Josef Gredler

15 Was geschah nach Jesu Tod am Kreuz? 

 

     Jesu Tod am Kreuz vor den Toren Jerusalems im Jahre 30 war nicht nur das Ende seiner irdischen Lebensgeschichte, sondern auch das Ende all dessen, was er gelehrt und getan hatte und wer er war. Das wäre die logische Konsequenz einer Kreuzigung gewesen, das war die Absicht der Ankläger Jesu. Nach jüdischem Glauben war ein Gekreuzigter ein von Gott Verlassener und Verfluchter. Wäre Jesus tatsächlich der Messias gewesen, der „Sohn des lebendigen Gottes“, dann hätte Gott ihn nicht so am Kreuz sterben lassen, so glaubte man im Judentum. Dass er am Kreuz starb, war der Beweis, dass nichts von dem wahr sein konnte, was er gelehrt und getan hatte und wer er vorgegeben oder beansprucht hatte zu sein. Man war mit diesem gekreuzigten Jesus in jeder Hinsicht fertig. Der Tod am Kreuz war die vollständige Zerstörung seiner Person und die Annullierung seiner Mission, da blieb nichts mehr übrig. Wer an ihn geglaubt hatte, war ein Geblendeter oder Verführter gewesen. Das Kreuz war dafür der untrügliche Beweis. Das war das Fazit aus jenem Freitag, den 7. April des Jahres 30 auf Golgotha.

     Und weil das so war, hätte dieser Jesus von Nazaret auch dem völligen geschichtlichen Vergessen anheimfallen sollen. Dass nach seinem Tod die Evangelien zu den meistverbreiteten Büchern weltweit wurden und viele Hundertausende von Seiten in unzähligen Büchern und Schriften über ihn geschrieben wurden, dass über zwei Milliarden Menschen nach ihm Christen genannt werden, dass es keine weltweit auch nur annähernd so bekannte Person in der ganzen Menschheitsgeschichte gab und gibt wie diesen Jesus von Nazaret, damit konnte man nicht rechnen, das ist mit menschlichem Ermessen schwer zu erklären.

     Seine Jünger, die in Gethsemani alles verloren geglaubt, in panischer Angst die Flucht ergriffen hatten und in der Versenkung verschwunden waren – wahrscheinlich haben sie sich zuerst in der Stadt versteckt, vielleicht sogar im Abendmahlsaal, und sind dann, vielleicht noch in der Nacht, nach Galiläa geflohen – begannen auf einmal, sich wieder zu versammeln, und behaupteten, dass der am Kreuz gestorbene Jesus von Nazaret lebe und ihnen erschienen sei, Gott habe ihn von den Toten auferweckt. Später behaupteten sie die Auferweckung Jesu unerschrocken öffentlich. Entweder eine absurde Behauptung oder die unglaublichste Nachricht, die man sich vorstellen konnte. Was konnte die Jünger auf einmal veranlasst haben, das Unglaublichste und Unmöglichste zu behaupten, was man sich vorstellen konnte? „Es muss… etwas passiert sein, was  diese Wende im Verhalten der Jünger auslöste. Und zwar nicht nur die Wende bei Petrus und Maria von Magdala, sondern auch die Wende bei Jakobus, der seinen Bruder Jesus ja abgelehnt hatte und dann zur Urgemeinde stößt, und später die Wende bei dem Verfolger Paulus. Es muss etwas passiert sein, was sie zur Überzeugung gebracht hat, Jesus, der als falscher Messias („König der Juden“) Hingerichtete, sei von Gott als der wahre Messias bestätigt, als der Christus…“ (1) In dieser erfahrenen Gewissheit kamen sie wieder zusammen, versammelten sich regelmäßig und bildeten in Jerusalem die erste kleine Gemeinde. Diese Jerusalemer Urgemeinde bestand zuerst aus dem engsten Kreis von Jüngern und Frauen aus der Gefolgschaft Jesu. Schon erste kurze Texte dieser Urgemeinde beinhalten nicht weniger als das absolut Unvorstellbare, der Gekreuzigte sei nach seinem Tod einigen Jüngerinnen und Jüngern „erschienen“. (2) Es fehlten ihnen wohl die Worte dafür, sie hatten keine andere Vokabel, die Erfahrung dieser Gewissheit auszudrücken, die ihnen nach dem Tod Jesu auf eine Weise zuteil geworden war, die sich uns nicht erschließt wie andere Geschehnisse. Die späteren Erscheinungserzählungen der Evangelien sind die erzählerisch ausgestaltete unmittelbare Erfahrung dieser Gewissheit, dass Jesus lebt. Daraus formte sich das unerschütterliche, nie mehr verstummende Osterbekenntnis, das nicht einer momentanen Euphorie entsprang, sondern das alle zusammen, die mit Jesus waren, unerschütterlich daran festhalten ließ und das sie nie mehr wieder verließ. Für diese unmittelbar erfahrene Ostergewissheit gibt es keine historisch verifizierbare Erklärung, sodass der Glaube an diesen auferweckten Jesus von Nazaret nie ein historisch verfügbares Faktum sein kann.

