Josef Gredler

12 Auf dem Weg nach Jerusalem

 

    Die Ereignisse von Kafarnaum mit dem Verlust vieler seiner Anhänger, darunter auch Jünger, waren für Jesus zweifelsohne eine einschneidende Enttäuschung, eine bittere Zäsur in seiner Sendung.  Er ließ das vertraute Gebiet am See zurück und nahm nun „Kurs“ auf Jerusalem. Diese Richtungsänderung darf man nicht gleich topographisch, sondern man muss sie inhaltlich verstehen, denn Jesus zog zuerst mit seinen Jüngern nach Norden, also in die entgegengesetzte Richtung. Trotzdem war Jerusalem wahrscheinlich von Anfang an das finale Ziel seiner Sendung. Jesus wird zwar noch einmal nach Kafarnaum zurückkommen, aber das änderte nichts an seinem Ziel. Er ging aber nicht nach Jerusalem, weil er dort den Tod suchte, wie es immer wieder dargestellt wird. Jesus suchte in keiner Phase seiner Sendung den Tod, er strebte das Ende am Kreuz niemals an. Er wollte die Menschen Israels für das mit ihm bereits begonnene Reich Gottes sammeln. Dazu musste er letztendlich nach Jerusalem, um seine Sendung zu vollenden. Er wäre auch dann nicht für immer in Galiläa geblieben, wenn seine Mission dort sehr erfolgreich gewesen wäre. Vielleicht wäre er dann später nach Jerusalem aufgebrochen, aber er wäre auf alle Fälle dorthin gegangen. Ab jetzt wird die messianische Frage deutlicher, direkter angesprochen. Die Rettung Israels war nicht der Kampf gegen Rom, wie viele immer noch glauben wollten.

    Zunächst fuhr Jesus mit den Jüngern ans „andere Ufer“, nach Betsaida, das auf einem Hügel in der Nordostecke des Sees lag. Vielleicht versuchte Jesus seinen Zwölf zu erklären, wie er das mit dem Brot in der Synagoge von Kafarnaum gemeint hatte, denn auch sie hatten seine Brotrede offensichtlich nicht begriffen. Aber hatten sie Jesus in seiner Messianität begriffen? In Betsaida führte er den Blinden, den man zu ihm gebracht hatte, aus dem Dorf hinaus, um ihm dort – abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit – die Hände heilend auf die Augen zu legen. Unweit von hier war die fanatische zelotische Bewegung entstanden, die den Konflikt mit Rom mit Gewalt lösen wollte – das absolute Gegenteil von dem, was Jesus wollte. Die beginnende Gottesherrschaft musste für ihn im Inwendigen der Menschen beginnen und konnte keinesfalls mit Gewalt herbeigeführt werden. Einige seiner Jünger dachten vielleicht immer noch zelotisch, politisch radikal. Da war offensichtlich noch viel „Aufklärung“ notwendig. Es war für Jesu Jüngerunterweisung gang und gäbe, etwas unterwegs zu erklären, im Gehen sozusagen. So machte sich Jesus jetzt mit den Zwölf auf nach Cäsarea Philippi, etwa fünfzig Kilometer nördlich von Betsaida. Als sie nach einer langen Wanderung, zumindest zwei Tage, schließlich das Gebiet von Cäsarea Philippi am Fuß des Hermongebirges erreicht hatten, fragte er seine Jünger, für wen ihn die Leute denn halten. Die Jünger zählten alles auf, was ihnen so zu Ohren gekommen war: Dass er Johannes der Täufer sei oder der wiedergekommene Elija oder Jeremia oder sonst ein Prophet.  Das hatte Jesus sicher nicht überrascht. Von den Zwölf wollte er es aber genau wissen. „Für wen haltet ihr mich?“ Nach einer Weile ergriff Simon Petrus schließlich das Wort und sagte: „Du bist der Messias!“ Das war sicher nicht wortwörtlich seine Antwort, so wie es der Evangelist später schreibt. Jesus verbot den Jüngern allerdings, das öffentlich so zu sagen. Die Gründe dafür waren naheliegend. Das Wort Messias war zu sehr mit politischen Erwartungen besetzt. Es würde völlig missverstanden werden. In Cäsarea Philippi, der Hauptstadt der Tetrarchie des Herodes Philippus, und im Umland hatten sich auch viele Juden angesiedelt.

