Josef Gredler

37  Ist Fußball noch ein Spiel? (14.07.2014)

 

   Obwohl ich mir selber mit leidenschaftlichem Interesse Fußballspiele anschaue und bei derartigen Großereignissen wie der gestern zu Ende gegangen Fußballweltmeisterschaft in Brasilien nicht wenige Stunden vor dem Fernseher verbracht habe – am liebsten mit anderen, die meine Leidenschaft teilen – kann ich der Frage nicht mehr ausweichen: Ist dieser Fußball noch ein Spiel? Mit „dieser Fußball“ meine ich den „großen Fußball“, der Stadien füllt, von zig Millionen Menschen im TV zu sehen ist, der die Wettbüros beschäftigt, Zeitungsseiten füllt und Twitter fast zum Überlaufen bringt. Was lässt die Frage der Überschrift zu einer nur mehr rhetorischen Frage verkommen, weil es längst Fakt ist, dass dieser Fußball schon lange aufgehört hat, nur mehr ein Spiel zu sein.

   Weil in Brasilien erzielte oder verhinderte Tore das Um und Auf sind und sich in den Zeitungen weltweit über viele Seiten ausdehnen, werden Angst und Leid von Männern, Frauen und Kindern im Irak, in Syrien, in der Ostukraine und… aus den Schlagzeilen verdrängt und müssen sich im Blattinneren mit weniger Platz bescheiden – eine unmenschliche Tatsache. Fußballer, die auf dem grünen Rasen um Tore laufen, interessieren mehr als Menschen, die um ihr Leben rennen. Das verletzte Knie eines Fußballsstars ist mehr Zeilen wert als die zerschossenen Beine eines namenlosen Kindes. Ein erzieltes Tor bekommt mehr Aufmerksamkeit als Menschen, die gewaltsam und grausam zu Tode gebracht werden. Wenn die Weltmeisterschaft dann wieder vorbei ist, darf ihr Leid wieder Schlagzeilen machen.

   Eine Fußballikone dieser Weltmeisterschaft hat, falls die Zeitungen richtig berichtet haben, ohne zögern gemeint: „Wenn ich auf das Spielfeld laufe, ziehe ich in den Krieg.“ Ein schrecklicher Vergleich für ein Spiel. Und tatsächlich gibt es dann auch  Fußballer, die so „spielen“ bzw. kämpfen, als wäre ihr Spiel wirklich ein Krieg, den sie um jeden Preis gewinnen müssen und nicht verlieren dürfen. Sie glauben sich daher nicht auf einem Spielfeld, sondern auf einem Schlachtfeld, auf dem sie in ihrer Dress bzw. „Soldatenuniform“ mit dem Ball wie mit einer „scharfen Munition“ auf das gegnerische Tor zielen und, wenn sie treffen, damit in der Arena und vor den Bildschirmen Siegesjubel oder Entsetzen auslösen. Der sportliche Zweikampf um den Ball bekommt mitunter die Züge eines „Nahkampfs“, bei dem der Gegner – so die offizielle Bezeichnung für einen Spiele der andern Mannschaft – so gewaltsam attackiert wird, dass er liegen bleibt und vom Feld getragen werden muss.

   Für solche Attacken ist Foul eine verharmlosende, die falsche Vokabel, auch wenn man von einem „bösen Foul“ spricht. Eine solches „Foul“ hatte sogar animalische Züge. Der „Spieler“ einer Mannschaft beißt einem „Spieler“ des Gegners in die Schulter und das bei einem „Spiel“. Nicht erstmals, das war schon seine dritte Beißattacke. Der bisswütige Spieler wurde gesperrt, für mehrere Monate aus dem „Spiel“ genommen. Eine ganze Nation war ob dieser ungerechten Strafe empört. Eine maßgebliche Fußballstimme forderte sogar, man solle nicht gar so überreagieren wegen eines solchen Bisses, das sei eben Fußball. Klang fast so, als gehörte das zum Fußball einfach dazu. Der Trainer bzw. „Feldherr“ dieses Beißers meinte dazu, den Spieler und dessen Bissattacke rechtfertigend: „Es geht hier nicht um Moral, sondern um eine Fußballweltmeisterschaft.“ Zitatende und Punkt.

