Josef Gredler

10 Mission am See Gennesaret

 

     Nach seiner Rückkehr von der Taufe am Jordan nach Galiläa war also Jesus nach Kafarnaum „übersiedelt“  und wohnte im Haus des Fischers Simon, eines seiner ersten Jünger. (1) Kafarnaum war, wie neuere Ausgrabungen belegen, wegen seines Fischfangs ein einigermaßen wohlhabendes Fischerstädtchen von rund zweitausend Einwohnern auf einem fast einen Kilometer langen Küstenstreifen mit den erforderlichen Hafenanlagen. (2) Kafarnaum gab Jesus aber auch die Möglichkeit, im Fall des Falles sich durch Flucht über den See bzw. über den Jordan nach Betsaida schneller dem Zugriff des Herodes zu entziehen. (3) Die Übersiedlung dorthin war eine logische Konsequenz seiner Sendung, die Jesus hier begonnen hatte. Dort verkündete er erstmals öffentlich seine Botschaft vom nahen Reich Gottes, das zum „Zentral- und Leitmotiv seines ganzen Auftretens“ (4) wurde. Jesus wollte die Erneuerung Israels. Was Markus und Lukas in ihrem Evangelium als einen einzigen ereignisreichen Tag dort zusammenfassen, war eher die Zusammenfassung der Ereignisse mehrerer Tage bzw. eines längeren Zeitraumes. (5)

     So ging Jesus in Kafarnaum in die Synagoge, wie er das später auch andernorts meistens zu tun pflegte, und ergriff das Wort. Was er sagte, machte die Menschen sehr betroffen. Er war offensichtlich kein gewöhnlicher Rabbi oder Schriftgelehrter, sondern Jesus redete wie einer, der „Vollmacht“ hatte. (6) Er beanspruchte für sich eine Autorität, die über das menschliche Maß hinausging. Heilungen begleiteten seine Predigten und sollten seine Botschaft bezeugen. Er war nicht nur „ein Prophet und Lehrer des Wortes“ (7), er war auch „ein charismatischer Heiler mit einer ganz außergewöhnlichen Heilungsgabe“. (7) So heilte er in der Synagoge von Kafarnaum einen Mann, der „von einem unreinen Geist besessen war“. Was im Volksglauben als Besessenheit von einem unreinen Geist oder Dämon galt, das würden wir heute als Kontrollverlust, psychische Störung, Sucht, Phobie, vielleicht auch als epileptischen Anfall bezeichnen. (8) Wohl nicht am selben Tag, aber in dieser Zeit befreite er im Haus des Petrus und Andreas die Schwiegermutter des Petrus von ihrem Fieber. So etwas sprach sich schnell herum, sodass Menschen neugierig und voller Erwartung sich vor dem Haus, in dem Jesus wohnte, versammelt hatten. Sie hatten auch gleich viele Kranke mitgebracht, damit er sie heile. Heilungen begleiteten von Anfang an die Mission Jesu. Auch kritische Exegeten anerkennen eine außergewöhnliche Heilungsgabe Jesu als historische Realität.  Die von Jesus bewirkten Heilungen sind eine ganz plausible Erklärung dafür, dass sich sein Ruf rasch verbreitete und einen großen Zulauf auslöste. Dass Jesus in Kafarnaum einen für damalige Verhältnisse großen Ansturm auslöste, darf man annehmen. Er zog sich dann aber, wie er das wohl öfter zu tun pflegte, an einen einsamen Ort zurück, um zu beten – aber alle suchten ihn, auch seine Jünger.

     Jesus bezog seine Sendung nicht nur auf Kafarnaum, sondern auf ganz Galiläa und auch auf Judäa. Jesus wollte eine Erneuerung Israels. Kafarnaum war sozusagen die Initialzündung für Jesu Wanderpredigten, immer wieder der Ausgangspunkt. Und nach Kafarnaum kehrte er auch immer wieder zurück. Sein Aktionsradius wurde größer. So lehrte er zunächst in den umliegenden Dörfern. Die Kunde von diesem Jesus verbreitete sich dort und in „ganz“ Galiläa. Das hört sich zwar etwas übertrieben an, aber so unüberschaubar groß war Galiläa nun auch wieder nicht. Jesus wurde zum charismatischen Wanderprediger, ohne feste Bleibe und ohne Besitz, der mit einem unglaublichen Anspruch lehrte und Zeichen tat, die kein gewöhnlicher Mensch tun konnte. Er redete von Gott, wie es bisher noch niemand getan hatte, und nannte ihn sogar seinen Vater. Dass Menschen in einer Zeit, die so voller endzeitlicher, messianischer Erwartung war, diesen Jesus aus Nazaret für den Messias hielten, muss man annehmen. Ebenso gewiss ist auch, dass die religiöse Obrigkeit, die religiösen Parteien, vor allem die Pharisäer und Sadduzäer, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, Jesus aufmerksam beobachteten und beobachten ließen. Als seine Gegner begannen sie schon, sich zu formieren, denn was Jesus sagte und tat, überschritt das Maß dessen, was ein Mensch sagen und tun durfte. Wer ist dieser Jesus aus Nazaret? Diese Frage klebte jetzt förmlich an ihm.