    Jetzt begann Jesus, sich mehr als bisher zu erklären. Erstmals ließ er seine Jünger wissen, dass er in Jerusalem von den jüdischen Obrigkeiten getötet werde. Aber nach drei Tagen werde er auferstehen. Die Evangelien berichten das mit ihrem nachösterlichem Wissen, als ob Jesus das klar so vorhergewusst hätte. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es eine ganz ernsthafte und realistische Ahnung Jesu war. Petrus reagierte dann mehr als verständlich. Er versuchte unter diesen Umständen, Jesus den Weg nach Jerusalem auszureden. Aber Petrus durfte Jesus aber auf seinem Weg nicht aufhalten, durfte sich seiner Sendung nicht in den Weg stellen. Man würde diese Worte Jesu aber missverstehen, würde man meinen, der Tod in Jerusalem sei von Jesus angestrebt worden.

    In dieser Zeit, vielleicht gerade auf dieser Wanderung führte Jesus Petrus, Jakobus und Johannes – die sogenannte Trias unter den Zwölf – auf einen „hohen Berg“, um zu beten. Diese Gepflogenheit Jesu, sich immer wieder in die Einsamkeit zurückzuziehen, um zu beten, kannten die Jünger bereits. Diesmal war es sogar ein „hoher Berg“. Und es sollte mehr werden als nur ein Beten in Stille und Abgeschiedenheit. Während Jesus betete, soll es zu einer wundersamen Verwandlung seiner sichtbaren Gestalt gekommen sein, das Aussehen seines Gesichtes habe sich verändert, sein Gewand sei leuchtend weiß geworden. Mose und Elija sollen in strahlendem Licht erschienen sein. Und aus einer Wolke habe eine Stimme gerufen „das ist mein geliebter Sohn…“. Allgemein wird dieses Ereignis als „Verklärung Jesu“ bezeichnet. Was genau da am Berg geschehen ist, kann nicht mit historischen Fakten erklärt werden, sondern muss dem Glauben jedes Einzelnen überlassen bleiben. Diskussionen sind darüber entstanden, auf welchem Berg dieses Ereignis stattgefunden habe. Eine alte Tradition sieht im Berg Tabor den Berg der Verklärung. Und tatsächlich, wer selber schon einmal auf dem fünfhundert Meter hohen Berg Tabor war, der sich etwa dreißig Kilometer südöstlich von Kafarnaum eindrucksvoll und mächtig über die Jesreelebene erhebt und weit in das galiläische Land hineinschauen lässt, kann diese Annahme gut nachvollziehen. Gegen den Berg Tabor als Ort der Verklärung spricht allerdings, dass er hinsichtlich Zeit und Ort einfach nicht in den Rahmen des erzählten Geschehens passt und dass der Tabor damals besiedelt und befestigt war (1) und daher als Rückzugsmöglichkeit in die Stille und Abgeschiedenheit nicht wirklich in Frage kam, auch wenn heute die Verklärungskirche dort in dieser langen Tabortradition steht. Von vielen Exegeten wird der Hermon als Berg der Verklärung angesehen, natürlich nicht seine über zweitausend Meter höchste Erhebung, sondern irgendein weiter unten gelegener, abgeschiedener Ort des Massivs. Die drei Jünger sollten nach dem Abstieg nichts von diesem mystischen Erlebnis berichten. Die Evangelien betonen derlei bei Heilungen und messiasoffenbarenden Ereignissen immer wieder.

