Josef Gredler

13 Jesu Ankunft in Jerusalem

 

     Als die Pharisäer gehört hatten, was Jesus in Betanien getan hatte, wurde in Jerusalem eine Versammlung des Hohen Rates einberufen. Wegen einer Bagatelle hätte man das wohl nicht getan. Es musste also dort in Betanien, vor den Toren der Stadt, etwas Außergewöhnliches, Aufsehen Erregendes geschehen sein, was das Fass – in den Augen der jüdischen Obrigkeit – endgültig zum Überlaufen brachte. Die Wunder-Zeichen Jesu und sein Anspruch, mit dem er redete und handelte, wurden als große Bedrohung empfunden. Wenn dadurch die Zahl seiner Anhänger immer größer würde, könnten womöglich die Römer eingreifen und die freie Religionsausübung der Juden einschränken – vor allem den ungehinderten Tempelbetrieb – und die Hohenpriester und den Hohen Rat in ihren Befugnissen beschneiden. Zudem machte dieser Jesus ihren alleinigen religiösen Führungsanspruch im Volk streitig. Kein Zweifel, sie empfanden Jesus aus Nazaret als eine große Bedrohung. Sie beschlossen, ihn zu töten. Jesus hatte die Bedrohlichkeit seiner Lage sicher erkannt und zog sich in die Gegend nahe der Wüste zurück. Nach dem Evangelium des Johannes beschloss der Hohe Rat, auch Lazarus zu töten, weil viele Leute nach Betanien strömten, um den „vom Tode Erweckten“ zu sehen. Das könnte wieder eine für Johannes bezeichnende christologische Überhöhung sein, um die darunter verborgene Wahrheit ans Licht zu bringen.

     Sechs Tage vor dem Paschafest kehrte Jesus wieder zu seinen Freunden nach Betanien zurück. Bei einem Mahl dort soll eine Frau kostbares Öl über sein Haupt gegossen, vielleicht sogar seine Füße gesalbt haben. Nach Johannes fand dieses Mahl im Hause Simons des Aussätzigen statt und die besagte Frau soll Martha, die Schwester des Lazarus, gewesen sein. Johannes schreibt sogar, dass auch Lazarus unter den Gästen war. Man spürt, dass die Ereignisse in Betanien auch ein redaktioneller Hinweis auf die kommenden Ereignisse in Jerusalem sein sollten. Am nächsten Tag kam Jesus in die Stadt, nicht gewöhnlich und irgendwie, er zog quasi in die Stadt ein. Jerusalem, die Stadt des Tempels, die Mitte des Judentums, dürfte damals so um die fünfzigtausend Einwohner gezählt haben. An hohen Festtagen waren mehr Pilger in der Stadt als ständige Bewohner, beim Paschafest könnten es leicht zweihunderttausend Pilger und auch mehr gewesen sein. Jerusalem war an diesen Tagen völlig geprägt vom Pilgertourismus. Der übliche Weg der Pilger aus Galiläa, die von Jericho herauf in die Stadt Jerusalem kamen, führte vom Ölberg aus über das Kidrontal zum Tempel. (1) Diesen Weg benutzte auch Jesus, um in Jerusalem „einzuziehen“. Er kannte diesen Weg ja, den er eigentlich immer schon gewählt hatte, wenn er in Erfüllung der heiligen Pflicht auch vor seinem öffentlichen Auftreten als Pilger nach Jerusalem gekommen war. Die Stadt des Tempels war ihm daher nicht fremd.

