Königreich Italien eingegangen.

    Sieben Tore in der Stadtmauer, zum Teil noch etruskischen Ursprungs, gewähren Zugang in die Stadt, die wie kaum eine andere in ihrem Aussehen das Mittelalter  bewahrt hat. Für gewöhnlich betritt man für Stadtbesichtigungen Cortona durch die Porta Sant’Agostino und geht dann die steile Via Guelfa hinauf. Ich bin jedoch zur Piazza Garibaldi hinaufgefahren und habe unterhalb dieser das Auto geparkt und betrete die Etruskerstadt durch die Via Nazionale, für mich der natürliche oder eigentliche Zugang, weil man durch diese, der einzig ebenen Straße des historischen Cortonas, ganz ohne Steigung direkt und fast geradeaus ins Zentrum geleitet wird. Das moderne, gesichtlose Cortona haben wir unten zurückgelassen. Wir gehen die Via Nazionale entlang, eben, eng, sodass sie unserem Gespräch eine besondere akustische Wirkung verleiht. Genau zehn Einkehrmöglichkeiten bieten sich zu beiden Seiten denen an, die nicht mehr warten wollen oder die Stadt wieder verlassen. Wer an einem der vielen Tische draußen auf der Straße Platz nimmt, um sich der Köstlichkeiten Cortonas zu erfreuen, darf sich von Passanten nicht stören lassen, die fast den Sessel streifen. Wer etwas kaufen will, soll es hier tun, hier befinden sich fast die einzigen, jedenfalls die besten Einkaufsmöglichkeiten. Immer wieder führen schmale Treppen steil nach unten, die aber den Verlauf der Via Nazionale nicht wirklich unterbrechen. „Durch diese hohle Gasse muss er kommen“ mögen sich die geschäftstüchtigen Besitzer der vielen kleinen Geschäfte und Lokale wohl gedacht haben. Und sie haben recht behalten, wie man sieht. Wir lassen uns nicht aufhalten, sondern strömen direkt der Piazza della Repubblica zu.

    Im Gegensatz zur Via Nazionale, aus der wir kommen, ist diese ganze Piazza einigermaßen abschüssig. Das eindrucksvolle Rathaus, der Palazzo Communale mit seiner breiten, freien Treppe – einladend zu ungezwungenem Niedersitzen – zieht unsere Blicke auf sich. Vor allem der Uhrturm mit seinen zwei mächtigen Zeigern auf einem großen, schon ziemlich verwitterten Ziffernblatt, die den Menschen die Stunde anzeigen, was in vergangenen Zeiten, als man noch keine persönliche Uhr besaß, sehr nützlich war. Über dem Ziffernblatt hängen wie so oft zwei Glocken, deren Klang die Menschen wissen ließ, wie viel es geschlagen hat. Abends erstrahlen diese Piazza und der eindrucksvolle Palazzo stimmungsvoll im Scheinwerferlicht. Bars, Cafes, Trattorien laden ein zu genießendem Verweilen, umgeben vom Leben und Trubel der Piazza. Eine kurze enge Gasse neben dem Palazzo verbindet – mit ein paar Schritten nur – die Piazza della Repubblica mit der fast angrenzenden Piazza Signorelli. Im September verwandeln die besten Schokoladenerzeuger Italiens diese Piazza beim Choco  Cortona für zwei Tage in eine Bühne süßer Gaumenfreuden. An den Samstagvormittagen, wenn die ganze Piazza mit Markständen übersät und mit unzähligen Menschen gefüllt ist, findet man hier nur schwer einen Platz. Natürlich braucht auch diese Piazza ihren Palazzo, den Palazzo Pretorio. In zwei Wochen, im September, findet hier der Giostro dell’Archidaio statt, bei dem die fünf (!) Stadtviertel im Wettstreit sich im Armbrustschießen messen. Die volksfestartigen Wettkämpfe der Stadtviertel vieler toskanischen Städte, bei denen alles auf den Beinen ist, was gehen und laufen kann, haben im großen Palio von Siena ihr Vorbild. Auch die Cortonesi lieben es, Ihre Stadt immer wieder aus dem Alltag emporzuheben in festlichen Glanz.