     Eigentlich hätte ein solche Botschaft, dass Jesus, der Gekreuzigte lebt, keine Chance gehabt, sich am Leben zu erhalten. Aber diese Behauptung, dass der gekreuzigte Jesus auferstanden ist und lebt, verstummte nicht mehr, im Gegenteil, immer mehr Menschen glaubten und lebten das Behauptete und Bezeugte. Diese Botschaft bekam eine Dynamik, für die es eigentliche keine vernünftige Erklärung gibt. Das Kreuz Jesu war also nicht das Ende Jesu. Leser*innen des Evangeliums können das glauben oder sie glauben es nicht. Wer die Grenzen der Physik für die Grenzen des Möglichen hält, wird für eine Auferstehung bzw. Auferweckung Jesu in seinem Denken keinen Platz finden. Für Christen bündelt sich in Ostern aber das ganze alles Begreifen übersteigende Geheimnis der Auferstehung dieses Jesus von Nazaret.

     Wenn man an eine Auferstehung Jesu nicht glauben kann oder will, bleiben zwei Erklärungsmöglichkeiten für das von den Frauen und Jüngern  Behauptete und Bezeugte. 1. Die Jünger bzw. all jene, denen der auferstandene Jesus „erschienen“ sein soll, haben sich getäuscht, sind einer von ihrem Wunschdenken hervorgerufenen individuellen und kollektiven Selbsttäuschung erlegen. 2. Oder sie haben die Auferstehung Jesu, aus welchen Gründen immer, einfach erfunden. Dann wäre die Auferstehung Jesu die unglaublichste Lüge aller Zeiten. Wenn man jedoch annimmt, dass  sich die Jünger und Frauen in den Erscheinungen bzw. Erfahrungen, dass Jesus lebt, einfach getäuscht haben, dann bleibt noch zu fragen, wie sich mehrere bzw. so viele Personen gleichzeitig, auf dieselbe Weise und gleichen Inhalts täuschen können. Und kann eine solche Täuschung dann ein Leben lang anhalten, wie es bei ihnen der Fall war, ohne in einer großen Enttäuschung aufzugehen? Und wenn man eine Lüge vermutet, dann hätte diese Lüge doch irgendwann sich selber verraten müssen.

    Wenn die Jünger und Frauen die Erscheinungen des Auferstandenen erfunden haben, dann muss man nach möglichen Motiven für diese  Schwindelei von allerhöchster weltgeschichtlichen Bedeutung fragen.  Dass die Jünger in einer solchen organisierten gemeinsamen bewusst falschen, erfundenen Behauptung die Möglichkeit sahen, ihren eigenen Absturz ins Nichts in einen ungeahnten „Höhenflug“ umzuwandeln, hätten die Jünger nie anzunehmen gewagt und ist in der Argumentation schwer durchzuhalten. Viele dieser ersten Auferstehungszeugen müssen ihr Zeugnis mit dem Leben bezahlen. Halten Menschen eine Lüge aufrecht, wenn diese sie das Leben kostet? Der weitere Weg der ersten Zeugen, dass Jesus lebt, ist nicht glaubhaft erklärbar, wenn man annimmt, dass er auf organisierter, kollektiver bewusster Unwahrheit beruht. Diese Möglichkeit scheidet dadurch aus, dass die Apostel die Auferstehung als Kernaussage ihrer Botschaft bis zum Ende ihres Lebens und schließlich in den meisten Fällen sogar mit dem Einsatz ihres Lebens bezeugten. Lug und Trug der Jünger sind keine plausible Erklärung und müssen als Motive ausscheiden.

     Aus einem Gekreuzigten, von Gott Verworfenen, den Auferstandenen, den Retter und Erlöser, den Christus der späteren Kirche zu machen, war den Jüngern und Frauen um Jesus bei allem Respekt nicht zuzutrauen. Außerdem wäre dann völlig unverständlich, dass die Evangelien Frauen als erste Zeugen der Auferstehung anführen. Mit Frauen, die damals vor Gericht nicht einmal als Zeugen anerkannt wurden, konnte man doch nicht allen Ernstes die Auferstehung Jesu glaubhaft bezeugen wollen. Gerade ihre Erwähnung in den Evangelien spricht für die Glaubwürdigkeit ihrer Behauptung. Frauen entgegen den Fakten in den „Zeugenstand“ der Evangelien zu holen, wäre schlichtweg dumm gewesen.  Wenn die Auferstehung Jesu auf einer erfundenen Lüge aufgebaut gewesen wäre, hätte man sich einen solchen Fauxpas sicher nicht erlaubt und hätte die Frauen als Zeugen gestrichen.

