Josef Gredler

08 Nochmals einführende Bemerkungen

 

     Obwohl über das öffentliche Auftreten Jesu, ein Zeitraum von mehr als zwei Jahren, in den vier Evangelien umfassend berichtet wird, sind viele dort festgeschriebene Worte und Ereignisse des öffentlichen Wirkens Jesu sehr schwer in eine mögliche bzw. plausible chronologische Reihenfolge einzuordnen. Das hat seinen Grund vor allem darin, dass die Verfasser der Evangelien keine Biografie Jesu nach unserem Verständnis geschrieben haben und das auch gar nicht wollten, sondern Jesus als den göttlichen Messias, den Mensch gewordenen Sohn Gottes verkünden wollten. Es liegt aber auch daran, dass die Evangelien mit mehr oder weniger großen Unterschieden über Jesus von Nazaret berichten, dass sie weder im zeitlichen Ablauf, noch in der Verortung, noch in dem, was geschehen ist, deckungsgleich sind. Das heißt jedoch nicht, dass ihre Berichte keine Fakten enthalten. Aber sie wollten die Ereignisse um Jesus nicht im heutigen Sinn dokumentieren. Der Verfasser der Evangelien wollten die Fragen ihrer Gemeinden beantworten und deren Glauben stärken und haben nicht geahnt, dass Christen einmal zweitausend Jahre später aus ihrer Niederschrift eine Jesusbiografie herauslesen möchten. Ihnen ging es nicht so sehr darum, was genau wann und wo geschehen, sondern um die tiefer liegende Wahrheit: Wer ist dieser Jesus?

     Die Evangelien sind weder eine Ansammlung willkürlich aneinandergereihter Begebenheiten, noch fügen sie sich zu einer Biografie Jesu zusammen. Die Synoptiker Matthäus, Markus und Lukas, die den mehrjährigen öffentlichen Weg Jesu in einem Einjahreszyklus darstellen und auf eine verlässliche zeitliche Reihenfolge wenig Wert legen, können schon deshalb kaum zur chronologischen Klärung beitragen. Bei Johannes dauert die öffentliche Mission Jesu mehr als zwei Jahre. Wenn man wissen will, wie lange das öffentliche Auftreten Jesu tatsächlich „gedauert“ hat, dann kann man davon ausgehen, dass der Zeitrahmen des Johannes der tatsächlichen Chronologie der Ereignisse näher ist. Seine Zeitangaben sind oft präziser, seine Ortsangaben zeugen immer wieder von besserer Ortskenntnis, er überrascht manchmal mit historischen Details. Johannes, der oft besser informiert scheint, legt aber sein Hauptaugenmerk auf die geheimnisvoll göttliche Sendung Jesu, überhöht daher historische Fakten theologisch, um hinter dem äußeren Geschehen die tieferen Wahrheiten aufzuzeigen. Er stellt die innere Dimension Jesu über das an Raum und Zeit gebundene Geschehen, sodass er die äußeren Geschehensabläufe nur selten zeitlich zuordnen hilft. Um niederzuschreiben, wer dieser Jesus von Nazaret wirklich war, lässt Johannes viel mehr noch als die anderen Evangelisten seine nachösterlichen Erfahrungen mit einfließen. Man kann aber nicht das, wovon die Synoptiker berichten, Johannes aber nicht, in die „Lücken“ des Johannesevangeliums einfügen. Oder umgekehrt darf man das, was bei Johannes nicht zu finden ist, nicht einfach als ungeschehen betrachten. Das macht es schwierig, zwischen dem Evangelium des Johannes und den drei synoptischen Evangelien eine den historischen Fakten möglichst nahekommende „Spur“ Jesu zu finden. Aber dieser Jesus hat ein ganz konkretes Leben geführt, sein Leben besteht aus historischen Fakten, auch wenn die Evangelien uns sein Wirken nicht wie eine biographische Dokumentation vermitteln. Aber jeder, der sich mit diesem Jesus von Nazaret beschäftigt und die Evangelien liest, möchte doch zu gerne wissen, wie es denn wirklich war. Und dem versuchen diese digitalen Seiten nachzuspüren, ohne behaupten zu wollen, dass es genau so war, wie hier geschrieben steht.

     Immer wenn die Evangelisten von einem direkten Eingreifen Gottes in die irdische Geschichte berichten, wie Heilungen, Wunder, Dämonenaustreibungen, Totenerweckungen und schließlich die Auferweckung Jesu, müssen diese Seiten verstummen, weil Mysterium und Transzendenz des Jesus von Nazaret sich nicht historisch erfassen lassen. Die Absicht dieser Seiten muss bescheiden bleiben. Auch wenn sie irren, bleiben Wahrheit und Geheimnis des Jesus von Nazaret davon unberührt.

     Es wird jetzt zusehends schwieriger, die zahlreichen in den Evangelien berichteten Ereignisse in eine möglichst plausible zeitliche Reihenfolge zu bringen. Man muss mehr auf den großen Bogen des „Jesusgeschehens“ schauen. Manche Ereignisse können kaum oder gar nicht chronologisch eingeordnet werden, bei anderen wieder ist das auch nahezu belanglos. All das ist zu berücksichtigen, wenn man aus den vier Evangelien und auch außerbiblischen Quellen und Informationen so etwas wie eine möglichst plausible Lebensgeschichte Jesu herauszulösen versucht. Ganz anders verhält es sich mit den letzten Tagen Jesu in Jerusalem. Diese letzten drei Tage im Leben Jesu machen mehr als ein Viertel der Evangelien aus. Sie sind zweifellos der „historischste“ Teil der Evangelien. Über diese letzten Stunden des Jesus von Nazaret wissen wir mehr als über seine gesamte Mission und sein ganzes Leben davor.

 

© Josef Gredler