Josef Gredler

07 Jesu Taufe durch Johannes

 

     Es war im 15. Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius, um das Jahr 27, Jesus war zumindest dreißig Jahre alt, als er in Galiläa hörte, dass Johannes unten am Jordan in Judäa die Menschen wortgewaltig zu Buße und Umkehr aufrief und diese sich zum Zeichen ihrer Umkehr von ihm im Jordan taufen ließen. Johannes, der Sohn des Tempelpriesters Zacharias, hatte eine große Umkehrbewegung ausgelöst. Viele Juden waren damals von einer großen Sehnsucht nach Befreiung und Erlösung erfüllt (1) und eine apokalyptische Stimmung hatte sich breitgemacht. Der Zulauf zum prophetischen, charismatischen Täufer hatte sich im Land herumgesprochen. Diese Botschaft des Johannes könnte der Weckruf für Jesus gewesen sein, aus seiner Verborgenheit herauszutreten und seine Sendung zu beginnen, die er schon lange und immer drängender gespürt hatte.

     So ging er, diesem inneren Drängen folgend, „gut hundert Kilometer nach Süden in die judäische Wüste zu dem asketischen Gerichtspropheten Johannes“ (2), um sich von ihm taufen zu lassen. Ob er allein da hinunterging oder vielleicht mit seinen Halbbrüdern, wissen wir nicht. Allgemein gilt heute Betanien gegenüber von Jericho, auf der anderen Seite des Jordans und nur wenige Kilometer vor seiner Mündung in das Tote Meer entfernt, als diese erste und hauptsächliche Taufstelle des Johannes. (3) Allerdings liegt es aus mehreren Gründen nahe, auch weiter oben nördlichere Taufstellen anzunehmen. Wenn Johannes in seinem Evangelium Aenon bei Salim, siebzig, achtzig Kilometer weiter nördlich, als Taufstelle des Johannes nennt, dann könnte das den guten und genauen Ortskenntnissen des Johannesevangeliums zu verdanken sein. Ein Grund, dass Johannes seine ursprüngliche Taufestelle verlassen musste, könnte die Gefahr sein, die ihm von Herodes Antipas drohte, denn Betanien, auf der anderen Seite des Jordans, lag in Peräa, das zum Hoheitsgebiet des Herodes gehörte. Ein anderer, ganz pragmatischer Grund, mit seiner Botschaft und Tauftätigkeit jordanaufwärts zu ziehen, könnte der gewesen, dadurch mehr Menschen mit seiner Botschaft erreichen zu können. Möglicherweise befand sich eine Taufstelle auch dort, wo  der Jordan den See Gennesareth verlässt.

     Das Aufeinandertreffen von Jesus und Johannes ist im Leben beider von existentiell prägender Bedeutung. Johannes war einem inneren Ruf folgend hierher in die Wüste gekommen, um die Menschen zur Umkehr aufzurufen, dass sie für ihre Sünden Buße tun und sich zum Zeichen der Umkehr taufen lassen. Ob und wie sehr er sich dabei mit Elija identifizierte, dessen Kommen dem erwarteten Messias vorausgehen sollte, lässt sich nicht sagen. Jedenfalls war Johannes dem Propheten Elija in seiner äußeren Erscheinung, in seinem Auftreten durchaus ähnlich, vielleicht sogar ganz bewusst: Gewand aus Kamelhaar, Heuschrecken und wilder Honig als Nahrung. So könnte Johannes als wortmächtiger Wanderprediger durch den Jordangraben flussaufwärts gezogen sein. Endzeitliche Stimmung und die Erwartung eines rettenden Messias waren beste Voraussetzungen für seine Mission.  Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass Johannes sich nicht selber für den erwarteten Messias hielt, in Jesus nie einen Konkurrenten sah. Johannes könnte in guter Verbindung zu den Essenern gestanden sein, Mitglied ihrer Gemeinschaft war er aber nicht, auch wenn man eine wechselseitige Wertschätzung und Sympathie annehmen darf. Dass auch Essener zu Johannes an den Jordan kamen, um sich von ihm taufen zu lassen, ist durchaus denkbar. Im Unterschied zu den elitär ausgerichteten Essenern richtete Johannes seine Botschaft aber an alle.  

