Josef Gredler

34  Vom Sockel in den Spucknapf (26.02.2014)

 

   Am 22. Feber 2014, dem vorletzten Tag der Olympischen Spiele, hing für die Österreicher der Himmel noch voller Geigen. Am 23. Feber 2014, dem letzten Tag, zogen dunkle Gewitterwolken auf. Der österreichische Langläufer mit Medaillenchancen im 50 km Langlauf, Johannes Dürr, wurde des schwerwiegenden Dopings überführt. Er hat damit dem österreichischen Langlaufsport und seinen Langlaufkollegen großen Schaden zugefügt, schließlich auch seine Familie und sich selbst in eine schlimme Situation gestürzt. Ihm wurde ob seines Betruges zu Recht sofort die Akkreditierung entzogen. Er musste zu Recht sofort das olympische Dorf verlassen. Er wurde zu Recht umgehend aus dem ÖSV ausgeschlossen. Zu Recht erwarten ihn eine lange Sperre und möglicherweise auch strafrechtliche Konsequenzen. Die Enttäuschung und Bestürzung in der sportlichen Öffentlichkeit, bei Funktionären und Kollegen, aber auch in seiner nächsten Umgebung sind zu Recht groß und verständlich. Er selber ist am Boden zerstört.

   Dass aber der ÖSV-Langlaufbetreuer vor laufender Kamera Johannes Dürr dafür in unmissverständlichem Ton einen „Hund“ nennt,  ist verbales Anspucken, das moralisch inakzeptabel und verwerflich ist. Dass dieser dann noch hinzufügt, was er diesem „Hund“ am liebsten angetan hätte, aber „hier (öffentlich) nicht sagen darf“, rückt seine Entgleisung für mich in die Nähe „verbaler Lynchjustiz“.  Mit dieser Feststellung soll Dürrs Betrug nicht verharmlost werden, aber er hat trotz seines schwerwiegenden und unentschuldbaren Vergehens nicht sein Recht verloren, als Mensch erkannt und bezeichnet zu werden. Doping ist Betrug, daher moralisch verwerflich und disziplinar- und mitunter auch strafrechtlich zu ahnden, aber es entbindet uns nicht der eigenen moralischen Verpflichtung, in unseren Reaktionen Mensch zu bleiben und einen „gefallenen Sportler“ nicht als „Hund“ zu bezeichnen, „den man am liebsten…“.

   Ein höchst talentiertes österreichisches Tennis-Enfant-terrible wurde 2011 wegen Verdachts der Spielmanipulation lebenslang gesperrt. Der junge Mann hat in der Folge nach eigener Aussage vieles, fast alles verloren. Manche haben ihm daraufhin gewünscht, er solle „verrecken“. Es gab auch die, die ihn tatsächlich angespuckt haben. An solchen öffentlich gebrandmarkten Personen entlädt sich gern die Bereitschaft vieler, gnadenlos hinzuhauen, bis der- oder diejenige erledigt ist. Es besteht die große Gefahr, dass sich eine solche Bereitschaft jetzt auch an Johannes Dürr entlädt, dessen Leben aber trotzdem weitergehen soll.

   Wenn man bisherige vergleichbare Vorfälle, nicht nur aus der Welt des Sports, und jetzt diesen bedenkt, muss man mit Entsetzen feststellen, dass es offensichtlich so etwas wie eine Genugtuung Unzähliger gibt, eine bekannte, erfolgreiche, bejubelte Persönlichkeit, die sich durch ein Vergehen gleichsam selber vom Sockel stürzt, auf diese dann am Boden liegend mit aller Verachtung verbal hinzuspucken und hinzutreten. Wie schnell sich Popularität in unmenschliche Verachtung verwandeln kann! Ich bezweifle, dass moralische Sensibilität der Grund dafür ist, sondern ein ganz anderer unbewusster innerer Mechanismus in Bewegung gesetzt wird, der ungefähr so funktioniert: Wenn eine Person erfolgreich „ganz oben“ steht, dann jubeln alle mit, um sich auch selber ein bisschen „ganz oben“ fühlen zu können, um auch selber durch Identifikation  an deren Erfolg mitzunaschen. Wenn die selbe Person dann durch ein persönliches Vergehen zu Fall kommt, delektieren sich viele von denen geradezu an deren Vernichtung und Zerstörung, nicht aus verantwortungsvoller moralischer Entrüstung, sondern um beim Hintreten und Hinspucken das Gefühl zu haben, selber „nicht so einer zu sein wie dieser“. Erfolgreiche Menschen haben viele Freunde, erfolglose oder gar „gefallene“ nur wenige. Gefeierte Persönlichkeiten, die im verherrlichenden Scheinwerferlicht der medialen und öffentlichen Aufmerksamkeit gestanden und dann abgestürzt sind, wissen davon aus eigener leidvoller Erfahrung. Die heimgekehrten olympischen „Helden“ wurden enthusiastisch gefeiert. Einer von ihnen hat jedoch inmitten des Jubels kritisch angemerkt, dass es in der Stunde des Erfolges viele „Schulterklopfer“ und „Freunde“ gibt, die in der Stunde des Misserfolgs oder Zeiten der Erfolglosigkeit bis auf ganz wenige verschwunden sind.

   Johannes Dürr hat einen schweren Weg vor sich. Er wird viel Zeit haben, darüber nachzudenken, was er da getan hat. Er wird sich Zeit seines Lebens wünschen, das nicht getan zu haben. Es wird nicht leicht werden für ihn, sein Leben neu aufzusetzen. Ich wünsche ihm trotzdem sehr, dass ihm das gelingt. Hoffentlich findet er Menschen, die ihn dabei unterstützen und ihm helfen, aus dem Scherbenhaufen, vor dem er jetzt steht und den er auch selber angerichtet hat, ein neues Leben mit neuen Perspektiven aufzubauen. Allen, die ihm zugejubelt hätten, wenn er am letzten Tag der Olympischen Spiele 2014 am Stockerl der Sieger gestanden wäre, wünsche ich, dass sie zwar seine Verantwortung für sein Verschulden erkennen, aber ihn jetzt nicht als Spucknapf benützen.  Dem ÖSV-Langlaufbetreuer wünsche ich, dass er über seine verbale Entgleisung nachdenkt und auch in einem gefallenen Sportler noch jene Menschenwürde erkennt, die diesem niemand nehmen darf. Dem ÖSV-Präsidenten wünsche ich, sich nicht zu einer ungerechten Kollektivstrafe hinreißen zu lassen und den Langläufern insgesamt durch den Ausschluss aus dem ÖSV die sportliche Zukunft zu nehmen. So soll jeder aus diesem wirklich betrüblichen Fall und Absturz eines talentierten jungen Menschen notwendige, kritische, aber auch positive Konsequenzen ziehen.

 

© Josef Gredler