Josef Gredler

04 Die Kindheitsgeschichte nach Lukas

 

     Zwei Evangelisten, Markus und Johannes, berichten nichts von der Geburt Jesu, die beiden anderen, Matthäus und Lukas, tun dies, aber auf sehr unterschiedliche Weise. Dass Markus und Johannes über die Geburt Jesu schweigen, darf nicht so ausgelegt werden, dass die „Berichte“ von Matthäus und Lukas rund um die Geburt Jesu nur bloße Konstruktionen ohne historischen Hintergrund sein können, wie dies viele Forscher und Bibelwissenschaftler behaupten. Auch dass Matthäus und Lukas sehr unterschiedlich darüber berichten, ist kein Indiz dafür, dass ihre Geburtsdarstellung jedweder historischen Fakten entbehre.

     Was Matthäus und Lukas so unterschiedlich über die Geburt Jesu wissen und schreiben, kann sich durchaus ergänzen und verbinden. Sie können sehr wohl Informationen aus dem Kreis der Familie Jesu erhalten haben, die ja nach seinem Tod nicht einfach von der Bildfläche verschwunden ist und in deren Erinnerungen die Umstände um Jesu Geburt  natürlich noch lebendig waren. Matthäus erzählt bzw. berichtet offensichtlich mehr aus dem Blickwinkel Josefs und Lukas, so scheint es, mehr aus der Sicht Marias.  Wenn wir in unserer Familiengeschichte herumstöbern, dann ist es ja auch nicht ungewöhnlich, dass ein- und dasselbe Ereignis einmal mehr aus diesem und ein andermal mehr aus jenem Blickwinkel erinnert wird, abhängig von der jeweils berichtenden Person. Matthäus und Lukas widersprechen sich in ihrer Darstellung der Ereignisse rund um Jesu Geburt keinesfalls, sondern ergänzen sich, man kann sie zu einer schlüssigen Kindheitsgeschichte verbinden. (1) Ob Markus und Johannes über die Geburtsereignisse um Jesus nichts gewusst haben oder aus anderen Gründen darüber nicht berichten, entzieht sich unserer Kenntnis. Matthäus und Lukas stimmen explizit darin überein, dass Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Jüdäa geboren wurde. Es müssen die letzten Jahre dessen Regentschaft gewesen sein, die wegen seiner wahnhaften Angst vor Entmachtung und Thronverlust zu einer wahren Schreckensherrschaft geworden waren. Herodes starb im Jahr 4 v. Chr., Jesus muss also in den Jahren davor geboren worden sein.

     Lk 2,1-14 beinhaltet das sogenannte Weihnachtsevangelium, das wie kaum eine andere Perikope der Evangelien bekannt geworden ist in der Welt. Da es emotional sehr berührt, steht es im Verdacht, eben bloß berührend, aber fern aller historischen Tatsachen zu sein, von Jesus und seinen Eltern einmal abgesehen. Die Steuerlisten, in die sich Josef und Maria wie alle Bewohner des Reiches auf Befehl des Kaisers Augustus eintragen lassen mussten, werden zum Stein des Anstoßes. Anders als im Evangelium des Lukas behauptet, konnte Quirinius zu jener Zeit nicht Statthalter der Provinz Syrien gewesen sein. Es gab eine Volkszählung unter Quirinius, aber erst im Jahre 6 n. Chr., als Herodes schon zehn Jahre tot war. Da kann also etwas nicht stimmen. Außerdem wird die Notwendigkeit, dass Josef und Maria sich zur Eintragung in die Steuerlisten nach Betlehem begeben mussten, vielfach angezweifelt oder in Abrede gestellt. Für viele Neutestamentler wurde Jesus in Nazaret geboren. Betlehem wäre dann lediglich eine berührende, fromme Konstruktion, damit Jesus „standesgemäß“ nicht im völlig unbedeutenden Nazaret Mensch wurde, sondern in der Davidsstadt Betlehem. Dem lässt sich einiges entgegenhalten, aber der Reihe nach:

