Josef Gredler

06 Jesu Jahre in Nazaret

 

     Man nennt die Jahre Jesu in Nazaret, wo er bis zum Beginn seines öffentlichen Wirkens lebte, auch gerne die „verborgenen Jahre“, weil wir über diese Zeit nicht wirklich Konkretes wissen. In den Evangelien wird nichts darüber berichtet. Nur einmal wird das Schweigen durchbrochen, durch Lk 2,41-52, als vom zwölfjährigen Jesus im Tempel die Rede ist. Wir wissen aber einiges über die politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche, religiös-kulturelle Situation in Nazaret in Galiläa.

     Zuerst einmal muss man wissen, dass für Josef und Maria in Nazaret ein normales Leben, der normale jüdische Alltag begonnen hatte. In Jesus muss man auch den Menschen sehen, dessen menschliche Natur sich nicht in seiner Göttlichkeit quasi aufgelöst hatte. Jesus führte in Nazaret das Leben eines ganz normalen jüdischen Kindes. Er spielte und zankte mit anderen Kindern – vielleicht auch mit älteren Kindern Josefs aus dessen möglichen erster Ehe. Er lachte, tat sich weh und weinte wie die anderen Kinder auch. Josef und Maria waren mit Jesus eine Familie. Wenn Josef als Witwer mit Kindern Maria zu seiner Frau genommen hatte, dann waren Josefs Kinder von seiner verstorbenen Frau aus erster Ehe Teil dieser Familie. Und dann könnte er vernünftigerweise ganz menschlich erwartet haben, dass Maria sich auch um seine, Josefs Kinder aus dieser ersten Ehe kümmert. Diese familiäre Konstellation ist nicht willkürlich an den Haaren herbeigezogen. Jesus wuchs wie alle anderen Kinder im jüdischen Nazaret auf.

     Zur Pflicht des Vaters gehörte es, für den Unterricht seines Sohnes in der Tora und in den Heiligen Schriften zu sorgen. (1) Man darf annehmen, dass Josef durchaus Schriftkenntnis hatte. (2) Diese Pflicht begann in etwa mit dem sechsten Lebensjahr eines Sohnes. Es gab in Galiläa auch so etwas wie ein Schulwesen, das natürlich in erster Linie sich den Heiligen Schriften verpflichtet wusste, aber auch profanes Wissen vermittelte. (3) Ein solches „galiläisches Schulwesen“ darf man sich nicht zu primitiv vorstellen. (4) Die Synagoge, eine solche gab es natürlich auch in Nazaret, war gleichzeitig wie eine Schule der Ort des Lernens. Jesus erfuhr in Nazaret eine gute „Schulbildung“. Er war aber kein Schüler, dem alles Wissen quasi „von oben“ eingegeben wurde. Er musste sich dieses Wissen aneignen wie alle anderen Kinder auch. Wenn Jesus später in seinem öffentlichen Wirken die hebräische Bibel so genau kannte und mit ihr lebte, dann beruhte das nicht auf göttlicher Eingebung, sondern auf einem gründlichen Lernen der Schriften. Dass sein Vater, ein frommer Nazoräer, und seine Mutter, die von der Tempelpriesterschaft in Jerusalem ebenfalls in der Tora umfassend unterrichtet worden war, für Festigung und Vertiefung des in der „Schule“ Gelernten sorgen konnten, liegt auf der Hand.

     Die Muttersprache Jesu war Aramäisch. Die Bibel hat Jesus jedoch in Hebräischer Sprache gelesen, gelernt und rezitiert. Das Hebräische war Jesus zweifelsohne ganz vertraut. Wenn Jesus Griechisch, die damalige Weltsprache, verstanden hat – wie vielfach mit gutem Grund angenommen wird – und sich auch teilweise darin auszudrücken vermochte, dann konnte er sich diese Kenntnis allerdings nicht in Nazaret angeeignet haben. (5) Nazaret war nicht der Ort für eine internationale Sprache wie Griechisch.  In der kaum zehn Kilometer von Nazaret entfernten „hellenistischen Stadt Sepphoris mit Gerichts- und Markthalle, Bank, Agora, Theater usw.“ (6) könnte Jesus später auf die große Welt gestoßen sein, internationales Flair eingeatmet und dabei auch Bekanntschaft mit der griechischen Sprache gemacht haben. (7) Möglicherweise konnte er auch Latein ein wenig lesen. Diese Möglichkeit leiten manche aus dem Umstand ab, dass Jesus sich später einen Denar, eine Steuermünze, geben ließ und die Pharisäer fragte, was er offensichtlich bereits wusste, wessen Bild und Aufschrift darauf sei. Wahrscheinlich konnte er die lateinische Aufschrift selber lesen und verstehen. (8)

