Josef Gredler

05 Die Kindheitsgeschichte nach Matthäus

 

     Wir feiern das Fest der Erscheinung des Herrn, das Kommen der Sterndeuter aus dem Osten, nur zwei Wochen nach dem Fest der Geburt Jesu als quasi verspätetes, zweites Weihnachtsfest. In Wirklichkeit sind diese Sterndeuter sicher mehr als zwei Wochen nach der Geburt Jesu nach Betlehem gekommen. Von vielen wird ihr Erscheinen auf der Bildfläche der matthäischen Kindheitsgeschichte und ihr Kommen nach Betlehem nicht nur angezweifelt, sondern ausgeschlossen und für bloße theologische Deutung oder Ausgestaltung gehalten. Vor allem die Geschichte mit dem Stern, dem sie gefolgt waren, ist für viele ein Grund, in der Geburtsgeschichte des Matthäus keinerlei Anhaltspunkte zu erkennen, um das Kommen der Sterndeuter in Betlehem als ein tatsächliches geschichtliches Ereignis zu verstehen.

     Zuerst beginnt Matthäus ganz trocken „Mit der Geburt Jesus war es so…“ (Mt 1,18). Dabei bestätigt er vieles von dem, was Lukas in einem geschlossenen Geschehen viel näher ausführt: Maria und Josef waren verlobt; Maria erwartete ein Kind durch den Heiligen Geist; ein Engel bestärkte Josef, Maria trotzdem zu sich zu nehmen… Josef war ganz gewiss ein gottesfürchtiger, torafrommer Jude. Als er erfuhr bzw. feststellte, dass seine Verlobte schwanger war, da war er gewiss völlig außer sich, bestürzt, wahrscheinlich auch wütend, auch wenn die Jahrhunderte alte Verehrung des „Heiligen Josef“ eine so verständliche Reaktion ihm nicht zuschreibt und auch nicht zutraut. Aber es hat ihm ja nicht gleich ein Engel „die göttliche Wahrheit“ ganzumfänglich mitgeteilt. Schließlich überlegte er hin und her, was er tun soll oder tun kann. Eine solche Schwangerschaft in Nazaret – undenkbar! Eine arabische Übersetzung dieser Stelle weiß, dass Josef „aufgebracht“ war, „vor Wut kochen“ wäre auch eine treffende Übersetzungsmöglichkeit. (1) Die westliche Exegese hat hier schon früh Josefs Reaktion verharmlosend flach gehalten und den Engel „die Kastanien aus dem Feuer holen“ lassen. Ganz Nazaret hätte Josef hinter sich gehabt, wenn er der Tora folgend „kurzen Prozess gemacht“ hätte und Maria selber angezeigt oder den Skandal einfach dem toragemäßen Verlauf überlassen hätte. Maria wäre dabei höchstwahrscheinlich zu Tode gekommen – durch Steinigung. Stattdessen zeigte Josef erstaunliche Kühnheit, ganz großes Profil (2), ließ sich nicht von seiner Erregung leiten und verließ oder verstieß seine Verlobte nicht. Dass er dazu der Hilfe des Engels, einer Botschaft „von oben“ bedurfte, mag wohl glaubhafter sein, als anzunehmen, das habe er einfach so ganz allein aus sich heraus entschieden. Josef suchte mit Hilfe eines Engels nicht die Toragerechtigkeit, sondern nahm Maria trotz aller unglaublichen und unerklärlichen Umstände zu sich. Und damit könnten wir wieder der lukanischen Kindheitsgeschichte folgen.

