Josef Gredler

12  Essen genießen weit über den Tellerrand hinaus

 

    Wir lassen das stimmungsvolle Radda, das sich oben auf dem Hügel der Umgebung weithin zeigt, hinter uns und folgen dem Wegweiser „Volpaia 7,5 km“. Luftlinie sind es bestimmt nicht mehr als vier, aber die Straßen im Herzen der Toskana sind nie die kürzeste Verbindung zwischen zwei Orten, sondern mit ihrem Auf und Ab und Hin und Her meist doppelt so lang, wie die Orte tatsächlich voneinander entfernt sind. Eine schmale asphaltierte Straße führt zwischen endlos scheinenden Weinbergen, stellenweise auf beiden Seiten von anmutigen Zypressen begleitet, stetig ansteigend nach oben. Man fährt diese Straße nur, wenn man entweder weiß, was einen dort erwartet, oder aus Neugier – mal schauen, was da oben ist. Hierher wird man jedenfalls nicht einfach verschlagen, man muss den Weg hierher schon gesucht haben. Schließlich beendet ein Verkehrsschild jäh die Weiterfahrt und wir werden auf den angrenzenden Parkplatz geleitet, dem einzigen hier. Nach wenigen Schritten stehen wir auf der Piazza della Torre – die man aber treffender eine „piazzale“, ein Plätzchen nennen sollte – zwischen einer kleinen, etwas in Mitleidenschaft gezogenen Kirche, einem nicht unbedingt wehrhaften „castello“, einem „ristorante“ und einer Bar gegenüber. Dahinter befinden sich noch ein paar Häuser, alles zusammen ein typisch toskanischer Weiler, dessen Bauten, meist aus Natursteinen, sich so eng aneinanderschmiegen, als wären sie allesamt aus einem Stück Felsen gehauen. Die Gassen dazwischen sind manchmal so eng, dass sogar die Sonne draußenbleiben muss, was sich an heißen Sommertagen als Segen erweist. Nach einer Viertelstunde hat man alles gesehen, wenn man nur mit den Augen schaut. Ein Hauch von heiler Abgeschiedenheit liegt über dem Ganzen. Es können hier unmöglich so viele Leute wohnen, wie tagsüber am Parkplatz Autos zu sehen sind.

    So früh am Morgen, es ist gerade mal acht Uhr, nichts regt sich, scheint alles noch verschlafen. Eine Tafel an der Tür der Bar Ucci verrät uns, dass sie bald aufgesperrt wird. Also nehmen wir davor unter einem der großen viereckigen Sonnenschirme Platz. Da kommt auch schon Signora Gina mit etwas schweren Schritten über die Straße, sie hat uns gesehen und sperrt auf. Sie hat die Achtzig wohl schon überschritten, sichtlich an der Hüfte leidend wie der schon in die Jahre gekommene Hund, den sie liebevoll Gino ruft und der sich da auf der Terrasse nach einem kurzen, begrüßenden Bellen von der morgendlichen Sonne bescheinen lässt und sich des Mitgefühls seines betagten Frauchens sicher ist. Sie weiß um sein Leiden, das auch das ihre ist. Er ist kein toskanischer Wachhund, das warnende Schild „attenti al cane“ täte ihm unrecht. Das wissen auch die beiden Katzen, die in aller Ruhe vor seiner Nase die Gasse hinunter spazieren. Gino hebt nicht einmal den Kopf vom wärmenden Stein. Eine Leine kennt er nicht, sie wäre ihm unerträglich. Mit einem freundlichen Lächeln bringt uns Signora Gina gleich Cappuccino, „cornetti“, Hörnchen und köstliche „ricciarelli“, feinstes Mandelgebäck, außen knusprig und innen weich, eine sienenesische Spezialität. Sie ist so entgegenkommend bereit, sich mitzuteilen und dabei auch Rücksicht darauf zu nehmen, dass unser Italienisch doch etwas  mangelhaft ist. Dabei ist das hier ja nur ihre „Nebenstelle“. Es ist, als würden wir Gina schon lange kennen, so schnell schafft sie sich mit ihrer Herzlichkeit Zugang zu uns. Gegen Mittag kommt dann ihre Tochter Paola vom Einkauf zurück und übernimmt selber das Zepter in ihrer Bar. Inzwischen sitzen schon viele Gäste auf der Terrasse. Signora Paola ist eine Erscheinung, eine im doppelten Sinn des Wortes starke toskanische Frau, voller Lebensenergie und selbstbewusst, mit beiden Beinen fest im Leben und auf dem Boden, ganz geerdet. Sie beherrscht mit ihrer unüberhörbaren, freundlichen Stimme und ihrem dynamischen, temperamentvollen Wesen nicht nur Bar und Terrasse, sondern den ganzen Platz. Man spürt, dass sie mit Leidenschaft und Freude ihres Amtes waltet, bei dem ihr nichts wichtiger zu sein scheint, als ihre Gäste zufrieden zu stellen. Obwohl von ihrer Aufgabe ganz erfüllt, bringt sie nichts aus der Ruhe. Ihre gute Laune, die sich immer wieder in einem lauten, herzlichen Lachen entlädt, macht sich auch unter den Sonnenschirmen breit und viele Gäste scheinen nicht das erste Mal hier zu sein. Außerdem ist das, was Paola an einfachen Gerichten anzubieten hat, die an einer schwarzen Tafel am Eingang mit weißer Kreide angeschrieben sind, nicht nur gut, sondern ganz vorzüglich und das bei wirklich gastfreundlichen Preisen. Hier ist man richtig, wenn man hungrig ist und nicht allzu tief in die Geldtasche greifen kann oder möchte, aber trotzdem einen anspruchsvollen Gaumen hat. Lob nimmt Signora Paola gerne entgegen, freut sich darüber und bedankt sich dafür auch ganz herzlich. Das Geheimnis dieser Bar ist, dass einfach alles zusammenpasst.