     Außerdem hätte man die Widersprüche in den verschiedenen Erscheinungserzählungen der Evangelien doch geglättet und in Übereinstimmung gebracht. Frauen als Erscheinungszeugen zum einen und dazu noch widersprüchliche Erscheinungsberichte zum anderen, das wäre absolut kontraproduktiv gewesen. Auch das manchmal peinliche Verhalten der Jünger, wie die Rangstreitigkeiten, die Flucht nach der Gefangenahme, der Verrat des Petrus…, hätte man sicher verschwiegen oder umgeschrieben, wenn es um ein taktisches Kalkül gegangen wäre, den Menschen die Auferstehung möglichst glaubhaft und erfolgreich zu „verkaufen“. Die Möglichkeit einer absichtlich falschen Behauptung der Auferstehung Jesu seitens der Jünger und der Frauen im Gefolge Jesu lässt sich nicht vernünftig begründen.

     Die Bekehrung des Saulus, eines hochgebildeten Pharisäers und fanatischen Verfolgers der Anhänger*innen Jesu, verdient eine besondere Beachtung in dieser Frage. Er selber beschreibt sein Bekehrungserlebnis viel weniger spektakulär als Lulas das in seiner Apostelgeschichte tut. Dass ein fanatischer Verfolger der Anhänger und Lehre Jesu ein so leidenschaftlicher und glühender Verkünder des Auferstandenen wird, ist jedenfalls höchst ungewöhnlich und noch mehr erklärungsbedürftig als bei allen anderen.      Natürlich ist all das kein Beweis für die Auferstehung Jesu. Einen solchen gibt es nicht und auch der Versuch, einen solchen zu erbringen, wäre fragwürdig. Aber wenn das Bekenntnis der Frauen und Jünger und deren nachösterlicher Wandel Christinnen und Christen zum Glauben an Jesu Auferstehung veranlasst, dann handeln sie nicht gegen menschliche Vernunft bzw. gesunden Menschenverstand.

    Wenn sich die Jünger nach Ostern erinnerten an das, was Jesus gesagt und getan hatte, dann konnten sie vieles erst jetzt begreifen und verstehen. Dieses nachösterliche Begreifen oder Erkennen der Person Jesu begegnet uns heute in den Evangelien. Sie wissen sich ganz der großen Wahrheit verpflichtet, wer dieser Jesus ist. Deshalb sind ihnen vordergründige Fakten, wann und wo und wie dieses und jenes geschehen ist, nicht so wichtig. Ihre ganze Botschaft steht im Dienst der alles entscheidenden und letzten Wahrheit um diesen Jesus, die erst nach Ostern ganz offenbar geworden war. Um diese Wahrheit geht es in den Evangelien, die deshalb nicht so sehr um biographische Fakten bemüht sind, sondern diese sogar neu zusammenfügen, ordnen, ergänzen, überhöhen, um die alles entscheidende letzte Wahrheit über diesen Jesus von Nazaret auszusagen.  Wenn wir heute in den Evangelien lesen, dann können wir das aus einem nachösterlichen Blickwinkel tun, den seine Jünger und Begleiter vor Ostern (noch) nicht haben konnten.

    Jesus hat den Schandpfahl des Kreuzes – Inbegriff von Schrecken, Grausamkeit, Schimpf und Schande – in ein Zeichen von Heil und Erlösung verwandelt. Diese völlig neue Deutung des Kreuzes Jesu war die große Herausforderung der ersten Gemeinden und der sich daraus bildenden jungen Kirche. Fortan versammeln sich Christen unter diesem Zeichen des Kreuzes, weil es zum Inbegriff ihrer Hoffnung geworden ist. Jesus von Nazaret hat die Welt verändert und die Geschichte umgeschrieben.

    Wenn Christen das Leiden und Sterben Jesu feiern, dann feiern sie nicht den Tod, sondern das Leben, weil sie alles durch diese österliche Brille sehen können und dürfen. Sie glauben dabei auch an ihre eigene Auferstehung und Vollendung, die ihnen in Christus verheißen ist. Wenn Christen heute an diesen Jesus von Nazaret als den Christus der Kirche glauben, tun sie dies nicht, weil zwingende Argumente sie dazu veranlassen, sondern sie können das nur, weil sie persönlich in ihrem Leben diesem Jesus Christus begegnen und ihn als lebendig erfahren.

    So maßen sich alle diese eben angestellten Überlegungen nicht an, fast zwangsläufig in einen Auferstehungsglauben zu münden. Doch wollen sie für sich in Anspruch nehmen, dass Glaube an die Auferweckung des gekreuzigten Jesus von Nazaret nicht ein Akt naivgläubiger Dummheit ist. Wer die Grenzen der Physik zu den absoluten Grenzen aller Möglichkeiten und Wirklichkeiten macht, für den ist die Geschichte Jesu mit seinem Tod am Kreuz zu Ende. Wer glaubt, dass die Wahrheit um Jesus die Grenzen der Physik übersteigt – in eine Metaphysik, in eine Transzendenz hinein, für den kann sich die irdisch endliche Geschichte des Jesus von Nazaret fortsetzen in einer göttlich ewigen.

 

© Josef Gredler

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(1) Hans Kessler: Auferstehung? Der Weg Jesu, das Kreuz und der Osterglaube; Matthias Grünewald Verlag 2021, S.48
(2) Vergleiche ebenda S.48