27  Unfassbare Gleichgültigkeit (02.06.2013)

 

   Ein Motorradfahrer verunglückt schwer, liegt blutüberströmt auf der Straße. Das Auto hinter ihm, dessen Lenker/in den Schwerverletzten und das bis zur Unkenntlichkeit beschädigte Motorrad gesehen haben muss, bleibt nicht stehen, sondern fährt einfach weiter. Der oder die Nächste bleibt auch nicht stehen, ebenso die Nachkommenden. Erst der fünfzehnte Autolenker, der die Unfallstelle passiert, hält an und kümmert sich um den Verunglückten, der aber noch an der Unfallsstelle verstirbt. Ob das verhindert werden hätte können, wenn das erste Auto angehalten hätte, lässt sich nicht sagen. Aber was passiert da eigentlich, was geht in den Menschen vor, für die der auf der Straße liegende Verunglückte kein zwingender Grund mehr ist, anzuhalten, auszusteigen und sich um ihn zu kümmern? Eigentlich gar nicht vorstellbar, einfach nicht nachvollziehbar, man möchte es am liebsten nicht glauben, aber das hilft alles nichts, es ist so. Diesbezügliche Untersuchungen haben ergeben, dass siebzig bis achtzig Prozent der Verkehrsteilnehmer nicht anhalten, sondern einfach vorbeifahren. Wer sind denn diese Menschen, die den Verunglückten einfach sich selber überlassen, keine Hilfe leisten? Es sind drei Viertel aller Verkehrsteilnehmer bzw. mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Jeder zweite, dem wir begegnen, würde uns liegen lassen und einfach weiter fahren. Unfassbar! Was spielt sich innerlich in mehr als der Hälfte der Menschen, denen wir begegnen, eigentlich ab?

   Dass die Angst, mit der Ersten Hilfeleistung überfordert zu sein, Menschen einfach weiterfahren lässt, kann nur ganz marginal als mildernder Umstand herhalten. Das unglaubliche Faktum einer unfassbaren Gleichgültigkeit bleibt bestehen. Dabei können die diese siebzig bis achtzig Prozent, die einfach vorbeifahren, zu Hause oder am Arbeitsplatz, zu ihren Freunden und Bekannten nette, liebe Menschen sein. Das sind nicht Monster, denen man das Unfassbare schon äußerlich anmerkt. Wenn wir an die Menschen  denken, mit denen wir zu tun haben, da sind doch viele nette Leute dabei, aber jede/r zweite von ihnen würde nicht anhalten. Die Wahrscheinlichkeit, dass er oder sie im Falle eines Unfalles mich einfach liegen lassen würde, ist größer als die, dass er/sie mir hilft. Wir dürfen uns mit Fassungslosigkeit begnügen. Wir dürfen uns selber da nicht herausnehmen, sondern müssen unbedingt auch uns selber fragen: Würde ich stehen bleiben? Wahrscheinlich würden diese Frage die meisten von uns mit ja beantworten, aber mehr als die Hälfte von uns würde dabei lügen oder sich eben irren. Da muss irgendwo etwas ganz Tückisches versteckt sein, warum dies so ist.

   Vielleicht ist es die Anonymität, in die wir eintauchen, sobald wir ins Auto steigen. Man ärgert sich  über das Verhalten, die Fahrweise eines anderen, der zwar ein Gesicht hat, aber wir sehen es nicht. Dem Unbekannten, dessen Namen man nicht kennt, deutet man leichter den Vogel, gibt ihm wild gestikulierend zu verstehen, dass er das Autofahren besser bleiben lassen soll, erfüllt das eigene Wageninnere mit wüsten Beschimpfungen, man verliert alle Hemmungen, überträgt den Ärger auf die Hupe... Jeder von uns hat das so oder so ähnlich schon einmal erlebt. Oder vielleicht selber getan? Wir versinken in der Anonymität, die anderen versenken wir in die Anonymität. Sie haben kein Gesicht und auch keinen Namen, sind bloß Insassen oder Lenker eines Fahrzeugs mit einer Nummer, selber nur noch eine Nummer. Die freundliche Nachbarin, die würde man natürlich nicht liegen lassen. Herrn Maier, dem wir fast täglich begegnen, würde man selbstverständlich helfen. Auch die junge Dame an der Kasse des Supermarktes, deren Gesicht einem vertraut ist - niemals würde man sie einfach liegen lassen. Aber in den Autos, die da vor uns oder hinter uns fahren, die uns entgegenkommen oder überholen oder die wir überholen,  erkennt man die Menschen nicht mehr. Diese Anonymisierung auf der Straße, im öffentlichen Leben nimmt Menschen ihr Gesicht, ihren Namen, macht sie zu einem Etwas. Wer oder „was“ da auf der Straße liegt, das ist ja kein Mensch wie die Menschen zu Hause, wie die Freunde und Bekannten, Kollegen in der Firma, im Betrieb. Menschen, die kein Gesicht und keinen Namen haben, nimmt man nicht mehr als Menschen wahr. Menschen, die sich in der Anonymität verstecken können, vergessen leichter, dass sie Menschen sind. Und dann liegt so einer auf der Straße, ohne Gesicht und ohne Namen, da verstecken und verlieren siebzig bis achtzig Prozent selber das Gesicht, haben es eilig, wollen keine Scherereien, fühlen sich überfordert – und fahren vorbei.

 

© Josef Gredler