Josef Gredler

09 Jesus beginnt seine Mission

 

    Zur Fortsetzung der Lebensgeschichte, was den Beginn der Mission Jesu betrifft, halte ich mich jetzt mehr an die johanneische Abfolge der Ereignisse, weil dessen Zeitrahmen von etwas mehr als zwei Jahren der Realität näher kommt als Matthäus, Markus und Lukas, die das öffentliche Auftreten Jesu in einem Einjahreszyklus darstellen. (1) Der Meinung vieler Exegeten, dass das Johannesevangelium am wenigsten geeignet sei, um tatsächliche, historische Zeitabläufe zu rekonstruieren, wird von anderen heftig widersprochen. Andererseits scheint der Verfasser des Johannesevangeliums immer wieder eine bessere Detail- und Ortskenntnis zu besitzen. (2) Andererseits werden von ihm Ereignisse mehr als bei den anderen Evangelisten aus nachösterliches Sicht theologisch überhöht dargestellt. Das heißt, um dem Leser zu erschließen, wer Jesus wirklich war, werden Begebenheiten weniger nach den äußeren historischen Fakten dargestellt als nach deren höherer christologischer Bedeutung. Wenn ich also jetzt etwas mehr der mit besserer Orts- und oft auch Detailkenntnis ausgestatteten johanneischen Spur folge, dann könnte es sich so zugetragen haben:

     Von der Gegend am Jordan kehrte Jesus nach der Taufe mit seinen ersten Jüngern wieder nach Galiläa zurück. Der Weg könnte sie gleich zu Beginn nach Kana geführt haben, wo eine Hochzeit gefeiert wurde, bei der auch die Mutter Jesu zur Hochzeitsgesellschaft gehörte. Nur Johannes berichtet von dieser Hochzeit und weiß, dass auch Jesus und seine Jünger eingeladen waren. Eine mögliche und natürliche Erklärung wäre, dass einer der ersten Jünger Jesu und vielleicht vormaliger Jünger des Täufers aus Kana stammte und Jesus und die Jünger zur Hochzeit mitgebracht hatte. (3) Johannes berichtet dann vom ersten Wunder Jesu, wie er Wasser in Wein verwandelte. Diese Rückkehr nach Galiläa führte aber Jesus nicht zu seiner Familie nach Nazaret zurück, sondern nach Kafarnaum, wo er einige Zeit blieb. (4) Möglich, dass Johannes hier persönlich Genaueres weiß als die Synoptiker und daher schreiben kann, dass seine Mutter und seine Brüder mit ihm nach Kafarnaum zogen. Naheliegender scheint mir aber eine Loslösung Jesu von seiner Familie in Nazaret, weil seine Sendung eine neue Lebensform verlangte. Wie immer das war, sicher ist, dass Jesus ab jetzt in Kafarnaum wohnte. Die näheren Umstände dieser Übersiedlung lassen sich nicht wirklich klären. Spannungen in der Familie, vor allem mit seinen „Brüdern“, könnten auch dazu geführt haben. Jedenfalls wird Kafarnaum zum „Ausgangspunkt“ der Mission Jesu.