     Auch der Besuch Jesu in seiner nahen Heimatstadt Nazaret, eine Rückkehr sozusagen, muss in dieser Zeit des Anfangs seiner Mission geschehen sein. Genauer lässt sich der Zeitpunkt allerdings nicht bestimmen, aber dass Jesus in seiner Mission auch nach Nazaret kam, daran besteht kein Zweifel. Wahrscheinlich kam Jesus in seiner Mission sogar mehr als nur einmal nach Nazaret, sodass im einmaligen Besuch der Evangelien mehrere Besuche zusammengefasst sein könnten. Es war an einem Sabbat und Jesus ging in Nazaret in die Synagoge, die ihm ja mehr als vertraut war. Er ließ sich die Schriftrolle des Propheten Jesaja geben. Nachdem er daraus vorgelesen hatte, folgte wie üblich ein auslegender Gedankenaustausch mit den versammelten Besuchern. (9)  Da mag in der Synagoge ein anfängliches Staunen aufgekommen sein. Aber es blieb nicht bei diesem Staunen, sondern die Stimmung kippte schlussendlich in eine heftige emotionale Auseinandersetzung. Hier in Nazaret waren die Leute nicht bereit, in Jesus, den sie doch kannten und der doch einer der ihren war, den von Gott Gesandten zu erkennen, in dem sich die eben gehörten prophetischen Schriftworte erfüllt haben sollten. Vielleicht mag bei einigen anfänglich noch die Hoffnung aufgekommen sein, dass einer aus ihrer Sippe im unbedeutenden Nazaret die messianischen Hoffnungen Israels erfüllen sollte. Da könnten einige in diesem Jesus die große Chance für ihre „Stadt“ und ihre Sippe gesehen haben. Vielleicht war dann aber für sie der Anspruch Jesu doch zu groß, zu unerträglich, er war doch einer aus ihrer Sippe, man kannte seine Familie, seine Brüder. (10) Aber dieser Jesus ließ sich nicht vor die Erwartungen seiner nazoräischen Sippe spannen. Die ganze Situation eskalierte jedenfalls, schließlich zeigten sie Jesus ganz offen ihre Ablehnung. Vielleicht jagten sie ihn tatsächlich wütend aus der Synagoge hinaus und trieben ihn auch aus seiner Stadt Nazaret hinaus. Das war für Jesus nicht bloß eine Enttäuschung, das muss eine tiefe existentielle Erschütterung gewesen sein. Aber auch für seine Familie muss diese grobe, möglicherweise sogar handgreifliche Ablehnung ein traumatisches Ereignis gewesen sein. Vielleicht fühlten sich seine Brüder vor der ganzen Stadt bloßgestellt durch das, was ihr „kleinerer Bruder“ sich da erlaubt hatte.

     Jesus kehrte wieder nach Kafarnaum zurück. Die sogenannte Bergpredigt, die Jesus aber kaum in einem Stück hielt, sondern die eher eine Zusammenfassung mehrerer programmatischer Reden ist, gehört mit Sicherheit auch in die Anfänge seiner Mission am See. In den Seligpreisungen erklärte er seinen Zuhörern verheißungsvoll, was er mit dem Reich Gottes meinte. Da die Bergpredigt nicht eine einzige und einmalige Rede war, kann man ihr nicht einen bestimmten Platz zuweisen. Diese programmatischen Reden des Anfangs, seine Vision von einem neuen Israel als Reich Gottes, haben aber sicherlich insgesamt am nordwestlichen Ufer des Sees Gennesaret stattgefunden. Die Seligpreisungen bilden ihr Herzstück. Die Menschen spürten, so hatte noch niemand gesprochen. Die Botschaft Jesu war für die Menschen wirklich eine neue Lehre. Jesus trat mit einer Autorität auf, die ein Mensch nicht beanspruchen durfte. Er löste das Gesetz nicht auf, doch er stellte sich mit seiner Auslegung gegen die harte und unbarmherzige Auslegung der pharisäischen Schriftgelehrten. Der barmherzige, liebende, verzeihende Gott wendet sich nach Jesus den Armen, Schwachen, Kranken, Ausgestoßenen, Verfolgten, Sündern… zu – ganz bestimmt Balsam auf die Wunden vieler Menschen.

