Josef Gredler

28  Die Anonymität verändert Menschen (04.08.2013)

 

   Ich bin mit meinem Auto unterwegs zu einem großen Einkaufszentrum. Bei der Einfahrt in den Kreisverkehr nehme ich unabsichtlich einem anderen Autolenker den Vorrang. Da wir beide dann dieselbe Ausfahrt nehmen, überholt mich dieser und gibt mir in eindeutigen  Gesten zu verstehen, wer bzw. was ich in seinen Augen bin.  Meine entschuldigende „Tut-mir-leid-Handbewegung“ erreicht ihr Ziel nicht. Zehn Minuten später steigt dieser Lenker aus seinem Auto und grüßt an seinem Arbeitsplatz alle freundlich wie gewohnt. Alle kennen ihn, seinen Namen, ein netter Mensch.

   An der Ampel, die mittlerweile auf Grün umgeschaltet hat, kommt ein Autolenker nicht von der Stelle, sodass sich hinter ihm schon ein kleiner Stau bildet. Ein Hupkonzert beginnt, der Autolenker ist sichtlich nervös, aber er kommt nicht von der Stelle. Da lässt ein Pkw hinter ihm das Fenster hinunter, ein erzürnter Kopf kommt zum Vorschein, der eine Sammlung wüster Beschimpfungen Richtung Auto vor ihm loslässt, die man in dieser Konzentration sonst nicht zu hören bekommt. Wenig später sitzt dieser Herr hinter einem Glasfenster und gibt wie gewohnt höflich Auskunft, wenn er darum gebeten wird.

   Im Fußballstadion sind die Ränge dicht gefüllt, ehr als zehntausend Menschen schauen auf einen Ball bzw. die Spieler, die gerade damit beschäftigt sind. Der Schiedsrichter hat nach Meinung der regelkundigen Zuschauer, in deren Sektor auch ich das Spiel aufgeregt verfolge, schon wiederholt seine Pfeife benützt, obwohl er es nach Meinung aller um mich herum nicht hätte dürfen. Ein Wiederholungstäter sozusagen. Und ausgerechnet jetzt, als ein Spieler der Heimmannschaft vor dem gegnerischen Tor zu Fall kommt, bleibt seine Pfeife stumm. Jetzt reichts.  Ein Schwall von ordinärsten Schimpfworten prasselt wie ein verbaler Wolkenbruch auf den Schiedsrichter nieder, die hier gar nicht wiedergegeben werden können. Dabei sind das doch alles nette, ganz normale Leute, die da jetzt so loslegen, zumindest die um mich herum machen mir diesen Eindruck. Einige sind sogar mit ihren Kindern gekommen.

   An einem Abend in den ersten Dezembertagen Krampuslaufen irgendwo in einem Dorf. Einige dieser Krampusse machen tatsächlich den Eindruck, als seien sie der Hölle entstiegen. Viele Zuschauer sind da, vor allem junge Leute, Halbwüchsige, fast noch Kinder, denen das ganze Treiben offensichtlich einen besonderen Kick verleiht, einen Mix aus Spaß und Aufregung. Da beginnt ein Krampus, wild mit der Kette um sich zu schlagen und geht schließlich auf einen Zwölfjährigen los, sodass dieser getroffen, schreiend und im Gesicht blutend zu Boden sinkt und von der Rettung ins nächste Krankenhaus gebracht werden muss. Der Krampus, der sich dann vor Gericht dafür verantworten muss, ist ein unbescholtener junger Mann, dem man das nicht zugetraut hätte.

   Was ist diesen vier Fällen gemeinsam? Man hätte den Akteuren ein solches Verhalten gar nicht zugetraut, alle sind unauffällige Personen, die man in ihrem Bekanntenkreis so nicht kennt, jedenfalls kann niemand Schlechtes über sie sagen. Wenn wir ihnen von Angesicht zu Angesicht begegnen, würden sie uns freundlich grüßen. Aber eben sind sie eingetaucht in die Anonymität der vielen Verkehrsteilnehmer, der zahlreichen Zuschauer. Der Krampus hat sich zudem hinter seiner Maske verstecken können. Was sie getan haben, haben sie nicht unter ihrem Namen getan, haben nicht ihr bekanntes Gesicht dafür hergegeben. Man hat sie zwar gesehen, aber sie sind trotzdem unerkannt geblieben, eingetaucht in die Menge der Vielen. Im Dunkel der Anonymität haben sie ein Verhalten gezeigt, zu dem sie bei „Tageslicht“ nicht fähig oder bereit wären. Keiner von ihnen hätte uns im Treppenhaus oder auf der Straße von Angesicht zu Angesicht beschimpft. In der schützenden Dunkelheit der Anonymität hat ihr Gesicht jedoch Züge angenommen, die sie im Tageslicht des Erkannt Seins nicht zeigen. Unerkannt bleibend, nicht mit Gesicht und Namen bekannt, ist ihre Hemmschwelle so weit gesunken, dass sie ein Verhalten zulässt, das ihnen Freunde, Nachbarn und Bekannte nicht zutrauen würden.  Welches Gesicht ist nun ihr Wahres, das, unter dem man sie kennt, oder das, unter dem sie den Schutz der Anonymität genießen?

 

© Josef Gredler