     Nach Johannes hielt sich Jesus nicht lange in Kafarnaum auf, sondern zog wieder, wahrscheinlich durch das Jordantal, auf der ihm vertrauten Route hinauf nach Jerusalem, weil das Pessachfest nahte. Dabei könnte er in Bethanien nahe Jerusalem bei Lazarus eingekehrt sein. Jesus war sicher schon vor seinem öffentlichen Auftreten wiederholt nach Jerusalem gepilgert und könnte so Lazarus in Bethanien, das ja am Weg lag, kennengelernt und sich mit ihm angefreundet haben. Aber Jesu Ziel war das Pessach in Jerusalem. Das Evangelium nach Johannes stellt ein zorniges, konfrontatives Auftreten Jesu im Tempel  an den Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu, die anderen Evangelisten stellen es an das Ende seiner Mission, an den Beginn der Leidenswoche. Als Jesus im Tempel erlebte, wie das „Haus seines Vaters“ durch marktähnlichen Treiben in eine „Räuberhöhle“ verwandelt worden war, brach die ganze Empörung aus ihm heraus, die er darüber empfand. Entweder war er jetzt am Anfang seiner Mission entsetzt überrascht worden oder er hatte aus seinen bisherigen Besuchen in der Heiligen Stadt dieses den Tempel entweihende Treiben in schmerzlicher Erinnerung. Jesus dürfte dabei heftig geworden sein, weil er durch das Treiben dort den Tempel entehrt und missbraucht sah. Wahrscheinleich war diese „Tempelreinigung“ aber nicht ein so großes öffentliches Szenario, das den ganzen Tempel beherrscht hatte, aber es blieb nicht ohne Wirkung. In der Nacht könnte es zu einem Gespräch mit Nikodemus gekommen sein, einem Pharisäer und Mitglied des Hohen Rates.

     Nach diesem Pessachfest, dem erstmaligen Aufenthalt        in Jerusalem in seinem öffentlichen Wirken wählte Jesus mit seinen Jüngern zur Rückkehr nach Galiläa den Weg durch Samaria. Bei Sichem kam es dann am Jakobsbrunnen zu dieser Unterredung mit der samaritischen Frau. (5) Und Jesus blieb noch einige Tage dort. Beides war ungewöhnlich für einen Juden, weil ein Mann in der Öffentlichkeit sich nicht mit einer Frau unterhielt und weil zwischen den Juden und den Bewohnern von Samarien Feindschaft herrschte. Die Samariter hatten sich nach der Zerstörung des Nordreiches vor mehr als siebenhundert Jahren mit fremden Einwanderern vermischt und waren keine „reinen“ und rechtgläubigen Israeliten mehr – aus der Sicht der Juden.

     Deshalb wurden die Samariter von den Juden verachtet, obwohl auch sie an Jahwe glaubten, den Gott ihrer Väter. So hatten sie auf dem Berg Garizim ihren eigenen Tempel gebaut, denn mit dem Tempel in Jerusalem hatten sie nichts mehr zu tun. Der kürzere Weg durch Samarien war für Juden wegen dieser Feindschaft nicht ungefährlich. Deshalb nahmen viele, wenn sie von Galiläa nach Judäa mussten oder umgekehrt, nicht den kürzeren Weg durch Samarien, sondern den längeren durch das Jordantal, der aber sicherer war. Wenn Jesus wirklich einige Tage in Sichem blieb, dann ist das nur so zu verstehen, dass er dort auch lehrte, ohne jedoch eine Missionstätigkeit in Samaria zu beginnen.

     Von Sichem zog Jesus wieder zurück nach Galiläa. Galiläer, die zum Fest in Jerusalem gewesen waren, hatten nach ihrer Rückkehr zu Hause wahrscheinlich von dem Ereignis um Jesus im Tempel erzählt, wenn wir von der Chronologie des Johannes ausgehen. Jedenfalls könnte das Auftreten Jesu im Tempel zu Jerusalem in Galiläa bekannt geworden sein und das hätte Jesus sicher Sympathien bei seinen galiläischen „Landsleuten“ eingebracht. In der Jordangegend taufte und predigte noch immer Johannes. Immer wieder erhob dieser furchtlos seine scharfen Worte gegen Herodes Antipas, er konnte nicht anders, als das gottlose Leben des Herodes heftig anklagend zu verurteilen, was nicht ohne Folgen bleiben konnte.

