Josef Gredler

03 Maria und Josef bis zur Geburt Jesu

 

    Der Beiname „von Nazaret“ verweist also auf die geografische und genealogische Herkunft Jesu. Josef stammte auf Nazaret und Jesus wuchs später dort auf. Allerdings stammten die davidischen Vorfahren Josefs aus Betlehem, der Stadt Davids, sodass eine Verbindung Josefs mit Betlehem naheliegend ist, zumal die Menschen im Nahen Osten sich mit ihrem Herkunftsort besonders verbunden fühlen und wissen. (1) Fast zwangsläufig stellt sich jetzt die Frage, woher denn Maria, die Mutter Jesu, stammte und wie Maria und Josef zusammenkamen? Die Evangelien geben uns auf diese Frage leider keine Auskunft. Die Ortsangabe des Lukas, der nach Ansicht mancher Bibelwissenschaftler selber nie in Galiläa gewesen war, könnte hier von den geschichtlichen Tatsachen abweichen. Wenn man die Perikope des Lukas über die Verheißung der Geburt Jesu genau liest, könnte man den Eindruck gewinnen, dass für ihn Nazaret als Ortsangabe für das wundersame Geschehen nicht von besonderer Bedeutung ist.

    Das apokryphe Evangelium des Jakobus, eine fromm-phantastische Schilderung der Kindheit Marias berichtet darüber. Könnte diese fromme phantasievoll ausgestaltete Kindheitsbeschreibung nicht doch um einen wahren Kern gebildet worden sein? Die Tradition verehrt ganz unweit in der Nähe des Teiches Betesda nördlich des Tempels in der Via Dolorosa den Geburtsort Marias. Ihre Eltern waren nach dieser Tradition und nach dem apokryphen Jakobusevangelium Anna und Joachim, die in diesem Haus spät Eltern ihres einzigen Kindes Maria wurden. Kreuzfahrer erbauten hier die Annakirche. Statt diesen Kern des Jakobusevangeliums von vornherein völlig auszuschließen, scheint es mir sinnvoller, ihn auf dem Hintergrund der damaligen Gegebenheiten zu prüfen.

    Joachim stammte aus der Sippe der Davididen, war also ein Nachkomme Davids. Anna hatte Verbindung zur Priesterschaft des Tempels. Das Mädchen Maria soll dann im Dienst des Tempels gestanden haben, was angesichts der unmittelbaren Nähe zu diesem und der Verbindung zur Priesterschaft dort durchaus möglich scheint. Die Priesterschaft war auch Garant für einen umfassenden Unterricht in der Tora. Als Maria dann eine geschlechtsreife junge Frau wurde, durfte sie nicht länger im Tempel beschäftigt bleiben. Vielleicht arbeitete sie dann zu Hause quasi in Hausarbeit weiter für den Tempel. Dieses Wohnviertel stand im Einflussbereich der Essener, bei denen Familie und Nachkommenschaft nicht den Stellenwert hatten wie im übrigen Judentum. Gut möglich, dass für Maria ein jungfräuliches Leben vorgesehen war und dass sie es auch selber wollte. Wenn Anna und Joachim den Essenern nahestanden, wofür es Hinweise gibt, wäre auch verständlich, dass diese ein kinderloses Leben ihrer Tochter unterstützten oder zumindest damit einverstanden waren, vielleicht sogar selber zum Dank für die späte Geburt des langeersehnten Kindes Maria ganz Gott weihen wollten. Wie sollten sie nun für ihre Tochter den richtigen Mann finden? Denn ein solches Gelübde schloss ja nicht eine Eheschließung aus. Da wäre ein gewisser Josef aus Nazaret, aus der Sippe der Nazoräer, also ein Nachkomme Davids, der Witwer war und schon Kinder hatte, ja genau der richtige.

    Aber wie sollte eine solche Verheiratung von Josef aus Nazaret mit Maria im 150 Kilometer entfernten Jerusalem überhaupt zustande kommen? Dafür lassen sich schon ein paar plausible Gründe anführen, wie es zu einer solchen Verlobung Marias mit Josef kommen konnte. Josef war von Beruf Bauhandwerker und könnte in Jerusalem an der groß angelegten Umgestaltung des Tempels durch Herodes mitgewirkt haben und dabei die Bekanntschaft mit Marias Vater oder ihrem Onkel, dem möglicherweise essenisch gesinnten Tempelpriester Zacharias, gemacht haben. Noch ein weiterer Grund könnte Josef nach Jerusalem geführt haben. Als Davidide könnte er in Betlehem, der Stadt Davids, Grundbesitz gehabt haben. Noch naheliegender könnte sein, dass Maria von ihrem Vater Joachim, der nach dem Protoevangelium ein reicher Viehzüchter war, Weideland in Betlehem geerbt hatte. (2) Betlehem ist weniger als zehn Kilometer von Jerusalem entfernt. Das würde den Grund erklären, warum Maria anlässlich einer „Volkszählung“ nach Betlehem mitkommen musste. Maria wurde nach jüdischem Brauch und Gesetz verlobt bzw. verheiratet. Joachim könnte mit Josef, wie es Brauch war, in Jerusalem die Verlobungsformalitäten beschlossen haben.

