Josef Gredler

33  Sport, Politik, Macht, Geld und moralische Verantwortung (02.02.2014)

 

   Sport hat nichts mit Politik zu tun, sagt und hört man immer wieder. Schön wär’s, aber diese Behauptung hat ihre Wahrheit längst verloren wie das Kleid der Unschuld. Sport und Politik sind mit vielen unheilvollen Banden miteinander verknüpft. Der Sport wird von der Politik belastet, die Politik bedient sich seiner zum Nachteil des Sports, zumindest die Großen und Mächtigen instrumentalisieren den Sport, vor allem sportliche Großereignisse, um sich auf der Weltbühne im internationalen Scheinwerferlicht vorteilhaft und Gewinn bringend zu präsentieren. Die Ideale des Sports können den Leistungssport schon längst nicht mehr prägen, seine Völker verbindende Eigenschaft ist nicht mehr. Der Leistungssport wird machtpolitisch missbraucht. Es geht nur vordergründig um den Sport und seine Ideale, im Hintergrund führen Politik, Macht und Geld Regie. Um ja nicht missverstanden zu werden, ich gehöre nicht zu jenen, die leicht schimpfen haben über Olympische Spiele und Weltmeisterschaften, weil sie der Sport sowieso nicht interessiert. Im Gegenteil, ich verfolge mit großem Interesse im Fernsehen sportliche Ereignisse. Der Sportteil in den Zeitungen gehört nicht zu jenen Seiten, die von mir desinteressiert überblättert werden.

   Sportliche Großereignisse wie Olympische Spiele und Weltmeisterschaften werden zunehmend zum Spielball der politischen Mächte. Dass ihre Vergabe noch von sportlichen Idealen bzw. von sportlich relevanten Kriterien bestimmt wird, ist Illusion. Welche sportlichen Gründe haben das Olympische Komitee bzw. seine einzelnen stimmberechtigten Personen veranlasst, die Olympischen Sommerspiele 2008 nach China zu vergeben? War China – ein Paradies für Menschenrechte – wirklich der bestmögliche Schauplatz für ein solches Großereignis des Sports und der mit ihm zumindest auf dem Papier verbundenen Ideale? Oder waren da im Hintergrund ganz andere, keinesfalls sportliche Beweggründe ausschlaggebend, dass es zu dieser Vergabe gekommen ist? Wenn die Olympischen Winterspiele in wenigen Tagen in Sotschi beginnen, dann haben viele Menschen keine Ahnung, um welch exorbitanten ökologischen Preis diese Spiele dort stattfinden können. Viele, sehr viele wird das aber auch gar nicht berühren. Gleichgültigkeit macht mitverantwortlich. Die Spiele mögen eindrucksvoll und glanzvoll über die Bühne und in die Geschichte eingehen, auch wenn die Natur und damit auch die Menschen dort großen Schaden genommen haben. 2014 wird Brasilien zum Schauplatz der Fußballweltmeisterschaft. Selbst fußballbegeisterte Menschen dort gehen auf die Straßen, um gegen die Wahnsinnsausgaben zu protestieren, die sich ein Land leistet, das andere und größere Sorgen und Bedürfnisse hat, als ein solches Spektakel auszurichten. Da müssen dann Tränengas her, um die demonstrierenden Massen auseinanderzutreiben. Welche olympischen Ideale die einzelnen Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees veranlasst haben, die Fußballweltmeisterschaft 2022 nach Katar zu geben, wird ein Geheimnis bleiben. Dass dort "Gastarbeiter" unter unmenschlichen Bedingungen die dafür erforderlichen gigantischen Sportstätten errichten, fast wie Sklaven gehalten werden und viele von ihnen dabei zu Tode kommen, wird letztendlich diese Fußballweltmeisterschaft dort nicht verhindern. Haben die Zigtausenden in den Stadien und die vielen hundert Millionen vor den Fernsehschirmen vergessen, um welch menschenverachtenden Preis diese Stadien errichtet worden sind? Es lebe der Sport! Eine Blasphemie, wenn man um diese unmenschlichen Hintergründe weiß. Die Machtpolitik lebt. Wenn wir von Olympischen Spielen oder Fußballweltmeisterschaften reden, dann ist der Sport ein Instrument von Geld, Politik und Macht geworden. Völlig unverständlich bleibt in diesem Zusammenhang, wenn einer der ganz großen österreichischen Schirennläufer der Vergangenheit nicht aufhört zu betonen, welch großartige und wunderbare Spiele die Welt in Sotschi erleben wird, wir sollten uns darauf freuen anstatt zu kritisieren. Wie ist es möglich, alle Hintergründe von „Sotschi“ so völlig auszublenden, dass da nicht einmal mehr ein Fragezeichen hinter diesen Spielen bleibt, die bestimmt perfekt organisiert, unüberbietbar spektakulär, einfach gigantisch... sein werden. Man muss die Frage nach der moralischen Verantwortung für solche sportlichen bzw. politischen Fehlentscheidungen stellen, dass so etwas wie Peking 2008, Sotschi 2014, Brasilien 2014, Katar 2022 möglich ist. Und man muss zeitlich noch weiter ausholen und im Blick zurück auch fragen, wie es möglich war, die Olympischen Winter- und Sommerspiele 1936 an Garmisch-Partenkirchen bzw. an Berlin, also im Doppelpack an das nationalsozialistische Regime in Deutschland zu vergeben, das diese Spiele exzessiv für seine NS-Propaganda missbraucht hat.

