Josef Gredler

11 Wanderung in heidnische Gebiete

 

     Wohin immer in dieser Gegend am See Jesus kam, die Menschen erkannten ihn, hatten von seinen Heilungen gehört und brachten die Kranken zu ihm, damit er sie heile. Diese Ansammlung von Menschen, die Jesus überall auslöste, vor allem wegen seiner Krankenheilungen, wurde immer mehr auch zu einem Risiko. Keine Frage, Jesus musste auf der Hut sein und er wusste um diese Gefahr. Deshalb hatte er Sepphoris, die alte Landeshauptstadt, und Tiberias, die neue Landeshauptstadt von Galiläa und aktueller Regierungssetz des Herodes Antipas, immer gemieden. Öffentliche Auftritte dort hätten seiner Mission wahrscheinlich ein rasches Ende bereitet. (a)   Länger am selben Ort verweilen war gefährlich geworden.

     Dieses wiederholte Verlassen des galiläischen Territoriums und Ausweichen in nichtjüdische Gebiete könnte Jesus eines Tages auch zu der Äußerung veranlasst haben, dass er im Gegensatz zu den Füchsen, die ihre Höhlen, und den Vögeln, die ihre Nester haben, keinen steten und sicheren Ort hat, wo er sein Haupt hinlegen könnte. Jesusnachfolge war also auch im ganz wörtlichen Sinn nicht so einfach. Aber nicht nur Herodes ließ Jesus beobachten, sowohl aus Neugierde als auch aus Prävention. Auch die Pharisäer waren auf ihn aufmerksam geworden und glaubten, man müsse diesen Jesus im Auge behalten. Deshalb kann es durchaus ratsam gewesen sein, diese Gegend daher für einige Zeit zu verlassen.  

     Und so verließ Jesus Galiläa, das Gebiet des Herodes, und zog mit seinen Jüngern nordwärts in das zu Phönizien gehörende Gebiet von Tyrus und Sidon. Die Stadt Tyrus war etwa siebzig Kilometer vom See Gennesaret entfernt. Jesus hatte aber nicht die Absicht, in diesem heidnischen Gebiet zu missionieren und das mit ihm beginnende Reich Gottes zu verkünden. In dieser Sendung sah er sich außerhalb des jüdischen Israel nicht. Aber in Phönizien war Jesus vor einem eventuellen Zugriff des Herodes Antipas sicher. Vielleicht wollte Jesus seinen Aufenthalt dort geheim halten und unerkannt bleiben. Aber Jesus dürfte auch dort kein ganz Unbekannter gewesen sein. Man hatte von ihm gehört, was angesichts der zu Fuß zu bewältigenden Entfernung durchaus vorstellbar ist.

     So kam in der Stadt Tyrus eine heidnische, nicht an den Gott Israels glaubende Frau zu Jesus und bat ihn, ihre Tochter zu heilen. Sie musste also von Jesus gehört haben. Anders als ein jüdischer Rabbi ließ sich Jesus auf ein Gespräch mit einer Frau ein, diese da war noch dazu ein Nichtjüdin. Nie und nimmer hätte ein Rabbi mit ihr auch nur ein Wort gewechselt. (2) Aber Jesus pflegte einen ganz anderen Umgang mit Frauen. Er  zeigte auch eine „große Offenheit gegenüber Menschen aus anderen Völkern und Religionen“. (3) Jesus sträubte sich zuerst, wohl deshalb, weil er hier im nichtjüdischen Gebiet nicht missionieren und vielleicht sogar unerkannt bleiben wollte. Aber die Frau war hartnäckig und ließ sich nicht abschütteln. Mutig hielt sie Jesus ihre Argumente dagegen, weshalb er ihr diese Bitte nicht verwehren sollte. Schließlich war Jesus von ihrem Glauben so beeindruckt, dass er ihre Tochter heilte, ohne damit eine missionierende Tätigkeit zu verbinden. Diese nicht geplante Begegnung mit dieser syrophönizischen Frau könnte für Jesus ein durchaus einschneidendes Erlebnis bezüglich seiner Sendung gewesen sein. Er war doch zu den Menschen aus dem Haus Israel gesandt. Die Erinnerung an Jesu grenzüberschreitendes Handeln könnte bei der Entscheidung der jungen Kirche, das Evangelium auch den Heiden zu verkünden, eine Rolle gespielt haben.