     Nur noch einmal berichtet Lukas über die „verborgenen Jahre“ Jesu. Dem Gesetz folgend zogen Josef und Maria wie schon in anderen Jahren auch zum Paschafest hinauf nach Jerusalem. Dass sie den zwölfjährigen Jesus mitnahmen, auch wenn er religiös noch unmündig war, ist naheliegend. Allerdings dürften auch die älteren Söhne aus der ersten Ehe, seine Brüder, mitgekommen sein. Während Maria und Josef und dessen älteren Söhne Jerusalem wieder verlassen hatten, war Jesus zurückgeblieben. Seine Eltern suchten ihn verzweifelt und fanden ihn schließlich im Tempel, im Gespräch mit den Gesetzeslehrern, so erzählt es uns Lukas. Diese Episode erscheint sehr konstruiert. Man muss sie jedoch nicht für historisch unmöglich halten, sie kommt allerdings nur sehr eingeschränkt in Frage, historischen Tatsachen zu entsprechen. Dass Jesus schon vor seinem öffentlichen Auftreten wiederholt nach Jerusalem gekommen war, darf man aber als gegeben annehmen.

     Josef war nach Mk 6,3 und Mt 13,55 Zimmermann bzw. Bauhandwerker. Die Arbeit eines Bauhandwerkers umfasste mehr Tätigkeiten als die eines Zimmermanns, dazu gehörten auch Arbeiten mit Stein und auch planende Tätigkeiten. Auch in Galiläa war es üblich, dass die Söhne den Beruf des Vaters erlernten. So können wir mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, dass auch Jesus dieses Handwerk von seinem Vater erlernte und auch zusammen mit ihm ausübte. (9) Die bekannte Abbildung der Heiligen Familie, die Josef zu Hause zeigt, wie er einen Holzbalken bearbeitet und Jesus ihm dabei artig hilft, muss man allerdings korrigieren und von der häuslichen Idylle loslösen. Einen Großteil der Arbeiten mussten Bauhandwerker nämlich vor Ort verrichten, sodass Josef und später dann auch Jesus, viel unterwegs waren. Im kleinen Nazaret gab es natürlich nicht annähernd genug Arbeit für die beiden. Sie mussten sich auf den Weg machen und in den Dörfern und Städten ihr Bauhandwerk anbieten. So könnten sie in Sepphoris, das nur zwei Stunden von Nazaret entfernt lag, Arbeit gefunden haben. Sepphoris war vom römischen Feldherrn Varus nach einem Aufstand gegen die Römer völlig zerstört worden. Herodes Antipas ließ die zerstörte Stadt aber wieder aufbauen. Da gab es für Bauhandwerker sicher Arbeit. In Sepphoris, das zum hellenisierten Zentrum Galiläas wurde, öffnete sich Jesus auch das Tor zur weiten Welt. Ohne Zweifel wurde dort auch Griechisch gesprochen, die damalige Weltsprache. Man kann also fast mit Sicherheit annehmen, dass Jesus als Bauhandwerker viel herumkam, viel beobachten, hören, erleben, erfahren konnte. Später wird er in seinen Reden immer wieder auf seine Erfahrungen aus dieser Zeit zurückzugreifen. Vor allem in seinen Gleichnissen wird er daraus schöpfen. Jesus lebte mit seiner Familie nicht in wirtschaftlicher Armut, wie man gerne aus der lukanischen Geburtserzählung ableitet, und sozialer Isolation. Jesus war behütet von seiner Familie und diese war in Nazaret ganz integriert. Aber er war nicht auf den kleinen Horizont von Nazaret fixiert. (10)

     Lukas erwähnt Josef letztmalig bei der Wallfahrt mit dem zwölfjährigen Jesus nach Jerusalem. Dann liest man nichts mehr von Josef. Wenn Josef, wie allgemein angenommen, das erste öffentliche Auftreten Jesu nicht mehr erlebte, hatte Jesus dieses Handwerk dann allein ausüben müssen. Dass da von Josef nicht und nie mehr die Rede ist, kann vernünftigerweise nur so gedeutet werden, dass er nicht mehr am Leben war. Das wäre sehr verständlich, weil Josef vermutlich erheblich älter als Maria war, die er höchstwahrscheinlich als Witwer geheiratet hatte. Wann genau man den Tod Josefs vermuten kann, bleibt Spekulation. Als Jesus Nazaret verließ, war er aber sicher nicht mehr am Leben. Maria dürfte viel später irgendwann auch zu der Gruppe von Frauen gestoßen sein, die sich um Jesus gebildet hatte, ihn unterstützte und begleitete.

