Josef Gredler

02 Alles beginnt in Nazaret

 

     Jesus von Nazaret. Mit diesen drei Worten ist unverwechselbar klar, wer gemeint ist. Nicht nur Christen weltweit, sondern nahezu die gesamte zivilisierte Welt weiß, wer Jesus von Nazaret ist. Auch in den Evangelien wird er so genannt. Weil es keine Familiennamen gab, fügte man oft den Herkunftsort oder den Vornamen des Vaters hinzu: Jesus von Nazaret, der Sohn Josefs. Niemand würde Nazaret, dieses Nest in den Hügeln von Galiläa, kennen, wenn nicht dieser Jesus von dort käme. Wer umfassend über Jesus berichten will, kommt nicht umhin, auch über Nazaret zu schreiben. Vielleicht sollte man sogar mit Nazaret beginnen.

     Ein seit der Verschleppung durch die Assyrer verlassener Flecken in Galiläa abseits der wichtigen Verkehrsverbindungen wurde in der Zeit der Makkabäer in der Mitte des zweiten Jahrhunderts vor Christus von jüdischen Rückwanderern aus dem babylonischen Exil wieder besiedelt. Später wurde dieser Ort Nazaret genannt. Seine Bewohner waren alle oder großteils davidischer Abstammung und nannten sich Nazoräer. Nazoräer bezieht sich auf Jes 11,1, wo vom Spross (hebräisch nezer) Davids die Rede ist.  Sie lebten in der festen Überzeugung, dass aus ihrer Sippe der Messias, ein kriegerischer Messias, hervorgehen werde. (1) Diese Erwartung, die sich auf alttestamentliche prophetische Verheißungen stützte, prägte die Familientradition dieser Davididen. (2)  Andere      David-Nachfahren dürften sich nach ihrer Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft auch in Betlehem, der Stadt Davids und dem Ort ihrer Herkunft, niedergelassen haben. (3)

     Im ersten Jahrhundert v. Chr. war Nazaret „ein kleines Bergdorf abseits vom Straßennetz mit höchstens 400 Einwohnern, die meist in natürlichen oder in den Felsen getriebenen Wohnhöhlen mit kleinen Vorbauten lebten“. (4) Seine Bewohner gehörten großteils dieser davidischen Sippe an, die sich Nazoräer nannte. Dieser nazoräische Familienclan war erfüllt von großen messianischen Hoffnungen für das Volk Israel. (5)   Die Sippe der Nazoräer, aus der Josef hervorgeht, der rechtliche Vater Jesu, waren also Nachkommen Davids und verstanden sich als solche. Der Namenszusatz „von Nazaret“ ist also nicht nur der Hinweis, dass es sich um Jesus aus Nazaret handelt, sondern ist auch oder vielleicht noch mehr ein Verweis, dass er ein Nachkomme Davids ist. Dieser Umstand wird im Leben Jesu immer präsent bleiben. Der erwartete Messias sollte ein Spross (nezer) Davids sein. Wenn Lukas Jesus einen Nazoräer nennt, dann tut er das ganz bewusst und will damit weniger die geografische Herkunft Jesu als viel mehr seine davidische Abstammung und seine messianische Vollmacht andeuten, mit der Jesus das beginnende Reich Gottes verkündete, Wunder wirkte, Kranke heilte, Dämonen austrieb und zum Erlöser wurde. (6)

     Nach Lk 1,26 wurde der Engel Gabriel von Gott in die Stadt Nazaret in Galiläa gesandt. Nazaret war natürlich keine Stadt, aber das Hebräische kennt für einen besiedelten Ort, für ein Gemeinwesen kein anderes Wort. Damit beginnt die Lebensgeschichte des Jesus von Nazaret in einer religiös und auch politisch sehr unruhigen Zeit. (7) Und es ergeben sich schon die ersten Fragen, ob das so und genau dort gewesen sein kann, wie es geschrieben steht.

 

© Josef Gredler

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(1) Bargil Pixner: Wege des Messias und Stätten der Urkirche - Jesus und Judenchristentum im Lichte neuer archäologischer Erkenntnisse; Brunnen-Verlag 1994, in Josef Huber: Die unwahrscheinliche Geschichte des Jesus von N., Bernardus-Verlag 2018, SS. 108, 109
(2) Rainer Riesner: Messias Jesus. Seine Geschichte, seine Botschaft u. ihre Überlieferung; Brunnen-Verlag 2019, SS. 34, 36
(3) Ebenda, S. 34
(4)  Hans Kessler: Auferstehung? Der Weg Jesu, das Kreuz und der Osterglaube; Matthias Grünewald Verlag 2021, S. 22
(5) Rainer Riesner: Messias Jesus. Seine Geschichte, seine Botschaft und ihre Überlieferung; Brunnen-Verlag 2019, S. 73
(6) Klaus Berger: Der Wundertäter – Die Wahrheit über Jesus; Herder 2010, S.136
(7) Helmut Hoping: Jesus aus Galiläa – Messias und Sohn Gottes; Herder 2019, S.16