     Jesus ließ sich jedenfalls von Johannes taufen, eine ganz tiefgreifende Zäsur im Leben beider. Die Taufe Jesu durch Johannes ist auch als historische Tatsache nicht anzuzweifeln. Alle vier Evangelien wissen davon und alle vier Evangelisten berichten auch von einem sehr geheimnisvollen, Jesu Gottheit offenbarenden Geschehen. Im Bild vom geöffneten Himmel soll die Welt Gottes in die irdische Welt eingebrochen sein. Ein solches Geschehen lässt sich historisch natürlich nicht fassen. Jesus trat mit der Taufe am Jordan durch Johannes aus seiner Verborgenheit in Nazaret in die Öffentlichkeit, um Israel unter der Gottesherrschaft zu sammeln, das Reich Gottes in Israel aufzurichten, das Judentum zu erneuern. Er führte ab jetzt das Leben, wie wir es aus den Evangelien kennen.

     Nach seiner Taufe zog sich Jesus in die Wüste zurück – gemeint ist wohl die Bergwüste westlich von Jericho –, um sich in der Einsamkeit mit Gebet und Fasten auf seine Sendung vorzubereiten. Dass er vierzig Tage in der Wüste blieb, sollten wir nicht mathematisch, sondern symbolisch verstehen. Vierzig Tage dauerte die Sintflut. Vierzig Jahre wanderten die Israeliten durch die Wüste. Vierzig Tage blieb Mose auf dem heiligen Berg. Vierzig meint in der Bibel keinen mathematischen Wert, sondern steht für die Fülle. In der Wüste könnte das Sendungsbewusstsein Jesu auch Zweifel ausgesetzt gewesen sein, vielleicht musste er sogar innerlich mit sich ringen. Wir nehmen Jesu Menschsein nicht wirklich ernst, wenn wir menschliches Ringen und Zweifeln einfach ausschließen. Eine teuflische Inszenierung einer Versuchung liegt aber wieder außerhalb jeder Möglichkeit, diese als ein historisches Geschehen auszuweisen. Vielleicht drückt sich darin eine ganz tiefe innere Auseinandersetzung Jesu mit seiner tiefgreifenden existentiellen Entscheidung für seine Sendung aus. „Dass Jesus… eine gewisse Zeit zum Kreis des Täufers gehörte und dann von dessen Schülern einige mit ihm gingen“ (4) ist gut möglich. Diese Berufung erster Jünger, wahrscheinlich aus der Schar der Johannesjünger, sollte man sich aber nicht als ein Abwerben denken, zu sehr standen beide – Jesus und Johannes – in der Strömung von Buße, Umkehr und Erneuerung auf den Gott Israels hin. Jesus verließ dann, möglicherweise mit ersten Jüngern, den Jordan wieder und zog mit ihnen zurück in ihre Heimat Galiläa.

     Auch wenn Johannes, recht verstanden, ein „Vorläufer“ des Messias Jesus genannt wird, sein Wegbereiter war, trat Jesus dann nicht einfach in seine Fußstapfen. Bei aller tiefen Verbundenheit setzte Jesus nicht die Verkündigung des Johannes fort, der in der Diktion alttestamentlicher Propheten eine sehr drohende Botschaft an die Menschen richtete. Das Gottesbild des Täufers war streng und zornig, seine Lebensweise war kompromisslos asketisch. Jesus jedoch verkündete den Menschen, dass Gott ein vergebender und liebender Gott ist.  Diese vergebende Liebe Gottes war in Jesus immer transparent. Die strenge Askese des Johannes übernahm Jesus nicht. Dass auch Jesus später auch getauft hat, ist nicht anzunehmen, auch wenn das Johannesevangelium eine Tauftätigkeit Jesu erwähnt, die Synoptiker berichten nichts davon. Auf keinen Fall könnte eine Taufpraxis Jesu als Konkurrenz zur Taufe des Johannes gesehen werden.

 

© Josef Gredler

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(1) Vergleiche Rainer Riesner: Messias Jesus. Seine Geschichte, seine Botschaft und ihre Überlieferung. Brunnen-Verlag, 2019, SS. 87, 90
(2) Hans Kesssler: Auferstehung? Der Weg Jesu, das Kreuz und der Osterglaube, Matthias Grünewald Verlag, 2021, S. 23
(3) Vergleiche Rainer Riesner: Messias Jesus. Seine Geschichte, seine Botschaft und ihre Überlieferung. Brunnen-Verlag, 2019, S. 91
(4) Hans Kesssler: Auferstehung? Der Weg Jesu, das Kreuz und der Osterglaube, Matthias Grünewald Verlag, 2021, S. 25