    Jesus verließ Caesarea wieder und zog mit den Jüngern durch Galiläa. Seine Wanderungen waren immer auch mit Unterweisung und Belehrung verbunden. Aber selbstverständlich wurde unterwegs nicht nur das gesprochen, was in den Evangelien nachzulesen ist. Aber was Jesus über die bevorstehenden Ereignisse in Jerusalem gesagt hatte, war für die Verfasser der Evangelien ganz wesentlich, um ihn als den von Gott gesandten Gekreuzigten und Auferstandenen verkünden zu können. Diese Andeutungen oder Ahnungen Jesu beschäftigten und beunruhigten seine Jünger sehr, auch wenn sie diese in ihrer Tragweite nicht wirklich verstanden hatten. Als ob ein zweiter ahnungsvoller Hinweis notwendig wäre, kündigte oder deutete Jesus noch einmal seinen gewaltsamen Tod an, der sich aus seiner Sendung als letzte Konsequenz ergeben werde. Aber seine Jünger konnten das auch diesmal nicht wirklich verstehen. Sie werden erst sehr spät, nach seinem Tod verstehen, was Jesus ihnen damit wirklich sagen wollte. Die Ahnung Jesu, dass er in Jerusalem gewaltsam zu Tode kommen könnte, ist historisch sehr naheliegend und wahrscheinlich. Naheliegend ist auch, dass Jesus das mehr als einmal andeutete.

    Schließlich erreichten sie wieder das vertraute Kafarnaum am See Gennesaret. Ein letztes Mal noch war Jesus in seine Stadt zurückgekehrt. Der Misserfolg seiner Mission in Galiläa war eine große Enttäuschung… Seine Worte und großen Wunderzeichen schienen vergeblich gewesen zu sein, sie hatten zwar Staunen ausgelöst, aber die Menschen nicht, wie erwartet, zum Glauben an seine Botschaft bekehrt. Hier war seine mehr oder weniger vergebliche Mission zu Ende. Vielleicht machte er hier und jetzt seiner Enttäuschung über die galiläischen Städte bzw. Dörfer Chorazin, Betsaida, Kafarnaum… mit den bekannten Weherufen Luft. In Tyrus und Sidon, so Jesus, hätten seine Worte und Zeichen mehr Umkehr bewirkt. Nach wie vor ging von Herodes ein latente Gefahr für Jesus aus, aber auch die galiläischen Pharisäer wollten Jesus los werden bzw. zogen sogar in Erwägung, ihn zu beseitigen. Es könnte auch ein schäbiges Zusammenspiel zwischen den Leuten des Herodes und den Pharisäern gegeben haben, obschon aus ganz gegensätzlichen Beweggründen. (2)

    Jetzt verließ Jesus endgültig Galiläa, das Gebiet des Herodes, und zog in das Gebiet jenseits des Jordans, in das Herrschaftsgebiet des Herodes Philippus, möglicherweise in die Batanäa. (3) Hier war er vor Herodes Antipas sicher, dem Tetrachen von Galiläa und Peräa, das jenseits des Jordans weiter im Süden lag. Nach dem Misserfolg in Galiläa begann Jesus hier, wo es auch einen ansehnlichen jüdischen Bevölkerungsanteil gab, eine neue Mission, verkündete die Botschaft der beginnenden Gottesherrschaft und lehrte die Menschen, die überall zahlreich herbeiströmten, wo er gesichtet wurde. Man darf davon ausgehen, dass Jesus auch in dieser Gegend kein Unbekannter war. Vielleicht waren ihm auch Menschen aus Galiläa gefolgt. Immerhin hatte er dort über ein Jahr missioniert, Zeichen und Wunder getan, Menschen geheilt. Das hatte sich sicher auch bis in diese Gegend jenseits des Jordans herumgesprochen. Wir erfahren in den Evangelien nicht allzu viel von seinem Wirken hier, sodass wir annehmen dürfen, dass er auch hier nicht wirklich erfolgreich war.  Wäre die Mission Jesu hier viel besser verlaufen als in Galiläa, würden die Evangelien mehr davon berichten.

    Jesus verließ schließlich auch diese Gegend wieder und zog mit seinen Jüngern durch den Jordangraben südwärts Richtung Jerusalem. Vielleicht hat man beim Weggehen noch Kinder zu Jesus gebracht, damit er sie segne. Die Jünger waren darüber etwas ungehalten und wollten die Leute abwimmeln. Aber Jesus sagte, man müsse das Reich Gottes annehmen wie ein Kind, und segnete die Kinder. Diese Szene könnte sich aber schon früher in Galiläa zugetragen haben. Dann lief ihm noch ein reicher, junger Mann entgegen und wollte von Jesus wissen, was er tun müsse, um das ewige Leben zu gewinnen. Er dürfte Jesus, der da auch gepredigt hatte, aufmerksam zugehört und darüber nachgedacht haben. Seinen Besitz zu verkaufen und das Geld den Armen zu geben und dann Jesus nachzufolgen, dazu konnte er sich nicht entschließen.

