Josef Gredler

29  „Das haben sich die Österreicherinnen und Österreicher nicht verdient“ (10.09.2013)

 

   Weil in wenigen Wochen die wahlberechtigten Österreicher/innen entscheiden dürfen/müssen, wer unser Land für weitere fünf Jahre regieren soll, bemühen sich die Vertreter/innen der politischen Parteien, die auf dem Stimmzettel zur Wahl angekreuzt werden können, mit allen erlaubten und nicht selten auch unerlaubten Mitteln, dass ihre Partei und damit sie selber das Kreuzerl bekommen. Die Bezeichnung „Wahlkampf“ ist für dieses Werben absolut zureffend, denn es hat ausgeprägt kampfbetonte Züge. In ihren Wahl werbenden Auftritten, Diskussionen und Konfrontationen versprechen die einzelnen Parteien, dass vieles oder alles besser wird, wenn man ihnen die Stimme gibt. Dass manche von ihnen dazu schon viele Jahre ausreichend Gelegenheit gehabt hätten, verwundert nur aufmerksame und kritische Zuseher. Aber justament vor den Wahlen wissen die Parteigranden ganz genau, wie es geht, damit es aufwärts geht. Und jene, die noch nicht die Möglichkeit hatten, mitzuregieren, wollen das endlich auch dürfen. Sie zeigen den „Österreicherinnen und Österreichern“ gerne ihren Zauberschlüssel, mit dem sie ihnen die Tür in eine positive Zukunft aufsperren würden, falls man ihnen mit der ausreichenden Anzahl von Stimmen dazu den Auftrag erteilt. Was da wochenlang alles versprochen wird, kann in vielen Jahrzehnten niemals erfüllt werden. Wundersam ist nur, dass das alle vier Jahre wieder doch irgendwie funktioniert, weil viele Wähler/innen offensichtlich vergessen haben, was wer vor letzten Wahl versprochen, aber nicht gehalten hat. Aber ganz so ist es Gott sei Dank auch wieder nicht – immer. Nicht alle bedienen sich hemmungslos solcher Versprechen, es gibt auch sachliche, ehrliche Ankündigungen, bei denen man spürt, dass die Vertreter/innen der politischen Parteien verantworten wollen, was sie sagen.

   Höhepunkte in diesem Wahlkampf sind die Konfrontationen der Spitzenkandidaten im Fernsehen, die als Diskussion angekündigt zu richtigen Duellen werden, in den es nur um siegen müssen und nicht verlieren dürfen geht. Worte werden da scharf wie ein Schwert, das in einem kämpferischen Gezänke vor einer Million Zuseher/innen den Gegner besiegen soll. Medienwirksam inszeniert, indem Zuseher ins Studio, in die Arena geholt werden, die dann klatschen, wenn ihr Kandidat einen verbalen Treffer gelandet hat. Die Zuschauer vor den Bildschirmen zu Hause sollen dadurch animiert und in Stimmung gebracht werden, ähnlich wie bei den Comedies im Vorabendprogramm, in denen Publikum im Hintergrund bei Pointen lacht, damit die Zuschauer vor den Bildschirmen wissen, dass das jetzt lustig ist. Die Duellanten dieser TV-Konfrontationen sind bestens vorbereitet, mit vielen anbiedernden Worthülsen aufgeladen. Nur in Ausnahmefällen hat man den Eindruck, dass der Spitzenkandidat noch er selber ist, selber sagt, was er selber meint. Manche erwecken eher den Eindruck, eine einstudierte Rolle vorzuspielen, vorbereitete Sager mit einstudierter Körpersprache einzusetzen. Je weniger ein Kandidat wirklich zu sagen hat, desto mehr bedient er sich solcher eingeübter Sager, die dann refrainartig wiederholt werden. Beispiel gefällig? Der Gegner hat etwas gesagt, das der andere Kandidat in einen Vorteil für sich meint ummünzen zu können, dann klingt das oft so: „Das haben sich die Österreicherinnen und Österreicher nicht verdient.“ Er nimmt die Österreicher, diese Armutschkerln, in Schutz, will sie damit auf seine Seite ziehen, indem er ihnen die Augen öffnet, dass der andere Kandidat jetzt nicht nett zu ihnen war. Selber hätten sie es vielleicht nicht gemerkt oder zu wenig kapiert, deshalb diese kleine Nachhilfe mit den Worten: „Das haben sich die Österreicherinnen und Österreicher nicht verdient.“ Das aber müssen die Österreicherinnen und Österreicher selber wissen bzw. entscheiden. Jedenfalls haben sie nach der nächsten Wahl die Regierung, die sie gewählt und damit auch verdient haben.

 

© Josef Gredler