    Gegenüber, auf der anderen Straßenseite befindet sich das „ristorante“, wenn man bereit ist, etwas mehr auszugeben als in der Bar, und das vielfältige Angebot einer bodenständigen toskanischen Küche auch ein wenig zelebrieren möchte. Durch ein schmiedeeisernes Gitter mit einem einfachen Schild, auf dem in schwungvollen Lettern „La Bottega“ steht, gelangen wir auf die Terrasse, die nach Süden ausgerichtet zur Gänze mit hohen Bäumen beschattet ist. Die Sonne überragt gerade noch die bewaldeten Hügel und schenkt uns ihre letzten Strahlen. Wir sind die ersten abendlichen Gäste und dürfen uns an einen schon gedeckten Tisch in der ersten Reihe setzen, nahe der Mauer, die mit blühenden Geranien geschmückt ist. Wir können uns kaum satt sehen an dem Anblick, der sich da vor uns auftut: weite silberglänzende Olivenhaine, die von einer Reihe dunkelgrüner Zypressen stolz überragt werden, fast endlos scheinende Weinberge, die von dieser Terrasse aus sich nach unten neigen, bis sie den Talboden erreichen und auf der anderen Seite wieder nach oben streben. Der „cameriere“, der Kellner kennt das offensichtlich schon, dass Neuankömmlinge zuerst Zeit zum Staunen brauchen. Deshalb kommt er erst später, legt uns dezent die Speisekarte auf den Tisch und zieht sich wieder zurück. Am Eingang dort sehen wir wieder Signora Gina, wie sie freundlich die ankommenden Gäste begrüßt. Sie scheint auch hier als guter Engel unentbehrlich zu sein. Dann zieht sie sich zurück, wahrscheinlich in die Küche, denn ihre Kochkünste sind das Geheimnis, dass Menschen auch von weit her kommen, um hier beste toskanische Küche zu genießen. Wenig später erscheint Signora Carla, ebenfalls Ginas Tochter, die hier das Sagen hat und den Leuten das Gefühl gibt, hier sind sie richtig, wenn sie gut essen wollen. Wir bestellen als Vorspeise „bruscette“ und „tagliatelle con tartufo“, Nudeln mit Trüffel und als zweiten Gang oder Hauptspeise geschmortes Wildschwein, „cinghiale in umido“  auf Spinat und „ravioli alla ricotta“ mit Salbei, alles hausgemachte, typisch toskanische Gerichte, und doch glaubt man, so etwas noch nie gegessen zu haben, so unvergleichlich gut schmeckt alles. Gina scheint in der Küche selber Wunderdinge vollbracht oder die Anleitung dazu gegeben zu haben. Jetzt wissen wir, warum sich bei untergehender Sonne langsam die ganze Terrasse füllt bis zum letzten Tisch in der hintersten Reihe. Das Glas Chianti Classico Riserva, Wein von den Reben vor unseren Augen, schon einige Jahre gereift, vervollkommnet mit seinen Noten von Brombeeren, Vanille und gerösteten Mandeln und einem Hauch von Veilchen das Essen, das eigentlich schon vollkommen zu sein scheint. Inzwischen ist die Sonne hinter den Hügeln versunken, Ölbäume und Weinreben verlieren sich im zunehmenden Dunkel, der Schein der Laternen schenkt diesem Ort eine wohltuende spätabendliche Stimmung. Die über die Hügel verstreuten Lichter verraten uns vereinzelte Gehöfte. Wir beschließen die Sinnenfreude dieses Abends mit „cantuccini“ zu einem kleinen Glas „vinsanto“ und einer deliziösen „torta al cioccolato“. Dann bitten wir um die Rechnung – wirklich moderat. Wir kommen ganz sicher wieder.

 

© Josef Gredler