    Ein Eingreifen Gottes in die Heilsgeschichte durch deinen Engel, der Maria die Botschaft brachte, dass sie die Mutter des göttlichen Erlösers werden solle, entzieht sich der historischen Überprüfung. Wer die Möglichkeit realer Einbrüche des Göttlichen in die Normalität der irdischen Welt ausschließt, für den bleiben der Engel und seine Ankündigung nur erzählerische Konstruktion des Evangelisten. (3) Die Empfängnis Jesu in einem jüdischen Mädchen ist der Beginn der irdischen Lebensgeschichte des Jesus von Nazaret.

    Dass Maria in Jerusalem schwanger wurde,  ist naheliegender als ihre Schwangerschaft in Nazaret. Ein Besuch der eben schwanger gewordenen Maria bei einer Verwandten Elisabeth im Bergland von Judäa, wie es in Lk 1,39 heißt, ist sehr gut möglich und ist nach damaliger Sitte nicht ungewöhnlich. Allerdings ist dafür Jerusalem als Wohnort Marias Voraussetzung. Aus dem fernen Nazaret wäre der Weg der schwanger gewordenen Maria nach Ein Karem im Bergland Judäas, um ihre Verwandte Elisabeth zu besuchen, schwer vorstellbar. Nach Ein Karem, nach christlicher Tradition der Geburtsort Johannes des Täufers, wäre der weite Weg der schwangeren Maria von Nazaret ins Bergland von Judäa, um ihre Verwandte Elisabeth zu besuchen, noch dazu allein, schwer nachvollziehbar. Da wäre sie wohl in ihrem Zustand mindestens fünf Tage unterwegs gewesen. Für eine schwangere Frau und noch dazu allein nicht vorstellbar. Von Jerusalem sind es dorthin aber nur wenige Kilometer.

    Dass Josef bestürzt war, als er wieder nach Jerusalem kam und sah, dass seine Verlobte schwanger war, aber nicht von ihm, muss man annehmen. Wenn er sie in aller Stille entlassen wollte, also ohne viel Aufsehen, dann wäre das im kleinen Nazaret undenkbar gewesen. Die Umstände ihrer Schwangerschaft hätten sich dort zu einem großen, für Maria lebensbedrohlichen Skandal entwickelt. Josef hätte in Nazaret wegen diesbezüglich strengerer gesetzlicher Regelungen in Galiläa im Vergleich zu Judäa Anklage wegen dieser Schwangerschaft erheben können oder vielleicht sogar müssen und Maria dadurch möglicherweise der Steinigung preisgegeben. Dass wiederum ein Engel einschreiten musste, entzieht sich einer historischen Feststellung. Josef nahm jedenfalls Maria trotz dieser mehr als anstößigen, skandalösen Umstände zu sich, was wohl nur so verstanden werden kann, dass Maria nach Nazaret kam, wo sie mit ihrem Verlobten Josef aber noch nicht in ehelicher Gemeinschaft lebte. Das ergibt insgesamt eine durchaus plausible Linie, wie es gewesen sein könnte.

    Allerdings bietet das Protoevangelium des Jakobus nicht die allein mögliche Antwort auf die Frage, wie sich das historisch tatsächlich zugetragen haben könnte. Maria könnte auch, wäre ja durchaus naheliegend, ein Mädchen aus Nazaret gewesen sein, aus der davidischen Sippe dort. Allerdings müsste man in diesem Fall die ganze Jerusalem-Tradition als Geburtsort Marias verwerfen. So jedenfalls berichtet es das Evangelium nach Lukas, wobei Lukas aber gar nicht so viel Wert auf den tatsächlichen Ort des Geschehens zu legen scheint. Ihm ist die geheimnisvoll göttliche Initiative und die Einwilligung Marias, ihr heilsbedeutsames Ja, wichtiger.  Wenn Maria aus dem nazoräischen Clan in Nazaret stammt, dann ist ihre Verlobung mit Josef natürlich einfach zu erklären, weil die Gründe im wahrsten Sinn des Wortes naheliegend sind. Andere Ereignisse und Umstände lassen sich jedoch in Nazaret historisch schwerer einordnen.

 

© Josef Gredler

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(1) Kenneth Bailey: Jesus war kein Europäer. Die Kultur des Nahen Ostens und die Lebenswelt der Evangelien; SCM Verlagsgruppe 2018, S.33
(2) Michael Hesemann: Jesus von Nazaret – Archäologen auf den Spuren des Erlösers; Sankt Ulrich Verlag, aktualisierte Auflage 2013, S. 61
(3) Klaus Berger: Jesus, Pattloch Verlag 2007; S. 56