     Es gab im Jahre 8 v. Chr. einen sogenannten Zensus, eine Volkszählung oder Steuerschätzung, eigentliche waren es drei. Herodes wollte einen Zensus für sein Herrschaftsgebiet, also für Judäa, Galiläa und Samaria. Unabhängig davon sollte für die Provinz Syrien – das Herrschaftsgebiet des Herodes war ein Teil davon – der Zensus erhoben werden, und zu guter Letzt auch noch der Zensus für das gesamte Römische Reich. Es wäre pragmatisch klug und durchaus möglich gewesen, diesen dreifachen Zensus zusammenzulegen, quasi drei Fliegen auf einen Schlag zu treffen. Und das dürfte auch geschehen sein. Dass sich dieser Zensus in die Länge zog, auch im Jahre 7 v. Chr. noch nicht abgeschlossen war und auch noch im Jahr 6 v. Chr. angedauert hat, ist sehr gut möglich. (2) Damit wären wir aber auch schon beim möglichen Geburtsjahr für Jesus, das man allgemein zwischen 7 v. Chr. und 5 v. Chr. ansetzt. Dieser Stein des Anstoßes wäre also fast aus dem Weg geräumt. Quirinius war damals zwar nicht Statthalter von Syrien, wohl aber als vorgesetzter Beamter für den Zensus zuständig bzw. in diesen involviert. In diesem Punkt ist Lukas formal nicht ganz exakt, aber Quirinius hatte mit diesem Zensus, entgegen exegetischen Behauptungen. sehr wohl etwas zu tun.  (3)

     Warum zog Josef mit der hochschwangeren Maria von Nazaret „hinauf“ nach Betlehem, in die Stadt Davids? Maria, deren Umstände um ihre Schwangerschaft als rätselhaft galten, in Nazaret allein zurückzulassen, wäre ein ungewisses oder gar bedrohliches Los für Maria gewesen. Im strengen und unerbittlich der Tora folgenden Nazaret in Galiläa wäre Maria während Josefs Abwesenheit in höchster Gefahr gewesen, ja in Todesgefahr, ihr hätte womöglich die Steinigung gedroht. (4) Ein denkbarer Grund wäre, dass entweder der Davidide Josef in Betlehem irgendwelchen Grundbesitz hatte, ein Grundstück oder ein Feld, oder eben Maria, wenn sie aus Jerusalem stammt und ihr Vater Joachim im nahen Betlehem Schafherden unterhält. Vermutlich gab es einen Ehevertrag, wie damals in Palästina üblich, in dem solches zu regeln war. Nicht Josefs Abstammung war der zwingende Grund, dass er mit Maria nach Betlehem musste, sondern irgendwelche Grundbesitzregelungen könnten es gewesen sein. Ein ganz plausibler Grund könnte allerdings der gewesen sein, dass Maria und Josef nach Betlehem übersiedeln wollten, weil sie dort Besitz hatten oder/und, weil sie in frommer Verbundenheit mit den Weissagungen des Propheten Micha  die Davidsstadt Betlehem als den „richtigen“ Geburtsort für den Messias erachteten. (5) Ob das auch ein weiterer wahrer Kern des ansonsten von frommen Phantastereien angefüllten apokryphen Jakobusevangeliums ist? Die Absicht einer Übersiedlung von Nazaret nach Betlehem würde jedoch sehr gut zu dem Umstand passen, dass es Josef und Maria nach der Geburt in Betlehem so gar nicht eilig hatten, wieder nach Nazaret zurückzukehren, was man jedoch erwarten müsste, wenn sie nur notgedrungen nach Betlehem gekommen wären, dort zur Erledigung irgendwelcher Angelegenheiten Unterschlupf gefunden, aber Nazaret noch immer als ihr Zuhause angesehen hätten.