    Als sie dann durch den Jordangraben Richtung Jerusalem weiterzogen, soll Jesus noch einmal angedeutet haben, was ihm in Jerusalem bevorstehen könnte. Die genau dreimalige Ankündigung seines Endes in Jerusalem, ist wohl eher eine Konstruktion der Evangelisten, aber einen wiederholten Hinweis Jesu auf die bevorstehende Gefahr in Jerusalem sollte man realistisch in Betracht ziehen. Noch immer verstanden die Jünger nicht wirklich, was Jesus ihnen sagen wollte, aber sie waren sehr beunruhigt und voller Angst. Sie hätten für diesen Weg, mehr als 120 Kilometer, zumindest vier Tage gebraucht, wenn sie nur gegangen wären, ohne sich irgendwo aufzuhalten. Tatsächlich war das aber eine missionierende Wanderung, die sicher mehrere Wochen gedauert hat. Jesus und seine Jünger mussten diesen Weg nach Jersualem nicht erst ausfindig machen, sie kannten ihn von früheren Pilgerwanderungen nach Jerusalem. Und sie kannten sicher auch Plätze, wo sie die Nacht verbringen konnten. Die Nacht in Höhlen zu verbringen, war für Jesus nicht so ungewöhnlich. Das hatte er auch am See Gennesaret des öfteren getan, wenn er allein sein wollte.

    Einen Aufenthalt Jesu in Jericho, heute noch eine Oase und fast zwanzig Kilometer von Jerusalem entfernt, kann man als sicher annehmen. Ein solcher Anmarsch einer ganzen Truppe von Leuten wurde in Jericho bekannt, noch ehe Jesus Jericho erreichte. Wichtigen Ankömmlingen sind Dorfbewohner im Nahen Osten meist gastfreundschaftlich entgegengegangen und haben sie ins Dorf begleitet. Vielleicht waren Jesus und seinen Jüngern auch Leute von Galiläa gefolgt und die vermischten sich dann mit Bewohnern von Jericho zu der berichteten Menschenmenge. (4) Da war man sicher alsbald ins Gespräch gekommen. Vielleicht hatte man in Jericho schon von Jesus gehört, von seiner Lehre, seinen Zeichen und Heilungen. Nun erfuhr man von den Leuten, die ihm von Galiläa gefolgt waren, Genaueres über diesen Jesus. Noch ehe Jesus Jericho ganz erreicht hatte, könnte sich die Heilung des Blinden zugetragen haben, der am Straßenrand saß und um Almosen bettelte. Ob der blinde Bettler tatsächlich Bartimäus hieß oder nicht, tut nichts zur Sache. Er hatte mitbekommen, dass da ein „Wunderheiler“ im Anmarsch sei. Das war die Chance seines Lebens, die es zu ergreifen galt. Deshalb begann er laut nach Jesus zu rufen, den Namen hatte er von den Leuten erfahren. Jetzt oder nie, mag er sich gedacht haben, als ihn die Leute nicht zum Schweigen bringen konnten. Dass der Bettler Jesus dabei laut als „Sohn Davids“ bezeichnete, was er ja nicht wissen konnte, hatte ihm der Evangelist mit gutem Grund im Nachhinein in den Mund gelegt, um Jesus als Sohn Davids zu bestätigen, so wie später der Hauptmann unter dem Kreuz Jesus als „Gottes Sohn“ bekennt. (5) Der Blinde wollte wieder sehen können. Diese Bitte seines Lebens wurde von Jesus erfüllt und der Mann konnte wieder sehen. „Sehen können“ nur äußerlich zu verstehen, wäre aber zu billig. Dass „sehen können“ auch etwas Inwendiges miteinbezog, das drängt sich fast auf, wie auch in vielen anderen Jesus zugeschriebenen Heilungen. Höchstwahrscheinleich hatte Jesus mit den Zwölf und anderen Begleitern in Jericho auch die Nacht verbracht.