   Einige dieser Spiele standen sogar ganz im Zeichen von „Rache“. Dabei kamen diese Rachegelüste gar nicht von den Spielern, die ja nicht einmal wussten, wofür sie sich rächen sollten, weil der Grund für die Rache älter war als sie selbst. Aber Zeitungen wollten mitnaschen am großen WM-Kuchen, mussten ihre Schlagzeilen vor den jeweiligen Begegnungen auffetten und da kamen ihnen solche tatsächlichen oder ganz einfach erfundene Racheschwüre gerade recht. Ein Spiel haben Journalisten sogar richtiggehend zu einem Rachefeldzug erklärt und damit auf niedrigstem Niveau an niedrigste Instinkte appelliert. So hat Fußball seine spielerischen Züge verloren, wenn Medien die Spieler auf dem Feld und die Zuschauer im Stadion oder vor den Bildschirmen zur Rache animieren. Das hört sich jedenfalls nicht mehr nach Spiel an. Und wenn es für die Rache nicht reicht, dann muss zumindest die Schadenfreude herhalten. Natürlich darf nicht unerwähnt bleiben, dass vor großen Spielen von den beiden Mannschaftskapitänen eine Friedensbotschaft verlesen wird, ein Appell gegen Gewalt und Rassismus an die Zuschauer im Stadion und vor den Bildschirmen gerichtet wird. Das ist sehr begrüßenswert und man wünscht sich, dass diese Botschaften nicht vergeblich sind.

   Ein Spieler hat bei der WM in Brasilien mit einem brutalen Fall einen der ganz großen und höchstbezahlten Fußballer außer Gefecht gesetzt. In seiner Heimat genießt dieser verletzte Fußballer fast göttliche Verehrung und tatsächlich bezeichnen sie ihn sogar als Gott. Der Übeltäter, der ihn verletzt hat, muss in seiner Heimat in seinem Haus aus Sicherheitsgründen von zehn Polizisten bewacht werden. Er ist seines Lebens nicht mehr sicher und hat schon zahlreiche Morddrohungen erhalten. Im selben Land wurde vor Jahren ein Fußballer nach seiner Rückkehr von einer Fußballweltmeisterschaft in seine Heimat aus einem Hinterhalt erschossen, weil er mit einem Eigentor das Ausscheiden seiner Mannschaft verschuldet hatte. Fußballer steigen auf zu Göttern, andere Fußballer sind ihres Lebens nicht mehr sicher. Für diesen gottähnlichen Fußballer und für viele andere auch werden Ablösesummen, Handgelder und Gagen gezahlt, die jeden Bezug zu einer vernünftigen Realität verloren haben und sozial und moralisch nicht mehr zu rechtfertigen sind. Diese Unsummen von Geld, die da für Spieler und an Spieler bezahlt werden, haben den Spielcharakter des Fußballs zerstört.

   Seit Jahren halten uns immer wieder gewaltsame Ausschreitungen während oder nach einem Fußballspiel in Atem, die wirklich mehr an ein Schlachtfeld denn ein Spielfeld erinnern. Da wurde ein Polizist von einem Zuschauer mehrmals so brutal gegen den Kopf getreten, dass dieser den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringt. Es ist doch nur ein Spiel? Aber rund um dieses Spiel sind auch Menschen ums Leben gekommen, nicht nur durch den Einsturz von Tribünen oder den Ausbruch einer Massenpanik, sondern durch bewusste und exzessive Gewalt. Scheinbare Fans, in Wirklichkeit jedoch gewaltbereite und gewaltgierige Horden machen Stadien und die Bannmeilen rundherum unsicher. Selbst als Zuschauer im Stadion ist man entsetzt, wie Menschen um einen herum, denen man das in keiner Weise ansieht, den Schiedsrichter ob seiner vermeintlichen Fehlentscheidung oder einen Spieler, der ihr Missfallen erregt, mit einem Vokabular überschütten, das hier gar nicht zitiert werden kann – wüste Beschimpfungen und abscheuliche Drohungen. Schließlich werden Gegenstände auf das Spielfeld geschleudert mit der Bestimmung, einen Spieler oder den Schiedsrichter zu treffen. Auch wenn das zugegeben nur auf einen geringen Teil der Zuschauer zutrifft, es ist Realität, die sich in den Stadien wiederholt abspielt.