     Die Reihenfolge der Ereignisse ist nicht wirklich auszumachen. Hier am See könnte es zur Berufung weiterer Jünger gekommen sein bzw. Jesus fand hier die Johannesjünger wieder, denn dort, wo der Jordan den See Gennesaret verlässt, könnte die nördlichste Taufestelle des Johannes gewesen sein. Mit Sicherheit waren einige von ihnen Fischer, die dort am See vom Fischfang lebten wie Simon Petrus und sein Bruder Andreas, aber auch Johannes und sein Bruder Jakobus, die Söhne des Zebedäus. Dass Simon Petrus mit seiner Frau in Kafarnaum im Haus der Schwiegermutter lebte, ist sehr glaubwürdig. Hier in Kafarnaum nahm die Mission Jesu, seine Sammlung des Volkes Israel unter der anbrechenden Gottesherrschaft, ihren Anfang. Nicht gleich zu verstehen, was damit gemeint ist. Der Begriff „Reich Gottes“ macht das nicht viel verständlicher. Das Reich Gottes Jesu mit der späteren Kirche gleichzusetzen, ist eine  spätere bereits kirchliche Interpretation. Jesus wollte das Judentum erneuern, das viel von seiner lebendigen Gottesnähe verloren hatte, und diese Erneuerung sollte jetzt mit ihm beginnen. „Was Propheten für die zukünftige Heilszeit erhofften, fängt jetzt schon an: Gott sammelt sein Volk, kümmert sich wie der Hirt besonders um Schwache und Ausgegrenzte, lädt alle zum Festmahl, vergibt Schuld ohne blutigen Sühneopfer-Kult.“ (6) Die damit verbundene Berufung von Jüngern und die Bildung eines engeren Jüngerkreises, den man später „die Zwölf“ nannte und die ihn dann ständig begleiten sollten, war nicht eine einmalige Aktion oder Sache von ein paar Tagen, sondern erstreckte sich gewiss über einen längeren Zeitraum.

     Dass von seinen Brüdern, wahrscheinlich Halbbrüdern, niemand sein Jünger wurde, lässt darauf schließen, dass diese Jesus in seiner Sendung nicht verstanden. Jesus hatte sich zunehmend von seiner Familie in Nazaret gelöst und sich den „Zwölf“ zugewandt, die quasi seine neue Familie geworden waren. Das führte natürlich zu Spannungen zwischen seiner Familie in Nazaret und den Zwölf, zwischen Jesus und seiner Familie. Es scheint, als wollte ihn seine Familie nicht einfach an die Zwölf verlieren. Schließlich machten sich seine Angehörigen sogar auf den Weg, um ihn zurückzuholen. Seine Mutter und seine Halbbrüder standen eines Tages vor dem Haus in Kafarnaum, in dem er lehrte, und ließen ihn vergeblich herausrufen, mussten aber unverrichteter Dinge wieder abziehen, zurück nach Nazaret. Darin wird deutlich, dass auch seine Familie, vor allem seine Halbbrüder, Jesus nicht verstanden hatten. Die Mutter Jesu hatte wohl am meisten unter dieser Spannung gelitten, war wohl am meisten hin- und hergerissen. Später in Jerusalem sollten Jesus und seine Familie wieder zusammenfinden. Möglicherweise fand seine Mutter schon früher Anschluss an Jesus und seine Jünger, ahnte vielleicht früher etwas von der Sendung ihres Sohnes und glaubte an ihn.

 

© Josef Gredler

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(1) Helmut Hoping: Jesus aus Galiläa – Messias und Sohn Gottes; Herder 2019. S. 78
(2) Michael Hesemann: Jesus von Nazaret – Archäologen auf den Spuren des Erlösers, Sankt Ulrich Verlag, 2.aktualisierte Auflage 2013, S. 163
(3) Karl Jaros: Jesus von Nazaret – Ein Leben, Böhlau Verlag, 2011, S. 180
(4) Helmut Hoping: Jesus aus Galiläa – Messias und Sohn Gottes; Herder 2019. S. 78
(5) Michael Hesemann: Jesus von Nazaret – Archäologen auf den Spuren des Erlösers, Sankt Ulrich Verlag,    2.aktualisierte Auflage 2013, SS. 163, 165
(6) Hans Kessler: Auferstehung? Der Weg Jesu, das Kreuz und der Osterglaube, Matthias Grünewald Verlag, S. 26