     Auch wenn uns nichts überliefert ist von dem, was Jesus in seiner Zeit in Nazaret gesagt, getan, erlebt hat. Seine öffentlichen Jahre, über die vier Evangelien berichten, erlauben durchaus Rückschlüsse auf die Zeit davor. Wenn Jesus in Joh 11,3 als Freund des Lazarus bezeichnet wird, gibt es keinen vernünftigen Einwand, warum dies nicht genau so gewesen sein soll. Aber diese Freundschaft muss schon vor seinem messianischen Auftreten entstanden sein, das man mit einer Dauer von mehr als zwei Jahren bemessen kann. Jesus ist sicher schon vor seiner öffentlichen Zeit als frommer Jude immer wieder nach Jerusalem hinaufgezogen. Da könnte er wiederholt oder gar regelmäßig in Betanien bei Lazarus und seinen beiden Schwestern, Maria und Martha, die dort eine Art Pilgerhospiz führten, eingekehrt sein und so könnten sie Freunde geworden sein. Wenn Jesus später in Jerusalem wutentbrannt die Händler und Käufer aus dem Tempel hinaustrieb, dann hatte er dieses anstößige Treiben im Tempel nicht zum ersten Mal erlebt. Er kannte es schon lange, weil er ja wiederholt von Nazaret heraufgekommen war. Die Evangelien berichten auch von wiederholten Konfrontationen Jesu mit den Pharisäern. Die inhaltsschweren Weh-euch-Worte, mit denen Jesus nach Mt 23,13-33 mit den Pharisäern abrechnete, beruhen sicher auf Erfahrungen, die er schon in den „stillen Jahren“ gemacht hatte. Herodes Antipas, der etwa zwanzig Kilometer von Nazaret entfernt in Tiberias residierte, nannte er später einen Fuchs, weil er ihn schon lange als solchen kannte. Die Erfahrungen und Erlebnisse Jesu aus seiner „stillen Zeit“ spiegeln sich in seiner späteren „öffentlichen Zeit“. So kann man auch umgekehrt Worte und Handeln Jesu aus seiner öffentlichen Zeit zurückspiegeln in die Zeit vorher. Das Los der Armen und Kranken, der Kleinen und Schwachen, der Beladenen und Behinderten, der Sünder und Ausgestoßenen, der Witwen und Schutzlosen hatte er schon als Kind und junger Mann beobachten müssen. Er kannte ihre Not. Jesus konnte später vom Säen reden, weil er die Arbeit des Sämanns oft genug mitansehen hatte können. Er konnte vom Wein und der Arbeit im Weinberg, vom Schaf, das von der Herde abgekommen und verloren ist, und vom guten Hirten aus Erfahrung reden. Auch in Nazaret und weiten Teilen Galiläas, vor allem in der fruchtbaren Gegend am See Gennesaret wurden Weizen, Wein und Obst angebaut und Schafe gehalten. Wenn er als Bauhandwerker unterwegs war, hatte er den Gegensatz von arm und reich immer wieder ganz hautnah erleben müssen. Er war den Tagelöhnern begegnet, wie sie darauf warteten, dass jemand Arbeit für sie hatte. Wenn er später das Himmelreich mit einem Fischernetz verglich, das man ins Meer wirft, dann deshalb, weil er schon vorher die Fischer am See Gennesaret beobachtet hatte. Vielleicht war er gelegentlich selber mit einem Fischer hinausgefahren und hatte ihm geholfen, das Netz auszuwerfen. Er kannte Gastfreundschaft, hatte Einladungen zu Fest und Feier angenommen, hatte mitgefeiert, gegessen und getrunken. Auch in Nazaret hatten die Leute über die Last der Steuer geklagt. Bestimmt war er früher schon durch die Zollstation in Kafarnaum gegangen, von wo er später den Zöllner Levi-Matthäus in seine Nachfolge rief. Er war Kaufleuten und Händlern, römischen Soldaten und Hauptmännern begegnet. Dass das Sabbatgebot immer wieder gegen die Menschen ausgelegt wurde, hatte Jesus zur Genüge erleben müssen, auch Heuchelei und Scheinheiligkeit, Lug und Betrug. Auch wenn die Evangelien von diesen „stillen Jahren“ nichts berichten, scheinen sie in den Evangelien durch.

