Josef Gredler

11  Das schönste Dreieck der Toskana

 

    Wenn man von Florenz auf der bilderbuchgleichen Chiantigiana, der SS 222, mitten durch den Chianti Classico Richtung Siena fährt, würde man nach dreißig Kilometern oder einer guten Dreiviertelstunde am schönsten Dreieck der Toskana wahrscheinlich ahnungslos vorbeifahren, es sei denn, man biegt zufällig oder doch wissend im Zentrum von Greve an der Ampel rechts ab und steht nach wenigen Metern mit seinem Auto ganz überrascht auf der Piazza Matteotti, dem Zentrum und Marktplatz von Greve, einer der ehemaligen Hauptstädte des Chianti Classico. Aber eigentlich sollte man mit dem Auto gar nicht dort stehen, weil das Parken auf diesem Marktplatz Gott sei Dank nur sehr eingeschränkt erlaubt ist und Autos dieser herrlichen Piazza viel von ihrer unvergleichlichen, einzigartigen Anmut nehmen, ihren Liebreiz im wahrsten Sinn des Wortes verstellen. Deshalb sollte man sein Auto besser auf dem großen Parkplatz am Ende der Via di Vittorio abstellen und zu Fuß über eine kleine Holzbrücke den Fluss Greve, eigentlich nur ein mit Tümpeln durchzogenes Bachbett überqueren, um dann ganz unbelastet vom eigenen Auto durch die enge, schattige Via delle Capanne in das schönste Dreieck der Toskana zu gelangen. Früh am Morgen kann dieser Platz in der Stille der gerade erwachenden Stadt und fast autofrei sich in seiner ganzen Anmut zeigen. Der Blick fällt gleich auf das überlebensgroße Standbild des großen Seefahrers Giovanni Verrazzano. Dass er heute fast sechshundert Jahre, nachdem er 1521 die Küste Nordamerikas erreicht und die Mündung des Hudson-Rivers, die Bucht New Yorks entdeckt hatte, diese Piazza bewachen darf, verdankt er neben seiner Heldentat auch „seinem“ Familiensitz, dem schmucken Castello di Verrazzano ganz in der Nähe von Greve.  Der in Bronze gegossene Seefahrer bewacht, umgeben von einem kleinen eingezäunten Blumengarten eine Piazza, die so weit von jedem Meer entfernt ist, dass sie nie sein Rauschen gehört, nicht einmal seine kühlende Brise jemals zu spüren bekommen hat.

    Es ist zwar nicht die einzige toskanische Piazza, die einem Dreieck gleich angelegt ist, aber kein Dreieck in der Toskana tut es diesem an Charme und Ausstrahlung, an innerer und äußerer Vollkommenheit gleich. Es ist nicht mit einer großen Piazza in Florenz, Siena, Pisa und Lucca zu vergleichen, diese hier ist kleiner, inniger, herzlicher. Haus an Haus in den verschiedenen, für die Toskana typischen Gelbtönen, mit durchgehend grünen Fensterläden und Schatten spendenden Arkaden umschließen ehemalige Bürgerhäuser diesen Marktplatz. Über den Arkaden hat jedes Haus seine Loggia, einem Vorgarten ähnlich, der zur Piazza hin mit Blumen und Sträuchern und einem schmiedeeisernen Gitter abgeschlossen ist und die zusammen den Marktplatz wie das Bild eines großen Meisters umrahmen. Den Sonnenschirmen auf den Terrassen ist keine eigene Farbe erlaubt, in ihrem ungebleichten Weiß müssen sie sich den Farben der Fassaden ganz unterordnen. Die zahlreichen Antennen auf den Hausdächern, die auch diesen Platz mit Bildern und Nachrichten aus aller Welt versorgen, bleiben von den meisten unbemerkt. Am Fuß dieses Dreiecks befindet sich der Palazzo del Populo, der als Rathaus für die weltliche Ordnung zuständig ist und in seiner klassizistischen Form als einziges Bauwerk in dieser geometrischen Ordnung quasi aus der Reihe tanzt, als müsste es sich hervorheben oder unterscheiden, damit es nur ja nicht mit diesen ehemaligen Bürgerhäusern verwechselt wird. Ganz an der Spitze steht die Chiesa Santa Croce, als wollten die Bauherren ganz bewusst Gott an die höchste Stelle über alles Weltliche setzen. Wenn man sich diesem spitzen Winkel auf der leicht ansteigenden Piazza nähert, glaubt man zuerst, geradewegs in die Kirche geleitet zu werden. Im letzten Moment tut sich dann doch links und rechts der Kirche eine Gasse auf, zwei schmale Auslässe gegen Süden.

     Zwischen der Kirche oben und dem Rathaus unten werden unter den Arkaden alle leiblichen Bedürfnisse befriedigt, der Bedarf des täglichen Lebens gedeckt, in stimmungsvollen Restaurants, Bars, Cafes, mehreren Fleischhauereien, einer Bäckerei, einer Konditorei, mehreren Vinotheken, kleinen Lebensmittelläden, Geschäften für Blumen, Wäsche, Schuhe, Sport und Souvenirs. Ein Rundgang unter den Arkaden, geschützt vor den heißen Strahlen der Sommersonne, manchmal auch vor dem niederprasselnden Regen, belebt die Sinne. Unter den Arkaden und draußen auf der Piazza laden sonnengeschützte Sessel und Tische ein, all das zu genießen, was dieser Platz zu bieten hat, und das ist weit mehr als nur das, was leiblichem Wohl dient. Auch der Hunger und Durst der Seele bekommen hier etwas ab. Hier läuft alles zusammen, hier trifft das Leben sich selber. Die Anziehungskraft dieses Dreiecks reicht weit über Greve, den Chianti Classico, sogar über die Toskana hinaus. Jeden Samstag verwandelt es sich in einen brodelnden Marktplatz. Der Lärm der Verkäufer erfüllt die Piazza, die zum bunten Treiben geworden ist. Wo heute die Verkaufsstände stehen, Tische unter den Sonnenschirmen aufgestellt sind, da sind früher die Bauern mit ihren Fuhrwerken vorgefahren, von Ochsen oder Pferden gezogen. Hierher haben die Bauern ihre Weinfässer gekarrt, ihr Vieh getrieben, Vieh und Wein zum Verkauf angeboten. Im September, bei der jährlichen Weinmesse des Chianti Classico ist hier nicht die Hölle, aber das Leben los. Dieses Dreieck ist wie geschaffen für Feste. Es ist das Herz von Greve, dessen Pulsschlag jedes Jahr  und fast zu allen Jahreszeiten unzählige Namenlose aus aller Welt  und viele bekannte Persönlichkeiten anzieht. Viele, die einmal hierher gekommen sind, können dem Charme dieses Dreiecks nicht widerstehen und kommen wieder, manche immer wieder… Wenn man dann den Platz verlässt, kann man auf der Chiantigiana Richtung Süden weiter bis  nach Siena fahren oder Richtung Osten über den Pass Sugame ins Valdarno.

 

© Josef Gredler