     Diesen Einzug darf man sich aber nicht so vorstellen, dass quasi die ganze Stadt auf den Beinen und in Aufregung war, um Jesus zu empfangen. Natürlich waren seine Jünger vollzählig dabei und wahrscheinlich noch andere Begleiter. Wenn auch Frauen dabei waren, dann in einem gewissen Abstand. Sicher waren auch Freunde und Sympathisanten aus Betanien mit ihm in die Stadt gekommen. Aber Jesus und alle, die ihm gefolgt waren, waren nicht die einzigen, die da vom Ölberg herunter sich auf die Stadt zu bewegten, die zahlreichen galiläischen Pilger nahmen denselben Weg. Man kann durchaus davon ausgehen, dass an diesen Tagen vor dem Fest dieser Weg sehr frequentiert war. Die Aufmerksamkeit der Leute war aber nicht exklusiv auf Jesus gerichtet, obwohl es durchaus sein konnte, dass Pilger aus Galiläa Jesus wiedererkannt hatten. Die Bewohner Jerusalems, sofern sie „Pilger schauen“ gingen, kannten Jesus nicht vom Sehen, auch wenn nicht wenige schon von ihm gehört hatten. Dass dieser Einzug inszeniert war, ist gut möglich. Für seine Jünger, Freunde und Anhänger aus Betanien war dieser Jesus ja nicht ein Pilger unter vielen, sondern doch der, in dem sich alle messianischen Hoffnungen erfüllen sollten. Dieser Einzug könnte in Betanien von seinen Jüngern, Freunden und Anhängern vorbereitet, geplant worden sein. Dass Jesus dabei auf einem Esel ritt wie andere wahrscheinlich auch, war an sich nicht schon etwas Außergewöhnliches. Dieses ganze Szenario hatte auch einen sehr zeichenhaften Charakter. Dass in dieser Begeisterung von seinen Jüngern und Anhängern auch laute Hosannarufe nach Psalm 118 zu hören waren und dabei Palmzweige geschwungen wurden, kann gut sein, auch dass andere Pilger, die nicht zur Begleitung Jesu gehörten, von dieser messianischen Begeisterung seiner Anhänger erfasst wurden. Jerusalem war um die Zeitenwende an Festtagen voll von dieser messianischen Erwartung, Pilger waren dafür besonders empfänglich.

     Natürlich stellt sich da die Frage, wie Jesus selber das verstanden und sich gesehen hat. Das historisch gesicherte Geschehen, dass Jesus von Nazaret, dieser messianische Wanderprediger aus Galiläa, nach Jerusalem gekommen war, steht außer Frage. Wer das Ganze auch aus einem heilgeschichtlichen Blickwinkel betrachtet, für den spielte sich hier etwas ab, was die bloß äußeren Fakten weit überstieg. Jesus kannte natürlich die Verse der Propheten Jesaja und Sacharja, in denen vom Friedenskönig die Rede ist, der auf einer Eselin in die Stadt einzieht, sodass Jerusalem, die Tochter Zion, jauchzen solle, weil ihr König kommt. So könnte Jesus ganz bewusst diese messianischen Zeichen gesetzt haben (2), so wie er mit seinen Heilungen seine messianische Sendung bezeugen wollte, ohne sie direkt auszusprechen. Aber wer dieser Jesus, der so in die Stadt einzog, tatsächlich war, kann nicht einfach durch Recherchen geklärt werden.

      Seine Gegner waren sicher schon längst alarmiert und hatten Jesus bereits im Auge. Jerusalem war ein besonders sensibler und heikler Boden für messianische Ansprüche und in Zeiten wie diesen ganz besonders. Hier war nicht Galiläa, hier befand sich der Tempel, das Herz des Judentums. Hier tagte der Hohe Rat. Hierher kam – von Cäsaräa am Meer herauf – an hohen Festtagen auch der römische Statthalter Pontius Pilatus, um eventuelle Unruhen mit seiner Kohorte bereits im Keim zu ersticken. Hier hatte es schon wiederholt fürchterliche aufständische Szenarien gegeben. Die Gefahr, dass ein aufrührerischer Funke sich entzündete, war an solchen Festtagen mit so vielen Pilgern besonders groß. Vielleicht befürchtete die jüdische Obrigkeit einen spektakulären Auftritt Jesu. Stattdessen entzog sich Jesus, in der Stadt angekommen, dem Trubel um seine Person und ging – wie es bei den Pilgern Brauch war – sofort in den Tempel. (3) Näheres über diesen Tempelaufenthalt unmittelbar nach seiner Ankunft berichten die Evangelien nicht. Hätte Jesus gleich jetzt das Wort ergriffen und gelehrt, bliebe es in den Evangelien nicht unerwähnt. Aber warum sollte Jesus im Tempel nicht einfach nur gebetet haben? Natürlich war Jesus nach Jerusalem gekommen, um auch hier den Pilgern und Bewohnern der Stadt die Herrschaft, das Reich Gottes anzukündigen, das mit ihm anbricht. Dass er mit seinem Weg nach Jerusalem sein eigenes Leiden und Sterben dort bewusst herbeiführen wollte, stimmt nicht, auch wenn es immer wieder so dargestellt wird. Jesus suchte nicht den Tod in Jerusalem, auch wenn er bereit war, für seine Botschaft dort in den Tod zu gehen. Jesus wusste, dass Jerusalem für ihn ein gefährlicher Boden war. Er ließ deshalb auch Vorsicht walten und verließ daher am Abend die Stadt wieder und zog sich mit den Zwölf entweder wieder nach Betanien zurück (4) oder er übernachtete in einer Höhle am Ölberg, von der er oder einer seiner Jünger wusste. Das Nächtigen in einer Höhle war für Jesus und seine Jünger nichts Außergewöhnliches.