     Dass Jesus sich nicht auf eine einzige große Rede beschränkte, sei es weiter oben am Berg oder unter am See, sondern wiederholt zu denen sprach, die sich dort eingefunden hatten, liegt nahe. Diese Reden könnten in der sogenannten „Bergpredigt“ und „Seepredigt“ zusammengefasst sein. Die beiden Reden überschneiden sich wahrscheinlich, weshalb man Bergpredigt und Seepredigt weder zeitlich noch lokal nicht voneinander abgrenzen, trennen kann. In der Seepredigt überwiegen die Gleichnisse. Jesus hatte seine frohe Botschaft in Gleichnisreden verpackt, die die Menschen verstehen konnten, weil sie ihrem Leben entnommen waren und auf ihr Leben Bezug nahmen. Seine Reich-Gottes-Vision war aus Gleichnissen und Bildern zusammengesetzt. Dass Jesus einmal weiter oben am „Berg“ gesprochen hat und dann wieder weiter unten am See oder gar von einem Boot aus, war naheliegend. Wer einmal dort war weiß, dass hier am Nordwestufer „oben am Berg“ und „unten am See“ nicht so weit auseinanderliegen. Jesus lehrte bestimmt nicht immer nur an derselben Stelle. Wenn man die Bergpredigt und die Seepredigt zusammen liest, ergeben sie tatsächlich ein „Programm“, das den Zuhörern eröffnen sollte, worum es Jesus ging.

     In etwa dieser Zeit dürfte auch der Tod des Täufers durch Herodes Antipas geschehen sein. Auch wenn die Evangelien die Enthauptung des Johannes quasi als Belohnung an seine Tochter Salome darstellen, die den Kopf des Täufers sich als Geschenk erbeten haben soll, muss man doch von einem ganz klar politischen Motiv ausgehen. Von einem Mann wie diesem Täufer konnte sich Antipas durchaus bedroht fühlen. Der Zulauf der Leute hatte den Täufer zu einer potentiellen Gefahr für den Despoten gemacht, der mögliche Unruhen unter dem Volk fürchtete, ausgelöst durch den Täufer. Und sich mit so scharfer Zunge öffentlich maßregeln lassen ob seines Lebenswandels – Herodes Antipas hatte seine erste Frau verstoßen, um die Frau seines Bruders Herodes Philippus zu heiraten – durfte er sich auch nicht. Grund genug für Antipas, diesem Prediger auf der Grenzfestung Machärus am Toten Meer ein Ende zu bereiten. Die Nachricht vom Tod des Täufers hatte Jesus zutiefst getroffen und war ihm eine ganz klare Warnung zur Vorsicht, nicht ein ähnliches Schicksal zu erleiden.

    Jesus hat sich auch einmal in das heidnische Gebiet der Dekapolis begeben, in das Gebiet der zehn Städte südlich und östlich des Sees Gennesaret, die sich zu einem Städtebund zusammengeschlossen hatten und nicht zum Herrschaftsgebiet des Herodes gehörten. Für den Grund eines solchen „Abstechers“ in die Dekapolis sind wir auf Mutmaßungen angewiesen. Jesus richtete seine Botschaft gemäß seinem verspürten Sendungsauftrag an die „Schafe des Haues Israel“, nicht an die Heidenvölker. Die Dekapolis lag also nicht auf seiner ursprünglich geplanten Missionsroute. Was Jesus aber zu dieser Überfahrt in die heidnische Dekapolis veranlasst hatte, kann nur vermutet werden. Ein möglicher Grund könnte sein, dass Jesus nach den programmatischen Reden am Nordwestufer des Sees Herodes Antipas fürchten musste. Jesus hatte mit seinen Reden, kaum mehr als zehn Kilometer vom Amtssitz des Herodes in Tiberias entfernt, viele Leute angezogen und versammelt. Er hatte ähnlich wie Johannes eine Bewegung ausgelöst, auch wenn man sich diese nicht zu groß vorstellen soll. Dieser Zulauf der Menschen zu Jesus muss aber wie bei Johannes das Misstrauen des Herodes geweckt haben, der nun möglicherweise auch Jesus observieren ließ, auch wenn dieser eine andere Sprache pflegte als der Täufer. Vielleicht war Jesus auch gewarnt worden, sodass er vorübergehend in die Dekapolis auswich, weil die nicht zum Herrschaftsgebiet des Herodes gehörte. Jesus war nach dem Tod des Täufers vorsichtiger geworden.