     Wenn Jesus dreißig Jahre alt war, als er mit seiner Botschaft vom Reich Gottes bzw. von der beginnenden Gottesherrschaft in die Öffentlichkeit trat, stellt sich natürlich die Frage nach Ehe oder Ehelosigkeit Jesu. Familie und Nachkommenschaft waren im Judentum sehr wichtig, fast Pflicht. Deshalb sollten Männer ab dem 18. Lebensjahr heiraten bzw. wurden verheiratet. Im Gegensatz zur jüdischen Leben-Jesu-Forschung neigt man in der christlichen zur Annahme, dass Jesus ehelos gelebt hat. (11) Es gibt nirgendwo auch nur den geringsten Hinweis, dass Jesus vor seinem öffentlichen Auftreten eine Ehe eingegangen war. Man darf es ausschließen. Interessant ist, dass Jesus nach Mt 19,12 von der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen sprach. Gut vorstellbar, dass er das auch auf sich beziehen wollte. Tatsächlich wäre in sein Leben, das er in seinen öffentlichen Jahren ganz und uneingeschränkt für die Botschaft vom Reich Gottes einsetzte, schwer eine Ehe hineinzuprojizieren.

     Die wichtigste Frage zu den stillen Jahren Jesu in Nazaret ist wohl die, wie sich seine Persönlichkeit vom „normalen“ Kind hin zu dem Mann entwickelte, der als der erwartete Messias und Sohn Gottes öffentlich zu wirken begann, so wie ihn die Evangelien verkünden. Was geschah da mit Jesus, mit seiner Persönlichkeit? Wie sah Jesus sich selber? Wie konnte man von außen diese Entwicklung Jesu erkennen und beobachten? Jesus ist nicht eines Tages aufgewacht mit der urplötzlichen inneren Erkenntnis, dass er göttlicher Herkunft ist und eine göttliche Sendung hat. Ebenso wenig darf man annehmen, dass er schon als Kind um seine göttliche „Abstammung“ und Sendung wusste. Wie wurde aus dem Kind Jesus der Mann, der eines Tages hinunterging an den Jordan, um sich von Johannes taufen zu lassen, in die Wüste ging, Jünger in seine Nachfolge rief, das Reich Gottes verkündete, von seinem Vater im Himmel sprach, heilte, große Zeichen tat, das Kreuz auf sich nahm…? Wie könnte das gewesen sein? Jesus hatte als Kind gelacht, gespielt, geweint und dann in der Synagoge von Nazaret die Hebräische Bibel, die Tora kennengelernt, sie gelesen, weite Teile auswendig gelernt, rezitiert und zu Hause mit seinen Eltern darüber gesprochen. Er hatte seine Eltern beten gesehen, gehört und mit ihnen gebetet. Mehrmals täglich wurde zu Hause nach dem 5. Buch Mose 6, 4-6 folgend gebetet „Höre Israel, unser Gott JHWH ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ Bei vielen Gelegenheiten wurden Segensgebete gesprochen. Mahlzeiten wurden immer durch ein Segensgebet eingeleitet. Der Vater ging jeden Sabbat in die Synagoge. (12) Als Jesus religiös mündig geworden war, ging natürlich auch er, wie es für Männer Pflicht war. Seine Mutter zündete zu Hause immer die Sabbatkerze an und betete. Die religiösen Feste bestimmten den Jahreskreis seiner Familie, die tief im Glauben Israels verwurzelt war. In der Liebe seiner Eltern, in der Geborgenheit, die sie ihm schenkten, konnte Jesus in diesen Glauben hineinwachsen, selber glauben lernen. Er konnte Gott in seiner Familie kennenlernen, erfahren, sich ganz in ihm festmachen. Jesus könnte schon als Kind von den Heiligen Schriften tief berührt worden sein, in seinem frommen Elternhaus hatte sich das, was er in den Schriften erfahren hat, bestätigt, verstärkt, vertieft. Den liebenden und vergebenden Gott, den er später verkündete, den hatte er zu Hause bei seinen Eltern erfahren. Er hatte begonnen, das Leben in Nazaret immer mehr von der Tora und den Schriften her zu sehen. Und später, als er als Bauhandwerker mit seinem Vater in Galiläa und darüber hinaus unterwegs war, hatte das alles einen größeren Horizont bekommen. Immer mehr wusste und spürte er sich diesem Gott nahe und in Liebe verbunden. Er hatte sich, sein Leben immer mehr in der Liebe Gottes und seinen Verheißungen festgemacht. Aber er hatte sich dadurch nicht von den Menschen und vom Leben entfernt. Im Gegenteil, sein Leben wurde immer mehr von diesem liebenden Gott durchdrungen, den er liebevoll Abba nannte. Wann den Eltern, seinen Geschwistern, den Leuten in Nazaret an der Persönlichkeitsentwicklung Jesu etwas aufgefallen sein könnte, wäre bloße Spekulation. Irgendwann hatte sein Leben, seine Person sicher Konturen bekommen, die seine Sendung erahnen hätten lassen. Ich glaube nicht, dass sich Jesus deshalb immer mehr zurückzog. Vielmehr nehme ich an, dass er mit seinen Eltern, Geschwistern, Freunden, Nachbarn, Bekannten… darüber redete. Dabei könnte es durchaus früher schon zu Spannungen mit seiner Familie gekommen sein, wie sie nach Mk 3,31 später spürbar waren. Der Widerspruch zwischen dem, was Gott von den Menschen will, und dem, was die Menschen tun und wozu sie bereit sind, war ihm immer mehr bewusst worden. Die Welt war erlösungsbedürftig. Seine Sehnsucht, sein Verlangen nach Veränderung, Wandlung, Umkehr hin zu diesem Gott, den er wie einen Vater erlebte, wurden immer tiefer und größer. Vielleicht oder wahrscheinlich hatte sich Jesus nach der Arbeit mit einer Gruppe der sogenannten „haberim“ getroffen, das war eine Laienbewegung, die zur Zeit Jesu in Israel immer mehr aufkam und die sich in leidenschaftlichen Diskussionen mit der Auslegung der Thora im Hinblick auf das tägliche Leben beschäftigte. In einer solchen Gruppe könnte sich Jesus seine Übung im rabbinischen Diskussionsstil angeeignet haben. (13)