    Während die Heilung des Blinden sich eher beim Ankommen in Jericho zugetragen haben mag, könnte sich etwas anderes direkt im Ort abgespielt haben. Der reiche, aber kleine Zollpächter Zachäus wollte Jesus unbedingt sehen. Wie viele andere Neugierige und Schaulustige hatte er sich dazu in der Stadt eingefunden. Um Jesus besser sehen zu können, war der kleine Zöllner auf einen Maulbeerbaum geklettert. Maulbeerbäume haben niedrige Äste. Jesus blieb stehen, rief ihn herunter und kehrte bei ihm ein. Diese Begegnung mit Jesus veranlasste den Zollpächter zu einer bewegenden Umkehr seines Lebens. Zöllner waren verachtet und verhasst, weil sie die Menschen ganz unverschämt abzockten. Auch diese innere Wandlung des Zachäus sollte man als Heilung verstehen. Natürlich könnten sich die Heilung des Blinden und die „Heilung“ des Zöllners auch anderswo zugetragen haben, aber Lukas hat diese Begebenheiten sinnvoll hier verortet. Die Wahrheit liegt nicht in der Topographie und Chronologie, sondern in der gesamten Person und Sendung Jesu.

    Jesu Ziel war Jerusalem, sodass er am nächsten Tag Jericho wieder verließ. Von Jericho musste Jesus den Weg durch das steil ansteigende Wadi Kelt im wahrsten Sinne des Wortes „hinauf“ nach Jerusalem nehmen. Er durchquerte das Wadi Kelt sicher nicht unten in der Talsohle, die zu unwegsam und auch zu heiß gewesen wäre, sondern nahm die übliche und gangbarere, höher gelegene Route. (6) Die neutestamentliche Wegroute Jesu entsprach in etwa einer später errichteten römischen Straße. (7) Dabei war auf einer Länge von dreißig Kilometern ein Höhenunterschied von fast 1200 Meter zu überwinden, es war wirklich ein Weg hinauf. Jesus kannte diesen Weg und hatte darauf im Gleichnis vom barmherzigen Samariter Bezug genommen: „Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab…“

    Wenn Jesus früher auf dem Weg nach Jerusalem des öfteren oder vielleicht sogar regelmäßig bei Lazarus in Bethanien eingekehrt war, denn Bethanien lag an dieser Verbindungsstraße (8), könnte er so mit Lazarus sogar befreundet geworden sein und auch mit dessen beiden Schwestern Maria und Martha. Es wäre eher verwunderlich, wäre Jesus jetzt nicht bei Lazarus und seinen beiden Schwestern eingekehrt. Und wenn er unterwegs tatsächlich erfahren hatte, dass sein Freund Lazarus erkrankt war, dann begab er sich jetzt erst recht nach Bethanien. Ob der Evangelist Johannes von der Totenerweckung des Lazarus als von einem historischen Ereignis erzählen will oder vorankündigend – vor den Ereignissen in Jerusalem – festhalten will, dass Jesus auch den Tod überwindet, kann hier nicht für die Leser entschieden werden. Ob jemand das erstere annimmt oder das zweite glaubt, würde die Wahrheit des Evangeliums aber nicht abschwächen oder verbiegen.

 

© Josef Gredler

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(1) Bargil Pixner: Mit Jesus durch Galiläa nach dem fünften Evangelium, Corazin Publishing 1992, SS. 97/98
(2) ebenda S. 104
(3) ebenda SS. 110/111
(4) Kenneth Bailey: Jesus war kein Europäer - Die Kultur des Nahen Ostens und die Lebenswelt der Evangelien; SCM R. Brockhaus 2018, SS.207, 208
(5) Rainer Riesner: Messias Jesus – Seine Geschichte, seine Botschaft und ihre Überlieferung; Brunnen Verlag 2019, S. 208
(6) Raimund Wolf; nach mündlichen Ausführungen bei seinen Pilgerfahrten
(7) Rainer Riesner: Messias Jesus – Seine Geschichte, seine Botschaft und ihre Überlieferung; Brunnen Verlag 2019, S. 277
(8) Raimund Wolf; nach mündlichen Ausführungen bei seinen Pilgerfahrten