    Von der nahen Piazza del Duomo genießen wir erstmals die herrliche weite Aussicht nach Südwesten in die weite Talebene. Dann ist die Zeit gekommen, uns dem Trubel der Stadt ein wenig zu entziehen und uns in die Kathedrale Santa Maria Assunta zurückzuziehen. Ihr Äußeres ist zwar nicht einladend, aber hinter der Fassade öffnet sich ein großer wie großartiger Raum der Stille. Der romanische Kern übt mehr spirituelle Kraft auf uns aus als die spätere Barockisierung. Nach dieser spirituellen Einkehr, es ist schon Mittag, erblicken wir gegenüber dem Theatro Signorelli ein einladende „trattoria“ mit einer kleinen, gemütlichen Terrasse davor, die ganz im kühlenden Schatten liegt. Da gehen wir hinein. Nachdem Rast und Stärkung die Lebensgeister wieder geweckt haben, gehen wir jetzt aufwärts, den Wegweisern folgend über einen steilen mit großen Steinplatten belegten Weg zur Basilika der Heiligen Margherita, die in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts, zur Zeit des Heiligen Franziskus, hier gelebt und nach einer wundersamen Bekehrung zur Schutzpatronin der Stadt „aufgestiegen” ist. Auf halber Strecke stellt sich uns die Kirche San Francesco in den Weg, als wollte sie auf den großen Zeitgenossen der Schutzpatronin hinweisen. Über breite Steinstufen gelangen wir in das Innere. Ob die Reliquien vom Kreuz Jesu echt sind oder nicht, ist weniger entscheidend als die Erlösung, die durch dieses gekommen ist. Wir bewundern noch die herrlichen großen Tafelbilder der Altäre und verlassen dann San Francesco durch eine Seitentüre, um unseren Weg nach oben fortzusetzen. Über ein paar steile, mit Steinplatten ausgelegte Serpentinen haben wir bald die Basilica della Santa Margherita erreicht. Wir hätten auf der Straße außerhalb der Stadtmauer bequem mit dem Auto herauf fahren und das Auto auf dem großen asphaltierten Platz vor der Kirche abstellen können, aber wir würden diesen Ort dann anders, nicht so erleben. Im Gegensatz zur Kathedrale, dem Dom hat diese eine großartige Fassade, die mich an große berühmte Dome der Toskana erinnert – vor allem an Santa Croce in Florenz – , ohne diese ereichen zu können,. Der Turm schließt ganz ungewohnt mit einer Plattform ab, die rundum schmiedeeisern eingezäunt ist. Im Inneren der Kirche befindet sich in einem silbernern, gläserner Schrein, Margheritas Grab, das diese Kirche zu einer beliebten Wallfahrtskirche gemacht hat. Wir sehen uns noch auf dem großen Platz vor der Basilika um, dann machen uns auf den steilen Weg zum letzten Ziel unseres heutigen Stadtrundganges, der Fortezza del Girifalco oder Fortezza Medicea, wie sie auch heißt, mit ihren vier ausladenden Bastionen. Wir haben den höchsten Punkt unserer Stadterkundung erreicht. Wer in einer toskanischen Stadt den besten, weitesten Ausblick sucht, strebt am besten immer der „fortezza“ oder „rocca“ zu. Wir können teilweise an eigens errichteten Geländern den hohen Mauern entlang gehen, quasi auf die Höhe des Daches steigen und sind vom Ausblick völlig überwältigt, der nicht mehr zu überbieten ist. Wir blicken in alle Himmelsrichtungen, soviel Toskana wie heute haben wir, die wir in großer Leidenschaft jedes Jahr die Toskana erkunden, noch nie auf einmal zu sehen bekommen. Wir blicken nach Südwesten und erkennen ganz weit hinten am Horizont Montepulciano. Wir halten uns hier oben wohl mehr als ein Stunde auf und bekommen nicht genug von diesem weiten, tiefen, teilweise verträumten Blick in das Land, dem wir längst schon mit ganzem Herzen verbunden sind.

    Es ist jetzt schon spät am Nachmittag und wir müssen wieder hinunter auf den Boden der Realität. Da hören hier wir aus unterirdischen Lautsprechern von der Toskana berichten. Wir folgen diesen und gelangen zu einer unterirdischen Multimediaschau von „Cortona on the Move“, die jeden Sommer hier oben in den „Kelleräumen“ der „fortezza“ zu sehen ist. In unserer Begeisterung für diese Stadt haben wir gar nicht bemerkt, dass unsere Beine jetzt doch ziemlich schwer geworden sind und die Fußsohlen schon etwas brennen. Deshalb lassen wir uns gerne im Dunkel des Raumes in einen Sessel fallen und genießen die Fotos und Videos über die Region, deren Mitte wir seit den Morgenstunden erleben.

 

© Josef Gredler