Josef Gredler

01 Einführende Bemerkungen

 

     Über keinen Menschen sind mehr Bücher geschrieben worden als über Jesus von Nazaret. Aber diese unzähligen Bücher könnten unterschiedlicher nicht sein. Dass man über ein- und dieselbe Person so gegensätzlich schreiben kann, ist schon verwunderlich. Einige glauben, aus den Evangelien ganz einfach eine Jesus-Biografie ableiten zu können. Sie gehen davon aus, in den Evangelien sei wirklich das Leben Jesu dokumentiert, alles sei so oder so ähnlich passiert, wie es dort geschrieben steht. Sie nehmen  die Evangelien Wort für Wort und halten sie für eine detaillierte, topografisch und chronologisch exakte Beschreibung des öffentlichen Wirkens Jesu, also seiner Predigten, Wunder, Heilungen, Dämonenaustreibungen, Wanderungen, Begegnungen und Konfrontationen, Belehrungen und Erzählungen, Geheimnisse und Verborgenheiten. Für sie ist in den Evangelien verlässlich festgehalten, wann Jesus wo was gesagt und getan hat. Manche Jesusautoren sehen dann geschichtliche Tatsachen dort, wo die Evangelisten die Oberfläche bloßer Fakten durchbrochen haben, um viel tiefer liegende Wahrheiten mitzuteilen. Die Evangelisten wollen das, was Jesus gesagt und getan hat, nicht penibel dokumentieren, sie wollen das Entscheidende und Letztgültige über Jesus aussagen. Sie haben ihr Evangelium auch nicht als Aufzeichnung und verlässliche Lebensgeschichte oder biographisches Nachschlagewerk für spätere Jahrhunderte und die folgenden Jahrtausende geschrieben, sondern für ihre Gemeinden. Diese Absicht müssen wir immer bedenken, wenn wir das Evangelium oder einzelne Perikopen daraus lesen, erzählen oder verstehen wollen. Die Verfasser der Evangelien haben sich einer viel größeren Aufgabe verpflichtet, wollten die viel größere Wahrheit niederschreiben – wer dieser Jesus ist.

     Viele theologische, bibelwissenschaftliche Autoren hüten sich jedoch, sich auch nur in die Nähe einer biographischen Absicht zu wagen. Manche von ihnen gehen unter rigoroser Anwendung historisch-kritischer Kriterien so weit, dass außer ein paar vagen Eckpunkten nichts mehr übrig bleibt, was man von Jesus wirklich verlässlich sagen könnte, außer dass er Jünger um sich scharte, mit diesen als Wanderprediger durch die Ländereien der Evangelien zog und schließlich unter Pontius Pilatus in Jerusalem den Tod am Kreuz gestorben ist. Für liberal-skeptische Theologen gehört es fast zum guten Ton, fast alles in den Evangelien für theologische Übermalung zu halten. Jeder Evangelist hat quasi sein Jesus-Bild „gemalt“, sodass die Frage nach einem historischen Jesus nicht mehr möglich oder gar unzulässig ist. Es gibt dann nur den sogenannten kerygmatischen Jesus, der aber nicht mehr ist als ein Mythos. Der Jesus der Evangelien wird  so zu einer Kunstfigur naiver Gläubigkeit, die Evangelien zu einer Sammlung von Mythen und Legenden.

     Die Diskussionen der „historisch-kritischen“ Leben-Jesu-Forschung können hier nicht geführt werden, aber so viel muss gesagt sein: Die grundlegende Entscheidung, was bei einer historisch-kritischen Untersuchung der Person Jesu in den Evangelien als Ergebnis herauskommt, ist vom jeweiligen „Forscher“ – es waren ja wirklich überwiegend Männer – ja schon vorher getroffen worden, wenn er sich weltanschaulich entschieden hat, ob die Grenzen der Physik auch die Grenzen der Metaphysik, der Welt des Göttlichen sind. Diese grundlegende Vorentscheidung – sie ist letztlich eine Glaubensentscheidung –  beeinflusst in hohem Maße das Ergebnis ihrer Leben-Jesu-Forschung. Wenn physikalisch Unerklärbares, rational nicht Fassbares von vornherein ausgeschlossen wird, von Jesus Berichtendes nur mehr allegorisch gedeutet wird, dann kann von einem Jesus, der geheimnisvoll aus der Welt Gottes in diese unsere Welt gekommen und nach seinem Tod am Kreuz auferstanden ist, nichts übrigbleiben.