     Jesus dürfte von Kafarnaum aus mit seinen Jüngern in Booten den See überquert haben, um am südlichen Ostufer anzulegen. Er  hatte sicher öfter im Boot den See überquert, als uns in den Evangelien berichtet ist. Ein heftiger Sturm, Fallwind vom steilen Ostufer herunter, der dann plötzlich den vorher noch ruhigen See gefährlich aufwühlte, war nichts Ungewöhnliches. Ein solcher Sturm  überraschte  die Jünger bei einer Überfahrt und brachte sie in große Bedrängnis, sicher nicht das erste Mal. Das wundersame Eingreifen Jesu, von dem das Markusevangelium berichtet, legt nahe, dieses Ereignis in einer offenbarenden Bedeutung zu verstehen.

     Jesus hatte nicht vor, hier in der Dekapolis die Leute zu versammeln und zu belehren, wie er das in Galiläa tat. Dennoch heilte Jesus in einem Dorf an der Küste einen Besessenen, indem er ihn von einem Dämon befreite. Bis in unheimliche Einzelheiten, die auch voller Symbolik sind, berichtet Markus davon. „Von einem Dämon besessen“ war die Bezeichnung für ein durch Anfälle gezeichnetes Krankheitsbild. Die Dekapolis war heidnisches Gebiet, deshalb konnte es dort auch diese große Schweineherde geben, von der das Evangelium weiß. Von dort kehrte Jesus dann nach ein paar Tagen wieder über den See nach Kafarnaum zurück. Die Heilung der Tochter des Synagogenvorstehers und der Frau, die an Blutungen litt, wird nicht so unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Kafarnaum noch am selben Tag geschehen sein, wie es bei Markus verdichtet berichtet wird.

     Jesus wurde auf seiner Mission von seinen Jüngern begleitet, sie sollten ihn bei seiner Sammlung für das Reich Gottes unterstützen. So war es naheliegend, dass er seine Jünger auch in Dörfer Galiläas sandte, um die Botschaft von der anbrechenden Gottesherrschaft zu verkünden. Diese „Aussendung“ muss man sich geographisch begrenzt auf die Dörfer in der Umgebung des Sees vorstellen. Über ihren Erfolg wird nicht berichtet, aber auf dem Hintergrund der gesamten Mission Jesu war ihr wohl kaum ein großer Erfolg beschert. Der Zulauf, den Jesus hier am See und in den umgebenden galiläischen Dörfern zweifellos erlebte, war durchaus beachtlich – man spricht in diesem Zusammenhang gerne von einem „galiläischen Fühling“ – darf aber nicht voreilig als Erfolg seiner Mission insgesamt gedeutet werden. Die Leute wollten Jesus sehen, wollten ihn hören, wollten seine Zeichen sehen und erfahren. Die Erwartung der Leute an diesen Jesus ging in eine andere Richtung, als Jesus das wollte. Nichtsdestoweniger, wo Jesus auftauchte, strömten Menschen zusammen. Ob es wirklich Menschenmassen waren, bleibt dahingestellt, aber es waren sicher immer wieder beträchtliche Ansammlungen, die Aufsehen erregten, und Jesus war zwar nicht in aller, aber sicher in vieler Munde. Jesus badete sich aber nicht in der Menge, sondern zog sich immer wieder zurück in die Abgeschiedenheit und Stille zum Innewerden seiner Sendung und zum Gebet. So lag über seinem Verhalten zu der Menschenmenge, die gekommen war, um ihn zu hören, immer auch eine gewisse Ambivalenz.