     Als Jesus am nächsten Tag sich wieder auf den Weg in den Tempel machte, ging er wieder denselben Weg, den er am Vortag bei seinem „Einzug“ gewählt hatte, aber diesmal ohne jedes Aufsehen und ohne Esel. Immer noch strömten Pilger vom Ölberg herunter zahlreich in die Stadt. Weil so viele Pilger unterwegs oder schon in der Stadt waren, waren die Scheinwerfer der allgemeinen Aufmerksamkeit nicht so vorherrschend auf Jesus gerichtet. Im Schutz der Menge (5) konnte er in einer relativen Unauffälligkeit lehren, wenn man seine erklärten Gegner ausnimmt. Jesus hatte es nicht vorsätzlich auf Konfrontation angelegt. Aber Zusammenstöße mit den Pharisäern und Sadduzäern waren unausbleiblich, die es ihrerseits darauf angelegt hatten, Jesus in eine Falle zu locken. Die Frage nach der kaiserlichen Steuer war ein solcher Versuch. Eine ungeschickte Antwort Jesu auf die Frage, ob es erlaubt sei, dem Kaiser Steuern zu zahlen, hätte ihnen die Möglichkeit gegeben, sich seiner zu bemächtigen. Die Scheinfrage nach der Auferstehung der Toten roch förmlich nach einer Falle, wenn die Sadduzäer den höchst unwahrscheinlichen Fall mit einer Frau konstruierten, die nacheinander nach dem Tod des Mannes vom jeweiligen Bruder zur Frau genommen wird. Wessen Frau der sieben Brüder sollte sie nun bei der Auferstehung der Toten sein? Jesus durchschaute ihre Absicht und tappte nicht in die Falle. Wenn die drei Synoptiker den provozierenden Auftritt Jesu im Tempel an dieser Stelle und für diesen Tag berichten, dann muss man wissen, dass sie ja gar keine zeitliche Alternative hatten, von der „Tempelreinigung“ zu berichten, weil in ihrer verdichteten Darstellung des öffentlichen Wirkens Jesu in einem Einjahresschema Jesus eben nur einmal in seiner Mission nach Jerusalem kam, eben am Schluss. Allerdings wäre dieser Zeitpunkt jetzt aus der ganzen Situation durchaus plausibel. Alles was Jesus im Laufe seiner Mission in Jerusalem gesagt und getan hat, müssen Matthäus, Markus und Lukas auf diesen einen und letzten Aufenthalt Jesu in der Stadt verlegen. Ob man hier der Chronologie des Johannes den Vorzug gibt, nach der diese „Säuberungsaktion“ im Tempel schon bei dessen erstem öffentlichen Besuch in Jerusalem vor zwei Jahren geschehen war, oder der Chronologie der Synoptiker folgt, sollen die Leser*innen für sich entscheiden.

     Auch die Frage nach dem wichtigsten Gebot war ein solcher Versuch, Jesus in eine Falle zu locken. Heftige Worte gegen Schriftgelehrte und Pharisäer waren schließlich unausbleiblich. Man spürt förmlich, dass sich alles auf eine letzte Auseinandersetzung und Konfrontation zubewegte, dass sich Pharisäer, Sadduzäer, Hohepriester und auch Herodianer gegen Jesus formierten. Er sollte diese Tage in Jerusalem nicht überleben.

 

© Josef Gredler

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 (1) Karl Jaros: Jesus von Nazaret – Ein Leben, Böhlau Verlag 2011, S. 267
(2) N. T. Wright: Jesus – Wer er war, was er wollte und warum es für uns wichtig ist, Verlag Francke 2013, S. 236
(3) Michael Hesemann: Jesus von Nazaret – Archäologen auf den Spuren des Erlösers, Sankt Ulrich Verlag, 2.aktualisierte Auflage 2013, S. 242
(4) Karl Jaros: Jesus von Nazaret – Ein Leben, Böhlau Verlag 2011, S. 269
(5) Bargil Pixner: Mit Jesus in Jerusalem. Seine ersten und letzten Tage in Judäa, Corazin Publishing Rosh Pina, 1996, SS. 66