     Dann schreibt Matthäus weiter: „Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen…“ (Mt 2,1-2) Wie war das nun mit dem Stern, der offensichtlich mit ein Grund ist, die „Geschichte“ mit den Sterndeutern für schön, aber eben nicht für wahr, für wirklich geschehen zu halten. Viel ist über diesen „Stern von Betlehem“ geschrieben worden. Auch wenn der Stern eine Konstruktion des Matthäus wäre, ein Bild sozusagen, das er braucht, um das Wesentliche, die tiefer liegende Wahrheit über Jesus von Nazaret niederzuschreiben, wäre die Kindsgeschichte des Matthaus voll Wahrheit. Diese schwebt nicht in der Luft, sondern wird in Jesus von Nazaret wirkliche Geschichte. Aber gibt es für diesen Stern als ein reales astronomisches Phänomen eine plausible Erklärung? Ehe wir uns dem „Stern“ zuwenden, müssen wir uns denen zuwenden, die behaupteten, ihm gefolgt und von ihm hierher geführt worden zu sein.

     Weil ihre Gaben Weihrauch und Myrrhe aus Bäumen im südarabischen Raum gewonnen werden, könnten diese Magi Araber gewesen sein. (3) Sie könnten aber auch aus dem Osten, aus Mesopotamien oder dem persischen Raum gekommen sein. Im Westen Persiens, im Land der Meder, gab es eine Priesterklasse bzw. Priesterschaft, die man Magier nannte, lateinisch „magi“, griechisch „magoi“. Sie waren Sterndeuter und keine Zauberer, sie besaßen große Kenntnisse in der Astronomie, aber auch in der Mathematik. Ihre Beobachtungen am Himmel verstanden sie auch als Zeichen für das Geschehen hier unten auf der Erde. Zudem kannten diese Magi oder Magoi aus der Zeit des jüdischen Exils die Heiligen Schriften der Juden und sie wussten von den jüdischen Messiaserwartungen. (4) Ihr Auftreten war durchaus möglich. Das minutiöse und fachkundige Beobachten der Sterne am Himmel, dabei auch lange Wegstrecken zurückzulegen, war für die Magi nichts Außergewöhnliches. Dass also in Jerusalem um die Zeitenwende solche Magi auftauchten, die einem Stern, einer Konstellation, einer Himmelserscheinung gefolgt waren und Fragen stellten, liegt durchaus im Bereich des Möglichen.

     Gab es denn Besonderes am Himmel zu beobachten, außergewöhnliche Erscheinungen, die wir mit dem „Stern“ in Verbindung bringen können, den sie aufgehen haben sehen und dem sie bis nach Jerusalem und schließlich Betlehem gefolgt waren? Der Halleysche Komet war es mit Gewissheit nicht, der war schon fünf bis sieben Jahre vorher zu beobachten gewesen. Was war es dann? 7 v. Chr. gab es eine dreifache Begegnung von Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische, ein Jahr später eine dreifache Begegnung von Jupiter, Saturn und Mars, ebenfalls im Sternbild der Fische. Wieder ein Jahr später, also 5 v. Chr. soll es zu einer auffälligen Konstellation von Jupiter, Saturn, Mars und dem Mond gekommen sein. Im selben Jahr soll über zwei Monate lang eine Supernova zu beobachten gewesen sein. (5) Da hat sich also gerade zur fraglichen Zeit um die Geburt Jesu allerhand getan am Himmel. Dass Jupiter, Saturn und Fische nicht irgendwelche, sondern zudem bedeutungsschwere Gestirne waren, war für diese Magi ja der auslösende Grund, aufzubrechen und „dem Stern zu folgen“. Jupiter war in der Antike der Königsstern, Saturn war der Stern der Juden und die Fische waren das Sternbild des „fruchtbaren Halbmondes“, das ist das Gebiet von Babylonien über Syrien bis Palästina.