   Man kommt nicht umhin, nach der moralischen Verantwortung für den machtpolitischen Missbrauch solcher sportlichen Großereignisse zu fragen. Die einfachste Lösung wäre natürlich, die Sportler/innen fahren nicht hin. Es wäre eine Sternstunde der Menschheit, wenn die Sportler/innen diesen mutigen Schritt setzen würden. Aber von den Teilnehmer/innen, die sich jahrelang auf diese Ereignisse vorbereiten und für die ihr Sport längst schon zum Beruf geworden ist, den Boykott zu erwarten oder verlangen, wäre unrealistisch und zu einfach, zumal sie sich den Veranstaltungsort  weder aussuchen noch sich an dessen Auswahl beteiligen haben können. Da würde man die Verantwortung zu billig auf jene abschieben, die zwar im Mittelpunkt der Wettkämpfe, aber nicht im Zentrum der Verantwortung stehen. Wenn es einzelne Sportler/innen dennoch tun würden, müsste man allergrößten Respekt vor einer solchen Entscheidung haben, die auch das Ende ihrer sportlichen Karriere sein könnte. Aber eine persönlich kritische innere Haltung muss man mit Recht jedem und jeder von ihnen zumuten. Schwieriger wird die Frage schon bei den Millionen Zuseherinnen und Zusehern weltweit. Kann man sich einfach vor den Fernseher setzen und um Sekunden, Meter, Kilo, Punkte und Tore mitfiebern, wenn der Ort, wo das passiert, einfach nicht die moralische Legitimation für die Austragung sportlicher Wettkämpfe hat? Ohne die vielen hundert Millionen vor den Fernsehern wären solche weltumspannenden Sportevents in dieser Form ja gar nicht möglich. Die Frage, ob man in einem solchen Fall vor dem Fernseher sitzt, vielleicht noch genüsslich mit Chips und Getränk, ist tatsächlich eine ernsthafte moralische Frage. Aber diejenigen, die stimmberechtigt die Hand für diesen oder jenen Austragungsort erheben, muss man schon in der direkten und primären Verantwortung sehen bzw. jene, die diese stimmberechtigten Vertreter/innen entsandt haben.  Dazu kommen noch jene, die mit korrumpierend diese Entscheidungen manipulieren.

    Man muss wirklich die Frage stellen, ob es bei diesen Entscheidungen noch „mit rechten Dingen“ zugeht. Viele Fragen kommen und bekommen keine Antwort. Werden die olympischen Eide nicht zu Meineiden und die Aufrufe in den Stadien gegen Rassismus nicht zur Farce? Sind die Sportler/innen, auch jene, die persönlich fair und redlich ihren Erfolg suchen, letztlich nicht bloße Marionetten? Wird der Sport von Politik, Geld und Macht nicht einfach erdrückt? Wer sagt, Sport habe mit Politik nichts zu tun, der ist entweder hoffnungslos naiv oder ein Lügner.

 

© Josef Gredler