Josef Gredler

09  Spaziergang auf einer Stadtmauer

 

    Eine Stadtmauer, vor fünfhundert Jahren als Bollwerk zur Verteidigung erbaut, ist heute eine der außergewöhnlichsten und einladendsten Promenaden. Auf dieser über vier Kilometer langen, über zehn Meter hohen und mehr als zehn Meter breiten Mauer umrunden wir eine der lieblichsten und in ihrem Charme kaum zu übertreffenden Städte der Toskana. Ursprünglich soll hier nur eine unwirtliche Sumpflandschaft bestanden haben, gar nicht vorstellbar, wenn man heute von dieser Stadtmauer entweder in die Stadt hinein schaut oder den Blick nach außen richtet. Es ist vielleicht die ungewöhnlichste Stadtmauer der Welt, einzig in ihrer Art. Wie eine gewaltige Ellipse aus zig Millionen Backsteinen umschließt sie schützend das historische Lucca, in dem heute über 8000 Menschen wohnen. Mehr als 70.000 Luccheser wohnen jedoch außerhalb dieser Mauern in einem Lucca, das sich von dem innerhalb in jederlei Hinsicht unterscheidet. Es war gar nicht so einfach, in die Stadt zu gelangen. Aber nur von innen kann man auf die Mauer steigen, wobei steigen ebenso irreführend ist wie erklimmen, denn man kann stadtseitig ganz mühelos auf die Mauer gelangen, was von außen völlig unmöglich wäre. Aber so soll es auch sein, wenn man um die Geschichte dieser Mauer weiß.

    Etwas unfreiwillig hat uns das Verkehrsgewirr durch die westliche Porta Vittorio Emanuele in die Stadt hineinmanövriert. Eigentlich wollten wir unser Auto in pietätvollem Respekt vor der Parkplätznot innerhalb der Mauer draußen vor der Stadt lassen. Aber jetzt stehen wir nun mal nicht ganz freiwillig, aber auch nicht unglücklich auf einem schattigen Parkplatz ganz im Westen der Stadt und werden dafür mit Recht ganz ordentlich zur Kassa gebeten. Das wiederum beruhigt unser doch ein wenig schlechtes Gewissen. Eigentlich wollten wir durch das südliche Stadttor, der Porta San Pietro, diese geschichtsbeladene Stadt zu Fuß betreten. Zu dieser südlichen Porta begeben wir uns jetzt, allerdings schon innerhalb der Mauer, um von dort unsere ungewöhnliche Rundwanderung zu beginnen. Was den Zugang in die Stadt betrifft, ist Lucca mehr als zurückhaltend. Auf einer Länge von über viertausend Metern sind es gerade mal sechs Öffnungen, durch die man in die historische Stadt gelangen kann. Und jeder Porta scheint man ein gewisses Zögern anzumerken, ob sie Fremden wohl Zutritt gewähren soll. Jetzt haben wir unseren Ausgangspunkt erreicht. Wenn wir nicht genau wüssten, wie wir heraufgekommen sind, wir würden es nicht glauben, oben auf einer Mauer zu sein: eine bequeme asphaltierte Fahrbahn in der Mitte, links und rechts davon ein breiter Wanderweg, dazwischen und am Rande in Reih und Glied angeordnete Baumreihen, also vier an der Zahl, zwischen den Bäumen, längs der Wege in regelmäßigem Abstand einladende Bänke zum Rast suchenden Verweilen. Um auch in der Dunkelheit des späten Abends auf der Mauer flanieren zu können oder eilig von einem Ende der Stadt zum anderen zu gelangen, säumen in regelmäßigem Abstand jugendstilähnliche Straßenlaternen den Weg, die den Bänken darunter etwas ganz Heimeliges verleihen und sie für Verliebte, Träumende oder bloß Rast und Ruhe Suchende in ein lauschiges Plätzchen verwandeln.  