     Schließlich hörte Jesus von Johannes, der unten am Jordan taufte und die Menschen zur Umkehr aufrief. Das Auftreten des Johannes muss Jesus sehr bewegt, tief getroffen haben. Sein Weg hinunter an den Jordan zu Johannes sollte sein Leben in eine ganz neue Perspektive stellen, ihm eine neue Richtung geben, zur Lebenswende werden.  Das Geheimnis auszuloten, wann es wie zu diesem großen inneren Durchbruch in seiner Selbsterkenntnis und seinem Sendungsbewusstsein kam, der sein Leben in einen völlig neuen, großen und ewigen Zusammenhang stellte, steht diesen Seiten nicht zu. Sie haben nicht den Schlüssel, dieses Mysterium aufzuschließen, sondern können nur einladen, selber sich dem Geheimnis zu öffnen.  

 

© Josef Gredler

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(1) Karl Jaros: Jesus von Nazaret – Ein Leben, Böhlau Verlag 2011, S. 146
(2) Wilhelm Bruners: Wie Jesus glauben lernte, Herder 2006, S.15
(3) ebenda S.24
(4) Karl Jaros: Jesus von Nazaret – Ein Leben, Böhlau Verlag, 2011, S. 146
(5) Ebenda S. 146
(6) Hans Kessler: Auferstehung? Der Weg Jesu, das Kreuz und der Osterglaube, Matthias-Grünewald-Verlag 2021, S. 22
(7) Michael Hesemann: Jesus von Nazaret – Archäologen auf den Spuren des Erlösers; Sankt Ulrich Verlag, aktualisierte Auflage 2013, S. 112
(8) Karl Jaros: Jesus von Nazaret – Ein Leben, Böhlau Verlag 2011, S. 146
(9) ebenda S. 147
(10) ebenda S. 147
(11) ebenda S. 147
(12) Wilhelm Bruners: Wie Jesus glauben lernte, Bibeltagung der Diözese Innsbruck 2017
(13) Kenneth E. Bailey: Jesus war kein Europäer. Die Kultur des Nahen Ostens und die Lebenswelt der Evangelien; SCM R. Brockhaus 2018, S. 177