     Dies zeigte sich auch bei der sogenannten Brotvermehrung bzw. der Speisung der Fünftausend. Sie gehört zeitlich in den Rahmen der Mission am See. Folgender Ablauf wäre gut denkbar: Jesus wollte den Scharen zuerst ausweichen, wie geschrieben steht, mit den Jüngern allein sein, die er ausgesandt hatte und die inzwischen wieder zurückgekehrt waren, aber die Leute ließen sich nicht abschütteln, sondern folgten ihm. Dann ergriff Jesus doch das Wort und redete zu den vielen Menschen, die gekommen waren, offensichtlich so lange, bis es schon spät geworden war und die Leute etwas zu essen brauchten. Alle vier Evangelien berichten, dass ein paar Fische und Brote auf wunderbare, wundersame Weise ausreichten, um alle satt zu machen. Die Zahl Fünftausend darf man wie die anderen Zahlen rund um dieses Ereignis nicht als mathematische Mengenangabe missverstehen. Was immer hier am Abhang des nordwestlichen Seeufers geschehen ist, kann hier nicht geklärt werden. Jesus hatte damit jedenfalls unglaubliche Erwartungen ausgelöst. So einen hätten die Leute gern zum König gehabt, auf einen solchen Messias hatten sie gewartet

     Jesus musste sich der Menge entziehen, die nach der wundersamen Sättigung so vieler gekommen war, um ihn fast gewaltsam „zum König zu machen“. Was war naheliegender, als ins Boot zu steigen und wegzufahren nach Betsaida, jenseits des Jordans, wo er sich auch einem möglichen Zugriff durch Herodes entziehen würde, der von der Menschenansammlung am See, fast in seiner Sichtweite, sicher schon informiert war. Man darf sich diese Szene aber nicht fluchtartig vorstellen. Jesus lief vor der Menge nicht einfach davon. Seine Jünger sollten vorausfahren und dort auf ihn warten. Er zog sich indessen wieder auf die ihm vertraute, einsame Anhöhe nahe am See zurück, um dort zu beten. Das Geschehen dieser Nacht, von dem die Evangelien berichten, kann auf diesen Seiten wiederum nicht historisch verifiziert werden. Es war schon dunkel, Jesus stand am Ufer, die Jünger hatten Gegenwind, ihr Boot wurde hin- und hergeworfen, Jesus kam über den See, begegnete ihnen, sie hielten ihn für ein Gespenst, hatten Angst, Jesus sagte, dass er es sei, sie sollten sich nicht fürchten, Petrus sprang aus dem Wasser, wurde von Jesus wunderbar gerettet, die Jünger erahnten oder erkannten „Jesus als Gottes Sohn“. Wenn die Evangelien mit ihrer nachösterlichen Erfahrung diese Szenen benützen, um ihrer Gemeinde Jesus als den auferstandenen Sohn Gottes zu verkünden, dann schreiben sie die Wahrheit, die ihnen nach Ostern zur Gewissheit geworden war. Die Evangelien legen den Schluss nahe, dass sie schlussendlich nicht in Betsaida, sondern in der entgegengesetzten Richtung, in Gennesaret das Ufer erreichten. Ein sturmartiger Ostwind, wie er im Winter immer wieder vorkam, wäre eine einleuchtende Erklärung, warum sie ihr Ziel ändern mussten. (11)

 

© Josef Gredler

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(1) Helmut Hoping: Jesus aus Galiläa. Messias und Sohn Gottes, Herder 2019, 78
(2) Rainer Riesner: Messias Jesus. Seine Geschichte, deine Botschaft und ihre Überlieferung, Brunnen-Verlag 2019, S.119
(3) Eduard Josef Huber: Die unwahrscheinliche Geschichte des Jesus von N., Bernardus-Verlag 2018; S. 158
(4) Hans Kessler: Auferstehung? Der Weg Jesu, das Kreuz und der Osterglaube, Matthias Grünewald Verlag 2021 , S. 31
(5) Ludger Schenke: Das Markusevangelium – Pointen, Rätsel und Geheimnisse; Herder 2018, S. 42
(6) Helmut Hoping: Jesus aus Galiläa. Messias und Sohn Gottes, Herder 2019, S. 82
(7) Hans Kessler: Auferstehung? Der Weg Jesu, das Kreuz und der Osterglaube; Matthias Grünewald Verlag 2021, SS. 31 u. 32
(8) Vergleiche ebenda SS. 33 u. 34
(9)  Kenneth E. Bailey: Jesus war kein Europäer. Die Kultur des  Nahen Ostens und die Lebenswelt der Evangelien; SCM R.Brockhaus 2018, S. 178
(10) Rainer Riesner: Messias Jesus. Seine Geschichte, deine Botschaft und ihre Überlieferung; Brunnen-Verlag 2019, SS.117-118
(11) Bargil Pixner: Mit Jesus durch Galiläa nach dem fünften Evangelium; Corazin Publishing, 1992, S. 74