     Jesus blieb nicht lange im Gebiet von Tyrus. Eigentlich wollte er ja nur, für kurze Zeit zumindest, Galiläa verlassen, sich dem Verdacht entziehen, eine politische Mission zu betreiben und ein möglicher politischer Unruhestifter und Aufwiegler zu sein. So zog er über Sidon zwar wieder an den See, aber nicht nach Galiläa, sondern in das Gebiet der Dekapolis, in das Jesus schon einmal, nach seinen programmatischen Reden am See Gennesaret, einen Abstecher gemacht hatte. Warum wieder in die heidnische Dekapolis, wenn diese nicht auf seiner Missionsroute lag? Wenn die ursprüngliche Absicht, Galiläa aus Gründen der Sicherheit und einer gewissen Beruhigung wegen vorübergehend zu verlassen, noch aufrecht war, dann bot sich auch die Dekapolis als Ausweichrefugium an, denn im Gebiet von Tyrus und Sidon wollte er nicht länger bleiben. Das eilige Umherziehen von da nach dort war nicht Ratlosigkeit, sondern wohlüberlegt. Es könnte aber auch die Begegnung mit der heidnischen Syrophönizierin Jesus veranlasst haben, abermals die heidnische Dekapolis aufzusuchen, obwohl die Leute ihn bei seinem ersten Besuch doch entschieden gebeten hatten, ihr Land zu verlassen. Vielleicht war er ihnen damals aufgrund der Ereignisse um die Heilung eines Besessenen unheimlich geworden. Diese Wegstrecken, die Jesus da mit seinen Jüngern zurücklegte, waren keine Spaziergänge, sondern lange Fußwanderungen. Jesus und seine Jünger könnten den Weg über die heutigen Golanhöhen gewählt haben, um in die Dekapolis zu gelangen.

     Dass man dort gleich einmal einen Taubstummen zu Jesus brachte, damit er ihn heile, lässt den Schluss zu, dass zumindest einige Jesus wiedererkannt haben könnten. Vielleicht hatte man auch von den Krankenheilungen Jesu am galiläischen Nordwestufer gehört. Möglicherweise hatte der Besessene, den er bei seinem ersten Aufenthalt hier geheilt hatte, überall von seiner wundersamen Heilung durch diesen Jesus aus Nazaret erzählt. Jesus heilte den Taubstummen – abseits und unauffällig. Denen, die das trotzdem mitbekommen hatten, verbat er vergeblich, darüber zu reden. Jedenfalls brachte man noch weitere Kranke zu Jesus. Es dürfte nicht bei der Heilung dieses Taubstummen geblieben sein. Das Staunen der Menschen war verständlicherweise groß.

     Wenn es hier am Ostufer des Sees abermals wie schon am Nordwestufer zu einer wundersamen Speisung durch Jesus gekommen sein sollte, dann muss man allerdings davon ausgehen, dass Jesus hier auch lehrte. Es wäre auch denkbar, dass Matthäus und Markus mit einem zweiten Speisungswunder im Gebiet der Heiden eine tieferliegende Wahrheit mitteilen möchten. Viele Symbole dieser zweiten Speisung – drei Tage waren die Leute schon bei Jesus, sieben Brote waren zum Verteilen da, sieben Körbe voll blieben übrig und wurden eingesammelt – könnte man so deuten.  Dieser zweite Aufenthalt Jesu in der Dekapolis dauerte sicher länger als der erste, aber kaum länger als einige Tage. Danach fuhr Jesus wieder mit dem Boot über den See dorthin zurück, von wo er aufgebrochen war.

