Josef Gredler

32  Spitzenkandidat einer „Arbeiterpartei“ und die Frage... (25.01.14)

wie viel ein Arbeiter in Österreich durchschnittlich verdient

 

   Als Verfasser der folgenden Zeilen bin ich in meiner Geisteshaltung christlichsozial geprägt und versuche, der Gedankenlogik einer Partei nachzuspüren, die den Anspruch erhebt, "die Arbeiterpartei" zu sein.

   Ein weithin anerkannter und bei den Zuschauern beliebter Fernsehmoderator soll nach seiner Pensionierung Spitzenkandidat der Sozialdemokratische Partei Osterreichs in Brüssel werden. Ein Quereinsteiger sozusagen, in den seitens seiner Partei große Erwartungen gesetzt werden. Ein gut nachvollziehbares Ansinnen der Partei und auch der betreffenden Person. Auch so genannte künftige politischer Gegner und die Medien finden - vorerst - keine Angriffsfläche, bis dieser pensionierte Fernsehmoderator und angehende EU-Mandatar über eine ganz banale Frage stolpert:

   Wie hoch er das durchschnittliche monatliche Einkommen eines österreichischen Arbeiters schätzt, will man in einem Interview von ihm wissen. Von dieser Frage einigermaßen überrascht, meint der angehende SPÖ-Vertreter in Brüssel, dass ein Arbeiter in Österreich im Schnitt monatlich an die  dreitausend Euro verdiene, brutto natürlich. Österreichs Arbeiterinnen und Arbeiter würden einen Freudensprung machen, wenn dem so wäre. Tatsächlich beträgt ihr monatliches Einkommen durchschnittlich jedoch nicht mehr als zweitausend Euro brutto, also ein ganzes Drittel weniger. Obwohl in Sachen Interview - bisher immer als Fragensteller - absolut firm und ganz Profi, hat ihn, der eine linke Partei und damit viele links wählende Arbeitnehmer/innen vertreten soll, diese Frage auf dem linken Fuß erwischt. Ein Fressen für die Medien, Empörung bei den Gewerkschaften, saures Aufstoßen bei vielen Parteigenossen und der Versuch seiner Parteispitze, diese peinliche Fehleinschätzung zu relativieren.

   Was ist nüchtern betrachtet nun tatsächlich passiert? Der sozialdemokratische EU-Aspirant hat mit seiner gravierenden Fehleinschätzung gegen kein Gesetz dieses Staates und auch gegen keines seiner Partei verstoßen. Er hat also nichts gesetzlich Verbotenes getan. Er hat mit seiner Antwort nicht einmal unmoralisch gehandelt, denn er hat es ja nicht besser gewusst. Ab er hat mit seiner peinlichblamablen Fehleinschätzung öffentlich unter Beweis gestellt, wie weit er von der Welt der Arbeitnehmer/innen entfernt ist, wie abgehoben er von dieser ist, wie ahnungslos er über die Einkommenssituation der Arbeiter/innen in Österreich ist. Nicht ein Rechenfehler, sondern Ahnungslosigkeit und Abgehobenheit disqualifizieren ihn, eine Partei als Mandatar zu vertreten, die noch immer den Anspruch erhebt, eine Arbeitnehmerpartei zu sein.

   Aber nicht die Ahnungslosigkeit bezüglich der Einkommenssituation der österreichischen Arbeitnehmer/innen ist das eigentliche Problem. Diese teilen viele andere Österreicher/innen mit ihm. Moralisch  bedenklich und politisch nicht nachvollziehbar wäre es, diesen  Mann dennoch nach Brüssel zu entsenden, wo er eine Partei vertritt, die noch immer als  Arbeiterpartei verstanden werden will.

 

© Josef Gredler