     Dass der an zunehmendem Verfolgungswahn leidende Herodes völlig außer sich war, als diese Magier nach einem neugeborenen König der Juden fragten, liegt auf der Hand. Er holte die Schriftkundigen zusammen und diese verwiesen auf Betlehem in Judäa. Er schmiedete mit Sicherheit umgehend Pläne, jede Gefahr des Thronverlustes abzuwenden und einen eventuellen Thronpotentaten aus dem Weg zu räumen, koste es, was es wolle. Auf dem Weg nach Betlehem sehen die Magi den Stern bzw. diese außergewöhnliche Himmelserscheinung wieder, genau im richtigen Winkel zu Betlehem. Sie waren am Ziel. (6) Sie haben Maria und Josef mit Ihrem Kind jedoch nicht in einer Stallhöhle, sondern in einem Haus angetroffen. So heißt es bei Mt 2,11 „Sie (die Magi) gingen in das Haus…“

     Dass ab diesem Zeitpunkt das Kind Jesus in Lebensgefahr war, versteht sich von selbst. Vor allem, wenn man weiß, wie Herodes in der eigenen Familie gewütet hatte, wenn er glaubte, Angst um seine Macht und seinen Thron haben zu müssen. Den Kindermord in Betlehem kann man für möglich halten oder nicht, er passt jedenfalls genau zu Herodes. Die angeordnete Ermordung hätte zehn, zwanzig Kinder betroffen, wenn man von vielleicht höchstens fünfhundert Bewohnern Betlehems ausgeht. Das wäre für den immer wieder in Raserei verfallenden Herodes nicht einmal ein Wimpernschlag gewesen. Dass Josef angesichts dieser Gefahr für das Leben Jesu weiter in Betlehem blieb, ist auszuschließen. Eine Rückkehr nach Nazaret hätte die Gefahr nicht wirklich beseitigt. Galiläa gehörte ebenfalls zum Herrschaftsgebiet des Herodes. Von daher gibt es durchaus plausible Gründe für eine Flucht in eine Gegend außerhalb des Herrschaftsgebietes des Herodes. Ägypten war zweifelsohne eine Option, weil es dort zu dieser Zeit jüdische Siedlungen bzw. eine beträchtliche jüdische Kolonie gab, die vermutlich von den Essenern unterstützt wurde. (7) Man soll davon ausgehen, dass Josef das Wissen bzw. den Zugang dazu hatte, wie er dorthin gelangen könnte. Der Nazoräer Josef und Maria aus dem Wohnviertel Jerusalems, das unter der Aufsicht der Essener stand, könnten hier tatkräftige Unterstützung der Essener bekommen haben. Wenn die Flucht nach Ägypten historisch sein sollte, dann sind Josef und Maria mit Jesus zumindest bis nach dem Tod von Herodes, 4 v. Chr., dortgeblieben. Jesus könnte beim Tod von Herodes ein bis drei Jahre alt gewesen sein. Ob Josef direkt und sofort nach Nazaret zog oder nicht doch wieder zuerst nach Betlehem zurückkehren wollte, wo die Gefahr nach dem Tod von Herodes gebannt gewesen war? Nach Matthäus zog Josef mit seiner Familie nach Nazaret, weil in Jüdäa Archelaus als Nachfolger seines Vaters Herodes auch nichts Gutes erwarten ließ.

   Die Rückübersiedlung nach Nazaret kann aber auch von Betlehem aus erfolgt sein, falls es keine Flucht nach Ägypten gegeben hat. Der unberechenbare und grausame Archelaus war mehr als Grund genug, wieder in das ursprüngliche Heimatdort in Galiläa zurückzukehren. Dort in Nazaret konnte für Jesus nun ein normales Leben beginnen.

 

© Josef Gredler

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(1)  Kenneth E. Bailey: Jesus war kein Europäer. Die Kultur des Nahen Ostens und die Lebenswelt der Evangelien, SCM R. Brockhaus, 2018, S. 57
(2)  ebenda S. 59
(3)  ebenda SS. 65, 66
(4)  Michael Hesemann: Jesus von Nazaret – Archäologen auf den Spuren des Erlösers, Sankt Ulrich Verlag, 2009, S. 73
(5)  ebenda SS. 72,73, 74, 76, 77
(6)  ebenda SS. 75
(7)  Bargil Pixner: Mit Jesus in Jerusalem – Seine ersten und letzten Tage in Judäa, Corazin  Publishing, 1996, S. 29