     Hier in Kafarnaum, am Ausgangspunkt seiner Mission, zu dem er immer wieder zurückkehrte, kam es dann zu einer ernsthaften Krise seiner gesamten Mission überhaupt. Weil nur Johannes davon berichtet, stellt sich die Frage, ob er ein detailliertes Wissen hatte als die anderen Evangelien oder ob es eine typisch johanneische theologische Überhöhung, also redaktionelle Bearbeitung ist, um jene Wahrheit auszudrücken, die unter der Oberfläche bloßen Geschehens in Jesus verborgen ist. Wenn wir darin ein reales Geschehen sehen, dann kann sich das so ereignet haben: Als Jesus in der Synagoge von Kafarnaum vom Himmelsbrot redete, stieß er auf völliges Unverständnis. Die Leute konnten oder wollten ihn nicht verstehen. Ihr Brot, das sie meinten und nach dem sie verlangten, war hier unten, war das, was sie beim Speisungswunder gegessen hatten. Das Brot, das Jesus meinte, war ihnen unverständlich. Der zentrale, in die Krise führende Satz lautet bei Johannes „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wenn jemand davon isst, wird er nicht sterben… Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch.“ So formuliert es theologisch überhöht Johannes, so hat es Jesus sicher nicht gesagt. Mit dieser „unerträglichen“ Brotrede verlor Jesus viele von denen, die ihm bisher geglaubt bzw. gefolgt waren, auch Jünger. Fast naheliegend, dass Jesus auch an die Zwölf die Frage richtete, ob auch sie gehen möchten. (4) Für Petrus, der wieder stellvertretend das Wort ergriff, gab es keine Alternative zu Jesus.

     Da musste in der Synagoge von Kafarnaum etwas passiert sein, was mehr erforderte, als sich für diesen Jesus wegen seiner Machttaten, Heilungen und Dämonenaustreibungen zu begeistern. Jesu Botschaft wurde zunehmend zur großen Herausforderung. Gemessen an dieser Herausforderung war seine Mission bei den Schafen Israels kein Erfolg. Ihr Messiasbild war ganz an irdischen Vorstellungen festgemacht. Ein solcher Messias war Jesus nicht und zu einem solchen Messias ließ er sich nicht machen. Wenn er den Menschen in ihrem Verlangen nach einem solchen mit irdischer Macht ausgestatteten Messias entgegengekommen wäre, wäre sein öffentliches Auftreten vorerst ein großer Erfolg geworden, bis römische Soldaten dem Ganzen dann ein fürchterliches Ende bereitet hätten. In dieser „Galiläischen Krise“ könnte Jesus in tiefer Enttäuschung über die breite Zurückweisung seiner Botschaft auch die Weherufe gegen die galiläischen Orte Kafarnaum, Chorazin und Betasaida, denen er sich besonders zugewandt hatte,  gesprochen haben, und nimmt Bezug auf Tyrus und Sidon, wo er schon war, aber nicht missionierte. (5) Das würde sich chronologisch durchaus gut ineinanderfügen. Die Mission Jesu in Galiläa führte nach einem aufblühenden Frühling letztlich in eine tiefe Krise bzw. einen enttäuschenden Misserfolg, in eine Entscheidung vieler gegen Jesus, gegen seinen Anspruch.

 

© Josef Gredler

________________________________________________________________________________________________

(1)  Rainer Riesner: Messias Jesus. Seine Geschichte, deine Botschaft und ihre Überlieferung, Brunnen-Verlag 2019, S. 252
(2)  Kenneth E. Bailey: Jesus war kein Europäer. Die Kultur des Nahen Ostens und die Lebenswelt der Evangelien, SCM R. Brockhaus 2018, SS. 264, 265
(3)  Hans Kessler: Auferstehung? Der Weg Jesu, das Kreuz und der Osterglaube, Matthias Grünewald Verlag 2021, S. 37
(4)  Bargil Pixner: Mit Jesus durch Galiläa nach dem fünften Evangelium, Corazin  Publishing, 1996, SS. 87, 88
(5)  Rainer Riesner: Messias Jesus. Seine Geschichte, deine Botschaft und ihre Überlieferung, Brunnen-Verlag 2019, SS. 250, 251