     Der Anspruch der folgenden Seiten will sehr bescheiden sein. Sie sind der Versuch, das Leben Jesu nachzuzeichnen, wie es gewesen sein könnte. Sie erheben nicht den Anspruch, so oder so muss es gewesen sein. Sie gehen davon aus, dass wichtige Eckpunkte tatsächlich auch geschichtlich so geschehen sind. Zwischen diesen wollen sie verbindende Linien ziehen, wie es gewesen sein könnte, nicht einfach aus der Phantasie heraus, sondern in Kenntnis und im Wissen der Quellen, die von Jesus berichten. Das Leben Jesu nicht als fabulierende Biographie, wohl aber als plausible Möglichkeit, die für wahr zu halten nicht der menschlichen Vernunft widerspricht. Den Lesern soll nicht mangels historisch-kritisch gesicherter Fakten eine naiv-  waghalsige Lebensgeschichte vorgelegt werden. Manchmal erreicht die hier gezeichnete Lebenslinie Jesu eine höhere Plausibilität, manchmal gelingt ihr das weniger. Niemals jedoch sollen diese verbindenden Linien willkürlich gezogen werden. Manchmal werden zwei Möglichkeiten, wie es gewesen sein könnte, einfach nebeneinandergestellt. Nie soll der Leser bedrängt werden, dieser Linie zu folgen. Immer aber ist er eingeladen, darüber nachzudenken, ob es so gewesen sein könnte. Es geht nie darum, historische Fakten dort behaupten zu wollen, wo diese geschichtlich nicht oder nicht ausreichend verifizierbar sind, sondern immer nur darum, ob die aufgezeigte Lebensspur aufgrund der gewählten und subjektiv gewerteten Anhaltspunkte auch vernünftig bzw. möglich erscheint.  Vernünftig allerdings nicht in dem Sinn, dass alles, was mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht fassbar ist, ausgeschlossen wird. Ich halte es für durchaus vernünftig zu glauben, dass es eine Welt des Göttlichen gibt, die mit naturwissenschaftlichen, bloß menschlichen Methoden nicht vollständig erfassbar ist. Hierin fühle ich mich gerade von Vertretern einer Zunft bestärkt, die bisher nicht zu den stützenden Säulen des Glaubens an eine Welt des Übernatürlichen, des Göttlichen gezählt hat. Es gibt Neurowissenschaftler, die überzeugt sind, dass nicht das Gehirn das Bewusstsein, den Geist schafft, Bewusstsein und Geist also nicht das Produkt des Gehirns sind, wie dies materialistischen Neurowissenschaftler behaupten und deshalb Gott für eine bloße Einbildung bzw. „Erfindung“ des Gehirns halten. Es gibt neurowissenschaftliche Größen, die überzeugt sind von einer Welt des Göttlichen und einem Leben nach dem Tod.

    Worauf stützt sich mein Versuch einer plausiblen Lebensgeschichte Jesu? Natürlich zuallererst auf die Evangelien, die ich nicht in dem Maß für theologisch übermalt halte, wie es allzu kritische Theologen annehmen. Die Evangelisten haben Ereignisse nicht frei erfunden. Sie haben aber diese Ereignisse nicht topografisch und chronologisch exakt dokumentiert, haben das auch nicht beabsichtigt. Sie haben immer wieder auch ihren nachösterlichen Glauben in den berichteten Ereignissen durchscheinen lassen.

    Viele Publikationen katholischer, evangelischer und anglikanischer Bibelwissenschaftler bilden eine wesentliche Voraussetzung für diese Jesusgeschichte. Perspektiven der nahöstlichen Bibelauslegung scheinen mir unverzichtbar, weil eine plausible Lebensgeschichte Jesu, der ja ein orientalischer Jude war, nur möglich ist, wenn die Evangelien auch im Licht der nahöstlichen Kultur gesehen und verstanden werden. Auch die Ergebnisse und Stimmen von Historikern, Archäologen und Autoren, die sich in dieser Jesus-Frage engagieren, ganz besonders auch jüdische Stimmen, haben mich in meinem Bemühen geleitet. Neben den kanonischen Evangelien habe ich auch die apokryphen gelegentlich einbezogen, weil diese ja nicht a priori nur eine wertlose Sammlung frommer Fantasien sind, sondern möglicherweise auch der Wahrheit entsprechende Überlieferungen bewahren, auch wenn sie die Hürde des Kanons zu Recht nicht überspringen konnten. Aber warum sollte in einer frommen Fantasie nicht auch ein historischer Kern enthalten sein? Auch auf sogenannte Traditionen habe ich immer wieder zurückgegriffen, weil ich der Meinung bin, dass diese in ihrem möglichen Wahrheitsgehalt manchmal unterschätzt werden. Immer wieder konnten neuere archäologische Forschungen alte, „bloße“ Überlieferungen bestätigen. Auch Überlieferungen außerhalb des Neuen Testamentes, die Aussagen früher Kirchenväter und Kirchenlehrer, Berichte frühchristlicher Theologen, Gelehrter und Geschichtsschreiber, Berichte früher christlicher Palästinapilger wurden miteinbezogen, um eine plausible Jesusgeschichte zu schreiben.

