26  Wer Schule verbessern will, darf nicht vergessen auf… (11.03.2012)

 

   Muss die österreichische Schule (noch) besser werden? Wenn ja, wie kann sie das? Oder anders herumgefragt: Ist unsere Schule gut (genug)? Bei der Beantwortung dieser Frage ist Zurückhaltung geboten. Man tut gut daran, nicht gleich mit den Wölfen (Rankings) zu heulen. Nachdem aber an der Schule fortlaufend Verbesserung anstrebende Veränderungen vorgenommen werden, haben diese Frage ja schon andere beantwortet. Die österreichische Schule darf aber keine „Dauerbaustelle“ sein, auf der ständig  „schulische Baumaschinen“ auffahren.  Manche „baulichen“ = organisatorischen Veränderungen werden schon umgesetzt, ehe sie ausreichend zu Ende geplant sind. Nachdem also die Eingangsfrage schon durch die Dauerbaustelle in der schulischen Bildungslandschaft beantwortet ist, kann die nächste Frage nur lauten: Ist die Schule durch all das, was bisher als Verbesserung an ihr versucht worden ist, auch wirklich besser geworden? Oder ganz direkt gefragt: Haben die bisherigen Maßnahmen etwas genützt? Laut PISA-Studien nicht. Persönlich stehe ich der Vorgangsweise und den Ergebnissen der PISA-Studien skeptisch gegenüber. Aber Öffentlichkeit, Medien und die politisch Verantwortlichen  legen auf die Ergebnisse dieser Studien allergrößten Wert. Irgendetwas stimmt da nicht: Wir verbessern dauernd, aber PISA stellt diese Verbesserung nicht fest. Oder wenn man die Schule mit einem komplizierten Mechanismus mit vielen Rädchen vergleicht: Da wird an diesen Rädchen andauernd gedreht, ohne dass sich dadurch – für PISA feststellbar – etwas verbessert. Entweder drehen wir an den falschen Rädchen oder PISA irrt sich.  Für eine gute oder (noch) bessere Schule darf man folgende „Drehknöpfe“ trotz ihrer Selbstverständlichkeit nie übersehen:

   Der erste Drehknopf wäre: „Es muss in der Schule immer um die Schüler/innen gehen.“ Wenn man die Schule mit einer Bühne vergleicht, dann müssen im Visier aller Regieanweisungen immer die Schüler/innen stehen. Sie müssen die Hauptpersonen auf dieser Bühne sein. Alles, was Regisseure und Regieassistenten auf dieser Bühne veranlassen, muss den Schüler/innen zugutekommen. Diese Bühne darf nie der Selbstdarstellung dienen, für wen auch immer. Wenn man für diese Bühne das grelle Scheinwerferlicht medialer Aufmerksamkeit sucht, bleibt zu prüfen, ob dieses auch immer den Schüler/innen zugute- kommt. Der Lernerfolg bzw. Bildungsfortschritt der Schüler/innen ist und bleibt die wichtigste Aufgabe der Schule. Damit Lehrer/innen sich ganz dieser Aufgabe widmen können, müsste man sie aber davon befreien, dass sie den Lern- bzw. Bildungsfortschritt ihrer Schüler/innen selber benoten, mit Zeugnissen bescheinigen müssen. Eine Fahrschule ist bestrebt, ihre Fahrschüler/innen bestmöglich auf die Fahrprüfung zur Verkehrstüchtigkeit vorzubereiten, aber sie stellt keine Lenkerberechtigungen aus bzw. vergibt keine Führerscheine. Die Entflechtung von Unterricht und Beurteilung/Benotung (= Vergabe von Zugangsberechtigungen für die weitere schulische und berufliche Laufbahn) würde Lehrer/innen von dieser widersprüchlichen Verantwortung befreien, und in ihrer eigentlichen Aufgabe stärken. Die Verquickung dieser zwei letztlich einander widersprechenden Rollen hindert die Schule daran, sich ganz auf die Seite der Schüler/innen stellen zu können und den Fokus ausschließlich auf deren bestmöglichen Lernergebnisse richten zu können. Regelmäßige Lernzielkontrollen wären nach wie vor hilfreich und notwendig, würden aber ausschließlich der internen Rückmeldung dienen.