   Die Vergabe fußballerischer Großereignisse befindet sich undurchschaubar in einer dunklen und unheilvollen Verstrickung mit Geld und Politik. Man kann nur noch ahnen, wie die Vergabe solcher „Spiele“ von Kriterien bestimmt wird, die mit Spiel und Sport nur noch am Rande oder überhaupt nichts mehr zu tun haben. Um diesen Fußball haben sich riesige Sumpflandschaften der Korruption gebildet, deren Trockenlegung nicht mehr möglich scheint. Die FIFA dirigiert weltweit diesen Fußball und seine Vermarktung und ist zu einem gigantischen weltweiten Machtapparat geworden, der ungeheure Geldsummen bewegt. Immer wieder geraten Funktionäre und Herren dieses Machtapparates selbst in den Verdacht, ihre Hände in unbotmäßiger Weise im Spiel zu haben, bei Entscheidungen bestechlich gewesen zu sein und sich der Korruption schuldig gemacht zu haben. Gibt es für Vergabe der Fußballweltmeisterschaft an Katar plausible, saubere Gründe? Ist der immense Kostenaufwand, den Brasilien auf sich genommen hat, um die Weltmeisterschaft auszurichten, moralisch irgendwie vertretbar? Die heftigen Proteste vor Ort haben doch gezeigt, dass viel Geld an den tatsächlichen Bedürfnissen des Landes und seiner Menschen vorbeigeführt wurde. Mit den unsagbaren Summen, die für pompöse neue Stadien ausgegeben worden sind, hätte man dort wirklich notwendigere Bedürfnisse erfüllen und soziale Not lindern müssen. Waren die zur Verfügung stehenden Stadien nicht bespielbar, nicht gut genug? Hatte Brasilien nicht andere Prioritäten?

   Wenn Fußball noch ein Spiel wäre, wie könnte dann eine völlig unerwartete und in diesem Ausmaß niemals vorhersehbare Niederlage ein ganzes Land in Schockstarre versetzen, als sei Apokalyptisches passiert. Zuschauer heulen auf den Rängen, starren entsetzt auf das Feld, wo das Unfassbare passiert ist. Die unterlegene Mannschaft verlässt weinend den Ort des Geschehens, jeder Einzelne ein Häuflein Elend, als sei eine Welt über ihm zusammengebrochen und das Leben zum Stillstand gekommen. In dieser Nacht kommt es zu Ausschreitungen und Busse werden angezündet. Am nächsten Tag fallen dann Zeitungsjournalisten über die Verlierer her, respektlos, beleidigend, verächtlich machend, unbarmherzig. Tage vorher wurden sie noch bejubelt, aber jetzt werden sie zur Schande der Nation erklärt. Wenn wundert es, dass jeder Spieler ob dieser Schande am liebsten in der Erde versinken möchte? Und dann passiert etwas ungewöhnlich Berührendes, was diesem einen Spiel wieder überraschend menschliche Züge gibt. Die Sieger mäßigen respektvoll und mitfühlend ihren Jubel, trösten und umarmen die Verlierer. Eine berührende Geste, die ein klein wenig hoffen lässt, Fußball könnte doch wieder ein Spiel werden.

 

© Josef Gredler