     Die Frage, ob und wann und wo es im Leben Jesu zu einem persönlichen Eingreifen Gottes in die Heilsgeschichte gekommen ist, entzieht sich der Kompetenz dieser Seiten, die daher solche Fragen nicht gültig für alle Leser zu beantworten wagen. Da muss jede und jeder selber für sich entscheiden, zu glauben oder nicht zu glauben. Da versagen Begriffe wie „plausibel“, „vernünftig“, „möglich“. Das Mysterium der Person Jesu kann nicht gelüftet werden mit Fragen nach naturwissenschaftlich, historisch gesicherten Fakten. Aber unter Berufung darauf, dass man an Jesus von Nazaret als den Mensch gewordenen göttlichen Messias und Erlöser nur glauben kann oder eben nicht, darf man Fragen nach dem „Was ist wann, wie und wo wirklich geschehen?“ nicht so beiseiteschieben, als sei es fast unschicklich und naiv, solche Fragen überhaupt zu stellen. Die Verbindungslinien dieser Jesusgeschichte zwischen den auch von kritischen Exegeten anerkannten Fixpunkten im Leben des Jesus von Nazaret erheben nur den Anspruch, so könnte es vielleicht, möglicherweise, sinnvollerweise oder wahrscheinlich gewesen sein. Auch wenn jemand nicht an Jesus als den von Gott Gekommenen und von diesem nach seinem Tod Auferweckten glaubt, ist eine auch in vielen Einzelheiten historisch plausible Lebensgeschichte möglich und interessant. Wir wissen mehr von diesem Jesus von Nazaret, als manche Jesus-Autoren behaupten, aber quantitativ auch weniger, als andere wieder meinen.

     Die Seiten dieser Lebensgeschichte versuchen keine lückenlose Darstellung des Lebens Jesu, aber die Identität dieses Jesus von Nazaret soll durch sie plastisch, vorstellbar werden. Nicht jede Heilung, jedes Wort und jedes Ereignis, von dem uns ein Evangelium berichtet, wird versucht einzuordnen. In dieser Lebensgeschichte Jesu fehlen nicht wenige Gleichnisse, Wundertaten und Belehrungen Jesu. Es sollte ein großer Bogen über das Leben dieses Jesus von Nazaret gespannt werden. Nicht alles, was unter diesem Bogen im Leben Jesu geschehen ist bzw. in den Evangelien steht, ist in dieser Lebensgeschichte enthalten. Vor allem jene „Ereignisse“ fehlen, bei denen es von untergeordneter Bedeutung ist, wann und wo sie geschehen sind. Das heißt nicht, dass sie für nicht so wichtig erachtet worden sind, aber ihre Zuordnung hat keinen Einfluss auf die Plastizität der Person Jesu.

     Ereignisse und Lebensabschnitte Jesu, über die wir viel mehr wissen, werden entsprechend detaillierter dargestellt, auch wenn dadurch das innere Gleichgewicht der Lebensgeschichte etwas leidet. So werden die letzten Tage Jesu in Jerusalem mit sehr viel Einzelheiten beschrieben. Das entspricht auch den Evangelien, in denen die Passionsgeschichte fast ein Drittel des Umfangs der Evangelien ausmacht. Erklärungen und Kommentare werden nicht am Ende der jeweiligen Seite oder des jeweiligen Kapitels angehängt, sondern in die erzählte Lebensgeschichte integriert, damit sich diese als Ganzes liest.

     Kontroverse Diskussionen zu einzelnen Ereignissen im Leben und Wirken Jesu werden hier nicht geführt, weil diese Seiten auch nicht Ansprüche erheben, die sie dann verteidigen müssten. Als Religionslehrer war dieser Jesus von Nazaret die ständige „Nabe“ in meinem Religionsunterricht, um die sich alles gedreht hat. Über nichts und niemand habe ich mehr gelesen als über Jesus von Nazaret. Niemand prägt mein Leben so sehr wie dieser Jesus von Nazaret. So haben sich meine Vorstellungen und inneren Bilder gleichsam zu einem Jesusfilm zusammengefügt, der nur inwendig abläuft, auf keiner Leinwand zu sehen ist. Die folgenden Seiten sind gleichsam das Drehbuch dazu, das auf jedwede cineastischen Effekte verzichtet, sondern sich nur von der Frage leiten lässt, wie es denn wirklich gewesen sein könnte. 

     Auch wenn diese Lebensgeschichte über Jesus von Nazaret nicht zuständig ist für die Frage, ob, wann und wo Gott in die reale Geschichte hineingewirkt hat, also „wirklich Wunder geschehen“ sind, so steht für mich die große Wahrheit, die dieser Jesus von Nazaret war und in die Welt gebracht hat, über allem. Zu dieser Wahrheit gehört, dass man das Wirken Jesu nicht mit den Gesetzen der Physik begrenzen kann. Wenn mich diese Wahrheit nicht ergriffen hätte, hätte ich die folgenden Seiten nie geschrieben, die nicht mehr sein wollen als der Versuch eines glaubend Suchenden, „seine“ Lebensgeschichte von diesem Jesus von Nazaret zu schreiben.

 

© Josef Gredler