    Das kann keine Stadtmauer sein. Zweifler sollten sich am äußeren Rand dieser Promenade bei einem Blick in die Tiefe, mindestens zehn Meter, von der Wirklichkeit überzeugen lassen. Die hochstämmigen Bäume, großteils Platanen, spenden einen angenehmen, in der hochsommerlichen Sonne kühlenden Schatten. Alt und Jung sind auf den Beinen, spazierend, laufend, ins Gespräch vertieft, im Kinderwagen oder mit diesem, Rad fahrend, einige sogar in einer Kutsche. Ganz selten nur, aber doch, kommt  ein Auto daher, was im ersten Eindruck einer Sünde gleicht, auch wenn dieses sich nur im Schritttempo fortbewegt. Natürlich braucht und hat jedes motorisierte Vehikel hier oben eine ausdrückliche Genehmigung, irgend jemand muss ja diese Promenade bzw. Mauer pflegen und erhalten und auch die Büros der verschiedenen Einrichtungen versorgen, die längs dieser „passeggiata delle mura“ errichtet sind. Hier oben spielt sich das Leben ab. Die Krone einer  imposanten, langen Mauer mit ihrer Parkatmosphäre ist zum Naherholungsgebiet vieler Luccheser geworden, ein Paradies, das ihre Stadt umschließt. Natürlich haben sich auch viele Besucher unter die Bewohner dieser Stadt gemischt. Und wenn man genau schaut, kann man Einheimische und Touristen recht sicher unterscheiden – in der Art, wie sie sich fortbewegen, im Lärm, den sie machen, in der Selbstverständlichkeit oder der Verwunderung, die ihnen ins Gesicht geschrieben ist.

    Elfmal verbreitet sich die Mauer in geometrischer Ordnung zu einer großen Ausbuchtung, die wie ein riesiger Pfeil nach außen zeigt, mit Gras bewachsen und mit Bäumen bepflanzt ist. Kinder tollen da herum,  schaukeln, spielen mit dem Ball oder sitzen mit ihren Eltern bei einem Picknick im Grünen. Und das alles auf dieser Mauer, die ursprünglich ja eine ganz andere Bestimmung und Aufgabe hatte. Von 1544 bis 1645 hat die Luccheser Bevölkerung, nachdem sie durch Seidenhandel zu Reichtum gelangt war, unter größtem Aufwand Backsteine millionenfach zu dieser imposanten Befestigungsanlage aufgeschichtet, um sich vor feindlichen Angriffen von außen, besonders vor fiorentinischer Bedrohung zu schützen. Mehr als hundert Kanonen hatten dazu ihr Visier nach außen gerichtet, bereit, jeder Bedrohung zu trotzen. Dass diese Stadt dann aber nie einer feindlichen Belagerung ausgesetzt war und die mächtige Mauer nie ihrer Bestimmung zu Diensten sein musste, soll nicht überheblich zum Urteil verleiten, dass man sich diesen Aufwand hätte ersparen können. Niemand versichert sein Haus gegen die Gefahr eines Feuers, um dann zu bedauern, dass es vergebliche Mühe war, weil sein Haus nie durch Feuer zu Schaden gekommen oder diesem gänzlich zum Opfer gefallen ist. Für solche Fälle ist wohl besser dankbare Erleichterung angebracht. Ob die Luccheser heute solche Dankbarkeit verspüren, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls strömen sie heute zahlreich auf ihre Mauer, nicht im Sinne einer Zweckentfremdung, eher unbeabsichtigt im Sinn des Propheten Jesaja, der visionär davon schreibt, dass Schwerter zu Pflugscharen werden.

    Der Serchio, der sich von Norden aus dem Tal der Garfagnana friedlich Lucca nähert, wurde der Stadt wiederholt zur größeren Gefahr und Bedrohung, als es die Fiorentiner für sie je gewesen oder geworden sind. Heute hat die Mauer ihr martialisches Gehabe abgelegt und will offensichtlich nur noch friedlichen Zwecken dienen, der Freude, der Erholung, der Ruhe und Entspannung, der Fitness... Nach diesem geschichtlichen Innewerden richte ich meine Blicke wieder bewusst nach innen in die Stadt und nach außen. Die Mauer trennt zwei Welten. Außerhalb die so genannte neue Stadt, durchaus gepflegt erscheinend, jedoch nüchtern, zweckmäßig und kühl, als fehlte ihr die Seele. Innerhalb die alte, die historische Stadt, die eine ganz andere Abstammung verrät und ihrer um vieles jüngeren Schwester außen nicht einmal ähnlich schaut. Die scheint sich schützend um die Altstadt gelegt zu haben, um Unbilden und Gefahren der neuen Zeiten, wie den bedrohlichen Lärm des Verkehrs, von ihr fernzuhalten und den Lauf der Zeit an ihren Toren aufzuhalten. Sogar die Straßen außerhalb der Stadt müssen gebührend Abstand wahren. Die großzügig angelegten, der Mauer ringsum vorgelagerten Wiesen halten Lucca wie einer „Bella Donna“ die Geißel des Straßenverkehrs vom Leib. Die Via Francigena, die einstmals ganz nahe an Lucca vorbeiführte, konnte keinen belastenden Lärm verursachen, schädliche Abgase schon gar nicht, gelegentlich verschmutzten ein paar Pferdeäpfel den Fahrweg.