     Wie gelangten Maria und Josef nach Betlehem? Man darf annehmen, dass Josef als Bauhandwerker, der auch viel unterwegs war und auswärts arbeiten musste, und als möglicher kleiner Grundbesitzer in Betlehem und Maria, die kaum zehn Kilometer von Betlehem geboren und aufgewachsen war, den Weg kannten. In Frage kommen der kürzere, aber gefährlichere Weg durch Samaria oder der längere, aber einfachere und sicherere Weg durch das Jordantal. Der Weg durch Samaria war Josef wohl zu gefährlich, zumal Maria schon hochschwanger war. Betlehem ist rund 150 Kilometer von Nazaret entfernt. Dafür benötigten sie zumindest vier, vielleicht fünf Tage, auch wenn sie, wie man annehmen muss, einen Esel als Tragtier mitführten. Vielleicht waren wie auch nicht die einzigen aus der Sippe der Nazoräer, die nach Betlehem mussten, sodass sie diesen Weg auch in einer Gruppe zurückgelegt konnten. Dass Josef dann dort quasi beim Eintreffen von der bevorstehenden Geburt so überrascht wurde, ist kaum anzunehmen. Ein so schlechter Rechner war er als Bauhandwerker sicher nicht. Zu einer verzweifelten, vergeblichen Herbergssuche in größter Not, wie man sie sich in der Volksfrömmigkeit vorstellt, kam es sicher nicht. Dazu gab es auch keinen Grund. Josef wären aufgrund seiner davidischen Abstammung in der Stadt Davids viele Türen offen gestanden. Wie lange vor der Niederkunft er und Maria schon in Betlehem waren, lässt sich nicht feststellen, aber sicher hatten die beiden noch Zeit genug, um für eine entsprechende Unterkunft zu sorgen. Um das Lukasevangelium hier richtig zu verstehen, muss man die jüdisch-orientalische Lebensweise in Palästina berücksichtigen. Dass in der sogenannten Herberge kein Platz für sie war, ist nicht so zu verstehen, dass sie abgewiesen wurden, sondern dass in diesem Haus eben kein für sie eigenes Zimmer, kein Gästezimmer mehr frei war bzw. kein geeigneter, geschützter, für eine Geburt ausreichend intimer Platz zur Verfügung stand. Und wenn in dieser räumlichen Einschränkung Maria Ihr Kind zur Welt brachte, dann stand ihr tatsächlich nur mehr eine Futterkrippe zur Verfügung, in das sie ihr Kind in Windeln gewickelt legen konnte. Eine solche Futterkrippe befand sich meist im gemeinsamen Familienwohnraum, weil das Zusammenwohnen von Mensch und Nutztieren im Vorderen Orient nicht ungewöhnlich war. Einfache Häuser waren in traditionellen Dörfern oftmals ausgebaute Höhlen, die wohntauglich adaptiert wurden. (6) So hat sich die Vorstellung herausgebildet, Jesus sei in einem Viehstall außerhalb der Stadt zur Welt gekommen, „weil in der Herberge kein Platz für sie war“ und Maria ihr Kind in einer „Futterkrippe“ legen musste. Ein größerer Kontrast zwischen Göttlichkeit und menschlicher Schwachheit ist kaum denkbar. Ein Ausweichen in eine Stallhöhle, die als Viehunterstand gedient haben mag und die Josef möglicherweise sogar kannte oder die ihm angeboten wurde oder die vielleicht sogar ihm gehörte, ist zwar nicht auszuschließen, ist aber eher unwahrscheinlich. Es gab in der Gegend von Betlehem jedoch tatsächlich solche Felshöhlen, die als Stallung genützt wurden (7).  