   Der zweite Drehknopf wäre: „Lehrer/innen müssen für die Schüler/innen da sein können.“ Wir brauchen  Studierende an unseren Pädagogischen Hochschulen, die bereit sind, sich so zu verstehen, und die durch qualifizierte  Professoren/innen dort zu guten Lehrer/innen mit diesem Selbstverständnis ausgebildet werden. Zur Ehre unserer Lehrer/innen sei gesagt, dass der Großteil von ihnen wirklich für die Schüler/innen da ist bzw. sein möchte, aber durch die Doppelfunktion Lehrer/in  und Beurteiler/in (= Aussteller/in von Zugangsberechtigungen sein zu müssen) dabei behindert wird. Die mediale Öffentlichkeit  erschwert das Drehen an diesem zweiten Knopf zusätzlich. Wenn man Lehrer/innen in der Öffentlichkeit derart das Ansehen nimmt, wie das seit Jahren in manchen Zeitungen fast systematisch geschieht, darf man sich nicht wundern, wenn man schlussendlich viele geeignete Lehrer/innen-Persönlichkeiten abschreckt. Wenn man in den Medien  Lehrer/innen so gerne und so undifferenziert und so entwürdigend heruntermacht, darf sich niemand wundern, dass viele höchstqualifizierte künftige Lehrer/innen woanders ihre Zukunft planen als in der Schule.

   Der dritte Drehknopf wäre: „Die Schule muss ihr Kerngeschäft machen dürfen“. Die Hauptaufgabe der Schule ist und bleibt, dass Schüler/innen etwas lernen. Die Hauptaufgabe der Lehrer/innen ist und bleibt, dieses Lernen zu planen und die für die Schüler/innen bestmöglichen Lernbedingungen zu schaffen. Lernen ist nicht von vornherein etwas Spektakuläres, Eventhaftes, das man mit der Kamera festhalten und präsentieren kann. Die Schule hat nicht die Aufgabe, Unterricht spektakulär, eventhaft zu inszenieren, um  damit die Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit auf sich zu lenken. Die Schule hat die Aufgabe, Lernen zum Nutzen der Schüler/innen möglichst effizient zu gestalten. Selbstverständlich können gut durchdachte und geplante Projekte wichtige Lernschritte, notwendige Lernprozesse erfolgreich unterstützen. Es darf und soll an der Schule durchaus auch einmal einen richtigen Spektakel geben, ein richtiger Event abgehen, aber man darf Spektakel und Event nicht zum Gradmesser für gute Schule und erfolgreiches Lernen machen. Das „Kerngeschäft“ der Schule ist und bleibt das bestmögliches Lehren und Lernen (= „guter Unterricht“). Ihrem Erziehungsauftrag entsprechend soll sie die Eltern bei deren „Kerngeschäft“, der Erziehung, unterstützen, darf aber für die Erziehung der Kinder nicht in der primären Verantwortung gesehen werden. Damit Lehrer/innen ihre Energie und ihr Geschick auf ihre eigentliche und primäre Aufgabe konzentrieren können, darf man sie nicht mit der Erwartung belasten, aktionistisch sein zu müssen. Lehren und Lernen kann auch dann motivierend, phantasievoll, lebendig, gut und erfolgreich sein, wenn es unspektakulär und für die Kamera weniger interessant ist. Lehrer/innen werden durch  zu viele Erwartungen und Forderungen, die sich nicht auf die primären Aufgaben der Schule beziehen, an ihrem „Kerngeschäft“ gehindert. 

   Diese drei Drehknöpfe sind ja wirklich nichts Neues, sie sind solche Binsenweisheiten, dass man nichts mehr davon hören möchte und darüber gar nicht mehr sollte reden müssen. In Diskussionen und Hearings kann man damit nicht mehr punkten. Publikationen dazu wagt niemand mehr. Wegen ihrer scheinbaren Selbstverständlichkeiten werden diese Drehknöpfe in der „Schulentwicklungspolitik“ zu sehr übersehen und vernachlässigt. Gelingende Schule ist – auch bei bester Organisation – nicht möglich ohne gelingende Beziehungen zwischen denen, die in der Schule miteinander zu tun haben. Wenn etwas allzu selbstverständlich ist, besteht die Gefahr, dass man es übersieht. Wenn man diese Drehknöpfe nicht wieder als selbstverständliche zentrale Steuerungsknöpfe in die Hand nimmt, wird man bei allen Reformen in der Schule nicht wirklich vorankommen, weil man die Grundvoraussetzungen nicht erkennt, auf denen erst organisatorische Veränderungen, reformierende Maßnahmen Erfolg versprechend möglich sind. Das ist kein Plädoyer für Stillstand, sondern ein Ja zur Schulentwicklung – mit dem Appell, dass Entscheidungsträger und Experten bei allen Reformmaßnahmen und Entwicklungsschritten diesen drei Binsenweisheiten genug Aufmerksamkeit zu schenken.

 

© Josef Gredler