     Im Bewusstsein der Jahrhunderte unter den Füßen und der Geschichte dieser Millionen von Steinen nutzen wir den einstmaligen Verteidigungswall, die Stadt umwandernd, zu beschaulicher Erholung. Aus der Stadtmitte erhebt sich der mit Carraramarmor verkleidete romanische Turm von San Michele, die mit dem Schwarz der Jahrhunderte vermischten  roten Dächer der Stadt überragend. Wenig später wird der Blick frei auf den fast nahen Dom San Martino mit seiner reich gegliederten Fassade und den schwarz-weißen Inkrustierungen. Wenn man es nicht wüsste, könnte man vom äußeren Eindruck den Rangunterschied der beiden Kirchen nicht erkennen. San Michele in Foro machte dem Dom San Martino zumindest äußerlich durchaus Konkurrenz, was von den Bürgern seinerzeit auch nicht ganz unbeabsichtigt war. Wenn wir den Blick über die Stadtmauer nach Süden in die Ferne schweifen lassen, begrenzt der vollständig bewaldete Monte Pisano die Horizontlinie. Stadtseitig wenden uns die Häuser immer ihren Rücken zu, der jedoch meist einen gepflegten Eindruck macht, immer wieder auch mit Blumen geschmückt ist, manchmal aber auch dringenden Renovierungsbedarf kund tut. Wer sich auf der Rückseite seines Hauses ein stilles Refugium schaffen wollte, musste die zahlreich Flanierenden in Augenhöhe und fast handgreiflicher Nähe an seiner Terrasse vorbeiziehen lassen.  

    Der Turm da westlich von San Michele ist die Torre Guinigi, der Geschlechterturm,  eigentlich ein Turmhaus der angesehenen patrizischen Guinigis. Dass ganz oben auf diesem Turm Steineichen wachsen und gedeihen, macht diesen unverwechselbar mit der Torre delle Ore, dem Glockenturm aus dem 13. Jahrhundert, der sein Haupt auch gelegentlich zeigt. An der Porta Elisa im Osten angekommen, erlaubt die ziemlich direkt dem Zentrum zuführende Via Santa Croce einen tieferen Einblick in die Stadt, wie man ihn von da heroben nur zweimal bekommt. Im Osten unsres Rundgangs hat sich die äußere Horizontlinie weit nach hinten verschoben und verliert sich in der Ferne, wo irgendwo Florenz sein muss, das ja letztlich „schuld“ an dieser Mauer ist. Auf der nördlichen Seite der Mauer wird der Baumbestand jünger und der Schatten teilweise sehr bescheiden. Da muss man an schönen Hochsommertagen schon ein wenig hitzeerprobt sein. Zur Hälfte der nördlichen Stadtmauer, an der Porta Santa Maria, rückt das Leben der Stadt bis ganz an die Mauer heran. Da ist es, als stünde man mittendrin im pulsierenden Umtrieb der Stadt. Und auch die Kirche San Frediano, die dritte der großen Kirchen der Stadt, schmal und hoch, rückt ganz nahe an die Mauer heran wie keine andere. Wenn man genau schaut, sieht man im oberen Teil der Fassade ein Mosaik mit einem byzantinischen Christus auf goldfarbenem Grund.

    Wenn man sich umdreht, nach Norden wendet, schaut man die Vorläufer der in ihren landschaftlichen Formationen wilderen und raueren Garfagnana. Westlich davon, weiter hinten, sieht man ziemlich steil die höchsten Erhebungen der apuanischen Alpen aufragen. Im Westen bekommt man durch die lange, schnurgerade Via Vittorio Emanuele den tiefsten Einblick in die Stadt. Im südwestlichen Ellipsenbogen sehen wir unser Auto jetzt in der prallen Sonne stehen. Nach fast zwei Stunden mit oftmaligem Innehalten nähern wir uns wieder der Porta San Pietro, unserem Ausgangspunkt. Inzwischen hat die Sonne ihren Höchststand erreicht, wir verlassen die ungewöhnlichste Mauer, die wir je „bestiegen“ haben, und verschwinden in einer der vielen engen schattigen und kühlenden Straßen zu einer Kostprobe lucchesischer Küche mit einem guten Glas Wein aus der Umgebung.

 

© Josef Gredler