Josef Gredler

36  Song-Contest als Toleranz-Test (26.05.2014)

 

   Wer hat nun den 59. Eurovisions Song Contest in Kopenhagen gewonnen, Conchita Wurst oder Tom Neuwirth, Tom Neuwirth oder Conchita Wurst? Beide! Der bekennende homosexuell orientierte Tom Neuwirth ist dazu in Frauenkleider geschlüpft, hat jedoch seinen Bart als männliches Attribut stehen lassen und sogar nachgebessert und so die „Kunstfigur“ Conchita Wurst geschaffen, die diesen spektakulären Wettbewerb dann souverän gewonnen hat. Verdient, weil Conchita „Rise Like A Phönix“ in einer charismatischen, alle anderen Teilnehmer/innen überragenden Performance dargeboten hat. Sie stand mit ihrer Stimme und ihrem Outfit auf der Bühne vor über dreihundert Millionen Zuschauern, verzichtete als einzige auf jeden begleitenden Bühnenklamauk, rückte das Wesentliche wieder in die Mitte und war damit die/der mit Abstand Beste von allen. Wer nicht nur ihrem Song seine Aufmerksamkeit geschenkt hat, dem muss aufgefallen sein, dass sie in den unzähligen Interviews vorher und nachher durch Klugheit und bestechende Wortgewandtheit beeindruckte. Da war, auch aus dem Stegreif, kein dummer oder dümmlicher Satz dabei, wie es sonst bei derlei Größen und Anlässen fast unvermeidlich ist. Da war jeder Satz druckreif. Bei Conchita Wurst ist nicht nur die Stimme großartig, Sprache und Köpfchen sind es auch. Beeindruckend, wie sie Angriffe und Untergriffe gegen ihre Person parierte, ohne sich auf das niedrige Niveau der Angreifer zu begeben. Für viele ist der Umstand oder Zustand, dass für sie nicht geklärt ist, ob Mann oder Frau, so ein unerträgliches Ärgernis, dass sie aggressiv und abfällig werden. So „conchita“ bzw. „wurst“ ist diese Frage ja tatsächlich nicht, aber für die Bewertung ihres/seines Auftrittes beim Song Contest nicht relevant.

   Tom Neuwirth ist homosexuell, das darf er, das muss er sein dürfen. Er mag dieses Outfit. Auch das darf er, muss er dürfen. Er hat das Publikum mit seinem Auftritt nicht hinters Licht geführt, er hat nie etwas vorgetäuscht oder vorgespielt. Tom Neuwirth will keine Frau sein oder vorgeben zu sein, er will eine Frau mimen, mit Garderobe, High Heels und Schminke. Das muss er dürfen. Conchita betont, dass sie sich wohl fühlt in ihrer Haut, in ihrem Körper, in ihrer Persönlichkeit. In der ganzen Causa „Conchita oder Tom“ der wahrscheinlich wesentlichste Punkt. Vielen, deren Körper, Persönlichkeit und sexuelle Orientierung außerhalb der statistischen Norm liegen, ist das nicht möglich und sie leiden auch heute noch sehr darunter, auch unter gesellschaftlicher Anfeindung. Wenn Conchita sich rechtfertigt, dass sie mit ihrer Kunstfigur ja niemandem weh tut, dann muss man ihr toleranterweise gerade darin zustimmen. Kurzum: An ihrem grandiosen Sieg gibt es eigentlich nichts zu kritisieren. Man kann trotzdem hinsichtlich Musik und Darstellung einen anderen Geschmack haben. Die ganze positive oder negative Emotion um ihre Person trifft zutiefst den Nerv der Toleranz. Dabei geht es nicht nur um Toleranz gegenüber Dragqueens, transsexuellen oder intersexuellen Persönlichkeiten, sondern um eine grundsätzliche und umfassende Toleranz, die unsere Welt menschlicher wird und friedvoller macht. Conchita Wurst fordert Raum, Zeit und Freiheit für ihr persönliches Anders-Sein, aber auch für das der anderen, solange sie „damit niemandem weh tun“. Sie fühlt sich nach eigener Aussage deshalb nicht schon als große Botschafterin, will für sich nicht in Anspruch nehmen, ein Vorbild zu sein. Sie bleibt auf dem Boden, auch wenn andere euphorisch-ekstatisch abheben und in ihr die „Queen of Austria“ oder gar „Queen of Europe“ sehen. Dafür sind die Namensgeber verantwortlich, nicht die so Benannte.

   Dass die Begeisterung um ihre Person auch überschwappt und mitunter peinliche und miss- bräuchliche Züge bekommt, ist eine andere Sache und nicht von Conchita Wurst oder Tom Neuwirth zu verantworten. Wenn politische Parteien und ihre Exponenten nach Conchita Wurst wie nach einem Rettungsring greifen, zeugt das von deren großer inhaltlichen Not. Sie benutzen bzw. missbrauchen ihren Erfolg und damit auch ihre Person als Vehikel für ihre politische Flaute, in der sie nicht von der Stelle kommen oder sich sogar unfreiwillig rückwärts bewegen. Wenn Conchita Wurst dem stotternden Wahlkampf einer Partei neuen Schwung verleihen soll, dann ist das deren Eingeständnis ihres großen Mangels an politischer Vision. Die Peinlichkeit liegt da bei den politischen Mandataren, die sich ihr gleichsam zu Füßen werfen und die Schuhe lecken. Da möchten natürlich jetzt viele mitnaschen an ihrem Erfolg. Die großen Herausforderungen kommen deshalb auf Conchita Wurst erst zu. Wenn sie sich der Vereinnahmung entziehen kann, wäre das der noch größere Sieg als jener, den sie in Kopenhagen an jenem Samstag im Mai errungen hat, als das vorher unmöglich Scheinende Wirklichkeit geworden ist. Der ersten Versuchung hat sie erfolgreich widerstanden, als sie die dümmliche und populistische Einladung, vom Balkon auf dem Ballhausplatz  sich der begeisterten Menge zu zeigen, abgelehnt hat. Damit ist sie einer peinlichen Glorifizierung entgangen. Sie sagt, sie wolle sich nicht parteipolitisch vereinnahmen lassen. Hoffentlich bleibt sie dabei. Wenn eine große mediale Persönlichkeit in ihrer Person das „Europa der Jugend“ gekommen sieht, hat dieser schon leicht hypnotisiert die Generation der Alten aus dem Blickfeld verloren. Was tun wir mit den alten Menschen in einem Europa der Jugend? Wir brauchen ein Europa der Alten und Jungen, der Großen und Kleinen, der Starken und Schwachen... Die mit Conchita und ihrem Song ausgerufene und eingeforderte Toleranz bleibt immer auch ein wenig der Gefahr ausgesetzt, sich ins Gegenteil zu verkehren und das, was toleriert werden soll – im weitesten Sinn das „anders sein dürfen“, solange man anderen damit nicht schadet – zu einer neuen Norm zu erheben. Dann wären wir wieder zurück am Start und das ganze Bemühen um Toleranz müsste wieder von vorn beginnen.  

 

© Josef Gredler