     Dann berichtet das Evangelium von der wundersamen Botschaft der Engel an die Hirten auf den Feldern um Betlehem. Hier hat Lukas nicht Unwahres berichten wollen, sondern hebt die Geburt des Gottessohnes absichtlich auf eine Bühne, auf der sich Himmel und Erde berühren.  Die Szene mit den Hirten darf man nicht wie eine Dokumentation der Ereignisse lesen. Hirten in Palästina waren zur Zeit Jesu arme und auch ungebildete Leute und standen in der geltenden sozialen Rangordnung ganz unten – gemeinsam mit Dirnen und Zöllnern – und galten sogar als unrein. Dass sie laut Lukas die ersten waren, die von der Geburt erfuhren und dieses Kind quasi besuchen durften, sollten wir nicht nur als idyllische Ausschmückung abtun. Hier könnte schon anfanghaft sichtbar geworden sein, dass Jesus später entgegen dieser sozialen Ächtung auch diese Letzten (Hirten, Zöllner, Dirnen und Aussätzige) für das Reich Gottes sammeln will, sich ihnen zuwendet, statt sie zu meiden.  Diese unreinen Hirten, Abschaum der Gesellschaft,  wurden aus der „himmlischen Perspektive“ als rein angesehen und Jesus vergleicht sich selber später einmal mit einem guten Hirten, um verständlich zu machen, wer er ist. (8)

     Acht Tage nach der Geburt sollte der Knabe nach dem Gesetz beschnitten werden. Meist geschah dies durch einen sogenannten Mohel, der sich darauf verstand. Es konnte aber auch der Vater selber die Beschneidung seines Sohnes vornehmen. Maria, die Mutter, musste die vorgeschriebene rituelle Reinigung vollziehen, weil sie nach jüdischem Gesetz durch die Geburt kultisch unrein geworden war. Ein Taubenpaar war das erforderliche Reinigungsopfer im Tempel, zu dem es ja von Betlehem nur gut zwei Stunden Fußweg waren. Als männliche Erstgeburt musste Jesus von seinem Vater zudem ausgelöst werden. (9) Dies konnte durch eine Abgabe bzw. Entrichtung eines bestimmtes Betrages im Tempel erfolgen. Eigentlich hätten Maria und Josef jetzt wieder nach Nazaret zurückkehren können, aber sie taten es nicht, sondern blieben. Wollten sie vielleicht für immer in Betlehem bleiben?

 

© Josef Gredler

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 (1) Eduard Josef Huber: Die unwahrscheinliche Geschichte des Jesus von N., Bernardus Verlag 2018, S. 74 Verweis auf Bargil Pixner: Wege des Messias und Stätten der Urkirche. Jesus und das Judenchristentum im Lichte neuer archäologischer Erkenntnisse, Brunnen Verlag 1994
(2) Karl Jaros: Jesus von Nazaret – Ein Leben, Böhlau Verlag 2011, SS.136 – 138
(3) Ebenda S. 137
(4) Vergleiche Kenneth E. Bailey: Jesus war kein Europäer. Die Kultur des Nahen Ostens und die Lebenswelt der Evangelien, SCM R.Brockhaus 2018, S. 59
(5) Vergleiche Bargil Pixner: Mit Jesus in Jerusalem – Seine ersten und letzten Tage in Judäa, Corazin  Publishing, 1996, S. 24
(6) Vergleiche Kenneth E. Bailey: Jesus war kein Europäer. Die Kultur des Nahen Ostens und die Lebenswelt der Evangelien, SCM R. Brockhaus, 2018, SS.44 – 47
(7) Rainer Riesner: Messias Jesus. Seine Geschichte, seine Botschaft und ihre Überlieferung, Brunnen Verlag, 2019, S. 57
(8) Vergleiche Kenneth E. Bailey: Jesus war kein Europäer. Die Kultur des Nahen Ostens und die Lebenswelt der Evangelien, SCM R. Brockhaus, 2018, SS. 45 – 47
(9) Vergleiche Karl Jaros: Jesus von Nazaret – Ein Leben, Böhlau Verlag 2011, SS.144 – 145